Intensivstation

Dienstag, 22. April 2008

Die Kluft

Ein Angehöriger eines kleinen nationalen KFOR-Kontingents fiel beim Joggen tot um, wurde primär erfolgreich reanimiert, in Prizren vom Sanitaetsdienst der Bundeswehr grundversorgt und über die Grenze zu uns geflogen. Ein halbes Dutzend einheimischer Mitarbeiter berichteten mir heute morgen ungläubig und mit strahlenden Augen, wie der Patient am Wochenende angeliefert wurde: Mit Tubus! Mit Oxylog, und in der Flasche war GENUG SAUERSTOFF! Mit Arterie! Mit ZVK! mit kompletter Dokumentation! samt CT-Befunden von Schädel und Thorax! Mit Labor! Sowas hat man hier noch nie gesehen!
Pfff, na und, normal, was dachtet ihr denn, kriegt euch wieder ein, dachte ich.

Samstag, 19. April 2008

Vorgezeichnet

Die Intensivschwesterchen hier, grazil und zerbrechlich wie Kätzchen, mit ihren dunklen Pferdeschwänzen und großen Augen, intelligent und wohlerzogen und bescheiden und freundlich und fleißig, und bevor sie mich anprechen, wenn sie mich ansprechen, immer eine Entschuldigung dafür, dass sie mich ansprechen, stellen nie ärztliche Anordnungen in Frage, egal, wie absurd, nennen ihre Patienten Onkelchen und Tantchen und duzen sie, da kann ich professionelle Distanz predigen, so viel ich will und gebe es schon auf, denn sie sind so süß dabei. Sie wohnen in ihren Kinderzimmern bis zur Hochzeit, dann ziehen sie zu den Schwiegereltern ins Kinderzimmer des Mannes, und wenn sich eine verlobt, muss ich schon Ersatz planen, denn die Schwangerschaft folgt immer pünktlich. Dann sind sie 22. Und wenn eine mit 25 nicht unter der Haube ist, stürzt die Verwandschaft in tiefe Sorge. Sie haben Väter und Onkel und Männer, die sich um alles kümmern - den Reifenwechsel, den Handyvertrag, den Urlaub buchen. Sie sind so fremd.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Teufel und Beelzebuben

Der Alte gibt sich erschüttert über meine Kündigung. Aber ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass in diesem Pflegeteam kein Raum sei für mich, alles dröge adyname bildungsresistente Personen, die sich gegen Neuerungen sperrten. Schade, schade. Was die Höchstevorgesetzte dazu sage? Sie ist einverstanden, sagte ich. Der Alte will eine Kopie der kopierten Kündigung und meines Antwortschreibens für seine eigenen unergründlichen Zwecke.

Da ich mich der Höchstevorgesetzten in keiner Weise verbunden fühle, brachte ich ihm die beiden Schreiben. Der Alte schnarrte beim Lesen Ha! keine Kultur! Sowas kann man nicht machen! ich muss gleich zu einer Versammlung mit dieser erbärmlichen Person, dabei werde ich das hier dem ärztlichen Direktor vorlegen! So ist meine Kündigung ein Vorwand für den Alten und den Direktor, wieder ein bisschen am Stuhl der Höchstevorgesetzten zu schnitzen.

Der Alte hasst zwei Patientengruppen, Übergewichtige und postoperativ Verwirrte. Alkoholiker auch, aber nur wenn sie weiblich sind. Bei den männlichen Alkoholikern gibt er verständnisvoll den Lebensumständen schuld, und damit meint er deren Frauen. Anders als ich äußert er seine Aversionen grob verbal und wird auch mal tätlich, am liebsten bei den Verwirrten oder denen im Alkoholentzug, da kann man hinterher einfach sagen, was, ich Sie gewürgt? Ich bitte Sie, das muss Ihnen doch selbst absurd vorkommen. Sie haben viel halluziniert in diesem Zeitraum, das ist dokumentiert. Oder: ich musste das tun, ihr Leben hing davon ab.
Der ärztliche Direktor kommuniziert nur mit langjährigen ärztlichen Mitarbeitern und seinen Privatpatienten und schreitet im übrigen grußlos über seine Intensivstation. Manchmal ruft er an, hat den Diensthabenden am Telefon und verlangt den Diensthabenden, weil er den Diensthabenden nicht kennt.

