Verlorengegangene Personen

Samstag, 28. Januar 2012

Drei Jahre

... sind es heute. Ich denk an dich, mein Opapst. Das waren Zeiten.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Es ist, wie es war

Das Telefon auf meinem Schreibtisch, das niemand je anwählt, die Nation ist mobil, außer intern ganz selten jemand, der nicht ranghoch genug für ein Diensthandy ist, und die Assistentin des Boss gelegentlich, klingelte heute zu einer Uhrzeit, zu der die Assistentin üblicherweise nicht mehr arbeitet.
"Nachtschwester?" - erkältete Männerstimme. "Ja?" "Hier ist H. V. aus Zagreb." Ich starrte auf das Telefon, in Gedanken noch ganz beim Projekt, extern kennt kein Mensch diese Nummer, ich weiß sie selbst nicht auswendig, steht bloß so auf meiner Visitenkarte, ein Medizinprodukt-Osteuropa-Fritze wahrscheinlich? Ein Medica-Kontakt? Welche Firma jetzt wieder? Der Name kommt mir bekannt... DER NAME!??!! "H... V.???" "Ja." Das gibt´s nicht. Ich starrte auf die Uhr, auf mein Handy, meinen Bildschirm, woher, wieso jetzt, wieso diese Nummer, hier?! "Ich hab dich gegoogelt und bin auf eurer Webseite", sagte H. "Du siehst aus wie immer."

H hatte mich vor 20 Jahren an der Wursttheke des Ladens am Fuße des Hügels angesprochen, auf dem ich gerade mit einer Kommilitonin eine Wohnung bezogen hatte, nur so aus Neugierde, weil er mich noch nie in der Straße gesehen hatte. Er hatte einen Sprachfehler und konnte seine Rs nicht rollen. Ich hatte mir das in zwei Semestern Sprachunterricht gerade mühevoll angeeignet und hielt ihn daher zunächst für einen unbegabten Deutschen. Erst später fielen mir seine weiteren motorischen Behinderungen auf, ein Formenkreis offenbar, aber ich habe nie nachgefragt. Bei näherem Kennenlernen schien die ganze Familie irgendwie überzüchtet. Nachdem geklärt war, dass wir nebeneinander wohnten, bot er an, mich im Auto mitzunehmen, der Hügel war steil. Ich war aber damals zeitlich noch nicht weit genug von meinem Elternhaus entfernt, um zu Fremden ins Auto zu steigen, auch nicht am sonnenhellen Tag für ein paar hundert Meter bergauf, und so unterhielten wir uns durchs Fenster, während er meine Tüten im Auto neben mir herfuhr. Seine Schwester L. schreibe gerade an ihrer Diplomarbeit in Germanistik, über Gottfried Benn, ob sie mich für Korrekturen anprechen könne? Konnte und tat sie, ich liebte Benn, und H. und L. und ihr Sohn und ihre Mutter und die andere, die geheime Schwester wurden mir bald Ersatzfamilie. So viel Intellekt und Witz und Wärme auf engem Raum, viele Flaschen Rotwein sommernachts auf dem großen Balkon am Hang.

