Teambesprechung

Sonntag, 10. März 2013

Das verflixte siebte Jahr

Die Nachtschwester ist heute auf den Tag genau 7 Jahre online. Ein angemessenes Datum, meine Scheidung von diesem Blog zu vermelden. Seit zwei Jahren komme ich nur noch sporadisch und mit diffusem Unbehagen her. Dabei stauen sich unveröffentlichte Beiträge auf meinem Editor. Das hat mehrere Gründe.

An erster Stelle, liebe Leser, fühle ich mich von Ihnen entfremdet. Das ist nicht Ihre Schuld. Es hat sich eher mein Sinn dafür geschärft, dass mein Erleben meins ist und nicht universell mitteilbar. Auch im wahren Leben achte ich schließlich darauf, mit wem ich mich auf welche Diskussion einlasse. Das lernt man, wenn man in einer fremden Kultur lebt. Und danach ist man auch in der eigenen Kultur nicht mehr ganz zu Hause. Auch wenn ich im Blog anonym bin, weiß ich nicht mehr, wozu ich Ihnen eigentlich erzähle, wo ich mich aufhalte und womit und wieso, ob es mir gut geht oder schlecht, worüber ich mich freue oder ärgere. Wenige von Ihnen kennen mich, Sie leben nicht wie ich, und doch habe ich Sie in diesem Blog dazu eingeladen, mein Denken und Tun und Erleben zu kommentieren, und oft genug haben Sie sich herausgenommen, darüber zu urteilen, weil es das Medium eben zulässt. Ich finde aber nicht mehr, dass Ihnen das zusteht. Zumal Sie umgekehrt selten etwas von sich preisgeben.

Dabei wünsche ich mir sehr wohl Austausch in den Kommentaren - natürlich müsste ich dazu erst wieder bloggen, Blogs lesen und selbst kommentieren. Ich würde allerdings gern Leser ansprechen, deren Realität nicht meilenweit von meiner entfernt ist, die im Ansatz ähnlich geprägt sind wie mein Freundeskreis im wahren Leben, eine Zielgruppe also. Eine, die nahe genug an blutspritzender Medizin, Sterben, Leben, Reanimationen, Armut, internationalen Konflikten, interkulturellem Management, Entwicklungspolitik, Gewalt, Eurointegration etc. ist, um sich nicht an mir zu befremden. Leute ohne ermüdende Empörungsreflexe auf irrelevante Meldungen wie z. B. Pferdefleisch in Fertiglasagne. Das geht mit der Nachtschwester nicht, sie hat anders angefangen und streut zu weit. Und das ist das zweite Problem.

Als ich anfing zu bloggen, arbeitete ich in Teilzeit als Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege, flog 2 oder 3 mal im Jahr nach Lutenblag, Dr. Boss helfen, und studierte zum zweiten Mal. Ich las amerikanische Pflegeblogs, und fand kein einziges deutschsprachiges. Ich sah schon einige Jahre lang zu, wie seit Beginn der Gesundheitsreform in profitablen chirurgischen Bereichen Überkapazitäten entstanden, Einrichtungen um Patienten konkurrierten, man dann, um Fallzahlen und Einnahmen zu steigern, OP-Indikationen erweiterte und auf Patienten zurückgriff, die man einige Jahre vorher nicht operiert hätte, weil die Risiken schwerer wogen als die Erfolgsaussichten. Ich erlebte in meiner Einrichtung eine unerträgliche, menschenverachtende Gewinnorientierung kilometerweit an Hippokrates und am Patientenwohl vorbei (diese aktuelle Dokumentation nähert sich dem Thema langsam und zaghaft an) und blieb trotzdem, weil ich für die Dauer meines Studiums die Sicherheit eines unbefristeten Vertrags nicht aufgeben wollte. Ich dachte damals, mehr Menschen müssten wissen, was "Wachstum in der Gesundheitsbranche" konkret bedeutet, und ich müsste Verhältnisse anprangern. Weil das alle möglichen Leute lesen sollten, nicht nur im Gesundheitswesen Tätige, wurde die Nachtschwester kein Berufsblog, sondern ein Larifari - persönliches Weblog mit einer Berufs-Rubrik.

Mit dieser ganzen Whistleblowing-Idee habe ich heute nichts mehr am Hut. Man ist schließlich, was man tut - nicht was man daherredet oder bloggt - , und man hat immer eine Wahl. Das System durch meine Arbeitsleistung stützen, nicht Hinnehmbares hinnehmen, das Gehalt einstreichen mit inneren Ausreden (keinen Einfluss zu haben, mich doch schon an der Uni und in Lutenblag zu engagieren), aber dann im Blog anonym über die Misstände herumzulamentieren, war einfach schlecht.

