Gucha
Ich war in Gucha. Ist das schon wieder drei Wochen her. Das hier gibt die Atmosphäre im Ansatz wieder:
Jedes Dorf auf dem Balkan hat eine Blaskapelle, die zu Hochzeiten und Beerdigungen aufspielt. Deshalb heißt Bregovic´s Band auch Weddings & Funerals Orchestra. Falls Sie Bregovic nicht kennen, er hat die Musik zu den meisten Kusturica-Filmen gemacht (wenn Sie Kusturica nicht kennen, ist Ihnen nicht zu helfen) und ist in dieser Szene Gott. Die Musik, zu der die Menschen im oben verlinkten Video auf den Tischen tanzen, ist von Bregovic.
Das Festival in Guca ist ein Wettbewerb der Blaskapellen um die Goldene Trompete. Es gibt Vorausscheidungen und Endausscheidungen, innerserbisch und am Ende "international", vor einer hochseriösen Jury aus Musikprofessoren. Auf der großen Bühne wird tatsächlich hohe Kunst gespielt. Aber auch unzählige Kapellen, die gar nicht wettbewerben, ziehen eine Woche lang durch die Straßen und Cafes und trompeten. Man geht einmal über die Hauptstraße des Dorfes, die keineswegs lang ist, und ist am Ende taub. Erfahrenere Besucher sind mit Oropax in den Ohren unterwegs. In Ruhe ein Käffchen trinken geht nicht, sofort hat man 10 Bläser und einen Trommler am Tisch. Und sie sind laut, und sie ziehen nur weiter, wenn man ihnen genug Geld in den Kelch oder wie das heißt stopft. Das Gebläse hört mit dem Mitternachtskonzert noch lange nicht auf und geht früh um sieben mit der Morgenparade schon wieder los. Es sind nur ein Dutzend traditionelle Kernmelodien, in tausend Variationen.
Und wenn Sie denken, mit Blasmusik nichts am Hut zu haben, das Festival aus rein akademischem ethnologischen oder kulturanthropologischen Interesse oder wegen der Spanferkel oder der Frauen zu besuchen, glauben Sie mir, am Ende lieben Sie Trompete.


Wir wohnten bei einer Familie, die 25 Gäste in ihr Haus aufgenommen hatte. In der Garage nächtigten drei Israelis. Die neunköpfige Familie schlief im Wohnzimmer, überall waren Sofas ausgezogen und lagen Matratzen. Ich hatte ein Kinderzimmer mit Flugzeug-Bettwäsche. Das Kind hatte in seinem Kleiderschrank ordentlich ein Fach für mich freigeräumt. Morgens wurden alle von zwei unglaublich entspannten Hausherrinnen im Garten mit Mokka und einem fabelhaften Frühstück bewirtet. Die zwei Bäder waren zwar ständig besetzt, aber insgesamt war das eine erstklassige Unterkunft, im Vergleich. Überall im Dorf zelteten und schliefen Menschen, in Autos, Scheunen, Gärten, Ställen. Über eine halbe Million in einen 3000-Seelen-Dorf, fragen Sie nicht nach sanitären Anlagen oder Müllabfuhr, wir sind nicht in Deutschland.
Den Frohsinn trübte ein bisschen die Tatsache, dass der Ehemann meiner Freundin G ungeplant zu Besuch war und uns begleitete. Er arbeitet für eine internationale Organisation in Bagdad und ist nach 2 Jahren in der Red Zone etwas angespannt. Dass G von einem Serben harmlos auf der Straße angequatscht wurde, verstörte ihn so sehr, dass er ein Stück weiter völlig nüchtern in ein weithin sichtbares ins Loch in einer Holzbrücke fiel, sich dabei den Knöchel verdrehte und danach 2mal kollabierte wie eine 13jährige bei Tokio Hotel.
Nach Rehydrierung mit 2l Wasser aus einem nahegelegenen Brunnen hörte er auf, die Augen zu verdrehen und umzufallen, sodass wir ihn zu Fuß durchs Gedränge ins Krankenhaus schleppen konnten. Dort gab es kein Röntgen. Sie wickelten ihm pro forma eine Binde um den Fuß, gaben ihm Diclofenac und stöhnten über das Festival: "Für Sie ist es Spaß, für uns ist es eine Woche Kopfschmerzen." Den Sonntag verbrachte er im Bett mit Beinhochlegen und Kühlen, ließ sich von G pflegen und füttern. Ich bestellte für Montag in Lutenblag Orthopädin, Röntgen und MRT, aber am Montag, G war es peinlich, es mir zu sagen, sein Knöchel dick wie eine Wassermelone, WOLLTE ER NICHT ZUM ARZT. Erbrach aber später von den zwei Tabletten Diclofenac, die er in Serbien bekommen hatte, Blut, sodass G ihn kurzerhand von Botschaftspersonal abholen und doch in unsere Klinik fahren ließ. Nach der Gastroskopie schoben sie auch seinen Fuß durchs Röntgen und MRT, und was hatte er? Nichts! Ein Band gezerrt! G ist mein allerpatentester partner in crime in allen Lebenslagen, aber mit ihrem Mann hat sie sich, glaube ich nach diesem Wochenende, vergriffen.
Zu essen gab es gegrillte Schweine und Schafe, außerdem überall den speziellen, in großen Tontöpfen auf Kohle-Glut gegarten Kohl-Eintopf.