H war Ingenieur und spezialisiert auf Satellitenübertragungstechnik zu einer Zeit, als sein Land keine übertragenden Satelliten hatte. Solange schrieb er für ein Taschengeld für ausländische Fachzeitschriften. Seine Schwester L. ernährte nach dem Tod des Vaters die 5köpfige Familie alleine als Journalistin, diplomierte nebenbei in Germanistik und magistrierte kurz darauf in PR, gründete eine Agentur und zog sofort nach Kriegsende exklusiv zwei weltmarktführende Schokoriegel an Land. Sie trug Ende der 80er und Anfang der 90er unbeirrt grafische Haarschnitte, 60er Jahre Minikleider in A-Linie und Plateaupumps und ich bin sicher, das tut sie noch. Sie rauchte drei Schachteln am Tag und hatte schon mit 40 eine besorgniserregende COPD. Am Wochenende nahm sie die Mutterrolle für ihren 18jährigen Sohn und die der hilfsbereiten Tochter für ihre alternde Mutter ein, schmiss den Haushalt und bekochte alle. H rührte keinen Finger und hatte immer was am Essen zu meckern. Ich warf ihm einmal aus feministischer Solidarität mit L. ein Frühstücksei an den Kopf, aber L. fand, ihr Bruder war die Aufregung gar nicht wert. Ein anderes Mal, ich war schon zurück nach Deutschland gezogen und nur zu Besuch in Zagreb, schlief ich in einem Zimmer mit H. Er schnarchte fürchterlich und so warf ich Kissen durch den Raum in seine Richtung. Er beschwerte sich morgens bei Mutter und Schwester, ich sei wahnsinnig und hätte versucht, ihn im Schlaf zu ersticken. Die verheimlichte, weil schizophrene Schwester, lag derweil in der leeren Badewanne und rauchte Kette. Ihre Krankheit war ausgebrochen, nachdem ihr Vater der künstlerisch sehr Begabten das Kunststudium verboten und sie an die Fakultät für Architektur gezwungen hatte. Die Mutter versteckte sie seit 16 Jahren in der Wohnung. L. hatte ihre Schwester einmal in Abwesenheit der Mutter zu einem Psychiater geschmuggelt, so gab es immerhin eine Diagnose, aber eine heimliche Therapie war nicht möglich. Ich fuhr ein Auto, bei dem eine Zeit lang ständig Sicherungen durchbrannten. H. maß lustlos Spannung, Widerstand, was man so misst, und fand keinen Fehler. "Was kannst du eigentlich?" fragte ich ihn. "Ich bin Elektroingenieur, kein Elektriker", sagte er. "Falls du dich jetzt nach dem Unterschied fragst: ich mache mir normalerweise die Hände nicht schmutzig.". Er brachte mich gern auf die Palme, indem er meinen Akzent nachäffte oder sich über meine Grammatikfehler totlachte. In einer Sprache mit 7 Fällen. "Lern erst mal, deinen eigenen Namen auszusprechen", fauchte ich dann, der enthält nämlich R´s, und die konnte ich besser. Zwischen all den Querelen aber war H ein kluger, guter Zuhörer und Freund. Er hatte mich sehr gern und sagte es auch. Gelegentlich fuhr er zu Bewerbungsgesprächen in Länder mit Satelliten und kaufte Geschenke für alle, auch für mich. Ich habe immer noch ein Paar Handschuhe, die er mir aus London mitgebracht hat. Später in Deutschland zog ich ständig um, H bekam den Job bei der BBC, dann wurde die Telefonnummer der Familie geändert, und ich war immer eine lausige Kontaktpflegerin, einmal hab ich´s versucht, und das kam dabei raus. In den letzten Jahren war ich zwei Mal in der Stadt, bin die alte Straße hoch gegangen und gefahren und habe mich nicht getraut, zu klingeln aus Angst, dass L. vielleicht nicht mehr lebt oder die alte Mutter mich nicht mehr kennt oder ganz fremde Menschen dort wohnen.

Mutter ist dement, sagt H. L. geht es gut, sie raucht schon lange nicht mehr. Ich muss ihr gleich sagen, dass ich dich gefunden habe! Wann kommst du her?

Mittwoch, 22. April 2009

Umgesiedelte

Ich kann alte Menschen nicht weinen sehen. Nichts auf der Welt macht mich trauriger als brüchiger werdende brüchige Stimmen und knorrige Hände, die Tränen aus faltigen Gesichtern wischen. Zu viele Adjektive in diesem Satz.