Die beiden Beelzebuben wollen also die Teufelin austreiben. In zehn Jahren werden die liebgewonnenen, tapferen, drögen, adynamen Personen und ich über all das ungläubig lachen.

Dienstag, 27. November 2007

Da ist er...

Ohne Titel-1 Kopie

...endlich ein Beweis für die angebliche Sprödigkeit der Norddeutschen.


Nächstes Jahr:
keine Nacht- oder Feiertagsarbeit mehr für zuwenig Geld
reinen Gewissens sein
nie wieder unter Wert verkaufen
Lumbago auskurieren


Sehr geehrte Frau Höchstevorgesetzte,

mit Befremden habe ich Ihre Reaktion auf meine Kündigung zur Kenntnis genommen. Wie Sie sicherlich wissen, ist weder Ihr Einverständnis für eine Kündigung erforderlich, noch genügt eine Fotokopie mit handschriftlichem Vermerk den formalen Anforderungen der Situation.

Da ich davon ausgehe, dass Sie gar nicht wissen, wer ich bin, fasse ich Ihre Reaktion nicht als persönliche Kränkung auf. Allerdings möchte ich Ihnen rückmelden, dass Sie damit, bewusst oder unterbewusst, abgrundtiefe Geringschätzung für Ihr Personal widerspiegeln. Sollten Sie nach dem Motto "Reisende soll man nicht aufhalten" gehandelt haben, wäre dennoch ein Zweizeiler angebracht gewesen, der üblicherweise Formeln wie "mit Bedauern nehmen wir zur Kenntnis" und "wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute" enthält. Immerhin hatte ich schon in Erwartung Ihres Desinteresses an möglichen Personalbindungsstrategien darauf verzichtet, Ihnen Kündigungsgründe mitzuteilen.

Vor dem Hintergrund der unermüdlichen Vorstandsbemühungen um Unternehmenskultur (Knigge etc.) hoffe ich, Sie nehmen dieses Schreiben zum Anlass, Ihren Kommunikationsstil zu überdenken.

Mit den besten Wünschen für Ihre weitere Laufbahn

Die Nachtschwester

Sonntag, 28. Oktober 2007

Gesundheitswirtschaft, aus dem Leben gegriffen

IMG 2080Ein Mann stirbt einen plötzlichen Herztod, wird erst von Laien, dann vom Notarzt reanimiert, niemand weiß hinterher, wie lange, kommt per Hubschrauber und wird erfolgreich operiert. Partiell erfolgreich, denn wie befürchtet, wird er danach tagelang nicht wach. CT und EEG zeigen, das Hirn ist, Verzeihung, Matsch. An einem Samstag redet der Diensthabende mit den Angehörigen Klartext, klärt sie auf über Prognose, geringes Rehapotential und das für die weitere Behandlung notwendige Betreuungsverfahren. Er lässt sie eine Nacht darüber schlafen. Am nächsten Tag hat bereits ein Vormundschaftsrichter die Ehefrau wie gewünscht als Betreuerin eingesetzt, und der Arzt klärt sie über die für die zu erwartende Langzeitbeatmung notwendige Tracheotomie auf. Sie unterschreibt die Einwilligung. Bis hierher geht alles seinen gewohnten Gang.

Montags morgens spricht sich der herrschende Oberarzt gegen die Tracheotomie aus. Ein Tracheotomie-Set koste 250 Euro. Die Assistenzärzte sollen den Mann mit seinem oralen Tubus zügig an ein peripheres Haus loswerden, dort könne man das Geld ja ausgeben, wenn man wolle.

Der Patient findet angesichts der kürzlich erfolgten Herzoperation, der künstlichen Beatmung und der miserablen neurologischen Prognose nicht so recht einen Abnehmer, schließlich erklärt sich ein kleines Haus zur Übernahme bereit.

Kurz danach rechnete der Oberarzt die bisherigen Beatmungsstunden nach. Die magischen 250 Beatmungsstunden, die mit einem fünfstelligen Batzen von der Kasse vergütet werden, werden erst in der Nacht nach der geplanten Verlegung erreicht. Er lässt die Verlegung absagen.

Mittlerweile hat der tief komatöse Mann angefangen, spontan zu atmen, theoretisch in ausreichendem Umfang, um ihn vom Beatmungsgerät zu entwöhnen. Leider erbricht er immer wieder im Schwall, ohne Tubus und ohne Schutzreflexe würde er sehr bald Magensekret in die Atemwege anatmen und daran versterben.

