Kuraufenthalte

Mittwoch, 31. August 2011

Gucha

Ich war in Gucha. Ist das schon wieder drei Wochen her. Das hier gibt die Atmosphäre im Ansatz wieder:



Jedes Dorf auf dem Balkan hat eine Blaskapelle, die zu Hochzeiten und Beerdigungen aufspielt. Deshalb heißt Bregovic´s Band auch Weddings & Funerals Orchestra. Falls Sie Bregovic nicht kennen, er hat die Musik zu den meisten Kusturica-Filmen gemacht (wenn Sie Kusturica nicht kennen, ist Ihnen nicht zu helfen) und ist in dieser Szene Gott. Die Musik, zu der die Menschen im oben verlinkten Video auf den Tischen tanzen, ist von Bregovic.

Das Festival in Guca ist ein Wettbewerb der Blaskapellen um die Goldene Trompete. Es gibt Vorausscheidungen und Endausscheidungen, innerserbisch und am Ende "international", vor einer hochseriösen Jury aus Musikprofessoren. Auf der großen Bühne wird tatsächlich hohe Kunst gespielt. Aber auch unzählige Kapellen, die gar nicht wettbewerben, ziehen eine Woche lang durch die Straßen und Cafes und trompeten. Man geht einmal über die Hauptstraße des Dorfes, die keineswegs lang ist, und ist am Ende taub. Erfahrenere Besucher sind mit Oropax in den Ohren unterwegs. In Ruhe ein Käffchen trinken geht nicht, sofort hat man 10 Bläser und einen Trommler am Tisch. Und sie sind laut, und sie ziehen nur weiter, wenn man ihnen genug Geld in den Kelch oder wie das heißt stopft. Das Gebläse hört mit dem Mitternachtskonzert noch lange nicht auf und geht früh um sieben mit der Morgenparade schon wieder los. Es sind nur ein Dutzend traditionelle Kernmelodien, in tausend Variationen.
Und wenn Sie denken, mit Blasmusik nichts am Hut zu haben, das Festival aus rein akademischem ethnologischen oder kulturanthropologischen Interesse oder wegen der Spanferkel oder der Frauen zu besuchen, glauben Sie mir, am Ende lieben Sie Trompete.













Wir wohnten bei einer Familie, die 25 Gäste in ihr Haus aufgenommen hatte. In der Garage nächtigten drei Israelis. Die neunköpfige Familie schlief im Wohnzimmer, überall waren Sofas ausgezogen und lagen Matratzen. Ich hatte ein Kinderzimmer mit Flugzeug-Bettwäsche. Das Kind hatte in seinem Kleiderschrank ordentlich ein Fach für mich freigeräumt. Morgens wurden alle von zwei unglaublich entspannten Hausherrinnen im Garten mit Mokka und einem fabelhaften Frühstück bewirtet. Die zwei Bäder waren zwar ständig besetzt, aber insgesamt war das eine erstklassige Unterkunft, im Vergleich. Überall im Dorf zelteten und schliefen Menschen, in Autos, Scheunen, Gärten, Ställen. Über eine halbe Million in einen 3000-Seelen-Dorf, fragen Sie nicht nach sanitären Anlagen oder Müllabfuhr, wir sind nicht in Deutschland.







Den Frohsinn trübte ein bisschen die Tatsache, dass der Ehemann meiner Freundin G ungeplant zu Besuch war und uns begleitete. Er arbeitet für eine internationale Organisation in Bagdad und ist nach 2 Jahren in der Red Zone etwas angespannt. Dass G von einem Serben harmlos auf der Straße angequatscht wurde, verstörte ihn so sehr, dass er ein Stück weiter völlig nüchtern in ein weithin sichtbares ins Loch in einer Holzbrücke fiel, sich dabei den Knöchel verdrehte und danach 2mal kollabierte wie eine 13jährige bei Tokio Hotel.