Auch dass die Nachtschwester nur diesen einen versteckten, halbherzigen Fokus hatte, keine Zielgruppe, kein klares Anliegen, gefiel mir bald nicht mehr. Schon 2007, auf der BlogHer, schrieb ich, man müsse mehr aus diesem Medium machen, weil man es kann. Tat ich aber nie.

Der Titel, den ich immer noch mag, hat übrigens auch nicht eben angenehme Konnotationen. Ich habe "Die Nachtschwester" gewählt, weil ich vor sieben Jahren in drei Schichten arbeitete und nachts nicht schlafen konnte und stattdessen Blogbeiträge schrieb. Ich finde es nicht kränkend, für eine "Krankenschwester und sonst nix" gehalten zu werden, also jemanden, der im Krankenhaus das Essen bringt und Bettpfannen spült und dem Arzt Kaffee kocht - und dafür ganz schön arrogant ist - bin es aber müde, den Pflegeberuf zu erklären oder meine heutige Tätigkeit im Besonderen.

Die Plattform passt auch nicht mehr. So dankbar ich Twoday für den wirklich fabelhaften Support mit meinen Anfängerproblemen war, entwickelt sich hier nichts weiter. Die ewiggleichen altbackenen Layouts mit Header und Sidebars mag ich nach 7 Jahren wirklich nicht mehr sehen. Mit der "Community" kann ich auch schon lange nichts mehr anfangen. Und weil ich von der Grundintention über die Zielgruppe über den Namen zum Rahmen und zur Plattform kein gutes Haar mehr an der Nachtschwester mehr lassen kann, ist dies mein letzter Beitrag.

Dabei habe ich große Lust, wieder zu schreiben, aber nicht hier. Ein sortenreines Themenblog zu führen über Fragen, die mir professionell am Herzen liegen - Global Health, Humanitäres etc., für die Die Nachtschwester keinen Rahmen bietet. Es gibt eine große und großartige englischsprachige Aid Blogger-Szene, aber wie damals mit den Nursing Blogs kenne ich kein einziges deutschsprachiges. Und daneben will ich für Freunde und geneigte Leser, vielleicht passwortgeschützt, auch wieder ein persönliches Blog führen. Ich hatte schon vor einer Weile angefangen, mich bei Posterous einzunisten und bin untröstlich, dass der Dienst eingestellt wird.

Die Nachtschwester hat mir sehr genützt.
Gedanken zu strukturieren, um sie für fremde Leser verständlich aufzuschreiben, hilft, auch Gedanken zu strukturieren, die man aussprechen oder sich einfach nur merken will. Auch wenn mir ersteres nicht immer gelungen ist, ich weiß schon.
Das Blog hat mir wunderbare Kontakte verschafft, einige bestehen im wahren Leben und schon seit Jahren. Ach, der unvergessliche Opa Edi. 

Liebe bekannten und unbekannten Leser, die Sie hier immer noch in erstaunlicher Zahl aufschlagen, obwohl schon lange nicht mehr viel passiert - danke fürs Mitlesen und für viele intelligente und lustige Kommentare über die Jahre.

Die Nachtschwester bleibt hier stehen, bis ich erhaltenswerten Content an die neue Adresse migriert habe. Ich werde meine neue URL hier posten, wenn es soweit ist.

Gehaben Sie sich wohl und bleiben Sie mir gewogen.

Tagesdosis

hm....
so wie Frau Croco ging es mir auch: "gut ein Jahr her.."...
rosmarin - 12. Apr, 00:46
Schön zu hören,...
Schön zu hören, dass es Ihnen gut geht. Das...
Croco (Gast) - 9. Mrz, 19:46
Liebe Croco, es geht...
Liebe Croco, es geht mir gut. Ich lebe immer noch in...
nachtschwester - 7. Mrz, 11:07
Ein Jahr, Frau Nachtschwester....
Ein Jahr, Frau Nachtschwester. Ein Jahr ist es her...
Croco (Gast) - 6. Mrz, 22:47
Guten Morgen, Nachtschwester, Ein...
Guten Morgen, Nachtschwester, Ein gutes neues Jahr...
Frau Schäufele (Gast) - 1. Jan, 02:01
Herzliche Gruesse &...
Seit 7 Jahren ist der Nachtschwester Blog steter Begleiter...
AK47 (Gast) - 12. Okt, 00:30
UNVERWECHSLBAR
Liebe Nachtschwester, Ihre Erfahrungen und Einschätzungen...
Nashaupt - 10. Sep, 15:32
Hallo liebe Nachschwester! WO...
Hallo liebe Nachschwester! WO SIND SIE??? Bitte...
Frau Luiling (Gast) - 19. Jun, 20:57

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