Dennoch heißt die Order, ihn nachts nach einer bestimmten Uhrzeit, die den Ablauf der 250 Stunden markiert, zu extubieren. Das taten wir nicht, aber der Tagdienst hatte in Anwesenheit des Oberarztes keine andere Wahl. Der Patient verstarb keine 24 Stunden später.

Die Abteilung hat Geld verdient. Jemand wird den Angehörigen glaubhaft vermitteln, der Verlauf sei unabwendbar gewesen.

Sonntag, 14. Oktober 2007

Der Tod sitzt im Darm

Ich erhielt heute mit der Post eine hochwissenschaftliche Informationsschrift zu einem Produkt, für das ich keine Verwendung habe. Ich bin nämlich zu jung dafür und beabsichtige, es bis an mein Lebensende zu bleiben. Wer aber in der Pflege tätig ist, weiß, welchen Stellenwert die Beschäftigung mit dem eigenen Stuhlgang bei einem großen Teil der älteren Generation einnimmt. Die Firma Puritan´s Pride bedient diese Zielgruppe ("Sind Sie älter als 60 Jahre? - Risikogruppe 1!") mit einer Palette von neun Produkten rund ums Hobby. Diese Informationen scheinen mir zu interessant, um sie nicht mit Ihnen zu teilen, werte Leserschaft, auch die Jüngsten von uns werden mal älter, und wer weiß heute schon, in welche Richtung sich die Interessen noch verlagern.
Auszug:

Darmf�ule Kopie

 

 

 



Eine medizinische Ausbildung wirkt sich hier störend auf das Textverständnis aus. Darmparasiten infolge verwester Fäkalmasse? Ein Schutzschild gegen Krebs, im Darm? Schlacken, Gift und Darmfäule? Ich nehme an, "Darmfäule" ist eng verwandt mit "künstliches Koma", "Kreislaufzusammenbruch" und "Blutverdünnung", auch Begriffe, von denen kein Mensch weiß, was sie eigentlich bedeuten.
Halten Sie sich jedoch nicht mit Detailfragen auf, stellen Sie lieber anhand des folgenden Risk-Scores, der an wissenschaftlicher Seriosität seinesgleichen sucht, umgehend fest, dass auch Ihrem Darm das Naturprodukt Psyllium nur nützen kann:

Psyllium-Test Kopie
 

 

 

 

 

 

 

 

 




Echte Schicksalsberichte sind erwartungsgemäß beigefügt:

Michael Peters







Kontraindikation: Berufstätigkeit. Bedenken Sie vor der Bestellung, dass Ihnen möglicherweise erst im Ruhestand ausreichend Zeit für eine gesunde Anzahl Toilettenbesuche zur Verfügung steht:

Nur viermal!



Übrigens, wenn Sie heute noch bestellen, erhalten Sie eine Hämorrhoiden- Gesichtscreme gratis dazu. Viel Freude damit und ein langes Leben.

