Mein Empfinden für Preisgefüge hat sich in Osteuropa verändert. Ich sehe ein, dass ich für dieselbe Dienstleistung mit denselben Materialien und in derselben Qualität in Deutschland doppelt oder auch dreifach zahlen muss, weil sie in Deutschland erbracht wird und nicht in einem Schwellen- und Niedriglohnland. Aber ein Heil-und Kostenplan, der auf das Fünffache dessen aufgeblasen ist, was G in Lutenblag berechnet, ist dreist und absurd. Ich ging mehr aus Protest in Lutenblag zum Zahnarzt, nicht aus Armut. Und dann mochte G meinen Zahn gar nicht überkronen, ich musste insistieren. Er hätte lieber bloß den ausgebrochenen Teil der Füllung ordentlich geflickt, für ein Zehntel des Betrages, den die Krone kostete, statt Zahnsubstanz wegzuschleifen.
Die Zahnärzte, die ich in München aufgesucht hatte, sind auf Angstpatienten spezialisiert. Beruhigt es einen Phobiker, das auf dem Praxisschild zu lesen, oder belastet ihn das zusätzliche Etikett, das zweite Stigma? Nicht nur sind die Zähne vergammelt, man hat obendrein ein psychisches Problem, das eines Spezialisten bedarf? Und wieso braucht es dafür Spezialisten? Ich fragte G, was er mit Patienten macht, die schlimme Angst vorm Zahnarzt haben. G sagte, er setzt sich zu ihnen ins Wartezimmer, trinkt Kaffee mit ihnen, schaut mal kurz in den Mund, sie reden über Politik, Fussball, und ein bisschen über Zähne. Dann schickt er sie nach Hause. Sie kommen wieder, sie trinken Kaffee, sie lernen sich kennen. Mit einem Patienten habe er ein Dreivierteljahr lang nur geredet, bevor er sich auf den Behandlungsstuhl setzte. Wenn ängstliche Kinder das erste Mal kommen, malt er im Wartezimmer Bilder mit ihnen, und schickt sie danach nach Hause. Beim zweiten Mal nimmt er sie mit in den Behandlungsraum, setzt sie auf den Stuhl und lässt sie hoch und runter fahren. Beim dritten Mal zeigt er ihnen seine Instrumente und poliert ihnen damit die Fingernägel. Danach gebe es meistens keine Probleme mehr.
Das geht in Molwanien, weil Zeit keinen Geldwert hat. Niemand käme auf die Idee, Gesprächszeit abzurechnen. Zeit, die mit jemandem beim Kaffee oder Wein oder Schnaps im Gespräch verbracht wird, ist ein Zeichen von Respekt und Freundschaft und gegenseitiges Geschenk.