Intensivstation

Sonntag, 6. September 2009

Abgeordnet

Etwas verspätet auf dieses Kleinod des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gestoßen, das allen, die es noch nicht so genau wussten, nun unwiderlegbare Evidenz liefert, dass es sich beim ausgewiesenen Gesundheitsexperten der SPD um einen weltfremden, apraktischen, blind-tauben, hohlseihernden Schwätzer handelt. Da kann er einen halben Tag lang nicht mal motorisch einer ganz normalen Krankenschwester folgen, wird auf der Intensivstation damit konfrontiert, dass kritisch Kranke auf dem Flur geparkt werden müssen, und macht als Hauptproblem aus, dass die technische Ausstattung nicht auf dem neuesten Stand ist.
"Diese schweren Patienten, die sich nicht bewegen können, die beatmet werden, die kann man umlagern durch elektrische Betten, die hin und her bewegt werden mit einer Fernbedienung, und das mussten wir stemmen. Das geht ins Kreuz und das hat mich überrascht."
Fernbedienungen lösen Systemprobleme, meint Herr Lauterbach, der schon mit dem Frühaufstehen Probleme hat und sich selbst eher ferngesteuert über die Stationen bewegt. Für solche Demonstrationen messerscharfer Sachkompetenz kurz vor der Wahl bin ich dankbar und zahle ich gern GEZ.

Hier geht´s zur Sendung, ab 6.25min Auftritt Pfleger Karl.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Was ist ein Leben wert? Hier? Dort?

Gestern in der Notaufnahme der hiesigen Uniklinik ein gewisses lebensrettendes medizinisches Gerät präsentiert. Das steht nicht in meiner Stellenbeschreibung, aber B., Nicht-Medizinerin und Sales-Chefin unserer Tochterfirma, die für uns Medizinprodukte importiert und gleichzeitig landesweit vertreibt, hatte mich um fachliche Unterstützung gebeten und unseren Bioingenieur P. um technische.

Bei der pflegerischen Leitung mit Mokka auf den Chefarzt gewartet, der im OP feststand. Sie erzählte vom Hubschrauber-Rettungsteam, dem sie früher angehört hatte und das leider mit dem Ende des Kommunismus aufgelöst wurde, weil kein Geld mehr da war, und wie schlecht die Notfallversorgung der Landbevölkerung seither ist. Dies ist ein Gebirgsstaat mit in Teilen sehr schlechtem Straßennetz ohne einen einzigen Rettungshubschrauber. Niemand weiß, wohin sie verkauft wurden. Ich erzählte, wie meinem Boss ganz am Anfang, als er internationales Fund-Raising für die Gründung unserer Klinik betrieb, von der Schweiz ein nur 6 Jahre alter Sanitätshubschrauber angeboten worden war, aber das Ministerium die Spende einer fremden Regierung an ein Privatunternehmen nicht genehmigt hatte. Ich sagte, es liegt nicht am Geld. Unsere Klinik lebt und wirtschaftet ausgezeichnet mit dem staatlichen Gesundheitsfonds. Es ist genug Geld im System, aber es werden falsche Prioritäten bedient. Mit dem bisschen, was nach der Korruption übrig bleibt, letzteres sagte ich nicht laut, denn der Chefarzt, auf den wir warteten, ist einer von vielen ehemaligen Gesundheitsministern der jungen Republik, immerhin einer, der nie in Haft war, was andererseits auch nichts heißen will. Ich sagte, die grundlegende Frage ist, wieviel ist ein Leben wert und ich habe das Gefühl, hier viel weniger als im Westen.

