Kontraindikation

Sonntag, 27. November 2011

Den Teufel mit dem Beelzebub

Ich habe mir heute zum Frühstück einen Print-Spiegel gekauft und lese dort auf Seite 100 der Nr. 47, amerikanische Eliteeinheiten helfen seit letzter Woche im Grenzgebiet von Südsudan und Kongo bei der Jagd auf Joseph Kony.

Kony führt seit 1987 Krieg gegen die ugandische Regierung mit dem Ziel, einen Gottesstaat auf Grundlage der 10 Gebote zu errichten. Vom Guerillakrieg seiner Lord´s Resistance Army (LRA) sind auch der Südsudan und die Grenzgebiete des Kongo betroffen. Auf sudanesischer Seite bekämpft ihn die Sudanese People´s Liberation Army (SPLA), die nordsudanesische Regierung unterstützt deshalb Kony´s LRA. Diese ist verantwortlich für unsägliche Grausamkeiten, Massaker, Vergewaltigungen, Verstümmelungen, die im Namen Gottes von Kindersoldaten vollzogen werden. Seit 1987 soll Kony über 100.000 Kinder entführt haben, die Jungen als Soldaten, die Mädchen als Sexsklaven. Zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht vor der LRA. Ich weiß das, weil in den letzten Monaten in der Aid-Blog-Szene viel über Kony geschrieben wurde, vor allem im Zusammenhang mit Sam Childers.

Sam Childers ist ein gewalttätiger Ex-Junkie, Drogendealer und Biker aus Pennsylvania, der zu Gott fand, nachdem er eine Stripperin geheiratet und diese ihm eine Tochter geboren hatte. Seither predigt er in der evangelikalen Kirche. Anstatt an dieser Stelle als Republikaner eine politische Karriere anzustreben, die in einer Präsidentschaftskandidatur hätte gipfeln können, wie man das kennt, fand er 1992 während einer Missionsreise nach Uganda die verstümmelte Leiche eines Kindes, das von einer Mine getötet worden war und damit seine Berufung: afrikanische Kinder retten.

Er gründete die Hilfsorganisation Angels of West Africa, baute ein Waisenhaus, und in dessen Hof ein Waffenlager, denn Childers sieht sich nicht als Sofa-Missionar, sondern als Gotteskrieger. Nach eigenen Angaben, die er inzwischen nicht mehr bestätigt, unterstützt er nicht nur an die SPLA mit Waffenlieferungen, sondern nicht näher benannte Kräfte in Ruanda und im Kongo. Childers behauptet, selbst für die SPLA zu kämpfen und von der sudanesischen Regierung für seine Verdienste zum Ehrenkommandeur ernannt worden zu sein. Die SPLA besteht dabei übrigens, wie Kony´s LRA, zum Teil aus Kindersoldaten. Daneben macht Childers auch mit seiner eigenen kleinen, schwer bewaffneten Privatmiliz Jagd auf Kony, um ihn zu töten. Im Namen Gottes, versteht sich. Dem Autor eines sehr lesenswerten Vanity Fair-Artikels von 2010 gegenüber gab er an, mehr als 10 LRA-Soldaten persönlich getötet zu haben.



Um das Spendenaufkommen zu erhöhen, schrieb er ein Buch über sein Leben: Another Man´s War. Das Buch wurde inzwischen verfilmt. Er betreibt eine sehr kommerzielle Webseite mit umfangreichem Fanartikel-Shop.