Eben einen Fetzen Reportage über ostpreußische Vertriebene gesehen und dabei gedacht, wie schade, dass sie aussterben. Freundliche alte Herrschaften, die die Tragödie ihrer Herkunft mit ihrem wunderbaren Akzent auf der Zunge tragen und beim ersten Wort offenbaren. Wenn ich sie als Patienten hatte, habe ich mir immer ihre Geschichten erzählen lassen. Sie wurden seltener über die Jahre, bald sind sie nicht mehr da. Eine Epoche verbleicht.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Für wehmütige

... Bazi-Agenten, PENNer und Hinterbliebene der Opa-Gemeinde: AK47% hat beim größten lebenden Hamburger Dichter einen Link gesetzt: click!

Erwischt, Edi, altes Schlachtschiff!

Vieles ist noch da. Der Prinz mit der Zahnlücke fast komplett und die größte Weihnachtsgeschichte der Neuzeit mit. Edi wollte die Geschichte selbst wieder einstellen. So ist es auch gut.

Dienstag, 3. Februar 2009

Farewell

Ich war eine Weile offline und habe verspätet erfahren, Opa Edi ist am 28. Januar verstorben.

Edi hatte mein eben geborenes Blog auf seinem Club der halbtoten Dichter empfohlen und ihm den ersten Schwung Leser verschafft. Auf dem fabelhaften CdhD hatte er seine erstaunliche Lebensgeschichte niedergeschrieben, daneben realisierte er beim Bloggen wie kein anderer das Community-Ding, wollte die Gesichter und Geschichten hinter dem Nick kennen, füllte die ganze anonyme Angelegenheit hier mit Herz und Seele, pflegte virtuelle Freundschaften und Familienstrukturen so wie reale, verknüpfte und kuppelte und hielt den Laden zusammen. Nicht gesund und in seinem Bewegungsradius eingeschraenkt holte er sich die Leute und ihre Geschichten auf den Bildschirm. "Ich war doch nur auf der Volksschule," sagte der ständig Nietzsche und Benn und Kant und Tucholsky zitierende Edi, "und was ich jetzt für Leute kenne, da bin ich schon stolz drauf." Ich habe ihn ein paar Mal auf der Reeperbahn besucht, fabelhafte Geschichten von Quarantäne in Singapur und von Wiener Nutten in einem Wüstenbordell an der Straße von Hormus und von der Gesellschaftsordnung auf den Kiribaten gehört, gute Lebensratschläge bekommen, viel gelacht und jedes Mal seinem Keramik-Buddha über die Glatze gestreichelt, das sollte Glück bringen.

Vor seinem Umzug zurück ins Allgäu im Juni 2007 ging es ihm so schlecht, dass er sich dem Tode nahe fühlte. Rechtsherzversagen wurde dem alten Kettenraucher und COPDisten von seinem Arzt nicht erklärt oder Edi wollte es nicht verstehen, nicht, dass es was geändert hätte. Er glaubte, das Wasser in den Beinen käme vom Bewegungsmangel infolge des Rheuma, und die Luftnot sei nur ein Zeichen fehlender Kondition. Beim Abschied hatte ich schon die recht bestimmte Ahnung, dass es kein Wiedersehen geben würde.

Edi erlitt im Oktober einen Schlaganfall, von dem er sich jedoch bis zum Jahresende weitgehend wieder erholt hatte. "Wie gut es mir doch geht" hat er am 21.01. noch hier kommentiert. Er starb nun zu Hause im Mittagsschlaf, die beste aller möglichen Varianten unter den gegebenen Umständen. Kurz darauf endete der Vertrag mit seinem Webhost, den er schon vor Monaten gekündigt hatte. Gleichzeitig hatte er auch alle Beiträge auf seinen beiden Blogs gelöscht. Die Anteilnahme seiner Leserfamilie nach dem Apoplex bewog ihn dann aber, weiter zu bloggen und die Blogs zu rekonstruieren. Bevor neobazi.net vorgestern abend vertragsgerecht endgültig vom Netz genommen wurde, hatte Edis Sohn seine handgeschriebene Verfügung online gestellt, wie mit seinen sterblichen Überresten verfahren werden solle. Edi wollte spurlos entsorgt werden. Auch wenn das eine Blog offline und das andere leer ist, ist ihm das in der virtuellen Welt nicht gelungen. Seine weisen oder auch himmelschreiend komischen Kommentare finden sich überall.