Die vielen Grills und Glutfelder machten das Begehen des Geländes im August bei 40 Grad nicht erfrischender. Aber es gibt den Bach, der normalerweise knietief ist, für das Festival aber mit einem aufblasbaren Gummi-Damm aufgestaut wird.

Höhepunkte neben dem Wettbewerbsfinale waren das Boban und Marko Markovic - Orchester, das jahrelang goldene Trompeten gewann, bis es schließlich vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde - vielleicht kennen Sie es von Miss Platnum, und schon wieder Bregovic, der immer einen Künstler mitspielen lässt, der musikalisch ganz anders zu sortieren ist. Diesmal ließ er Ederlezi, ein Roma-Volkslied, das jedes Balkanvolk in seiner eigenen Sprache in sein Kulturgut aufegnommen hat, von einem russischen goldenen Tenor singen, was für ein herrlicher, absurder Geniestreich, den ich zu gerne verlinkt hätte, hätte er die Aufnahmen davon auf Youtube nicht sperren lassen.
Am Ende, nach dem Bregovic-Konzert, auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft, schoß ich das letzte, ebenso friedvolle wie rätselhafte Foto. Wie kommt die Kutsche ins Flüsschen und warum? Ist der Mann auf der Rückbank tot? Soll die Leiche verschwinden? Das Wasser ist doch zu flach!

Falls Sie Für nächstes Jahr Guca ins Auge fassen und nicht unter diesen Bedingungen zelten wollen, fragen Sie die Nachtschwester, die kennt sich jetzt aus. Und ihr fällt keine Veranstaltung ein, bei der man mehr himmelschreienden, irrwitzigen, sinnfreien Spaß haben könnte.
Jedes Dorf auf dem Balkan hat eine Blaskapelle, die zu Hochzeiten und Beerdigungen aufspielt. Deshalb heißt Bregovic´s Band auch Weddings & Funerals Orchestra. Falls Sie Bregovic nicht kennen, er hat die Musik zu den meisten Kusturica-Filmen gemacht (wenn Sie Kusturica nicht kennen, ist Ihnen nicht zu helfen) und ist in dieser Szene Gott. Die Musik, zu der die Menschen im oben verlinkten Video auf den Tischen tanzen, ist von Bregovic.
Das Festival in Guca ist ein Wettbewerb der Blaskapellen um die Goldene Trompete. Es gibt Vorausscheidungen und Endausscheidungen, innerserbisch und am Ende "international", vor einer hochseriösen Jury aus Musikprofessoren. Auf der großen Bühne wird tatsächlich hohe Kunst gespielt. Aber auch unzählige Kapellen, die gar nicht wettbewerben, ziehen eine Woche lang durch die Straßen und Cafes und trompeten. Man geht einmal über die Hauptstraße des Dorfes, die keineswegs lang ist, und ist am Ende taub. Erfahrenere Besucher sind mit Oropax in den Ohren unterwegs. In Ruhe ein Käffchen trinken geht nicht, sofort hat man 10 Bläser und einen Trommler am Tisch. Und sie sind laut, und sie ziehen nur weiter, wenn man ihnen genug Geld in den Kelch oder wie das heißt stopft. Das Gebläse hört mit dem Mitternachtskonzert noch lange nicht auf und geht früh um sieben mit der Morgenparade schon wieder los. Es sind nur ein Dutzend traditionelle Kernmelodien, in tausend Variationen.
Und wenn Sie denken, mit Blasmusik nichts am Hut zu haben, das Festival aus rein akademischem ethnologischen oder kulturanthropologischen Interesse oder wegen der Spanferkel oder der Frauen zu besuchen, glauben Sie mir, am Ende lieben Sie Trompete.