Nach Rehydrierung mit 2l Wasser aus einem nahegelegenen Brunnen hörte er auf, die Augen zu verdrehen und umzufallen, sodass wir ihn zu Fuß durchs Gedränge ins Krankenhaus schleppen konnten. Dort gab es kein Röntgen. Sie wickelten ihm pro forma eine Binde um den Fuß, gaben ihm Diclofenac und stöhnten über das Festival: "Für Sie ist es Spaß, für uns ist es eine Woche Kopfschmerzen." Den Sonntag verbrachte er im Bett mit Beinhochlegen und Kühlen, ließ sich von G pflegen und füttern. Ich bestellte für Montag in Lutenblag Orthopädin, Röntgen und MRT, aber am Montag, G war es peinlich, es mir zu sagen, sein Knöchel dick wie eine Wassermelone, WOLLTE ER NICHT ZUM ARZT. Erbrach aber später von den zwei Tabletten Diclofenac, die er in Serbien bekommen hatte, Blut, sodass G ihn kurzerhand von Botschaftspersonal abholen und doch in unsere Klinik fahren ließ. Nach der Gastroskopie schoben sie auch seinen Fuß durchs Röntgen und MRT, und was hatte er? Nichts! Ein Band gezerrt! G ist mein allerpatentester partner in crime in allen Lebenslagen, aber mit ihrem Mann hat sie sich, glaube ich nach diesem Wochenende, vergriffen.

Zu essen gab es gegrillte Schweine und Schafe, außerdem überall den speziellen, in großen Tontöpfen auf Kohle-Glut gegarten Kohl-Eintopf.







Die vielen Grills und Glutfelder machten das Begehen des Geländes im August bei 40 Grad nicht erfrischender. Aber es gibt den Bach, der normalerweise knietief ist, für das Festival aber mit einem aufblasbaren Gummi-Damm aufgestaut wird.



Höhepunkte neben dem Wettbewerbsfinale waren das Boban und Marko Markovic - Orchester, das jahrelang goldene Trompeten gewann, bis es schließlich vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde - vielleicht kennen Sie es von Miss Platnum, und schon wieder Bregovic, der immer einen Künstler mitspielen lässt, der musikalisch ganz anders zu sortieren ist. Diesmal ließ er Ederlezi, ein Roma-Volkslied, das jedes Balkanvolk in seiner eigenen Sprache in sein Kulturgut aufegnommen hat, von einem russischen goldenen Tenor singen, was für ein herrlicher, absurder Geniestreich, den ich zu gerne verlinkt hätte, hätte er die Aufnahmen davon auf Youtube nicht sperren lassen.

Am Ende, nach dem Bregovic-Konzert, auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft, schoß ich das letzte, ebenso friedvolle wie rätselhafte Foto. Wie kommt die Kutsche ins Flüsschen und warum? Ist der Mann auf der Rückbank tot? Soll die Leiche verschwinden? Das Wasser ist doch zu flach!



Falls Sie Für nächstes Jahr Guca ins Auge fassen und nicht unter diesen Bedingungen zelten wollen, fragen Sie die Nachtschwester, die kennt sich jetzt aus. Und ihr fällt keine Veranstaltung ein, bei der man mehr himmelschreienden, irrwitzigen, sinnfreien Spaß haben könnte.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Ich denke mir das nicht aus.

Samstag war es kalt auf dem Berg. Die Terasse war leer, die Hütte voll. "Ist hier noch Platz für zwei? Einmal 100 Kilo, einmal 120?" fragte eine dröhnende Stimme aus einem Körper mit eher 120kg. Das wird schräg, dachte ich. Die Herrschaften setzten sich gegenüber, reichten Hände und stellten sich vor. M und ich steckten gleich wieder die Nase in unseren Bergtee, unterhielten uns weiter auf deutsch und signalisierten in internationaler Körpersprache Desinteresse.

Vodno1

Aus den Augenwinkeln sahen wir, wie 120kg zwei Metallteller aus seinem Rucksack nahm und sie mit einem karierten Taschentuch polierte. Danach zwei Messer, zwei Gabeln. Zwei Servietten. Eine Schüssel Krautsalat mit Möhren und Mais. Ein großes Gefäß mandelgefüllte Oliven. Gewürfeltes, gebratenes Schweinefett. Eine grüne Glasflasche. Einen riesigen Rettich. An dieser Stelle stockte unsere Unterhaltung, da M ihr berufliches Interesse als Ernährungswissenschaftlerin mit transkulturellem Dings nicht mehr unterdrücken konnte. 120 polierte ein Jagdmesser und putzte seinen Rettich. Ob ich mal an der der Flasche riechen dürfe? Ich interessiere mich gerade für Öle. 120 lachte dröhnend und schickte 100 Schnapsgläser holen. Ob wir Pilze wollten? Sie hätten 10kg Pilze gesammelt, lachte 120. "Glaub ich nicht." sagte ich, wir hatten während des ganzen Aufstiegs nämlich nicht einen müden Champignon gesehen. 120 zog unter dem Tisch drei Säcke voller Reizker hervor. Ob wir sie gleich hier gebraten haben wollten? Er habe auch einen Kocher dabei.

