Fallstudien

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Schweigt sie tot!

Vielleicht nicht bis ins Letzte durchgeplant, aber doch bestimmt hoffnungsvoll in Betracht gezogen. Kerner brachte es eine Quote ein, die seiner Weicheimoderation nicht zustand, Herman einen veritablen Märtyrerinnenstatusin der rechten Szene (abzulesen auch an Hunderten unterstützender Kommentare unter den entsprechenden Online-Meldungen), den sie auch nicht verdient, da sie ja jede gedankliche Nähe abstreitet, und Google News fand eben 459 Meldungen zu Herman+Kerner. Das sind genau 459 zu viel.

Das soll ihr Fernsehtod gewesen sein, glauben manche, ich nicht, es gehtgerade erst los.

Bitte diese verwirrte Frau endlich totschweigen! Kollektiv! hätten wir schon letztes Jahr machen sollen, das hätte uns Manches erspart. Ich mache den Anfang. Kein Sterbenswörtchen mehr dazu von dieser Tastatur.

(Heute mittag in ganzer Länge ertragen: klick!
Wem das noch nicht reicht: klick!)

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Von wegen Einheit



Das Baltic habe auch eine bewegte Geschichte, sagte unser Wirt auf Nachfrage nach dem verrottenden Prachtbau in erstklassiger Promenadenlage. Vor dem Krieg habe es den Juden gehört, die nutzten es als Heim für notleidende jüdische Künstler. Nach ´45 richteten die Russen ihre Kommandantur darin ein, ´72 bauten die Schweden daneben ein Meerwasserschwimmbad, das iss nu auch zu. Im Untergeschoss der Villa befanden sich Anwendungsräume für medizinische Bäder und Massagen, oben war eine Nachtbar und ein Restaurant. Nach der Wende habe die Stadt das Objekt für eine D-Mark von der Treuhand übernommen, und während man noch Konzept und Finanzierung suchte, hätten die Juden Ansprüche angemeldet. Und weil die Juden in Deutschland immer gleich kriegten, was sie wollen, damit sie nicht wieder laut schrieen, was wir ihnen alles Schlimmes angetan hätten, habe man ihnen das Baltic zurückgeben müssen. Angeblich wollten sie es der ursprünglichen Verwendung wieder zuführen, hätten sie damals getönt, mittellose Künstler gebe es ja immernoch. Aber als sie das Gebäude endlich wiederhatten, ließen sie es jahrelang vor sich hin gammeln, ohne einen Finger zu rühren, während die Stadt für Sicherung, Notheizung und Instandhaltung aufkommen musste. Und nach zehn Jahren fand man in ganz anderem Zusammenhang im Kreml Dokumente, die belegten, dass die Russen die Juden seinerzeit für das Gebäude bezahlt hätten - mit Rohstoffen, Kabeln, Geräten usw. rechtmäßig gekauft! Also sei die Rückführung ungültig gewesen, die Stadt hatte das Gebäude wieder, verrottet, zehn Jahre früher wäre man noch mit 90 Prozent von der EU gefördert worden, heute gebe es mit Glück noch 50% für eine solche Sanierung. Vielleicht nennen wir ihn einen alten Nazi, aber einer müsse doch sagen, wie´s iss, wie die Juden die Kommune jahrelang nach Strich und Faden an der Nase herumgeführt hätten und es noch täten, hätte man nicht zufällig diese Papiere gefunden!

Und während er noch über die der Stadt enstandenen Kosten und entgangene Fördergelder lamentierte, alles wegen der Juden, und die nun verfahrene Investorensituation, dachte ich darüber nach, wie diesem Hobbyhistoriker und Lokalpolitiker 40 Jahre Sozialisation in political correctness und Geschichtsaufarbeitung fehlen - genau wie den braven Bürger aus Mügeln, die nach dem Inderprügeln unbeschwert und meinungsbefreit in die Fernsehkameras verkündeten, man habe so viel für diese Stadt getan, schaunse mal, wie schön hier alles ist, nu machen sich hier die Ausländer breit und nehmen die Arbeitsplätze weg, gibt eh so wenig Arbeit, mit rechts und so habe das nichts zu tun. Alles Einzelmeinungen, natürlich. Kann man bitte trotzdem von den 17 Jahren Solizuschlag ein bisschen Geld in politische Aufklärung stecken, Herr Tiefensee, wo die Straßen doch jetzt alle neu geteert sind und die Ostwirtschaft so prima wächst? Wenigstens für die Folgegeneration?

Die Bäderarchitekturfassaden sind an der ostdeutschen Ostseeküste fast sämtlich wieder hübsch aufpoliert, der Fisch frisch, die Strände so schön, die Wälder auch, aber es ist noch längst kein behaglicher Ort, wenn man im Westen erzogen wurde.