Edi hat in bescheidenen Verhältnissen ein reiches Leben geführt, die meisten Abenteuer erlebt, die bittersten Erfahrungen gemacht, das allergrößte Herz besessen und nie seinen Witz verloren. Der war von der allerbesten Sorte, nämlich frei von Bosheit. Na schön, vielleicht ging es ein bisschen auf Kosten von MCW, aber der hat förmlich danach geschrieen konnte das ab.

Danke an oldman, der die virtuelle Familie seit dem Apoplex auf dem Laufenden hielt und ein Kondolenzbuch online gestellt hat. Aufrichtiges Beileid an die echten Verwandten. Adieu, mein Opapst.

Freitag, 5. Dezember 2008

1001 Nacht

Ich treffe nicht oft Menschen, denen ich mich wirklich verbunden fühle, und wenn, sind sie auch in Bewegung. Es gibt so ein verworrenes Streckennetz, auf dem jeder von einem anderen A zu einem anderen B fährt, manche steigen zu, man selbst aus, dann woanders ein, und ich bin nicht so gut darin, Kontakte zu pflegen nach dem Verabschieden und Umsteigen, und so gehen sie mir verloren.

Und als ich heute auf dieser Veranstaltung, auf der es von meist nichtssagenden alten Bekanntschaften wimmelt, eine Rolltreppe hochfuhr, und an mir vorbei jemand runterfuhr, plötzlich wild gestikulierte und die abfahrenden Stufen wieder hochrannte wie im Film, was war das eine Freude! Dass er sich auch so freute! Derselbe kluge, herzliche, allürenfreie Kerl, auch nachdem er sich inzwischen die ganze uniklinische Tretmühle hochgebissen hat bis zur Habil. Ist das wirklich schon, wie lange, sechs, acht Jahre her?! Gerade neulich habe ich an dich gedacht, weißt du noch, der Turnus im Gyn-OP, die Drillings-Sectio, und gleich danach Zwillinge, und nochmal Zwillinge! Und die Frau mit den Drillingen erzählte, das war die 9. nach 8 vergeblichen IVFs, und sie wollte danach schon resignieren und hatte in der Zwischenzeit schon auf Erzieherin umgeschult vor lauter Kindernarrheit, wenn es denn keine eigenen sein sollten... Und nachdem sie Monate der Risikoschwangerschaft in der Klinik verbracht hatte, und am diesem Morgen wieder Wehen, entschied man, die Kinder seien reif, die Logistik war schnell organisiert, die Spinale saß, die Frau war ansteckend glücklich, bloß ihr Gatte steckte im Stau. Zwischendurch weinte sie ein paar Tränen aus Mitleid, weil er diesen Moment verpassen würde, den beide so lange erwünscht hatten, und hielt statt dessen deine und meine Hände. Und dann kamen die Kinder, alle lebensfrisch und brüllend und von solidem Gewicht, die Mutter lachend und weinend und von einer raumfüllenden und sich auf alle Anwesenden übertragenden Glückseligkeit, und am Ende, als ihr Mann endlich eingetroffen war, die Gynäkologen nähten die letzten Stiche, unsere Hände drückend und, wieder unter Tränen, sich nicht für die Anästhesie, sondern die herzliche Gesellschaft bedankend. Und wir sagten später, das war der Tag, an dem wir zusammen in viereinhalb Stunden sieben Kinder bekommen haben.