Vodno4-Vodno3Vodno5

100 kam mit vier Gläsern zurück und schenkte uns allen kein Öl, sondern den köstlichsten Hausgebrannten ein, den ich überhaupt je getrunken habe. Er packte ein großes Stück Schafskäse auf den Tisch und dann einen Brocken Kochschinken. 120 würzte den kleingeschnittenen Rettich mit Salz, Pfeffer, Olivenöl und Essig aus seinem Rucksack. "Wenn ihr nicht mit uns esst, ist dieses Messer hier für mich", sagte er, und richtete die Messerspitze auf sein Herz. "Und das ist für euch." - er öffnete den Rucksack und zog eine Axt heraus. "Er hat einen Hang zum Drama", sagte 100 beschwichtigend. "Er ist Opernsänger. Mein Naturell ist anders, ich bin Direktor der Volksbank." "Wozu schleppt ihr hier bloß eine Axt mit hoch??!" "Für die Pilze", sagte 120. "Ich hatte mal ein Engagement bei der Düsseldorfer Staatsoper. Aber damals, 1984, war ich sehr verliebt in ein molwanisches Mädchen. Und so bin ich wieder nach Hause gefahren.Wäre ich dort geblieben, hätte ich vermutlich gemacht, was die Deutschen von mir wollten und mich angepasst. Hier bin ich ein glücklicher, freier Bohémien, das liegt mir mehr. Ich bin aber nicht nur Sänger, sondern auch Balletttänzer." Das schien abwegiger als alles bisher Gesagte.

Vodno2

Am Ende dieser absurden Unterhaltung hatten wir Handynummern und Premiereneinladungen und einen Sack voller Pilze und verliefen uns schön beschnapst und bester Laune, sodass wir bergab länger unterwegs waren als am Morgen bergauf. Abends sah ich tatsächlich eine Fernsehankündigung für 120´s Premiere. Unser Wanderfreund stand wuchtig in der Mitte der Bühne und rammte einen Fahnenmast in die Erde, seine langen Haare wehten, das Ballett umtanzte ihn.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Von Höhen und Tiefen

Am Wochenende mit den internationalen Ladies Who Lunch den Hausberg der Stadt bestiegen, immerhin 1000 Höhenmeter in 2 Stunden. Das institutionelle Trendsportangebot der Stadt ist nicht annehmbar, wenn man aus echten Metropolen angespült wurde, es wird noch Jahre dauern, bis Zumba oder Jukari hier ankommen, da bietet es sich an, auf zu Mutter Natur zurückzugreifen und so entsteht hier ein ganz anderes, fabelhaftes wochenendliches Fitness-Ritual.

P1020918

Oben steht eine runde Hütte, in der die einheimische Wandergemeinde zusammenkommt. In der Mitte des Raums bollert ein Blechfass-Impro-Ofen mit einem Rohr quer durch den Raum, zwei freundliche alte Männer schenken aus großen Messingkesseln selbstgesammelten Kräutertee in Plastikbechern aus und kochen gern auch türkischen Kaffee auf Wunsch, die Brotzeit muss man selbst mitbringen. Es gibt Umkleidekabinen, in welchen die Neuankömmlinge ihre verschwitzte Klamotten wechseln, Wäscheleinen voller nasser Kleidungsstücke hängen schwer über der Sonnenterasse. Die Leute tragen ihre ältesten, bequemsten Sachen, niemand hat Funktionskleidung, niemand ist schick, alle kennen sich. Das ist mit das Netteste, was ich hier bisher erlebt habe.

P1020917

Allen, die das hier kommentiert oder mir gemailt haben, danke, die unverhofft aufblitzenden sozialen Qualitäten dieses undurchschaubaren Internet-Universums sind ganz erstaunlich und schön. Ein paar tausend Kilometer und ein paar Gramm Johanniskraut weiter habe ich mich aber schon wieder gefasst, schließlich ist nichts Substantielles passiert, nichts Unvorhersehbares, nicht mal Unvorhergesehenes. Ich bin weder krank noch pleite, habe noch einen Job und bin gut genug vernetzt, bald einen besseren zu finden, habe Freunde und sogar noch Eltern. Wer braucht schon ein Zuhause. Sentimentaler Luxus. Sie bemühe sich zu lernen, in ihrem Herzen zu Hause zu sein, sagte meine deutsche Freundin E. neulich halbglücklich, die bald ins dritte Land in zwei Jahren zieht, aus Liebe mit jemandem mit, und ich prustete meinen Mokka über den Tisch über dieses Eso-Emo-Vokabular, das gar nicht zu uns passt.