Donnerstag, 13. September 2007

Die Rosine im NS-Kuchen

Die berühmteste deutsche Ratgeberautorin aller Zeiten war Johanna Haarer, NSDAP-Mitglied und im Dritten Reich die staatlich empfohlene Expertin in Sachen Kinderkriegen. Liest man die von ihr verfassten Bestseller (unter anderen Die deutsche Mutter und ihre erstes Kind), macht man eine überraschende Entdeckung: Aus ihren Werken, die im höheren Auftrag der NS-Bevölkerungspolitik standen, spricht eine unverhohlene Abneigung gegen das werdende Leben: Wir lesen ihre konstanten Warnungen vor "erbkrankem" Nachwuchs, ihre Panikmache vor der Geburt ("ein Schlachtfeld"), ihre Empfehlung, das Kind vor dem Stillen erst mal ein bis zwei Tage lang nach der Entbindung hungern zu lassen, ihre Schilderung der Machtkämpfe ums Schlafen und Sauberwerden. Hat man sich durch alle abscheulichen Details der Säuglingspflege durchgearbeitet, bleibt eines hängen: Mit der Geburt eines Kindes beginnt ein existenzieller Kampf. Auf der einen Seite die deutsche Mutter - auf der anderen, ja was eigentlich? Ein großhirnloses Wesen, instinkt- und machtgesteuert. Schon an der Brust verursacht dieser emotionale Zombie Schwierigkeiten, stellt sich "trinkfaul", will nur "lutschen", und schlimmer noch, will nicht begreifen, dass er nur um 6, 10, 14, 16 und 20 Uhr zu essen bekommt. Wenn er schreit, schreibt Haarer, wird er richtig gefährlich. "Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (!). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird - und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig. (Quelle)
So sah es nämlich aus mit der Mutterrolle, die Frau Herman trotz ihrer Kenntnis von Haarers Büchern heute besingt, für arische Mütter jedenfalls, die jüdischen wurden bekanntlich samt ihrer Brut vergast. Das kann man abtun als Dinge, die im Dritten Reich "schlecht" waren und dann die "Wertschätzung" arischer Mutterschaft als "gute" Rosine aus dem faulen Kuchen herauspicken, aber nur, wenn man wirklich nicht logisch denken will.
Erziehungsziel war nach Haarer schon bei Kleinkindern die Vorbereitung auf die Unterwerfung unter die NS-Gemeinschaft beziehungsweise die Gleichschaltung im Sinne deren Ideologie.
Auch darüber kann man hinwegsehen, ebenso wie über die Tatsache, dass die 68er neben bodenlosem Werteverfall auch die dankenswerte Abkehr von Haarers "schwarzer Pädagogik" hinterlassen haben. Um sich hinterher wie schon nach dem "Eva-Prinzip" zu beklagen, dass einen keiner richtig verstehen will.
Das ist alles schon wieder viel zu viel Gewese um Hermans wirre Spinnereien. Aber als ich heute doch in dieser Angelegenheit durchs Web gezappt habe, wurde es mir beinahe übel angesichts der vielen Sympathisanten, die in Foren und Kommentaren den NDR wegen Hermans Entlassung angreifen, der "Diktatur der political correctness" gegenüber einer blonden deutschen Mutter, die doch nur ihre Meinung sagt, und dann wird für meinen Magen viel zu breit diskutiert, ob sie nicht recht hat, und was man in diesem Lande eigentlich sagen dürfen sollte.

Es hilft Frau Herman aber nicht, sich einerseits alibihaft "Laut gegen Nazis" auf die Homepage zu schreiben, wenn sie andererseits ur-naziideologisches Vokabular verwendet. Das ist einer von hundert Widersprüchen, in die sich die arme Seele inzwischen schon verwickelt hat, es gibt keinen Grund mehr, ihr auch nur zuzuhören.

Allerdings bemerkte Rochus Wolff schon vor einem Jahr richtig: Das Eva-Prinzip ist keine politische Schrift, sondern eine kleine Dosis Gedankengift im Dienste politischer Desensibilisierung, ein Blitzableiter, unter dessen Schutz Schirrmacher, Bolz und Co. weiter wirken können. Ein Ende ist nicht abzusehen....und das ist das Gefährliche an Eva Herman.

