Gestern in der Notaufnahme der hiesigen Uniklinik ein gewisses lebensrettendes
medizinisches Gerät präsentiert. Das steht nicht in meiner Stellenbeschreibung, aber B., Nicht-Medizinerin und Sales-Chefin unserer Tochterfirma, die für uns Medizinprodukte importiert und gleichzeitig landesweit vertreibt, hatte mich um fachliche Unterstützung gebeten und unseren Bioingenieur P. um technische.
Bei der pflegerischen Leitung mit Mokka auf den Chefarzt gewartet, der im OP feststand. Sie erzählte vom Hubschrauber-Rettungsteam, dem sie früher angehört hatte und das leider mit dem Ende des Kommunismus aufgelöst wurde, weil kein Geld mehr da war, und wie schlecht die Notfallversorgung der Landbevölkerung seither ist. Dies ist ein Gebirgsstaat mit in Teilen sehr schlechtem Straßennetz ohne einen einzigen Rettungshubschrauber. Niemand weiß, wohin sie verkauft wurden. Ich erzählte, wie meinem Boss ganz am Anfang, als er internationales Fund-Raising für die Gründung unserer Klinik betrieb, von der Schweiz ein nur 6 Jahre alter Sanitätshubschrauber angeboten worden war, aber das Ministerium die Spende einer fremden Regierung an ein Privatunternehmen nicht genehmigt hatte. Ich sagte, es liegt nicht am Geld. Unsere Klinik lebt und wirtschaftet ausgezeichnet mit dem staatlichen Gesundheitsfonds. Es ist genug Geld im System, aber es werden falsche Prioritäten bedient. Mit dem bisschen, was nach der Korruption übrig bleibt, letzteres sagte ich nicht laut, denn der Chefarzt, auf den wir warteten, ist einer von vielen ehemaligen Gesundheitsministern der jungen Republik, immerhin einer, der nie in Haft war, was andererseits auch nichts heißen will. Ich sagte, die grundlegende Frage ist, wieviel ist ein Leben wert und ich habe das Gefühl, hier viel weniger als im Westen.
Was mich daran erinnert, wie ich vor einem Jahr zwei Tage lang mein Auto aus Hamburg hierherfuhr und wie mich, schon auf dem Balkan, so eine Zielnäheeuphorie ergriff, nur noch 350km und mir ist gar nichts passiert. Just da stockte der Verkehr. Eine kurvige Straße im Gebirge, strömender Regen, ein fahrerloses Motorrad auf der Gegenfahrbahn. 100 Meter Schritttempo weiter ein alter weiß gestrichener Lada mit einem roten Kreuz am rechten Straßenrand. Darin saßen zwei Sanitäter und hielten Brotzeit und Thermoskaffee. Hinter dem Lada lag der Motorradfahrer im Unterhemd im Regen. Sie hatten ihm seine Trainingsjacke ausgezogen und über den Kopf geworfen. An seinen Fußspitzen rollten ukrainische und türkische Laster vorbei wie an einer tot gefahrenen Katze, bestimmt fuhr auch mal einer drüber. Noch nicht mal ein Warndreieck. Ich hatte nur kurz verdrängt, wo ich war.
Der Chefarzt erschien, ein kleiner, stiller Albaner, und entschuldigte sich für die Wartezeit. Wir gingen in die Behandlungsräume, packten unsere Puppe auf das Gerät auf eine Trage und ich präsentierte vor dem versammelten Personal. Der Chef stellte die richtigen Fragen und tolerierte die dämlichen aus seinem Team mit väterlicher Milde. Er will kaufen. Als leitender Arzt einer universitären Klinik, dessen Kollegen sich sonst durch großes Ego und ebensolche kriminelle Energie bei geringer Sachkompetenz auszeichnen, eine Präsentation von uns privaten Neureichen anzufordern, bedeutet, Nichtwissen einzugestehen, und kaufen wollen Nichthaben, ohne Aussicht auf persönlichen Profit zum Patientenwohl. Eine schöne Überraschung.
Hinterher saßen wir zufrieden zu dritt auf einer Bank in der Sonne und warteten auf unseren Fahrer. Ein kleiner Park auf dem Gelände der Uniklinik, ein Springbrunnen in einem Becken voller Müll. Plötzlich Lärm von zwei Bänken weiter. Eine Frau saß auf dem Asphalt, ein Mann stützte ihren Oberkörper, es ging ihr nicht gut. Menschen rannten zwischen dem Brunnenbecken und der Frau auf dem Boden hin und her und bespritzten sie mit dem dreckigen Wasser. Ich hatte ein neues weißes Kleid an und blieb erst mal sitzen. Dies war die Uniklinik mittags halb eins, überall Ärzte auf dem Weg zur Cafeteria. Eine junge Frau in der Nähe der Kollabierten fing an zu toben und zu kreischen, Mama, Mama, und rannte zum Wasserbecken. Drei weitere Personen hielten sie davon ab, sich hineinzustürzen. Vielleicht doch was Ernstes. Ich lief zu der Frau auf dem Boden. Zyanose, Schnappatmung, kein Puls, quasitot. Der Mann wollte ihren Oberkörper nicht loslassen. Wenn überhaupt, die Beine hoch! brüllte ich ihn an. Er verzog sich zögernd, ich begann mit Thoraxkompressionen und schrie die Wasserträger an, sie sollten mit dem Gespritze aufhören und in die Notaufnahme laufen und Hilfe holen. Niemand bewegte sich. Indessen kümmerten sich drei Menschen um die hysterische Tochter. P. lief in Richtung Notaufnahme. Auf dem Treppenabsatz vor dem Eingang der medizinischen Klinik, nur 100 Meter entfernt, leicht erhöht über dem kleinen Park, ein paar Ärzte, die in ihrer Zigarettenpause entspannt die Szenerie beobachteten. B. schleppte unser Autopulse an, aber noch bevor sie es auspacken konnte ein Röcheln, dann Grunzen, Grimassieren, eine Handbewegung, ein Carotispuls, Augenöffnen. Aufhören jetzt mit dem Wasserquatsch, ich meine es ernst. Von irgendwoher brachten zwei Klinikmitarbeiter mit ansonsten leeren Händen eine Trage. Kein Sauerstoff, keine Notfalltasche. Sie zerrten die Frau auf die Trage und karrten sie irgendwo hin.
Als uns unser Fahrer eine Viertelstunde später abholen kam, wir hatten noch nicht wieder aufgehört, die Köpfe zu schütteln, da sagte B. im Auto, noch auf dem Campus, schaut mal, da ist sie. Die eben noch synkopale Frau hing halb über ihrer Tochter und wurde von ihr zu Fuß vom Gelände geschleift. Man hat sie in der Notaufnahme noch nicht mal aufgenommen, kein EKG, kein Labor, keine Infusion, nichts. Ich weiß nicht mehr, was die mit dem Autopulse wollen. Vielleicht nur angeben.
Heute in der Bewerbung einer 24jährigen Krankenschwester gelesen: "Ich will der Allgemeinheit von Nutzen sein. Das kann ich nur bei Ihnen."