Mittwoch, 7. Januar 2009

Weiterhin Frohe Feste!

Gegrillter Octopus, in einer Kasserolle mit ofengegarten kleinen Kartoffeln mit Schale, grünen Paprikastreifen, Kräutern und Olivenöl, herrlich nach all dem Gänsebraten und Rotkohl, in einem fensterlosen Restaurant mit Fliesen bis zur Decke und einem mit Seewasseraquarien voller winkender Hummer fast zugebauten Eingang, aber der Begleiter sagte, was heißt hier nicht schön, das ist authentisch, bloß Portugiesen hier, schön kannste in Hamburg jeden Tag haben.

DSCF0453

 

 

 

 

 

 

 

 

DSCF0455

 

 

 

 

 

 

 

 

Lissabon war ein sonnenglänzendes, warmes, entspanntes, fabelhaftes Refugium vor der glühweinklebrigen Weihnachtshektik vor den Feiertagen in Deutschland, die beste Idee seit langem. Leider weiß ich nichts über Portugal außer Kolumbus, Galao, Algarve, Madredeus, Fado, Salezar und Nelkenrevolution und ich verstehe die Sprache nicht. So erschloss sich auch nicht der Sinn zahlreicher Umzüge, die uns begegneten und díe augenscheinlich im Zusammenhang mit dem nahenden Weihnachtsfest standen. Bei dieser polizeibegleiteten Weihnachtsmann-Demo wurden Transparente geschwenkt und Parolen skandiert. Mehr Geld für diese selbstlose, ausgebeutete Berufsgruppe?

R0011244

 

 

 

 

 

 

 

 

Unten sehen Sie den portugiesischen Christstollen:

R0011376

Sie sind längst dabei, die Festtage mit dem alljanuärlichen Diät-und Sportprogramm ungesehen zu machen und fragen sich, was redet sie da noch? Wenn man sich aber zwischen den Jahren von West- nach tief ins orthodoxe Südosteuropa bewegt, läuft man eine Endlos-Weihnachtsschleife und geht die Jingle-Bells-Beschallung in Restaurants und Einkaufszentren nahtlos weiter. Heute und morgen ist Weihnachten nach dem julianischen Kalender, sehr weiße Weihnachten übrigens. Leider haben sich auch hier weihnachtsmarktähnliche Strukturen eingeschlichen, ganz ärmliche Buden mit Lametta und Deko-Glitzerkram Made in China.

Ein Frohes Neues Jahr allen hier Mitlesenden. Das ist aus meiner Perspektive nicht verspätet, denn das julianische Neujahrsfest kommt erst noch. Wenn ich Ihnen einen Neujahrsvorsatz aufdrängen darf, fahren Sie 2009 nach Lissabon. Ich könnte ein Hotel empfehlen.

Mittwoch, 26. März 2008

Ursprüngliches

Während man in Westeuropa in zentral beheizten Wohnküchen kommod Hefestuten frühstückte und danach Ostereier suchte, habe ich letztes Wochende die allerarchaischsten Erfahrungen gemacht, die man als Großstädterin der ersten Welt nur machen kann.

Freitag nach der Arbeit drei Stunden entlang immer kurvigerer, schmalerer und schlechterer Straßen, die immer öfter erst von Gestein freigeräumt werden mussten, das rechts und links von ungesicherten Steilhängen herunterlawinte, durch immer schwärzere Dunkelheit nach ein paar Erbrechensstops im Haus der Großmutter meiner Freundin V. angekommen. In einem Geisterdorf an einem Hang auf 1200 Meter Höhe, umgeben von doppelt so hohen Bergen. Nur im Sommer kommen die Erben der früheren Bewohner noch als Sommerfrischler her.