Übrigens.
P.S.
P.P.S.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Der Innenminister und der Planet Liebe

Dass sein Denken für das Gros seiner Untertanen nicht nachvollziehbar ist, mag von der singulären Erfahrung eines unvermittelt zerschossenen Brustwirbels herrühren, anders ist das alles kaum zu erklären. Der Attentäter hat sich entschuldigt und ist seit einer Weile wieder frei. Bei allem Respekt für persönliche Tragik sehe ich aber nicht, wieso ich mich aus Tornados und Fenneks heraus fotografieren und bis an mein Ende in düsteren Archiven speichern lassen sollte, sollte ich tatsächlich einmal friedlich Transparente schwenkend durch die Straßen ziehen, denn so weit ins Wesensfremde treibt es mich womöglich bald in dieser Angelegenheit. Oder mich etwa stasimäßig vom Nachbarn, der sich vielleicht darüber ärgert, dass ich auf dem Gehweg parke, anonym wegen fiktiver Wirtschaftsdelikte denunzieren lassen können sollte; letzteres hat zwar nichts mit Terrorismus zu tun, aber auch nicht mit Rechtsstaatlichkeit.

Hier noch mal eine Übersicht über die freien, aber irren Gedanken Herrn Schäubles. Bevor der Spaß ganz aufhört, lesen Sie hierzu auch das hier.

Nachdem ich seit Jahren das Demokratieversagen in den USA nicht begreife - wo ist die Opposition? Wo das Volk? Ganz Osteuropa hat seine kommunistischen Diktaturen wegdemonstriert, wieso kriegen die Amerikaner keine Massenproteste hin? - habe ich heute erstmals meinen zuständigen Volksvertreter kontaktiert: Bitte sich dringend von den Ideen des Innenministers distanzieren und seine Parteikollegen auffordern, das gleiche zu tun. Seinen zuständigen Volksvertreter findet man hier. Tun Sie´s auch, man fühlt sich besser.

Außerdem lasse ich die Nachtschwester neuerdings von Überwach auf Überwacher überwachen. Hier werden Zugriffe von IPs unserer Regierungsstellen auf Blogs und Foren sichtbar gemacht. Das bringt natürlich weniger "verdeckte Ermittlungen" ans Tageslicht als sympathisches Blog- und Dating-Surfen unserer Regierungsbeamten zu Kaffee und Käsebrötchen während der Bürozeiten, es sind halt auch nur Menschen wie du und ich. Man beachte die zahlreichen Kontakte der "Bundesregierung" mit planet-liebe.de, daneben mit manchem Blognachbarn.

Free Image Hosting at allyoucanupload.com

Überwach ist eine fabelhafte Aktion von dataloo (via BaziND).

Montag, 25. Juni 2007

Deutsch

E-Post vom Balkan: "Heute bin ich beim Boss im Vorzimmer S. begegnet. Er hat sich noch einmal für unsere Mitwirkung am Kongress bedankt und gefragt, wann Du wieder kommst. Ich soll Dir herzlichst grüßen und ich muss Dir sagen, seine Augen fangen an zu leuchten und er kriegt das Zittern, wenn er von Dir spricht."

S. ist ein junger Arzt, der den Kongress mit immerhin 250 Teilnehmern hauptverantwortlich organisiert hat und am Ende noch den ersten Preis für die beste Präsentation mitnahm. In der Lobby des Tagungshotels gab es einen einzigen unter-vier-Augen-Kontakt. Ich sah ihm gerade ins Gesicht, eineinhalb Köpfe über meinem, und sagte, "S., ich bin sauer. Gestern habe ich nichts gesagt, als wir weder Leinwand noch Beamer noch Strom im Raum hatten, bis das erste Workshop praktisch vorbei war. Aber wenn Sie auf die Uhr schauen, sehen Sie, das erste Workshop für heute hätte vor 30 Minuten beginnen sollen. Wer zum Teufel hat das Zeug wieder rausgeräumt? Wir kommen für drei Tage her, wir stehen für so viele Workshops zur Verfügung, wie Interesse besteht, Anreise und Unterkunft machen wir selber, wir haben zwei Laptops dabei, wir haben einen verdammten Film gedreht, wir kommen mit einer Wagenladung Einmalmaterial für die Teilnehmer, der Andrang ist groß, alles was Sie tun müssen, ist eine Leinwand und einen Beamer in den Raum stellen, oder im Raum zu lassen! Oder rechtzeitig Bescheid sagen, dass Sie´s nicht können , dann hätten wir das auch noch mitgebracht. Ich gehe jetzt eine Viertelstunde Kaffee trinken, und wenn ich wieder komme, will ich Leinwand und Beamer im Raum sehen, sonst machen wir heute gar nichts." Erschrocken aufgerissene Augen, er hatte ja keine Ahnung, er werde sich persönlich, sofort. Auch die Art der Konfrontation war ihm vermutlich fremd. Beim Abendessen kam er an unseren Tisch, um uns mitzuteilen, wir seien die Hauptattraktion und das Feedback der Teilnehmer ausgezeichnet. Er entschuldigte sich noch einmal. Es tue ihm leid, dass ich mit der Organisation nicht zufrieden war, wahrscheinlich liege es einfach daran, dass ich aufgrund meiner Herkunft gewohnt sei, dass die Dinge so laufen, wie sie sollen. Aha, meine nicht mentalitätsangepasste Sichtweise war also hier die Fehlerquelle. Meine beiden einheimischen Mitarbeiter hatten sich tatsächlich mir gegenüber verständnisvoll und loyal gezeigt, sich selbst aber kein bisschen aufgeregt.