Was mich daran erinnert, wie ich vor einem Jahr zwei Tage lang mein Auto aus Hamburg hierherfuhr und wie mich, schon auf dem Balkan, so eine Zielnäheeuphorie ergriff, nur noch 350km und mir ist gar nichts passiert. Just da stockte der Verkehr. Eine kurvige Straße im Gebirge, strömender Regen, ein fahrerloses Motorrad auf der Gegenfahrbahn. 100 Meter Schritttempo weiter ein alter weiß gestrichener Lada mit einem roten Kreuz am rechten Straßenrand. Darin saßen zwei Sanitäter und hielten Brotzeit und Thermoskaffee. Hinter dem Lada lag der Motorradfahrer im Unterhemd im Regen. Sie hatten ihm seine Trainingsjacke ausgezogen und über den Kopf geworfen. An seinen Fußspitzen rollten ukrainische und türkische Laster vorbei wie an einer tot gefahrenen Katze, bestimmt fuhr auch mal einer drüber. Noch nicht mal ein Warndreieck. Ich hatte nur kurz verdrängt, wo ich war.

Der Chefarzt erschien, ein kleiner, stiller Albaner, und entschuldigte sich für die Wartezeit. Wir gingen in die Behandlungsräume, packten unsere Puppe auf das Gerät auf eine Trage und ich präsentierte vor dem versammelten Personal. Der Chef stellte die richtigen Fragen und tolerierte die dämlichen aus seinem Team mit väterlicher Milde. Er will kaufen. Als leitender Arzt einer universitären Klinik, dessen Kollegen sich sonst durch großes Ego und ebensolche kriminelle Energie bei geringer Sachkompetenz auszeichnen, eine Präsentation von uns privaten Neureichen anzufordern, bedeutet, Nichtwissen einzugestehen, und kaufen wollen Nichthaben, ohne Aussicht auf persönlichen Profit zum Patientenwohl. Eine schöne Überraschung.

Hinterher saßen wir zufrieden zu dritt auf einer Bank in der Sonne und warteten auf unseren Fahrer. Ein kleiner Park auf dem Gelände der Uniklinik, ein Springbrunnen in einem Becken voller Müll. Plötzlich Lärm von zwei Bänken weiter. Eine Frau saß auf dem Asphalt, ein Mann stützte ihren Oberkörper, es ging ihr nicht gut. Menschen rannten zwischen dem Brunnenbecken und der Frau auf dem Boden hin und her und bespritzten sie mit dem dreckigen Wasser. Ich hatte ein neues weißes Kleid an und blieb erst mal sitzen. Dies war die Uniklinik mittags halb eins, überall Ärzte auf dem Weg zur Cafeteria. Eine junge Frau in der Nähe der Kollabierten fing an zu toben und zu kreischen, Mama, Mama, und rannte zum Wasserbecken. Drei weitere Personen hielten sie davon ab, sich hineinzustürzen. Vielleicht doch was Ernstes. Ich lief zu der Frau auf dem Boden. Zyanose, Schnappatmung, kein Puls, quasitot. Der Mann wollte ihren Oberkörper nicht loslassen. Wenn überhaupt, die Beine hoch! brüllte ich ihn an. Er verzog sich zögernd, ich begann mit Thoraxkompressionen und schrie die Wasserträger an, sie sollten mit dem Gespritze aufhören und in die Notaufnahme laufen und Hilfe holen. Niemand bewegte sich. Indessen kümmerten sich drei Menschen um die hysterische Tochter. P. lief in Richtung Notaufnahme. Auf dem Treppenabsatz vor dem Eingang der medizinischen Klinik, nur 100 Meter entfernt, leicht erhöht über dem kleinen Park, ein paar Ärzte, die in ihrer Zigarettenpause entspannt die Szenerie beobachteten. B. schleppte unser Autopulse an, aber noch bevor sie es auspacken konnte ein Röcheln, dann Grunzen, Grimassieren, eine Handbewegung, ein Carotispuls, Augenöffnen. Aufhören jetzt mit dem Wasserquatsch, ich meine es ernst. Von irgendwoher brachten zwei Klinikmitarbeiter mit ansonsten leeren Händen eine Trage. Kein Sauerstoff, keine Notfalltasche. Sie zerrten die Frau auf die Trage und karrten sie irgendwo hin.