Freitag, 8. Juni 2007

Damenumkleide

Liebe Kolleginnen mit den Gratispostkarten aus dem Ständer vor dem Klo eurer Lieblingskneipe außen an den Spinden, die mit den Waschbrettbauchmännern drauf oder der Aufschrift "Ausziehen" - haha, in der Umkleide, originell!- mit den bonbonfarbenen Crocs-Imitaten unten im Schuhfach, die fünfzehn Euro weniger kosten als die echten, ist ja bloß für die Arbeit, trotzdem will man ja irgendwie Persönlichkeit ausdrücken, wo wir doch schon alle in blauen Einheitsklamotten rumlaufen müssen, nicht wahr? Die Fabrikate eurer bunten Deospraydosen kenne ich gar nicht, das sind wohl Eigenmarken großer Drogeriemarktketten? Ich habe sie mir noch nie angesehen, obwohl ihr sie in der Hutablage offen stehen lasst, damit ihr euch auch zwischendurch deodorieren könnt, wenn´s mal schnell gehen muss, im Schweißnotfall sozusagen. Ich bin aber schon ein paar mal schnell zurückgesprungen, wenn eure Sprühköpfe plötzlich aus nächster Nähe zischten. Ihr macht euch nämlich vor Dienstbeginn noch schnell frisch, während ihr mit mir Spindnachbarin Smalltalk haltet. Ihr seht mir ins Gesicht, erzählt mir was, hebt die Arme und besprüht eure Schweißdrüsen. Wenn ich später komme, kann ich schon riechen, wer mit mir im Dienst ist. Toll, diese Billigdeos. Da habt ihr zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen - es übertönt die Ausdünstung und spart noch euer teures Parfüm auf für gut, das ihr in den Douglastüten gekauft habt, in welchen ihr nun eure Tupper-Lunchboxen zum Dienst tragt. Ich dusche morgens und regle potentielle Transpirationsprobleme für den Tag schon zu Hause, geruchsneutral, ich bin ein bisschen verklemmt, was das angeht, findet ihr bestimmt. Wenn ihr eure Schwitzigkeit behandelt habt, steckt ihr die Füße in eure rosa oder gelben Crocs-Fakes und, wenn ihr Kinderschwestern seid, auch noch euer Fimo-Namensschild an den Kittel, da steht Mandy oder Manja oder Astrid dran, kein Nachname, ihr seid jedermanns Mädel, total unkompliziert halt. Wenn der Kittel etwas weiter ausgeschnitten ist, kommt noch schnell ein weißer Pflasterstreifen quer drüber, der hält den Stoff überm Decolleté zusammen, damit keiner weiter gucken kann, als er soll.
In ruhigen Minuten im Nachtdienst lest ihr Ildiko von Kürthy oder die Freundin, ihr findet die Rezepte toll. Ihr denkt euch nichts dabei, euch am Telefon mit Kinderstimmchen als "Schwester Stefanie" zu melden, Laborproben persönlich durchs Klinikum zu tragen, statt den Botendienst zu rufen - ihr habt ja Zeit - ihr seid stolz darauf, dass ihr Dinge selber putzt, wenn die Putzfrauen Nein sagen. Eure Klinik hat 20.000 Euro in euer Fachexamen gesteckt und ihr spielt immernoch Mädchen für alles. Ihr glaubt, es wertet euch auf, wenn ein Anaesthesist, den ihr aus der Fachweiterbildung kennt, zufällig vorbeikommt, sich von euch mit Küsschen begrüßen lässt, und zwar so, dass andere es sehen, ihr Süßen, leider weiß ich first hand, wie man in der Herrenumkleide über euch redet. Ihr unterhaltet euch gerne darüber, wieviel besser die Pflege in der Schweiz oder in Skandinavien oder Autralien angesehen ist, ihr wärt auch gerne healthcare professionals, aber ihr kommt hier nicht weg, ihr könnt nämlich kein Englisch und wollt es auch nicht lernen, das Fachexamen war doch schon so stressig. Leider kommt Australien von alleine nicht her und deshalb muss hier alles so unprofessionell bleiben, wie es ist. Euretwegen nennt man mich Schwester und mit Vornamen, dabei habe ich keine Geschwister und gehöre auch keinem Orden an. "Schwester Schacklien", die sich morgens halb sechs genau so an der Gegensprechanlage meldet, weil sie meinen Patienten besuchen will, zu dem sie präoperativ auf ihrer Peripherstation eine emotionale Bindung aufgebaut hat, muss leider draußen bleiben, halb sechs, ich glaub, es hackt, Schwesterchen, und wenn du deshalb Zickenkrieg willst, den verlierst du. Ihr Doreens und Schackliens mit den kleinen Flechtzöpfen, die da aus gesträhnten Kurzhaarfrisuren heraushängen, seid schuld, dass unsereiner auch nicht ernstgenommen wird, ihr ringelbesockten hohlen Zuckerschnecken.

Freitag, 30. März 2007

Sachzwänge

Sachzwänge entstehen, wenn in einem kleinen Katheterlabor auf dem Land ein Herzkranzgefäß rupturiert und der Patient einen massiven Infarkt erleidet, wenn die Anwesenden beim Reanimieren auch nach einer Stunde noch keinen Schlußpunkt setzen wollen und im Adrenalinrausch, denn wann haben sie schon mal so viel Action, atemlos den Transport ins nächstgrößere Herzzentrum veranlassen, wenn dieser Patient dort druckmassierterweise in den OP geschossen wird, wenn auch dort kein Verantwortlicher Luft holt, um nach einem Blick in die weiten, lichtstarren Pupillen eine Sekunde lang über die Sinnhaftigkeit des folgenden Unterfangens nachzudenken, medizinisch, ethisch und auch finanziell, wenn im Verlauf der folgenden Notfall-Automatismen der Patient erstmal sicher an der Herz-Lungen-Maschine hängt, todsicher, weil sein Herz auch nach mehreren Stunden und Versuchen, von der Maschine abzugehen, sich weigert, Blut auszuwerfen, wenn es mittlerweile ein Uhr nachts ist und das OP-Personal, seit 18 Stunden im Dienst, diesen Patienten nur noch aus dem Saal haben will, egal wie, wenn dann mit letzter Kraft ein 45.000 € teures Kunstherz in die Beinahe-Leiche eingebaut wird.