Nun leuchten Augen. Sie freuen sich dort, wenn ich mich so verhalte, wie es ihrer Vorstellung des typisch Deutschen entspricht. Sie finden mich klasse, wenn ich etwas tue oder sage, was sie für besonders deutsch halten, sie stoßen sich mit dem Ellenbogen an, sie sagen "sie ist Deutsche, aber keine von den kalten Deutschen. Sie ist wie wir, aber deutsch." Sie freuen sich auch, wenn ich einheimische Redensarten verwende oder einheimische Spezialitäten bestelle, obwohl ich Deutsche bin, oder ihre Weine fabelhaft finde, obwohl ich den Riesling erfunden habe. "Ich habe schon viel von Ihnen gehört", sagte der Vater eines befreundeten Arztes. "Nur Gutes. Mein Sohn sagte, Sie sind sehr prinzipiell."

Prinzipientreu, vernunftgesteuert und evidenzbasiert, humorlos, unhöflich ehrlich, ordentlich strukturiert, verlässlich, pünktlich. (Siehe hierzu die Gliederung meiner Thesis, die ich in nur sechs Wochen schreiben muss, keine Ahnung, wo die Zeit hin ist.) Wenn ich mich des öfteren verspäte, wie es leider meine Art ist, finden sie sympathisch, dass ich so eine lockere Deutsche bin. Ich bin ungewöhnlich gut gekleidet, für eine Deutsche. Daran sind meine Kommilitoninnen schuld, dür deren modischen Auftritt während der Studienreise ich mir einiges anhören musste.

Das alles führt dazu, dass ich mich gelegentlich frage, was denn deutschtypisch sein kann bei der Diversität, die 85 Millionen mit sich bringen, oder ob die Stereotypen, die in ärmeren Ländern voller Hochachtung uns gegenüber gepflegt werden, hohle alte Klischees sind, auch wenn mir einige liegen und ich sie gern mit Leben fülle.

SPON international hat letztes Jahr vor der WM Texte zum Thema gesammelt, um ausländische Besucher auf kulturelle Besonderheiten einzustimmen. Manches ist platt, manches gar nicht so spezifisch deutsch, manches überlebenswichtig, vieles erhellend. Wer sich etwa an unangemessenen medizinischen Pseudofachbegriffen im Stil von "Kreisllaufzusammenbruch", "schwerer Schock" und "künstliches Koma" im Sprachgebrauch stört, möge das hier. lesen. Erst recht, wenn Sie sich nicht daran stören.

Sonntag, 17. Juni 2007

Schuld

In meiner Vorstellung hat dieser 21jährige, der besoffen unterwegs mit Mamis Auto ihr Hirn zu Brei gefahren hat, ein kapitales Minus auf dem Lebenskonto. Keine vom Gericht zu verhängende Strafe kann es ausgleichen, kein temporärer Führerscheinentzug, kein "wir waren doch auch mal jung", keine verzweifelte Mutter, die sich neben passenden Worten, die sie durchaus findet, wahrscheinlich primär Gedanken um die bald mit einer Vorstrafe befleckte Vita ihres prinzipientreuen Sohnes macht. Dieses unbeschriebene Blatt, noch nichts bewiesen in seinem Leben, null Guthaben im Dienste an der Gesellschaft, nimmt der 33jährigen, die auf ihrer Intensivstation an der Rettung unzähliger Leben beteiligt war, das ihre und begreift das besondere Ungleichgewicht dieses Unfalls vermutlich gar nicht. Was sollte mit ihm geschehen? Nach der nun anstehenden Phase der Depression, Psycho- und Therapiekiste, die ihn in die Lage versetzen sollen, nach dem Trauma ein Leben wie jeder andere zu führen, möge er bitte trotzdem die besondere, altmodische Lebenspflicht wahrnehmen, Gutes zu tun. Entwicklungshilfe leisten, Sozialarbeit in den dreckigsten Slums, Minen räumen, Kriegsfotograf werden, sowas eben. Früher gingen die Leute ins Kloster, Buße tun, oder missionieren. Wann soll ich denn den Moralischen kriegen, wenn nicht hier.