Als uns unser Fahrer eine Viertelstunde später abholen kam, wir hatten noch nicht wieder aufgehört, die Köpfe zu schütteln, da sagte B. im Auto, noch auf dem Campus, schaut mal, da ist sie. Die eben noch synkopale Frau hing halb über ihrer Tochter und wurde von ihr zu Fuß vom Gelände geschleift. Man hat sie in der Notaufnahme noch nicht mal aufgenommen, kein EKG, kein Labor, keine Infusion, nichts. Ich weiß nicht mehr, was die mit dem Autopulse wollen. Vielleicht nur angeben.

Heute in der Bewerbung einer 24jährigen Krankenschwester gelesen: "Ich will der Allgemeinheit von Nutzen sein. Das kann ich nur bei Ihnen."

Sonntag, 31. Mai 2009

Riesensauerei

Ich entschuldige mich für alle gerade so durchs Examen geschrammten, danach freiwillig unbelesen gebliebenen, unreflektierten, unprofessionellen, ausgebrannten und emotional blöden BerufsgenossInnen.

Die gute Nachricht ist, es gibt davon nicht so viele. Die schlechte Nachricht ist, viel mehr davon sind offiziell in Planung.

Das ist ein Schuss nach hinten, der blind auf Quantität zielt im Trugschluss, damit Qualität zu verbessern.
So wird das aber nix.
(Mehr ...)

Donnerstag, 15. Januar 2009

Das Lächeln

Ein Patient mit end stage-DCM, schon im Nieren-und Leberversagen, mit blauroten Beinen und brüchiger Haut, die schon vom Ansehen aufplatzt, und zwanzig anderen Pflegediagnosen, die mich auf den ersten Blick anspringen, den man in Deutschland transplantiert oder so einer Schweinerei ausgesetzt hätte, aber hier gibt es noch nicht einmal eine gesetzliche Grundlage für Organspende, geschweige denn die nötige Logistik, und auch für Materialschlachten wie die verlinkte hätten wir zu wenig Logistik, außerdem zu viel Ethik. Und so baute der Boss, Bewunderer und Freund dieser lebenden Legende, in seiner eigenen atemberaubenden Modifikation dessen Technik, aus Teilen des alten Herzen des Patienten ein fast-wie-neues, in drei Tagen wird er mit den Physiotherapeuten über den Flur laufen und hat danach noch zwei gute Jahre.
Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Ich wollte erzählen, dass es Leute gibt, die wie dieser Mann, der seit Jahren mit einem Bein im Grab lebt, nach einer solchen Mammutprozedur, mit Schlauch im Hals und in der Nase, mit Beatmung, Pulmonox, Monitor, Vigileo, IABP und Hämodiafilter um sich herum und sicher nicht ohne Schmerzen, als erste Reaktion nach der Operation auf Ansprache die Augen langsam öffnen, das Gesicht zur Stimme suchen und finden, die fremde Hand, die ihre genommen hat, drücken, und den Mund um den Tubus herum ganz vorsichtig, um ihn nicht zu verschieben, zu einem freundlichen, schiefen, zahnlosen Lächeln verziehen, und dass mich das jedesmal umwirft und dass wir, die wir auf solchen Abteilungen arbeiten, für diese Leute alles, alles tun würden.

Freitag, 12. September 2008

Die Mission

Der Vater einer geschätzten Mitarbeiterin verstarb letzte Woche im Krankenhaus einer Stadt im Süden des Landes, dreieinhalb Stunden von hier durchs Gebirge. Sie erhielt einen Anruf, er liege im Koma, man wisse nichts Genaues. Sie nahm frei und fuhr hin. "Was sagt das CT?" fragte ich sie am Telefon. "CT gibt es nur in der Hauptstadt, wie soll ich ihn dahin bringen?" Dumm von mir. Sie haben den Kopf geröntgt und ihm einen schmutzigen Wendel in die Nase geschoben, das nannten sie Beatmungsschlauch, und ansonsten die Schultern gezuckt. Wo Ärzte die Schultern zucken, tun Pflegekräfte erst recht keinen Handschlag, sein Zimmer wurde nur morgens zur Visite von medizinischem Personal betreten. Und G., die von Beginn an in unserer Klinik geschult wurde, alles wünschenswerte Gerät und Material zur Verfügung hat, nach deutschen Standards plant und pflegt, brach völlig zusammen. Wir haben zwar ein Multislice-Spiral-CT, aber das Krankentransportsystem ist auf niedrigstem Niveau. Selbst wenn wir einen Rettungswagen organisieren und mit unserem Equipment bestücken und den Mann mit unserem eigenen Personal lebend herholen und durchs CT schieben würden, gäbe es hinterher doch keine Neurologie oder -chirurgie, die eine angemessene Behandlung übernehmen könnte.