Schloss, Sicherungen, Gas- und Wasserhahn konnten in surrealer Nachtschwärze mithilfe von leuchtenden Smartphonedisplays gefunden werden. Danach gelang es auch, die einzige Heizgelegenheit des Hauses, einen alten Küchenherd, mit Holz zu befeuern und Tee aus Kräutern zu kochen, die V.s Großmutter im Sommer selbst gesammelt hatte. Vanja Lazarova sang aus dem Laptop, irgendwas Hausgebranntes war auch da und erfüllte zusammen mit der speziellen Romantik der Szene wärmend meine Brust,

R0010345

bis ich gegen zwei unter drei Decken vor Kälte schlotternd aufwachte. Draußen pfiff Wind und heulten Hunde oder Wölfe oder Bären, und aus dem Fenster sah ich nur schwarz. Mit weiteren Socken, Pullis und Mütze wieder hingelegt.
Morgens in Erwartung heißen Kaffees auf dem Herd und warmen Wassers im Boiler mein Bett trotz ungünstiger Umgebungstemperatur verlassen, um zunächst durchs Fenster zu knipsen

R0010286

... und danach V. schlotternd und rauchend in der verqualmten Küche vorzufinden, strähnigen Haars und mit vielen Pullis ihres Mannes M. behangen, bar jeder Hauptstadteleganz, auf dem Boden um sie herum Asche, Streichhölzer, Zeitungspapier und Holz. "Ich krieg seit zwei Stunden Herd nicht an", wimmerte sie. "er raucht nur, von draußen bläst es in den Abzug. Strom haben wir auch keinen und M. ist früh in die Berge und hat kein Netz." Nach einem weiteren Zündversuch musste ich die Haustür öffnen, um das Kohlenmonoxid hinauszulassen. Vor dem Gartentürchen lag in eisigem Wind behaglich zusammengerollt ein Dorfköter und lächelte mich mitleidig an.

Wir kochten Zahnputzwasser und Kaffee mit Gas. M, der schließlich inadäquat euphorisch vom Berg zurückkam, schaffte es, den Herd anzufachen und ödete mich den Rest des Wochenendes mit Triumphbezeugungen an, das schwache Geschlecht, ohne den Mann verloren, obwohl es doch entwicklungsgeschichtlich schon immer für den Herd verantwortlich war. Na und, du hast auch keinen toten Hirsch auf den Schultern mit nach Hause gebracht, obwohl du entwicklungsgeschichtlich schon immer.... Geh doch nach Deutschland und heirate die Herman. Wenn du ein Visum kriegst, haha, und mit dem Herd kommt die auch nicht weiter.

R0010287

Der Sonntag zeigte sich freundlicher, schmolz den Schnee und ermöglichte ein Frühstück im Freien. Der Dorfköter, wir nannten ihn Buto, freute sich sehr über Käsebrot mit Mayo und begleitete uns überall hin. Ein schönes Tier, das dem unermüdlichen Einsatz zum Schutz hilfloser Großstädter gegen wilde Tiere und albanische Waffenschieber bereits sein rechtes Ohr geopfert hat.

R0010302

R0010292

Dass Buto lebt, allein, im Winter im Freien, mit glänzendem Fell und keineswegs mager, wo wir kaum in einem Haus zurechtkommen, das noch die vorletzte Generation für perfekt eingerichtet hielt, macht mich sehr nachdenklich.

Sonntag, 20. Januar 2008

Sonntagspaziergang

R0010237

R0010234

Montag, 1. Oktober 2007

Sturmnächte

Ich ging frühmorgens aus dem Haus und über die Straße zum Auto. Es hatte geschneit. Gegenüber belud ein Handwerker seinen Kombi, daneben stolperte ich beinahe über ein Tier. Ein nackter Hund, ohne Fell, ockerfarbene Velourshaut, lag im Schnee und bewegte sich nicht. Als ich mich hinkniete, versuchte er, den Kopf zu heben. Er hat kein Fell, er ist halberfroren, dachte ich, machte die Jacke auf, hob ihn hoch, drückte ihn an mich und brachte ihn hoch in die warme Wohnung.