Samstag, 14. April 2007

Familiäres (1)

Im väterlichen Familienclan der Nachtschwester, der sich vorletztes Wochenende in einem Rhön-Kurort traf, gab es nur eine einzige Ehescheidung, seit sich der Großvater in den 30ern scheiden ließ, um die Großmutter zu heiraten. Er fiel ´45 in den letzten Kriegstagen und blieb ihr einziger Mann bis zu ihrem Tod mit 93. Seit sie keine Advents-Karpfenessen und Geburtstagsfeiern mehr ausrichtet, trifft sich die Familie einmal im Jahr einfach so.

Ein Einheimischer blieb nicht nur minutenlang stehen, um mir beim Parken zuzusehen, er folgte mir, als ich mein Gepäck ins Hotel trug, um seine Missbilligung zu verbalisieren und mich auf den korrekten Parkplatz hinter dem Haus hinzuweisen. "Mach ich später" reichte nicht, ihn loszuwerden, ich musste erst unfreundlich werden. Dieses Provinzdeutschtum bin ich nicht mehr gewohnt.

Wenn ich alle Familienmitglieder um einen Tisch sitzen sehe, zeichne ich manchmal in Gedanken Mendelsche Vererbungsschemata. Diesmal fasste ich zwei Merkmale ins Auge, Nasen und Sesshaftigkeit. Im ganzen Clan gibt es nur zwei Nasen, die großväterliche, kräftige gerade, wohlproportionierte mit tänzerischem Schwung der Nasenflügel, und die prominente, hakenförmige meiner Großmutter, hellhäutig und rotgeädert. Angeheiratete Nasen der zweiten Generation konnten sich nicht durchsetzen. Erst in der vierten Generation, bei den Urenkeln, tauchen gelegentlich andersförmige Nasen auf. Ich trage die großväterliche, sie steht mir.

Eigentlich beschäftigt mich aber die Sache mit der Sesshaftigkeit. Wäre die Neigung dazu erblich, wäre sie in der väterlichen Familie homozygot dominant und ich mutant. Man hat in den Sechzigern aus Leipzig ins Badische riebergemacht und sich seither nicht mehr bewegt, oder man ist gleich drübengeblieben. Deshalb finden die Zusammenkünfte immer in Franken statt, das ist die Mitte. Eine Kusine hat es immerhin 100 Kilometer nördlich in ein südhessisches Dorf verschlagen, ihre mittlerweile erwachsenen Kinder fühlen sich wohl in der Provinz und haben kein Bedürfnis nach Urbanität oder einfach nur einem Tapetenwechsel. Das ist mir unbegreiflich. Dass ich mich über den Hobby-Park-Blockwart ärgerte, verstanden meine Verwandten gar nicht richtig.

Meine Mutter, das angeheiratete Gastarbeiterkind der 50er, deren Familie immer wieder dorthin umzog, wo der Vater Arbeit fand, und ich, nach sieben Städten in vier Ländern, regen uns gerne gemeinsam über langzeitarbeitslose Ostverwandte auf, die es grundsätzlich ablehnen, anderswo als in Leipzig Beschäftigung zu suchen. Meine Mutter spielt mit über 60 mit dem Gedanken, das Haus in der Provinz, an dem mir als künftige Erbin ohnehin nichts liegt, zu verkaufen und in eine große Stadt zu ziehen. Vater sagt nein, wozu? - dieser pragmatische Bewegungsdrang ist ihm wesensfremd.

Die Familie meiner Mutter ist übrigens teils tot, teils unversöhnlich zerstritten. Ich selbst habe gar keine.

Dienstag, 24. Oktober 2006

Katzav, Putin und schießwütige Väter

Der Moskauer Korrespondent sagte über Putins anerkennenden Kommentar zu den mutmasslichen Vergewaltigungen durch den israelischen Präsidenten, wenn überhaupt, werde man sich in Russland darüber aufregen, dass sich der Präsident so unvorsichtig geäußert hat, nicht über den Inhalt des Gesagten. Das sei Ausdruck der patriarchalischen Strukturen, Vergewaltigung gelte nun mal als Kavaliersdelikt.

In der aktuellen WHO-Studie zu Frauengesundheit und Gewalt gegen Frauen sind Äthiopien und Peru traurige Spitzenreiter der zehn untersuchten Länder. 70% der dort befragten Frauen gaben an, jemals physische oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben.
In Serbien und Montenegro, die uns von den Ländern der Studie geographisch und kulturell am nächsten liegen, waren es immerhin noch 24%. Ein Viertel der 15 bis 49jährigen.
"Two thirds of physically abused women did not seek help because they thought such abuse "normal" or not serious enough to seek help."
Sie verbuchen das als miese Erfahrung, studieren und arbeiten weiter, bekommen und versorgen ihre Kinder, nehmen am Leben teil und funktionieren.