Der Vater einer anderen Mitarbeiterin beschloss nach der Diagnose seines kleinzelligen Lungenkarzinoms, lieber schnell zu Hause zu sterben, als sich diesen Verhältnissen auszusetzen, es dauerte drei Monate, er war 54.

Als ich vor ein paar Jahren incognito die Intensivstationen der hiesigen Uniklinik besichtigte, erschreckte mich weniger das veraltete Gerät als der Dreck und die Gleichgültigkeit des Personals. Es gab Monitore neuerer Bauart und ein paar 2er Eviten, aber alle Patienten wurden IPPV-beatmet, ohne Sedierung, die Geräte alarmierten permanent: Das Personal hatte ein Sofa in die Großraum-Station gestellt, saß drauf und trank Kaffee. Patienten lagen unrasiert in schmutzigen Betten zwischen alarmierenden Geräten und Stammtischakustik vom Sofa her. Ein Teil des Teams war damit beschäftigt, eine Halsvene eines Patienten zu punktieren, der das nicht wollte. Der Arzt stand am Kopfende mit der Braunüle, zwei andere hielten Kopf und Arme des brüllenden und sich heftig wehrenden Patienten fest, ein dritter saß auf dem Patienten, eine Gruppenvergewaltigung sozusagen. Beim Verlassen dieser Intensivstation, auf welcher Besuch grundsätzlich verboten war, bemerkte ich ein Bett im Flur, die Matratze war mit Blut und Fäkalien beschmiert. "Ach das," sagte die Bekannte, die mich eingeschleust hatte, "das steht immer da."

Fehlende individuelle Verantwortung und Eigeninitiative ist ein großes Problem in allen Bereichen. Was erwartest du nach 600 Jahren Türkenherrschaft und 50 Jahren Kommunismus, sagt meine Freundin V., das dauert noch mindestens eine Generation.

Samstag, 19. April 2008

Vorgezeichnet

Die Intensivschwesterchen hier, grazil und zerbrechlich wie Kätzchen, mit ihren dunklen Pferdeschwänzen und großen Augen, intelligent und wohlerzogen und bescheiden und freundlich und fleißig, und bevor sie mich anprechen, wenn sie mich ansprechen, immer eine Entschuldigung dafür, dass sie mich ansprechen, stellen nie ärztliche Anordnungen in Frage, egal, wie absurd, nennen ihre Patienten Onkelchen und Tantchen und duzen sie, da kann ich professionelle Distanz predigen, so viel ich will und gebe es schon auf, denn sie sind so süß dabei. Sie wohnen in ihren Kinderzimmern bis zur Hochzeit, dann ziehen sie zu den Schwiegereltern ins Kinderzimmer des Mannes, und wenn sich eine verlobt, muss ich schon Ersatz planen, denn die Schwangerschaft folgt immer pünktlich. Dann sind sie 22. Und wenn eine mit 25 nicht unter der Haube ist, stürzt die Verwandschaft in tiefe Sorge. Sie haben Väter und Onkel und Männer, die sich um alles kümmern - den Reifenwechsel, den Handyvertrag, den Urlaub buchen. Sie sind so fremd.

Mittwoch, 12. März 2008

Sex, Lügen und Video

(Edit: Hören Sie zur Illustration das hier in einem Hintergrund-Tab, während Sie den folgenden Text lesen.)

P., der Anaesthesiechef, redet nicht mehr mit mir, nachdem wir fünf Jahre lang ein herzliches Verhältnis hatten. Er ist sauer, weil er nun mit Z., einer ausgezeichneten Intensivschwester, zusammenarbeiten muss, seit der Boss und ich Personalrotationen beschlossen haben, um die Kommunikation zu verbessern.