Dann landet er frühmorgens auf der Intensivstation, mit immernoch lichtstarren Pupillen, blaufleckiger Zunge, eingetretener Leichenstarre von den Knien abwärts und im Multiorganversagen, was alle verfügbaren Kapazitäten bindet, denn so einem Zweidritteltoten mit pulsierendem Kunstherz weiter den Anschein eines gewöhnlichen Intensivpatienten zu geben, ist sehr aufwändig. Medikamente, Transfusionen, die aus dem unverschlossenen Brustkorb gleich wieder herauslaufen, Gerinnungsfaktoren, Hämofilter, wir machen alles, Anordnung von oben. Das Kunstherz läuft super. Das 25jährige Blondchen frisch von der Uni, das noch mit Begeisterung über diese High-End-Medizin beschäftigt ist, am allerwenigsten begreift, was vor sich geht und womöglich glaubt, der Mann wird auferstehen wie Phönix aus der Asche und nächste Woche geheilt entlassen, wird später am Tag zum Gespräch mit den Angehörigen geschickt.

"Ein paar Tropfen Blut für deinen Tee? Der pH ist saurer als Zitrone", sagt der Kollege, der mir die letzte Blutgasanalyse bringt. Die Diensthabende ist unglücklich. "Diese Leichenfledderei! Ich könnte losheulen." "Zieh dir das nicht so rein, du kannst eh nichts ändern." "Ja, aber seine Seele schwebt bestimmt über uns und schaut zu bei der Schweinerei!" jammert sie.

So bringen wir ihn pseudolebendig über die Nacht, und jede weitere Massnahme, jeder weitere Tausender, der hier verbraucht wird, als gäbe es kein Morgen, scheint für die Entscheidungsträger das Eingeständnis des Scheiterns, der Verkettung von Fehlentscheidungen, von blinden Automatismen zu erschweren. Wie jetzt noch aufhören?

Es würde mir etwas ausmachen, hätte ich das so oder ähnlich nicht schon zigmal gesehen.

Ganz anders war das vor ein paar Wochen auf dem Balkan mit diesem hilflosen Vater. Seine Tochter war am Vortag in einer Kleinstadt zur Welt gekommen und irgendetwas stimmte nicht. Nach zwölf Stunden verlegte man das blitzblaue Neugeborene in die Uniklinik, es dauerte weitere zehn Stunden, bis man die Transposition der großen Gefäße erkannte. "Das Kind muss beatmet bleiben." sagte man ihm. "Rufen Sie mal in Sofia an, da kann man das operieren, wir können nichts machen, höchstens Prostaglandine geben. Hier haben Sie das Rezept, schauen Sie, wo Sie´s herkriegen, aber hierzulande gibt´s das nicht, das sagen wir ihnen gleich."
Verzweifelt das Rezept schwenkend kam er zu uns, aber der wunderbare deutsche Professor war schon abgereist, unser einheimischer Kinderarzt hätte zwar ein Katheterlabor zur Verfügung, aber kein Material für Neugeborene, unsere Pharmaimport-Tochterfirma kann alles besorgen, aber fragliches Medikament käme mangels Zulassung nicht durch den Zoll, und so mussten wir ihn wegschicken.
Vermutlich ist das Kind inzwischen gestorben, aus Sachzwängen.