Ein Nachmittag zu Hause bei einer Mitarbeiterin unseres Projektes in Skopje. Das Gespräch drehte sich um die Korruption, das Versagen der Rechtsorgane, Kriminalität, Vergewaltigung. Eine vergewaltigte Frau sei schlecht beraten, sich an die Polizei zu wenden. Ebenso könne sie sich "Nutte" auf die Stirn schreiben. Die Frau habe in der öffentlichen Meinung immer selbst schuld. "Diese Dinge kann man bei uns nur in der Familie regeln", sagte der Vater meiner Bekannten. "Wenn das meiner Tochter jemand antun würde, würde ich mit der Pistole losgehen und das Schwein abknallen. Das weiß sie. Vielleicht würde sie´s mir deshalb gar nicht sagen." Meine Bekannte ging in die Küche, nochmal Mokka aufsetzen. Sie war unter einem Vorwand wieder zu Hause eingezogen. In Wirklichkeit hatte sie ihr Exfreund wochenlang in der Wohnung eingesperrt, geschlagen und vergewaltigt. Mir hat sie´s gesagt, die Mutter ahnt es, der Vater darf es nicht wissen, der Ex hat eine Neue. Er ist ein Schwein, sie hat eben Pech gehabt, sowas kommt vor.

Wir haben uns, wie die Diskussionen um Frauen in Führungspositionen, Gehälterdifferenz und Kinderbetreuung zeigen, noch längst nicht zu Ende emanzipiert. Allerdings haben wir jede Chance, diese Dinge voranzutreiben, weil wir in einem Rechtsstaat leben. Das ist ein Privileg. Wer einem Anderen Gewalt antut, ob Mann, ob Frau, wird dafür belangt, für das Opfer gibt es Anlaufstellen, weibliche Polizeibeamte, Ärztinnen, psychologische Hilfe. Der alte Maslow würde sagen: Die Sicherheit ist längst gesichert, Schluss mit dem Gejammer, rauf zur sozialen Anerkennung!

Man muss nicht einmal den Kontinent verlassen, nur ein bisschen von unserem westeuropäischen Menschenrechtsidyll nach Osten reisen und sich mit Einheimischen umgeben. Das macht schon eine drastische Perspektiveerweiterung auf das wahre Leben, vor allem als Frau. Ich wüsste ein paar Leute, denen das ganz gut täte.

Samstag, 21. Oktober 2006

Zivilisation und niederer Instinkt

null

Ein Freund erzählte beim letzten Treffen, neulich habe ihn eine Frau aus dem Wagen hinter ihm unberechtigt angehupt, und zwar mehrfach. Als sie an der nächsten roten Ampel neben ihm zu stehen kam, stieg er aus und ging um den Wagen herum zur Fahrerseite. Sie sah ihn kommen und liess die Scheibe hoch. Er machte einen Satz und schob seine Hand in den Spalt. Sie verkroch sich verschreckt in ihren Sitz, er brüllte: "Wenn du das noch einmal machst, schlag ich dir dermaßen in die Fresse, dass dir die Zähne auf den Arschbacken Klavier klimpern!" Im Auto hinter der Frau öffnete sich die Fahrertür, ein Mann war im Begriff, auszusteigen: "Schreien Sie die Frau nicht so an!" Mein Bekannter fuhr herum, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ihn und brüllte:"Und du kriegst auch gleich eine rein!" Die Situation deeskalierte durch Umspringen der Ampel auf Grün, die bedrohten Verkehrsteilnehmer konnten sich unversehrt entfernen. Bisher gab es keine Anzeige. Mein Bekannter ist schwul, das erwähne ich nur, um die klassische Geschlechterdynamik als Erklärungsversuch auszuschließen, er ist weder ungebildet noch gewaltbereit, lebt in geordneten sozialen und materiellen Verhältnissen und fragt sich, was zum Teufel da mit ihm los war.