P. mag Z. nicht, und daran ist N. schuld, die pflegerische Leitung der Intensivstation. N. hat früher die Anaesthesie geleitet, bis ein Geschlechtsakt mit P. an einem unbedacht gewählten Ort in den Räumlichkeiten unserer Klinik von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde. Solches Verhalten zweier verheirateter Mitarbeiter ist in diesem Kulturkreis nicht zu dulden, sodass sich der Boss gehalten fühlte, zunaechst N. auf die Intensivstation zu versetzen und einige Wochen später P. zu feuern, nachdem dieser auch noch wiederholt Pausenbrote von Pflege- und Reinigungspersonal gestohlen und verzehrt hatte. Es gab Videobänder, auf welchen wütende hungrige Putzfrauen ihre Backwaren einwandfrei identifizierten, bevor sie in P.s Schlund verschwanden.

Während N. auf der Intensivstation bald zur Leitung aufstieg, nachdem der Boss ihre Vorgängerin gefeuert hatte, der Anlass ist mir entfallen, versuchte P., seinen drei Söhnen das Studium weiter zu finanzieren, indem er in einer Massagepraxis Akupunktur praktizierte. Das scheiterte daran, dass sich mehrere Klientinnen über sexuelle Übergriffe beklagten. Nach nur sechs Monaten klopfte er wieder an die Bürotür des Boss. Der hatte zufällig gerade zwei Anaesthesisten gefeuert und stellte den zerknirschten P. nach einer Moralpredigt und mit der Auflage, sich von N. fernzuhalten, wieder ein.

Vor einem Jahr wurde der Boss erneut mit einem Sexvideo konfrontiert, aufgenommen früh morgens eine Stunde vor Dienstbeginn in einem Kellerraum des Gebäudes, in dem unsere Klinik einige Stockwerke gemietet hat. Ob es sich bei den beiden Personen um Mitarbeiter unserer Organisation handelte, fragte der Sicherheitsdienst. Der Boss erkannte zweifelsfrei N. und P.
P. war zu diesem Zeitpunkt nicht feuerbar, weil er mitten in seiner für die Klinik prestigeträchtigen Habilitation steckte, und auch Intensivschwestern waren gerade knapp, so blieb es bei einer Standpauke für die beiden und einer Gehaltskürzung. Was bringt zwei Menschen mittleren Alters dazu, morgens um vier aufzustehen statt um fünf, um in einem dreckigen Keller einen Quickie hinzulegen, bevor man sich ungeduscht zu einem Zehnstundentag in einen OP begibt?

N., die P. gut genug kennt, zu wissen, dass er alles bespringt, was ihn lässt, ist mit der physischen Nähe von Z. zu P., in welcher sich Z. nun für drei Monate befindet, nicht einverstanden und macht Z. und P. das Leben schwer. Und ich muss mir Z.s Klagen über N.s Mobbing und P.s Unfreundlichkeiten anhören, während mich P. schneidet und mir N. jeden Tag die ehrenwerte Matrone vorspielt.

Freitag, 22. Februar 2008

Wieder kein lustiger Text

Der Boss ist grau und furchig im Gesicht, von draußen durch seine Bürotür hören wir Frauen und Kinder der albanischen Familie weinen, mit der er gerade gesprochen hat, deren Oberhaupt er eben fünf Stunden lang operiert hat, für Boss-Verhältnisse eine Ewigkeit, denn er ist der Schnellste, und das dennoch in wenigen Stunden versterben wird, nachdem man ihn in der Uniklinik der Stadt mit einer akuten A-Dissektion, Klappe, RCA und LCA beteiligt, drei Tage lang unbehandelt hat liegenlassen, bevor man ihn viel zu spät mit schon wassermelonengroß dilatiertem Herzen im Schock hier ablieferte. Der Boss rauft sich die Haare und leidet, er kann keinen einzigen Toten akzeptieren, und ich denke an seine Hamburger Kollegen mit den achselzuckenden Riesenegos, die ihm weder als Chirurgen noch als Humanisten auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnten, und ganz egal, wie tief wir schon zerstritten waren, er erfüllt mich mit tränentreibender Loyalität und Sendungsbewusstsein für das, was wir hier tun. Man verzeihe mir das Pathos, ich habe einen Zyklus und bin gerade etwas emotional. Externe Trigger dafür gibt es genug.