Das ist nicht dein Ernst, korrigierte ich mich im Traum. Noch mal von vorn. Leg den Hund wieder hin. Womöglich erfriert er gar nicht, er ist Zwischenwirt einer hochvirulenten neuen Seuche. Du nimmst ihn in den Arm voller alberner Kleinmädchentierliebe und hinterher hast du den Salat. So nicht. Geh zum Auto, hol die Rettungsdecke aus der Tür, nimm den Hund damit hoch, leg ihn drauf und deck ihn zu. Fass ihn nicht an. Dann hoch in die Wohnung, da ist doch noch der Sack mit den ausgemisteten Handtüchern in der Abstellkammer, nimm zwei große, zieh Handschuhe an, geh zum Hund und pack ihn darin ein. Dann ruf die Polizei. Die Polizei? Quatsch. Einen Tierarzt. Nein, das Tropeninstitut erstmal nicht. Oder doch das Tierheim?

Später wechselte ich in einer brasilianischen Werkstatt den Zahnriemen meines real existierenden Wagens. Das erforderte noch mehr korrigierte Arbeitsabläufe als das Hundretten. Allerdings unterhielt ich mich währenddessen fließend portugiesisch mit einem glutäugigen Mechaniker. Das ging korrekturlos, weil ich im wahren Leben von Portugiesisch noch weniger verstehe als von Zahnriemen.

Später stellte ich den Handywecker aus, weil der Großherzog gerade eine Rede hielt. Im Festsaal. Alle trugen Abendrobe, ich ein taubenblaues Ballkleid, Gott war das peinlich, ausgerechnet mein Handy klingelte.

Später war draußen immer noch Sturm. Als sich noch später die Haustür endlich wieder gegen den Wind aufdrücken ließ, ging ich ein paar Fotos machen.
 






Vorgestern in Kühlungsborn.

Sonntag, 5. August 2007

Quintessenz

Bei all der Reizüberflutung haben mich die Weltbloggerinnen am meisten beeindruckt. Und ihr amerikanisches Publikum. Es ging um die Bedeutung von Weblogs für Frauen in einem patriarchalisch geprägten Entwicklungsland (Kenia), in einem patriarchalisch geprägten reichen Nicht-Rechtsstaat (Bahrain) mit eingeschränkter Pressefreiheit, mit 3 oder 4 % Internetnutzern, und einem patriarchalisch geprägten Boom-Land mit unterentwickelter Rechtsstaatlichkeit (Indien). Die drei Bloggerinnen sprachen über Zensur und Selbstzensur, um nicht verhaftet zu werden, über Isolation und Chancenlosigkeit, darüber, wie Blogs für viele Frauen in ihrer Heimat das einzig denkbare Sprachrohr sind oder sein könnten, hätten sie Zugang zum Medium. Die Inderin berichtete von einer Bloggerin, deren Mann als indischer Verwaltungsbeamter andere Beamte wegen Korruption angezeigt hatte. Korruption sei im indischen Behördenapparat weit verbreitet. Weil kurz vorher zwei andere "Verräter" ermordet worden waren, fürchtete sie um das Leben ihres Mannes und begann, über den Fall zu bloggen. Ihr Blog erregte öffentliche Aufmerksamkeit, auch amerikanische Printmedien berichteten. Ihr Mann ist am Leben.
Eine Bloggerin aus dem Publikum berichtete von einer Reise durch Südafrika, auf welcher sie das Gespräch mit Menschen gesucht hatte, die ihr begegneten, Taxifahrern, Kellnerinnen, Zimmermädchen. Sie traf auf erstaunlich klar formulierte Meinungen zu Politik und Gesellschaft. Sie erklärte ihnen, was ein Blog ist und wollte von Juliana wissen, wie sie ihnen Zugang verschaffen könne? Schick ihnen Smartphones, sagte Juliana, Kabel gibt es nicht flächendeckend, Mobilfunk schon, und dazu diese Links: http://afrigator.com, http://voiceofafricanwomen.com/general.html, http://www.africanwomenblogs.com/. Andere Teilnehmerinnen nannten URLs ihrer Plattformen und Projektideen zur Unterstützung von Frauen in der dritten Welt.

Ich hatte den Eindruck, alle Anwesenden, ob Strick- Life- oder Mommy-Bloggerinnen, sahen sich auch als Aktivistinnen. So viele gute Ideen und schon fertige Initiativen. Und nachdem ich weiteres über Citizen Journalism und Fund Raising gehört hatte, nachdem ich anfangs noch die Five Moms-Kampagne belächelt hatte, dachte ich beschämt, da sitzen wir Deutschblogger und füllen dieses mächtige Medium mit kleinen halblustigen Episoden aus unseren Leben, während sich elftausend US-Kolleginnen in alle Richtungen engagieren, sich zusammentun und ein Wählermanifest herausgeben.