Apropos: die Nachtschwester ist heute eintausendundeine Nacht online. Ich habe nicht mehr so viel Zeit für sie, aber 1001 ist für mich schon ein erstaunliches Kontinuum, in Anbetracht der Streckenführung.

Montag, 3. Dezember 2007

Wiedersehen, virtuell

Sie waren unrasiert, sie tranken, rauchten und kifften. Sie waren ständig umgeben von einem Gefolge männlicher Niemands, die hofften, ein bisschen unnachahmliche Rockstar-Coolness möge auf sie abfärben, und von Mädels mit eindeutigen Absichten oder wenigstens Nichtabgeneigtheiten. Ihr Anführer hatte etwas Unheimliches, Diabolisches, fand ich mit kaum 20 und noch gar nicht lange weg aus geordneten süddeutschen Verhältnissen.

Es war ein Sommernachmittag auf Cres oder Losinj, und während meine neuen Zagreber Freundinnen völlig aus dem Häuschen waren über das zufällige Zusammentreffen mit Darko Rundek und einem Teil seiner Band, war mir unwohl mit diesen düsteren, haarigen, bedröhnten Typen. Eins der Bandmitglieder habe seit einem Autounfall eine Dauererektion! tuschelte mir meine Freundin aufgeregt zu. Das sei für ihn sehr unangenehm, er habe die größten Schmerzen beim Pinkeln! Tatsache, sie wisse es praktisch aus dritter Hand.

Nach einem Kommentar hier habe ich ihn überrascht beim Stöbern auf Youtube wiederentdeckt - nicht etwa längst an einer Überdosis gestorben, sondern nach langen Kriegsmonaten, während derer er von einem alten Forschungsschiff aus die Adriaküste mit einem Radioprogramm beschallte, nach Paris ins Exil gegangen, gealtert, gezeichnet, weise, immer noch Musiker, aber nicht mehr Krawallrocker, Schauspieler, Regisseur, Poet, und was für einer! Ein kroatischer Aznavour, ein Gainsbourg, liest man. Wer hätte das damals gedacht, ich nicht, aber was wusste ich schon.



Darko Rundek & Cargo Orkestar

Mittwoch, 14. März 2007

Vierzehn Jahre

Ich-im-Gras

Von allen Jungs, im ganzen Jahrgang, kam bald nach der Aufnahme aufs Gymnasium nur einer als Subjekt für Mädchenträume in Betracht. Nicht nur für meine, stellte ich bald fest. Kastanienbraune Haare, wasserhellblaue Augen, wunderschöne Hände. Er schrieb nur Einsen, spielte aber auch einen sehr körperlichen Ballsport, und von allen Instrumenten ausgerechnet Cello. Ein Elternteil war adelig, die Familie lebte in einer weißen Villa am Fluss. In meiner Vorstellung war er ein Prinz und ich sein Schicksal. Kein Anlass, mich aufzudrängen, ich hatte Zeit. Noch beinahe neun Jahre bis zum Abitur, in denen ich in aller Ruhe schöner und klüger werden konnte. Währenddessen würde ich seinen Rücken beschmachten und wenn er sich drehte, sein Profil, denn er saß immer in der ersten Reihe.

In der siebten Klasse im Schullandheim feierten wir abends Parties unter Aufsicht. Es war gar nicht so einfach, zum Stehblues an ihn ranzukommen. Der Andrang beeindruckte ihn nicht. Nie hat er mit einer geknutscht. Seinetwegen ging ich joggen, denn er tat es, und ich hoffte, ihm allein im Wald zu begegnen und in wortlosem Einverständnis, denn er sehnte sich ebenso danach, in seine Arme zu sinken. Ich habe ihn nie getroffen.