Gestern erzählten sie mir beim Reanimationstraining, dass die paar in Geberländern lange ausrangierten Rettungswagen hier weder Defibrillatoren noch Intubations- oder Beatmungszubehör mitführen. Eine Intensivschwester setzte drauf, wie sie zwanzigjährig ihre 39jährige Mutter in der Küche auf dem Boden liegend fand, sie Mund zu Mund beatmete, bis nach einer Stunde endlich ein Rettungswagen kam - aber man hatte nur einen Fahrer geschickt, keinen Sanitäter, keinen Arzt. Und sie schleppte mit dem Fahrer zusammen die Mutter die Treppe hinunter, und als sie unten ankamen, war sie tot.

Gerade ist Biljana gegangen. Sie kommt nach ihrem Arbeitstag in einer Näherei hierher und will sich beim Putzen mit mir unterhalten. Ich zahle ihr die Hälfte dessen, was unsere Perle in Hamburg bekommt, aber hier ist das viel Geld. Mit drei Stunden pro Woche bei mir steigert sie ihr Monatseinkommen aus der Näherei um die Hälfte. Außer der Bioenergie hat sie fliegende Hitze. Daneben erzählt sie lachend sehr traurige Dinge, die diesen Text sprengen würden. Sie möchte auch bei mir essen, am liebsten mit mir zusammen, und meine Freundin, Putzfrauvermittlerin und Kulturcoach V. sagt, das gehört sich so. Also habe ich Olivenbrot von gestern aufgebacken, Gurke, Paprika und Tomaten geschnippelt, Eier mit Speck in die Pfanne gehauen, Käse, Rinderschinken, Mandeloliven und Trauben auf den Tisch gestellt. Bloß ein schnelles Abendbrot für mich, für sie ein überschwengliches Festessen, was uns beide unterschwellig beschämte.

Theatralisch oder nicht, Remington bringt es auf den Punkt. Auch ich bin zyklisch wiederkehrend sehr, sehr dankbar für den roten Pass mit dem Adler drauf, ein Riesenbündel zufällig per Geburt erworbener Privilegien. Und wer hier kommentieren will, wie sehr auch in Deutschland alles den Bach runter geht, weiß einfach nicht Bescheid.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Teufel und Beelzebuben

Der Alte gibt sich erschüttert über meine Kündigung. Aber ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass in diesem Pflegeteam kein Raum sei für mich, alles dröge adyname bildungsresistente Personen, die sich gegen Neuerungen sperrten. Schade, schade. Was die Höchstevorgesetzte dazu sage? Sie ist einverstanden, sagte ich. Der Alte will eine Kopie der kopierten Kündigung und meines Antwortschreibens für seine eigenen unergründlichen Zwecke.

Da ich mich der Höchstevorgesetzten in keiner Weise verbunden fühle, brachte ich ihm die beiden Schreiben. Der Alte schnarrte beim Lesen Ha! keine Kultur! Sowas kann man nicht machen! ich muss gleich zu einer Versammlung mit dieser erbärmlichen Person, dabei werde ich das hier dem ärztlichen Direktor vorlegen! So ist meine Kündigung ein Vorwand für den Alten und den Direktor, wieder ein bisschen am Stuhl der Höchstevorgesetzten zu schnitzen.