Eine Menge ist faul an Childers´Aktivitäten und seiner Geschichte.
  1. Waisenhäuser sind grundsätzlich keine gute Idee, bedürftigen Kindern zu helfen. Waisenhäuser machen Kinder zu Waisen, aber das kann Childers als pseudohumanitärer Amateur nicht wissen, siehe Punkt 6.
  2. Der Waffenhandel. Mehr Waffen in diese instabile Region zu bringen, ist kein guter Plan, selbst im Namen Gottes.
  3. Die Geschichte ist narzisstisch aufgeblasen oder in Teilen ganz erlogen. Vor allem die SPLA dementiert jede Zusammenarbeit mit Childers und verwahrt sich gegen den Missbrauch ihres Namens für seine Fundraiser (siehe auch hier). Aid-Blogger, die in der Region arbeiten, halten seine Schilderungen für unrealistisch (z.B. hier, 2. Absatz).
  4. Childers´ Auftreten mit seiner schwer bewaffneten Truppe unter dem Etikett "Humanitäre Hilfe" gefährdet unmittelbar die Mitarbeiter seriöser Hilfsorganisationen. Siehe Tales From the Hood:
    ...every time he fires off a few rounds (you know, for the children), he further cements in the minds of insurgent groups around the world that humanitarian workers are also mercenaries....And so every time the inarticulate Machine Gun Preacher packs heat into South Sudan he makes the entire world more dangerous for me and my friends and innumerable real aid worker colleagues. Every time he puts up another video of himself jumping into his white SUV with an AK47 across his lap, he increases the likelihood that I or someone I care about is going to get shot.
    Oder Erin in Juba:
    Tribal violence in South Sudan is a complicated clusterf[***], to say the least. However, most of the violence is in between the tribes. The traditions of violence and cattle raiding go back generations, and are a tragedy for sure, but because of their specific tribal-focused aims, they tend to not focus on targeting humanitarians.  And then this idiot claims he has “no choice” but to go blazing into the middle of a mob?
  5. Der verlinkte Vanity Fair-Artikel wirft die Frage auf, wie freiwillig die angeblichen "Waisen" von Childers aus dem Busch "gerettet" werden. 
  6. Childers suggeriert, jeder Laie könne mit Gottvertrauen und einer Knarre ein Stück der Welt retten. Humanitäre Hilfe ist hochkomplex und braucht Profis. International Development ist nicht umsonst ein Studiengang. Man muss sich vor Childers-Nachahmern fürchten.
  7. Childers´Waisenhaus in Nimule wurde im September von den Behörden geschlossen, nachdem sudanesische Inspektoren und andere NGOs Mängel in der Betreuung, Essensversorgung, Sauberkeit und medizinischer Versorgung der Kinder festgestellt hatten. Ein früherer Mitarbeiter eines anderen Kinderheims in Nimule schreibt, er habe sich seit langem gewundert, dass Eltern ihre Kinder aus dem "Waisenhaus" (s. Punkt 1) zurückholten. Childers sammelt trotzdem weiterhin Spenden für die Einrichtung.

Mit diesen Details hielt sich in Hollywood leider niemand auf. Der Film "Machine Gun Preacher" läuft seit zwei Monaten in amerikanischen Kinos.



Außerdem entsteht eine mehrteilige Fernsehdokumentation, die Childers ebenfalls heroisiert. Seine Geschichte sei inspirierend, habe ich in unzähligen Kommentaren und Interviews gelesen und gehört. Darin liegt die Gefahr.

Was hat das mit dem Spiegel-Artikel zu tun?
Kony operiert seit 1987. Childers´Buch erschien im März 2009. Der Kongress beschloss den Lord's Resistance Army Disarmament and Northern Uganda Recovery Act of 2009, der im Mai 2010 vom Präsidenten unterzeichnet wurde. Der "Machine Gun Preacher" spielt seit dem 23.09.2011 in amerikanischen Kinos. Im Oktober beschloss die US-Regierung, 100 "Militärberater" nach Kampala zu schicken. Eine interessante Timeline, finde ich.

Es gibt noch keinen Termin für den Deutschlandstart. Wenn es so weit ist, hoffe ich, Sie lassen diesen Kelch an sich vorbeigehen. Mögen die Spendenaufrufe für Childers´gefährliche, möglicherweise kriminelle Organisation wenigstens hier nicht fruchten.

Edit: Ich sehe eben, Childers glaubt selbst, der Filmstart habe die Entscheidung getriggert, Truppen zu entsenden.

Sonntag, 30. Juli 2006

Auf einen Blick

Für die Menschen mit besonderen Vorlieben, die auf der Suche nach Gummi versehentlich hier landen, lege ich jetzt die Karten auf den Tisch:
Bitteschön eine vollständige Synopsis der Gummiartikel im Lebensraum der Nachtschwester. Mehr hab ich nicht zu bieten, tut mir leid.
Ihr sollt nie wieder vergebens öde, unbebilderte Blogbeiträge durchkämmen müssen.

Gummisynopsis

Tagesdosis

Ach Frau Nachtschwester...
Ach Frau Nachtschwester - kaum ist man ein paar Tage...
Inge (Gast) - 12. Apr, 11:31
Heldenhunde
Über die kurvige Schnellstraße, weit ab...
nachtschwester - 28. Mrz, 20:59
Abschiedsschmerz
Liebe Nachtschwester, Angang Februar hatte ich einen...
Annelie (Gast) - 28. Mrz, 10:57
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ich hab ihre formulierungen und ihren (gerade auch...
la-mamma - 21. Mrz, 15:00
ein blog ist nichts anderes...
ein blog ist nichts anderes als eine persönliche...
bonanzaMARGOT - 21. Mrz, 11:32
Das ist ja eine fabelhafte...
Das ist ja eine fabelhafte außerordentliche Feedbackrunde...
nachtschwester - 19. Mrz, 06:10
Lieber Escrilo, darüber...
Lieber Escrilo, darüber bin ich von den Socken!...
nachtschwester - 18. Mrz, 20:34
Für alles, was du...
Für alles, was du planst, ob es nun schreiben...
Etosha (Gast) - 17. Mrz, 21:15

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