Wir wohnten bei einer Familie, die 25 Gäste in ihr Haus aufgenommen hatte. In der Garage nächtigten drei Israelis. Die neunköpfige Familie schlief im Wohnzimmer, überall waren Sofas ausgezogen und lagen Matratzen. Ich hatte ein Kinderzimmer mit Flugzeug-Bettwäsche. Das Kind hatte in seinem Kleiderschrank ordentlich ein Fach für mich freigeräumt. Morgens wurden alle von zwei unglaublich entspannten Hausherrinnen im Garten mit Mokka und einem fabelhaften Frühstück bewirtet. Die zwei Bäder waren zwar ständig besetzt, aber insgesamt war das eine erstklassige Unterkunft, im Vergleich. Überall im Dorf zelteten und schliefen Menschen, in Autos, Scheunen, Gärten, Ställen. Über eine halbe Million in einen 3000-Seelen-Dorf, fragen Sie nicht nach sanitären Anlagen oder Müllabfuhr, wir sind nicht in Deutschland.
Den Frohsinn trübte ein bisschen die Tatsache, dass der Ehemann meiner Freundin G ungeplant zu Besuch war und uns begleitete. Er arbeitet für eine internationale Organisation in Bagdad und ist nach 2 Jahren in der Red Zone etwas angespannt. Dass G von einem Serben harmlos auf der Straße angequatscht wurde, verstörte ihn so sehr, dass er ein Stück weiter völlig nüchtern in ein weithin sichtbares ins Loch in einer Holzbrücke fiel, sich dabei den Knöchel verdrehte und danach 2mal kollabierte wie eine 13jährige bei Tokio Hotel.
Nach Rehydrierung mit 2l Wasser aus einem nahegelegenen Brunnen hörte er auf, die Augen zu verdrehen und umzufallen, sodass wir ihn zu Fuß durchs Gedränge ins Krankenhaus schleppen konnten. Dort gab es kein Röntgen. Sie wickelten ihm pro forma eine Binde um den Fuß, gaben ihm Diclofenac und stöhnten über das Festival: "Für Sie ist es Spaß, für uns ist es eine Woche Kopfschmerzen." Den Sonntag verbrachte er im Bett mit Beinhochlegen und Kühlen, ließ sich von G pflegen und füttern. Ich bestellte für Montag in Lutenblag Orthopädin, Röntgen und MRT, aber am Montag, G war es peinlich, es mir zu sagen, sein Knöchel dick wie eine Wassermelone, WOLLTE ER NICHT ZUM ARZT. Erbrach aber später von den zwei Tabletten Diclofenac, die er in Serbien bekommen hatte, Blut, sodass G ihn kurzerhand von Botschaftspersonal abholen und doch in unsere Klinik fahren ließ. Nach der Gastroskopie schoben sie auch seinen Fuß durchs Röntgen und MRT, und was hatte er? Nichts! Ein Band gezerrt! G ist mein allerpatentester partner in crime in allen Lebenslagen, aber mit ihrem Mann hat sie sich, glaube ich nach diesem Wochenende, vergriffen.
Zu essen gab es gegrillte Schweine und Schafe, außerdem überall den speziellen, in großen Tontöpfen auf Kohle-Glut gegarten Kohl-Eintopf.

Die vielen Grills und Glutfelder machten das Begehen des Geländes im August bei 40 Grad nicht erfrischender. Aber es gibt den Bach, der normalerweise knietief ist, für das Festival aber mit einem aufblasbaren Gummi-Damm aufgestaut wird.

Höhepunkte neben dem Wettbewerbsfinale waren das Boban und Marko Markovic - Orchester, das jahrelang goldene Trompeten gewann, bis es schließlich vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde - vielleicht kennen Sie es von Miss Platnum, und schon wieder Bregovic, der immer einen Künstler mitspielen lässt, der musikalisch ganz anders zu sortieren ist. Diesmal ließ er Ederlezi, ein Roma-Volkslied, das jedes Balkanvolk in seiner eigenen Sprache in sein Kulturgut aufegnommen hat, von einem russischen goldenen Tenor singen, was für ein herrlicher, absurder Geniestreich, den ich zu gerne verlinkt hätte, hätte er die Aufnahmen davon auf Youtube nicht sperren lassen.
Am Ende, nach dem Bregovic-Konzert, auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft, schoß ich das letzte, ebenso friedvolle wie rätselhafte Foto. Wie kommt die Kutsche ins Flüsschen und warum? Ist der Mann auf der Rückbank tot? Soll die Leiche verschwinden? Das Wasser ist doch zu flach!

Falls Sie Für nächstes Jahr Guca ins Auge fassen und nicht unter diesen Bedingungen zelten wollen, fragen Sie die Nachtschwester, die kennt sich jetzt aus. Und ihr fällt keine Veranstaltung ein, bei der man mehr himmelschreienden, irrwitzigen, sinnfreien Spaß haben könnte.


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Kontakte zu fabelhaften Bloggerinnen und einer Blogher-Redakteurin. Eine kleine 