Montag, 22. Januar 2007

Tragischer Dilettantismus

Er war alt, fast taub, fast blind, musste seit Jahren dreimal wöchentlich zur Dialyse, eine Quälerei, seine Frau lebte nicht mehr. Eines Abends nahm er ein Küchenmesser aus der Schublade in der Absicht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wie man das aus Filmen kennt. Der mickrige Blutfluss aus den kleinen Venen, die er traf, zeigte jedoch nicht die erhoffte Wirkung. Da setzte er das Messer seitlich am Hals an, aber auch die Halsschlagader ist für einen Laien nicht ohne weiteres zu finden. Ein Schnitt quer über die Kehle, aber mit zuwenig Kraft über dem Kehlknorpel ausgeführt, ritzte nur die Haut auf. Er stach sich in den Brustkorb, das Messer rutschte an einer Rippe ab und schrammte über die Haut. Bei alledem war seine Polyneuropathie hilfreich, eine verminderte Schmerzempfindlichkeit infolge jahrzehntelangen Diabetes. Mit aller Kraft setzte er nun an zum finalen Stich Richtung Herz, und dort blieb das Messer stecken.

So kam er an, wie ein Standbild aus einem Splattermovie. Intubiert, beatmet, blutüberströmt, ein Messergriff aus dem Brustkorb ragend, fuhr man ihn aus dem Schockraum über unseren Flur in den OP. Nicht ganz undramatisch wurde das Messer entfernt, die großen herznahen Gefäße übernäht, nicht wenige Blutprodukte transfundiert. Nicht ganz stabil kam er zurück.

Angehörige trafen ein und wedelten mit einer rechtsgültigen Patientenverfügung. "Hätten die nicht mal zwei Stunden früher...", rollte der müde Chirurg hinter ihrem Rücken mit den Augen. Als sei es verwunderlich, dass gerade dieser alte Mann lebensverlängernde Maßnahmen ablehnte.

Sein Zustand ließ sich nicht erfolgversprechend stabilisieren, und so wurden am nächsten Tag nach Rücksprache mit den Verantwortlichen gewisse Gerätefunktionen reduziert, danach verstarb er innerhalb weniger Stunden im Beisein seiner Angehörigen.

Welch unglaubliche Verzweiflung, was für ein Blutbad.

Anstatt einfach ein paar Bananen zu essen. Ohne eigene Nierenfunktion hätte ihr Kaliumgehalt für einen ganz unaufgeregten Herzstillstand gesorgt, zu Hause im Sessel mit der Lieblingsmusik auf dem Plattenteller.

Montag, 25. Dezember 2006

Kein Hirn, nur Strom

Ich fasse es nicht. Dieser Volldepp läuft mit einer rotweißen Zipfelmütze hier herum, so eine mit blinkenden LEDs in Sternform auf dem Rand. Eine grenzpsychotische Patientin, die ihn kurz über den Flur hat gehen sehen, heult seit Minuten: "Da war der Weihnachtsmann! der Weihnachtsmann war da eben! Hast du den Weihnachtsmann gesehen?" Gestern ist der Ehemann einer alten Dame nach 48 Ehejahren während ihres Besuches plötzlich und dramatisch verstorben. Man stelle sich vor, das wäre heute passiert, mit dem lustigen Mützenträger als Reanimator. Wenn der mir heute nur ein Mal blöd kommt, reiss ich ihm das Ding vom Kopf und hau es in den Infektionsmüll. Der kardiologische Kollege geht das Thema subtiler an: "Werden die Lämpchen eigentlich von deinen Hirnströmen gespeist?" "Nee." "Hm, stimmt, sonst müssten sie ja auch viel langsamer blinken." Hat er bloß wieder nicht verstanden.

Tagesdosis

Codefreien Kaffee habe...
Codefreien Kaffee habe ich hier auch, aber keine freien...
nachtschwester - 25. Jun, 15:51
So lange ...
der Kaffee nicht koffeinfrei ist, kann man auch das...
sokrates2005 - 25. Jun, 15:35
Danke fürs Lebenszeichen....
Danke fürs Lebenszeichen. Hier gibts immer mehr...
rafael (anonym) - 18. Jun, 14:22
Fehlendes
Internet kenne ich aus Nigeria, ebenso wie langsame...
pathologe - 18. Jun, 09:15
Oh, danke, man wunderte...
Oh, danke, man wunderte sich schon. ;) Enjoy the real...
Etosha - 18. Jun, 09:09
Ebenfalls beruhigte und...
Ebenfalls beruhigte und liebe Grüße und...
Petra (anonym) - 17. Jun, 13:24
Beruhigte Grüße
Beruhigte Grüße
Opa (anonym) - 17. Jun, 07:04
ärx..... jetzt...
ärx..... jetzt bin ich schon so lang auf nachtschwesternentzug
rosmarin - 17. Jun, 01:00

Verordnungen

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Zuletzt aktualisiert: 25. Jun, 15:53
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