Sachzwänge entstehen, wenn in einem kleinen Katheterlabor auf dem Land ein Herzkranzgefäß rupturiert und der Patient einen massiven Infarkt erleidet, wenn die Anwesenden beim Reanimieren auch nach einer Stunde noch keinen Schlußpunkt setzen wollen und im Adrenalinrausch, denn wann haben sie schon mal so viel Action, atemlos den Transport ins nächstgrößere Herzzentrum veranlassen, wenn dieser Patient dort druckmassierterweise in den OP geschossen wird, wenn auch dort kein Verantwortlicher Luft holt, um nach einem Blick in die weiten, lichtstarren Pupillen eine Sekunde lang über die Sinnhaftigkeit des folgenden Unterfangens nachzudenken, medizinisch, ethisch und auch finanziell, wenn im Verlauf der folgenden Notfall-Automatismen der Patient erstmal sicher an der Herz-Lungen-Maschine hängt, todsicher, weil sein Herz auch nach mehreren Stunden und Versuchen, von der Maschine abzugehen, sich weigert, Blut auszuwerfen, wenn es mittlerweile ein Uhr nachts ist und das OP-Personal, seit 18 Stunden im Dienst, diesen Patienten nur noch aus dem Saal haben will, egal wie, wenn dann mit letzter Kraft ein 45.000 € teures Kunstherz in die Beinahe-Leiche eingebaut wird.
Dann landet er frühmorgens auf der Intensivstation, mit immernoch lichtstarren Pupillen, blaufleckiger Zunge, eingetretener Leichenstarre von den Knien abwärts und im Multiorganversagen, was alle verfügbaren Kapazitäten bindet, denn so einem Zweidritteltoten mit pulsierendem Kunstherz weiter den Anschein eines gewöhnlichen Intensivpatienten zu geben, ist sehr aufwändig. Medikamente, Transfusionen, die aus dem unverschlossenen Brustkorb gleich wieder herauslaufen, Gerinnungsfaktoren, Hämofilter, wir machen alles, Anordnung von oben. Das Kunstherz läuft super. Das 25jährige Blondchen frisch von der Uni, das noch mit Begeisterung über diese High-End-Medizin beschäftigt ist, am allerwenigsten begreift, was vor sich geht und womöglich glaubt, der Mann wird auferstehen wie Phönix aus der Asche und nächste Woche geheilt entlassen, wird später am Tag zum Gespräch mit den Angehörigen geschickt.
"Ein paar Tropfen Blut für deinen Tee? Der pH ist saurer als Zitrone", sagt der Kollege, der mir die letzte Blutgasanalyse bringt. Die Diensthabende ist unglücklich. "Diese Leichenfledderei! Ich könnte losheulen." "Zieh dir das nicht so rein, du kannst eh nichts ändern." "Ja, aber seine Seele schwebt bestimmt über uns und schaut zu bei der Schweinerei!" jammert sie.
So bringen wir ihn pseudolebendig über die Nacht, und jede weitere Massnahme, jeder weitere Tausender, der hier verbraucht wird, als gäbe es kein Morgen, scheint für die Entscheidungsträger das Eingeständnis des Scheiterns, der Verkettung von Fehlentscheidungen, von blinden Automatismen zu erschweren. Wie jetzt noch aufhören?
Es würde mir etwas ausmachen, hätte ich das so oder ähnlich nicht schon zigmal gesehen.
Ganz anders war das vor ein paar Wochen auf dem Balkan mit diesem hilflosen Vater. Seine Tochter war am Vortag in einer Kleinstadt zur Welt gekommen und irgendetwas stimmte nicht. Nach zwölf Stunden verlegte man das blitzblaue Neugeborene in die Uniklinik, es dauerte weitere zehn Stunden, bis man die
Transposition der großen Gefäße erkannte. "Das Kind muss beatmet bleiben." sagte man ihm. "Rufen Sie mal in Sofia an, da kann man das operieren, wir können nichts machen, höchstens Prostaglandine geben. Hier haben Sie das Rezept, schauen Sie, wo Sie´s herkriegen, aber hierzulande gibt´s das nicht, das sagen wir ihnen gleich."
Verzweifelt das Rezept schwenkend kam er zu uns, aber der wunderbare deutsche Professor war schon abgereist, unser einheimischer Kinderarzt hätte zwar ein Katheterlabor zur Verfügung, aber kein Material für Neugeborene, unsere Pharmaimport-Tochterfirma kann alles besorgen, aber fragliches Medikament käme mangels Zulassung nicht durch den Zoll, und so mussten wir ihn wegschicken.
Vermutlich ist das Kind inzwischen gestorben, aus Sachzwängen.