Seine Mutter färbte ihr Haar rabenschwarz, fuhr rote Porsches, trug Kostüme in derselben Farbe und dominierte die Elternabende. Er lehnte sie ab. Als sein freundlicher, ebenso begabter Bruder vor der elterlichen Villa totgefahren wurde, fing sie an zu trinken. Einmal sah ich, wie sie nach der Schule im Auto neben ihm herfuhr und ihm zurief, er solle verdammt noch man einsteigen. Er ging weiter zur Bahn. Im folgenden Jahr ging das Familienunternehmen pleite, die Eltern trennten sich, sein Vater zog weit weg.

Er stritt gerne mit Autoritätspersonen. Wenn einer seiner Sätze am Zeilenrand endete, bestand er darauf, den zugehörigen Punkt an den Anfang der nächsten Zeile zu setzen und lieferte sich endlose Prinzipienreitereien mit den Lehrern. Er focht verbissen Klausurergebnisse an, dabei ging es nie um ganze Noten, nur um einzelne Punkte. Er zerstritt sich endgültig mit seiner Mutter.

Bei alledem schrieb er unbeirrt weiter Einsen, spielte im Orchester, Theater und Ball, gewann Fotowettbewerbe, trug Wrangler, Kaschmirpullis und Burlington-Socken, und wenn er mich frontal ansah, fiel mir nichts mehr ein. Zwei dieser irritierend hellblauen Augen gleichzeitig hielt ich nicht aus. Die Tragödien in seinem Leben steigerten meine Verklärung seiner Person. Wie lässig er all dem standhielt, ein antiker Held, ein Fels, ein echter Mann! Wir waren fünfzehn.

Einige Jahre sprachen wir kaum miteinander. Das wortlose Verstehen war mein romantisches Ideal, überhaupt eines der Achziger, glaube ich. In Kinofilmen aus dieser Zeit schweigen Paare sich überwiegend an und kommunizieren oder missverstehen sich telepathisch, achten Sie mal drauf. In meinem Fall hing das Schweigen damit zusammen, dass mir das direkte Gespräch mit ihm physisch nicht möglich war. Herzrasend und erblassend verwandelte ich mich in der Nähe seiner Physis und seines messerscharfen Intellekts in eine Banalitäten stammelnde Gans, also mied ich Situationen, in denen ich mit ihm allein gewesen wäre. Wir hatten jedoch gemeinsame Freunde, die mich auf dem Laufenden hielten. Es gab kein anderes Mädchen. Wir beide warteten darauf, dass uns das Schicksal eines Tages zusammenführen würde, das stand für mich fest.

Während einer Klassenreise spürte ich ihn einmal kommen, als ich auf einem Tempelhügel im Gras lag und döste. Ich hörte seine Kamera klicken und tat, als hätte ich nichts bemerkt. Die Fähre zur Überfahrt nach Kreta lief wegen eines heftigen Sturmes acht Stunden zu spät aus, da war der Sturm aber noch längst nicht vorbei. Er gab mir seinen Schlafsack und ich kletterte damit im Dunkeln bei irrer Windstärke über das Schiff auf der Suche nach dem etwas älteren Backpacker, der mir am Nachmittag erzählt hatte, er wolle an Deck schlafen. Ich fand ihn auf einem kleinen, etwas windgeschützten Zwischendeck, und legte mich daneben. Im Sturm unter freiem Himmel auf dem heftig schwankenden Deck schlief ich in seinen warmen Daunen wunderbar und bedauerte morgens die jämmerlichen grünen Gesichter, die unter Deck in ihren Pullman-Sitzen todessehnsüchtig alles vollgekotzt hatten. Ihm ging es gut.

Ein stadtbekannter schwuler Kulturjournalist, klein, alt und dicklich, nahm ihn mit siebzehn in seiner Altstadtwohnung unter seine Fittiche, nachdem das Verhältnis zur alkoholkranken Mutter unerträglich geworden war. Wir kannten ihn, weil er bei unseren Theateraufführungen und Konzerten zugegen war und Kritiken schrieb. Die Frage, ob er ihn auch unter seine Bettdecke nahm, bereitete mir schlaflose Nächte.