Der Alte hasst zwei Patientengruppen, Übergewichtige und postoperativ Verwirrte. Alkoholiker auch, aber nur wenn sie weiblich sind. Bei den männlichen Alkoholikern gibt er verständnisvoll den Lebensumständen schuld, und damit meint er deren Frauen. Anders als ich äußert er seine Aversionen grob verbal und wird auch mal tätlich, am liebsten bei den Verwirrten oder denen im Alkoholentzug, da kann man hinterher einfach sagen, was, ich Sie gewürgt? Ich bitte Sie, das muss Ihnen doch selbst absurd vorkommen. Sie haben viel halluziniert in diesem Zeitraum, das ist dokumentiert. Oder: ich musste das tun, ihr Leben hing davon ab.
Der ärztliche Direktor kommuniziert nur mit langjährigen ärztlichen Mitarbeitern und seinen Privatpatienten und schreitet im übrigen grußlos über seine Intensivstation. Manchmal ruft er an, hat den Diensthabenden am Telefon und verlangt den Diensthabenden, weil er den Diensthabenden nicht kennt.

Die beiden Beelzebuben wollen also die Teufelin austreiben. In zehn Jahren werden die liebgewonnenen, tapferen, drögen, adynamen Personen und ich über all das ungläubig lachen.

Dienstag, 27. November 2007

Da ist er...

Ohne Titel-1 Kopie

...endlich ein Beweis für die angebliche Sprödigkeit der Norddeutschen.


Nächstes Jahr:
keine Nacht- oder Feiertagsarbeit mehr für zuwenig Geld
reinen Gewissens sein
nie wieder unter Wert verkaufen
Lumbago auskurieren


Sehr geehrte Frau Höchstevorgesetzte,

mit Befremden habe ich Ihre Reaktion auf meine Kündigung zur Kenntnis genommen. Wie Sie sicherlich wissen, ist weder Ihr Einverständnis für eine Kündigung erforderlich, noch genügt eine Fotokopie mit handschriftlichem Vermerk den formalen Anforderungen der Situation.

Da ich davon ausgehe, dass Sie gar nicht wissen, wer ich bin, fasse ich Ihre Reaktion nicht als persönliche Kränkung auf. Allerdings möchte ich Ihnen rückmelden, dass Sie damit, bewusst oder unterbewusst, abgrundtiefe Geringschätzung für Ihr Personal widerspiegeln. Sollten Sie nach dem Motto "Reisende soll man nicht aufhalten" gehandelt haben, wäre dennoch ein Zweizeiler angebracht gewesen, der üblicherweise Formeln wie "mit Bedauern nehmen wir zur Kenntnis" und "wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute" enthält. Immerhin hatte ich schon in Erwartung Ihres Desinteresses an möglichen Personalbindungsstrategien darauf verzichtet, Ihnen Kündigungsgründe mitzuteilen.

Vor dem Hintergrund der unermüdlichen Vorstandsbemühungen um Unternehmenskultur (Knigge etc.) hoffe ich, Sie nehmen dieses Schreiben zum Anlass, Ihren Kommunikationsstil zu überdenken.

Mit den besten Wünschen für Ihre weitere Laufbahn

Die Nachtschwester

Tagesdosis

Liebste Nachtschwester, durch...
Liebste Nachtschwester, durch beruflichen Aufenthalt...
Markus (Gast) - 4. Nov, 23:31
Ein Hoch auf glutvollen...
Ein Hoch auf glutvollen Schwung! Miss Platnum ist prima.
Au-lait - 3. Nov, 13:32
Das Hirn regelt vieles,...
Das Hirn regelt vieles, aber nicht alles. Ich wünsch...
Etosha (Gast) - 2. Nov, 17:48
Gegen Wien wäre...
Gegen Wien wäre überhaupt gar nichts einzuwenden!...
nachtschwester - 27. Okt, 20:17
Also Wien ...
ja, das wäre nett. Falls der Job nicht so toll...
sokrates2005 - 27. Okt, 19:23
Frau Nachtschwester,...
Frau Nachtschwester, ich bin mir sicher, sie werden...
nina (Gast) - 27. Okt, 16:55
In Großmutters...
Liisa und Kaltmamsell verlinken auf sie, für mich...
nachtschwester - 26. Okt, 23:28
Genial!
Genial!
chSchlesinger - 26. Okt, 23:02

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