Ich selbst habe kürzlich zum allerersten Mal einem anderen Autofahrer den Mittelfinger gezeigt und war zu weit mehr bereit. Ich war gerade aus der unübersichtlichen Kurve einer stärker befahrenen Straße in die kleine, ruhige Straße zu meinem Viertel abgebogen, da kam mir ein Wagen entgegen, Ausweichen nicht möglich. Nun sah ich nicht ein, rückwärts ohne Sicht auf die Hauptstrasse zurückzustoßen, wo doch hinter dem anderen überhaupt kein Verkehr stattfand. Er fing an zu hupen, ich hupte zurück, stellte den Motor ab und lehnte mich bequem zurück. So standen wir Nase an Nase. Halsvenen, Hupfrequenz und -intensität des Gegenübers nahmen zu. Ich erwog, ganz entspannt zu Fuß nach Hause zu gehen und einen Kaffee zu trinken, bis sich der andere überlegt hätte, Platz zu machen.
Aber auf einmal veränderte sich meine Kameraeinstellung: Plötzlich war der andere ein Anzugträger im schwarzen SUV, der mir blonden Spagettiträgertopträgerin im Cabrio demonstrieren wollte, wer hier der Boss ist. Herrn Nachtschwester im BMW würde dieses Arsch sofort vorbeilassen, schoss mir durch den Kopf. Mir wurde heiß. Am liebsten wäre ich angefahren und hätte seine Scheisskarre Stossstange an Stossstange mit Schmackes nach hinten gegen den nächsten Baum geschmettert, aber wie schon angedeutet, Masse, Kräfte und Fragilität der Fahrzeuge waren zu meinen Ungunsten verteilt.
In diesem Moment tauchte eine weitere fette Karre hinter dem SUV auf, dessen Fahrer sich dem primitiven Imponiergehabe anschloss. Nun hielt ich dem psychologischen Druck nicht mehr stand, und gab rückwürts blindlings Vollgas: Wehe, hier passiert was. Ich knall euch ab, ihr Machoarschlöcher! Nicht, dass ich ein Abknallgerät parat gehabt hätte, aber im Geiste war ich ganz Michael Douglas in Falling Down.

Ich habe schon im vorweihnachtlichen Kaufhausgedränge verblüffte Menschen angebrüllt: "Wenn mich hier noch einer anrempelt, ohne sich zu entschuldigen, schlag ich zu!"

Gelegentlich lasse ich mich an der Discounterkasse in Auseinandersetzungen verwickeln. Wenn die Frau hinter mir - meistens sind es Frauen - schon das Band vollpackt, obwohl sie an meinem Einkaufswagen sieht, dass ich noch Platz brauche. Ich weise mit betonter, eisiger Höflichkeit darauf hin. Würden Sie mir freundlicherweise erstmal Platz für meine Sachen lassen. Wenn sie klug ist, hört sie das leise Donnergrollen tief in meiner Kehle und ahnt, was ihr gleich blüht, wenn sie ihren verdammten Kloreiniger und Nescafe und Zwiebelsack nicht umgehend aus meinem Territorium entfernt. Manche machen den Fehler, etwa zu entgegnen: "Dann müssen Sie halt schneller machen!", aber darauf lauere ich schon. Dann fliegen fauchend messerscharfe Krallenhiebe durch die Luft, bis sich die andere mit eingekniffenem Schwanz blutend und winselnd zu einer anderen Kasse schleicht.

Natürlich ist das inakzeptel und unter Niveau. Ich verhalte mich normalerweise besonnen und differenziert. Ich überlege, bevor ich etwas sage. Selbstverständlich nutze ich die Feedback-Kultur und trage Konflikte auf der Sachebene aus, nachdem ich alle Seiten berücksichtigt habe. Wenn mich mal jemand ärgert, übe ich ich Kritik am Anderen in der Ich-Form, damit sie nicht als persönlicher Angriff gewertet werden kann, selbst wenn sie eigentlich so gemeint ist. Solange sich diese Interaktionen im eigenen Umfeld abspielen, mit Freunden, Bekannten, Nachbarn, Kollegen.

Aber außerhalb des Reviers, gegenüber fremden Rudelangehörigen, falle ich bei der leisesten Provokation zurück in archaische Verhaltensweisen. Das Gegenüber, das ja immer schuld hat, rechtfertigt mein Verhalten, indem es sich ebenso präzivilisatorisch aufführt.
Ich sollte mich schämen, denn wenn ich ganz ehrlich bin, verschafft es mir, so ganz unterschwellig, ein ganz kleines bisschen Befriedigung, irgendsoeinem dahergelaufenen Deppen, der meint, er könnte es mit mir aufnehmen, mal zu zeigen, wer hier kampfrhetorisch aber sowas von die Hosen anhat.

Dienstag, 5. September 2006

Agnes und Eva

Eigentlich wollte ich mich über Frau Herman gar nicht äußern. Sie bekommt ohnehin zuviel Aufmerksamkeit. Da ist sie also mit ihrem Leben unzufrieden, hat drei Ehemänner verschlissen, mit geringer reproduktiver Ausbeute, nur einem Kind, und auch der vierte Gatte kriegt keinen vernünftigen Apfelkuchen hin. Der Teigrand wird nie richtig kross, während der Boden immer schon durchweicht.
Frau Hermans Karriere war beachtlich, aber an einem Punkt der Stagnation angelangt. Grund genug, ein paar Bücher zu lesen, allen voran dieses (20 Jahre alt), vielleicht auch dieses, dieses und ganz sicher dieses, und das "neue" Gedankengut als mutigen Tabubruch in die deutsche Diskussionskultur zu werfen. Flugs besann sich Frau Herman noch auf ihren Glauben, um mit „schöpfungsgewollter Aufteilung“ zu argumentieren und entschied, nicht etwa sie selbst, sondern die deutsche Frau als solche solle sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: Stillen, sich ernähren lassen, Kuchen backen, Blumen arrangieren, Klappe halten.