In der Oberstufe begann er eine Beziehung zu einer geschätzten, aber wenig attraktiven Freundin von mir, die, wie ich mir einredete, nur asexuell sein konnte. Sie hatte nämlich schwaches Bindegewebe. Mit 13 hatte ich im Freibad schon Besenreiser und Cellulitis bei ihr gesehen. Trotzdem trug sie unter ihren Selbstgestrickten und Fruit-of-the-loom-T-shirts keinen BH und überliess ihr Bindegewebe dem freien Fall. Von allen Mädchen, die scharf auf ihn waren, hatte er die unscheinbare Kluge gewählt, das wertete ich, auch wenn es mir missfiel, als weiteren Hinweis auf seinen unbestechlichen Freigeist.

Pragmatisch verdrängte ich ihn vorübergehend aus dem Zentrum an den Rand meines Sehnens. Andere Mütter hatten auch Söhne, wir machten Abitur, ich ging ins Ausland.

Das Sicherheitsteam des amerikanischen Konsulats bewohnte ein weißes Haus auf einem Hügel, freitags feierten sie Gartenparties. Angehörige anderer NATO-Staaten wurden über ihre Konsulate eingeladen. Das war ein wild feiernder multinationaler Haufen. Es gab keinen Grund zur Enthaltsamkeit. Am Meer gab es zudem einen Einheimischen mit einem Boot. Daneben studierte ich. Nach drei Jahren wurde ich krank, ein Krieg zog herauf, ich bekam einen Studienplatz in der Heimatstadt.

Meine beste Freundin hatte noch Kontakt zu ihm. Sein Zivildienst war vorüber, er studierte Jura und hatte eine kleine Wohnung unterm Dach über unserer früheren Lieblingskneipe. Kürzlich war sie wieder in der Stadt gewesen und hatte sich mit ihm getroffen, er hatte sich nach mir erkundigt. Sie gab mir seine Nummer. Ich rief ihn an, das war ganz leicht und unverfänglich, ich suchte einfach Kontakt zu alten Bekannten. Außer ihm war keiner mehr in der Stadt. Wir trafen uns in besagter Kneipe, und zum ersten Mal war ich nicht bis zum Sprachverlust eingeschüchtert und hatte eine Menge zu erzählen. Als die Kneipe schloss, gingen wir nach oben.

Es dauerte einige Monate. Nachts gingen wir auf den Schlossberg und frühstückten morgens Laugenbrötchen mit Erdnussbutter und Orangenmarmelade, bis heute mag ich das. Er stellte Ananas-Strünke in Wasser und beobachtete, wie lange sie ohne Erde überlebten, Monate. Wir gingen in den Zoo, seine Lieblingstiere waren ausgerechnet Schildkröten, das hätte mir zu denken geben sollen. Wenn ich im Regen zu ihm kam, zog er mir die Schuhe aus und rieb meine Füße trocken. Er gab mir einen Abzug von dem Foto, das er in Griechenland von mir gemacht hatte, das hatte ich nicht nur nicht geträumt, er hatte es auch die ganze Zeit aufbewahrt.

Er verbrachte zwölf Stunden täglich an der Uni und in der Bibliothek. Er befand sich in einem Rechtsstreit mit seiner Mutter, die ihm keinen Unterhalt zahlen wollte, und mit seinem Vermieter, weil es durchs Dach regnete und schimmelte. Wir waren zweiundzwanzig. Zu seinem Vater hatte er gelegentlichen emotionslosen Kontakt. Ich hatte Geldsorgen und fand mich an der heimischen Uni nicht gut zurecht. Es fehlte Leichtigkeit, alles war kompliziert. War von Liebe die Rede? Ich erinnere mich nicht.