Weil man es kann, muss man mehr tun mit diesem Blogdings, als sich nur um sich selbst zu drehen, habe ich letztes Wochenende gelernt. Darauf kann man sich besinnen, wenn mal wieder über die männliche Dominanz in den deutschen Blogcharts geredet wird, man daraus "Relevanz" ableitet und Frauenblogs in den vermeintlich irrelevanten Long Tail einsortiert, dem Ort, wo übrigens auch Literatur, Kunst, Gesundheitswesen, soziale Themen und vieles mehr herumliegen.

Was habe ich noch mitgebracht? Ein Maskottchen für meine Rubrik Intensivstation aus dem Museumsshop des MCA. IMG 2080Kontakte zu fabelhaften Bloggerinnen und einer Blogher-Redakteurin. Eine kleine Werkzeugkiste mit Tools, die das Bloggen vereinfachen und beschleunigen.
Schön war´s, Stadt, Hotel, die Chemie mit den anderen Mädels, mit den US-Bloggerinnen, mit den netten Beiden von AOL, das ja nicht nur uns fünf, sondern den ganzen fabelhaften Event großzügig gesponsort hat (weil sie sich möglicherweise den langen, langen Long Tail angesehen und festgestellt haben, da überwiegen Frauen?) - alles hat prima gepasst. Wir brauchen sowas in Europa.
 
Wen´s interessiert, hier stehen die Live-Blogs von der Konferenz.
Auch ansehen: Global Voices und The WIP.

Mittwoch, 1. August 2007

Chicago die zweite

Chicago ist nicht nur eine große, sondern auch eine schöne Stadt, das wusste ich nicht, das zeigte sich bei einer architekturgeführte Bootstour auf dem grünen Chicago River.



Natürlich muss man in Chicago auch shoppen. Bei Kenneth Cole stand ein ganzes Regal voller dreihundert-Dollar Killer Heels, auf 220 $ heruntergesetzt! Elisabeth und Nachtschwester nahmen Witterung auf. Auf dem Regal ein Schild: 70% Off! Yes, additionally! sagte die Verkäuferin. Die Nachtschwester wurde nervös. In Euro: nochmal 25% weniger, additionally! Das Herz raste, die Hände zitterten. Creezy fotografierte gleich meinen glasigen Blick, aber das Bild darf sie nicht bloggen. Und dann fanden die Verkäufer den linken Schuh eines der beiden Paare, auf denen ganz klar mein Name stand und ohne die mein Leben auf einen Schlag viel ärmer erschien, im Lager nicht!

Gut, dass uns danach die beiden eigens zur Konferenz eingeflogenen sehr sympathischen AOL-Deutschland-Jungs ins unglaubliche DelaCosta ausführten. Die Karte war erklärungsbedürftig komplex. Der Vortrag des Kellners nahm kein Ende, bis einer der beiden Herren unterbrach: "Just bring the whole show!"



Die Show nahm kein Ende. Es gab die ganze Küche. Alles köstlich und nichts davon hatte irgendjemand von uns so schon gegessen. Portugiesische Karnevalsmasken und -puppen im Raum, peruanisches Sushi. Eine Toilette mit persönlichem Service und kompletter Parfümerie. bittersweet choc hat´s fotografiert. Überhaupt haben wir sehenswerte Toiletten besucht.



Das hier fand sich beim Auspacken in meiner Tasche. Da hatte jemand seine Finger in meiner Wäsche und man kann nichts dagegen tun. Meine Kenneth Coles haben keiner Beamtin gepasst, sonst wären sie weg, das steht fest!



Zum Abschied ein paar Schnappschüsse vom Flughafen O´Hare:



Morgen erzähle ich von der Konferenz. Die war bewusstseinserweiternd. Andere waren schneller: Bei BlogHer selbst, wo sich die Nachtschwester schnell registriert hat, oder hier. Vorweg: bei einer Frauenblog-Konferenz geht es auf keinen Fall um Klamotten, Strickmuster oder Kochrezepte.

Montag, 21. Mai 2007

Heldenhunde

Über die kurvige Schnellstraße, weit ab von der nächsten Siedlung, trollten zwei Welpen. Unser Fahrer, der uns vom Kongress aus der Stadt im Süden abholen sollte, hielt an und fing sie ein, damit sie niemand totfährt.