Zufällig habe ich gestern, und das veranlasst mich doch zu diesem Beitrag, auf 3sat eine Reportage über eine Schweizer Bergbauernfamilie gesehen. Wie Agnes, die Bäuerin, in aller Herrgottsfrühe aufsteht, Feuer macht, erst das Vieh – Rinder und Ziegen – versorgt, dann die vier Kinder, bevor sie sich auf den zweistündigen Schulweg ins Tal machen. Katzen, Hunde, kochen, waschen, melken, Butter und Käse und Heu herstellen, mit den Jahreszeiten die Wohnhäuser wechseln, all das teilweise ohne Strom, Telefon und fließend Wasser. Die Kindererziehung sei eine ernste, schwere Aufgabe, die ihr der Herrgott gestellt habe, sagt die erstaunliche Agnes. Dafür habe er sie schliesslich mit ihrem Mann zusammengeführt. Die Aufgaben seien gleich verteilt - jeder kann alles und macht alles. Manchmal wünsche sie sich, nicht bis ins 70. Jahr so schwer arbeiten zu müssen, aber ein anderes Leben als dieses im Einklang mit der Natur wolle sie nicht. Agnes besteht darauf, dass jedes der Kinder eine Lehre macht, vor allem auch die Tochter. Denn als Erwachsene sollen sie sich freiwillig mit ganzem Herzen für dieses Leben in den Bergen entscheiden, das können sie nur, wenn sie auch eine Alternative haben. Und dann tritt diese wunderbare Frau bei Sonnenuntergang vor ihr Holzhaus hoch droben und singt einen Almsegen.

Danach habe ich versehentlich direkt in Frau Hermans Visage auf dem Ersten gezappt. Wie sie im gelben Blazer manikürt, frisiert und mit rotem Lippenstift farbharmonisch vor einer roten und einer gelben Wand steht und uns alle ins präfeministische Zeitalter zurückfaselt.

Lieber Gott, bitte schick Deine arme verirrte Tochter Eva zu Agnes auf die Alm.
Nimm ihr das Au-Pair, die Haushaltshilfe, den Gärtner, die persönliche Assistentin, die Visagistin, die Friseurin und die Stylistin, den Fitness-Coach, den Feng-Shui-Berater und das Geld.
Gib ihr vier Kinder, einen Haufen Tiere, ein altes Haus mit Holzofen, einen Brunnen vor dem Haus, einen rechtschaffenen, ungewaschenen, bärtigen Bauern als Mann und einen großen Misthaufen. Gib ihr die Aussicht auf das Pensionsminimum, das eine Bauersfrau in der Schweiz nach einem Leben harter Arbeit erhält, denn das ist es, was Eva will: ihrer schöpfungsgewollten Bestimmung als Frau ohne feministische Einflüsse nachkommen. Ihr Glaube wird ihr dabei schon helfen.
Ich denke, ein Jahr würde schon reichen, aber behalt sie ruhig für immer da.

Tagesdosis

Codefreien Kaffee habe...
Codefreien Kaffee habe ich hier auch, aber keine freien...
nachtschwester - 25. Jun, 15:51
So lange ...
der Kaffee nicht koffeinfrei ist, kann man auch das...
sokrates2005 - 25. Jun, 15:35
Danke fürs Lebenszeichen....
Danke fürs Lebenszeichen. Hier gibts immer mehr...
rafael (anonym) - 18. Jun, 14:22
Fehlendes
Internet kenne ich aus Nigeria, ebenso wie langsame...
pathologe - 18. Jun, 09:15
Oh, danke, man wunderte...
Oh, danke, man wunderte sich schon. ;) Enjoy the real...
Etosha - 18. Jun, 09:09
Ebenfalls beruhigte und...
Ebenfalls beruhigte und liebe Grüße und...
Petra (anonym) - 17. Jun, 13:24
Beruhigte Grüße
Beruhigte Grüße
Opa (anonym) - 17. Jun, 07:04
ärx..... jetzt...
ärx..... jetzt bin ich schon so lang auf nachtschwesternentzug
rosmarin - 17. Jun, 01:00

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