Zum verabredeten Zeitpunkt war er nicht zu Hause, er rief nicht an, er entschuldigte sich nicht. Was das bedeutete, war mir klar. Nach dem zweiten Mal knallte ich die Tür hinter mir zu und schrieb ihn ab, vorerst. Ein, zwei Jahre später, da hatte er sein Studium schon vorzeitig mit Prädikat beendet und wollte ins Ausland, besuchte ich ihn noch einmal zum Abschied. Wir tranken Wein, eine Frau rief aus Schottland an. Er legte einen Finger auf meine Lippen und fasste sich kurz. Sie studierte irgendeine Geisteswissenschaft, vorübergehend in Edinborough. Nachdem er aufgelegt hatte, redeten wir über die Karriereplanung und übers Kinderkriegen. Das war für den ewig Unverbindlichen mit dieser Frau eine ernsthafte Option. Zeit, vom Bett aufzustehen und zu gehen. Nach vierzehn Jahren endlich mit einem klaren Kopf in dieser Angelegenheit.

Ich habe ihn nie wieder gesehen und eigentlich auch nicht mehr an ihn gedacht, bis ich Mitte der 90er zum ersten Mal Emergency Room sah. Doug Ross, Teufel auch! Das Kinn, die Körpersprache, das Grinsen, die Coolness, von ihm geklaut! Der heutige Herr Nachtschwester freut sich, wenn ich ihm sage, neben zahlreichen charakterlichen Vorzügen habe er Ähnlichkeit mit George Clooney, so ums Kinn rum. Tatsächlich weckt dieses Kinn in mir viel ältere Assoziationen.

Gelegentlich habe ich seinen Namen gegoogelt. Er spielt ganz oben mit, das ist keine Überraschung. Zum letzten Jahrgangstreffen erschien er nicht. Zwei ehemalige Schulkameradinnen verbalisierten Enttäuschung. Jemand war ihm vormittags in der Stadt begegnet, in der er jetzt lebt. Die alten Geschichten interessierten ihn nicht, habe er gesagt. Ich glaube, heute könnte ich ihn nicht einmal mehr mögen.

(Inspired by)

Sonntag, 21. Mai 2006

Tschüss liebe Frau Gerda

Jacobs KaffeeDas uralte Jacobs-Kaffee-Schild, das ich immer noch mal hatte fotografieren wollen, hängt plötzlich nicht mehr im Fenster.
Stattdessen am nächsten Tag ein Din A4-Blatt mit kurzem Dank an die langjährigen Kunden. Vor einem halben Jahr hatte das Abendblatt noch getitelt "Ich steh hier so lang, bis ich umkippe", nun hat Tante Gerda es sich anders überlegt mit ihren 83 Jahren, den Eckladen dicht gemacht und unerwartet die Illusion korrigiert, dass, was schon lange Bestand hat, immer weiter bestehen müsste.

Tagesdosis

Ach Frau Nachtschwester...
Ach Frau Nachtschwester - kaum ist man ein paar Tage...
Inge (Gast) - 12. Apr, 11:31
Heldenhunde
Über die kurvige Schnellstraße, weit ab...
nachtschwester - 28. Mrz, 20:59
Abschiedsschmerz
Liebe Nachtschwester, Angang Februar hatte ich einen...
Annelie (Gast) - 28. Mrz, 10:57
schade, dass (auch) sie...
ich hab ihre formulierungen und ihren (gerade auch...
la-mamma - 21. Mrz, 15:00
ein blog ist nichts anderes...
ein blog ist nichts anderes als eine persönliche...
bonanzaMARGOT - 21. Mrz, 11:32
Das ist ja eine fabelhafte...
Das ist ja eine fabelhafte außerordentliche Feedbackrunde...
nachtschwester - 19. Mrz, 06:10
Lieber Escrilo, darüber...
Lieber Escrilo, darüber bin ich von den Socken!...
nachtschwester - 18. Mrz, 20:34
Für alles, was du...
Für alles, was du planst, ob es nun schreiben...
Etosha (Gast) - 17. Mrz, 21:15

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