Er wird beide großziehen. Sein alter Hund musste im März eingeschläfert werden. Darüber ist er noch nicht hinweg, denn es war ein besonderer Hund. Ein champagnerfarbener Sarplaninac von dem alten Schlag, der heute sehr selten geworden ist, nachdem ein völkerverwirrter Zuchtstandard lange in eine andere Richtung wies.

"Da ist Sarplaninac drin!" sagte respektvoll, wen immer wir auf dem Rückweg in den Karton in unserem Kofferraum sehen ließen. Wenn sie groß sind, werden sie wie diese Wildhunde aussehen, die M. auf einer seiner Bergtouren bis auf 2700 Meter Höhe gefolgt sind. Der vordere kommt dem Sarplaninac am nächsten.



Die Einheimischen lieben diese archaische Hunderasse, es gibt unzählige Legenden über sie. Der Boss hält einen Rüden in seiner Heimatstadt bei seinen Eltern, er hat Pranken und Mähne wie ein Löwe und ist groß wie ein Bär.
Man erzählt mir: Jahrhundertelang wurden sie von den Hirten nur mit Brot, Milch und Käse gefüttert, damit sie niemals einem Schaf etwas zuleide tun. Sie schützen bis heute die Schafherden oben in den Bergen vor Wölfen und Bären, auch wenn es heute in der Gegend viel weniger Schafe gibt. Wenn ein Sarplaninac einen Wolf stellt, kämpft er nur so lange mit ihm, bis der sich nicht mehr verteidigt. Dann nimmt er eine Pranke vom Gegner und beobachtet ihn. Bleibt er am Boden, lässt der Hund auch die zweite Pranke von ihm und trollt sich, ohne den Wolf zu töten, obwohl er es mühelos könnte. Er kennt keine Furcht, auch nicht vor Bären. Die meiste Zeit liegt er träge herum und ist freundlich zu Gott und der Welt, aber das täuscht. Nähert sich ein Mensch, der Übles vorhat - wehe ihm, denn der Hund spürt das genau. Wird ein Schaf von der Herde getrennt, lässt es der Hund nicht allein. Er bleibt tagelang bei ihm und schützt es, bis der Schäfer sie findet. Unvergessen auch der Sarplaninac des Genossen Tito, der einmal eine vom Personal unbemerkte Paketbombe aus dem Haus getragen haben soll. Er ist treu bis in den Tod, immer wieder haben Sarplaninci nach dem Tod ihres Herrn zu fressen aufgehört, bis sie selbst starben. Der Sarplaninac gilt als der bessere Mensch.
Hätte ich ein Haus mit großem Grundstück, hätte ich diesmal auf dem Rückflug einen im Gepäck.

Tagesdosis

Ach Frau Nachtschwester...
Ach Frau Nachtschwester - kaum ist man ein paar Tage...
Inge (Gast) - 12. Apr, 11:31
Heldenhunde
Über die kurvige Schnellstraße, weit ab...
nachtschwester - 28. Mrz, 20:59
Abschiedsschmerz
Liebe Nachtschwester, Angang Februar hatte ich einen...
Annelie (Gast) - 28. Mrz, 10:57
schade, dass (auch) sie...
ich hab ihre formulierungen und ihren (gerade auch...
la-mamma - 21. Mrz, 15:00
ein blog ist nichts anderes...
ein blog ist nichts anderes als eine persönliche...
bonanzaMARGOT - 21. Mrz, 11:32
Das ist ja eine fabelhafte...
Das ist ja eine fabelhafte außerordentliche Feedbackrunde...
nachtschwester - 19. Mrz, 06:10
Lieber Escrilo, darüber...
Lieber Escrilo, darüber bin ich von den Socken!...
nachtschwester - 18. Mrz, 20:34
Für alles, was du...
Für alles, was du planst, ob es nun schreiben...
Etosha (Gast) - 17. Mrz, 21:15

Verordnungen

Allgemeinzustand

Du bist nicht angemeldet.
Counter

Status

Online seit 2658 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 12. Apr, 11:31
Locations of visitors to this page



Suche

 

Alles Käse
Anamnese
C2-Abusus
Ergotherapie
Externe Einsätze
Fallstudien
Häusliches Umfeld
Intensivstation
Kontraindikation
Krankheitsbilder
Kuraufenthalte
Personalangelegenheiten
Teambesprechung
Verlorengegangene Personen
Zufallsbefunde
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren