Das Märchen von der Heimkehr
Kontakte und Gespräche hatten sich nicht schnell genug zu einem Vertrag materialisiert. Ich wollte nicht in den Jemen oder nach Pakistan. Ich wurde ein bisschen nervös und mailte zwei Bewerbungen nach München, nur so, initiativ, weil da auch Berge in der Nähe sind. Bekam zwei Anrufe, fuhr zu zwei Gesprächen, lernte zwei nette Teams kennen, bekam zwei Zusagen und nahm das bessere Angebot. Es ist nur ein Spatz in der Hand, ohne internationale Komponente und wird mich in zwei Monaten anöden. Ich kann auch die Ineffizienz, Lahmarschigkeit und Ressourcenverschleuderei im deutschen Gesundheitswesen nur noch schwer ertragen. Aber zwischenmenschlich ist es sehr angenehm. Und mein Leitmotiv ist so ein vages Sehnen nach, siehe Absatz 1, geordneter bürgerlicher Existenz, nach 50seitigen deutschen Steuererklärungen und der Illusion von Sicherheit, die man unterbewusst mit diesen Dingen verknüpft. Ich verstoffwechselte verlangsamt, dass ich dafür in den bayrischen Landesdienst eintreten musste. Zum 1. April. Ja, das ist lustig.
Neben den aufgeführten guten Gründen, nach Deutschland zurückzukehren, gibt es genau so viele, die dagegen sprechen.
Man hat Fähigkeiten und Kenntnisse erworben, die zu Hause niemand braucht. Wenn Sie, wie eine amerikanische Freundin, etwa seit Jahren für Finanzunternehmen Hilfsprojekte internationaler Organisationen in Schwellenländern zwischenfinanzieren, können Sie mit ihrem Expertenwissen zu Hause kein Geld verdienen und immer nur weiter von Abchasien in den Kosovo nach Armenien nach Usbekistan nach xy vagabundieren. Eine andere, erfahrene GUS-Expertin, ist ein halbes Jahr vor mir zurückgekehrt, schwanger von einem Münchner und mit Existenzängsten, denn Demokratieentwicklungsexperten werden in Bayern eher nicht gesucht. Wenn man im Heimatland Arbeit findet, ist die Tätigkeit ist nicht besonders besonders, denn plötzlich gibt es Tausende mit demselben Abschluss, die Ihre Arbeit genauso gut machen könnten. In Bangladesh/Eritrea/Kirgistan/Molwanien hing alles von Ihnen ab, nun sind Sie austauschbar. Was Sie von Ihren Kollegen abhebt, Ihre kulturelle Kompetenz, Ihr Improvisationstalent, Ihre Unerschütterlichkeit in Krisen, Sie kommen nämlich gerade aus einer Dauerkrise, Ihr C2-Englisch und Ihre Nischenfremdsprachen, ist zu Hause irrelevant. Deshalb verdienen Sie auch so viel weniger als vorher im Ausland, dass es weh tut. Auch wenn Ihre Stelle überhaupt nicht besetzt wäre, ginge das Schiff, aufs Ganze gesehen, kaum unter. Das Prestige und die Mission sind weg, und nebenbei bemerkt haben Sie auch keine Haushälterin und keinen Personal Trainer mehr.
Ein Land mit einer anderen Kultur und einem anderen Lebensstandard verändert Ihre Perspektive auf eigentlich alles. Das trennt Sie von den Daheimgebliebenen. Sie meinen, Sie haben spannende Geschichten zu erzählen? Kein Mensch will sie hören, am wenigsten die, die fragen, wie es da so war. Die wollen eigentlich nur Ihre Bestätigung dafür, dass die Zivilisation an den Grenzen der EU 15 oder höchstens EU 25 aufhört und erst in Nordamerika oder Australien weitergeht und man sich dazwischen, wenn überhaupt, nur im abgeschirmten Raum des Pauschaltourismus bewegen kann.
Kurz gefasst: mit der Rückkehr können Sie Ihren Lebensstandard nicht halten, wenn Sie überhaupt einen Job finden, ist er ohne globalpolitische oder humanitäre Weihen, d.h. aus Ihrer Sicht banal und überflüssig, und Ihre Erfahrungen machen Sie einsam. Für die emotionale Reaktion darauf gibt es einen Begriff, Re-Entry Shock, das ist das Gegenteil vom Kulturschock beim Auswandern, aber härter, es gibt Bücher und Ex-Expat-Selbsthilfeseiten dazu im Netz.
Aber ich komme zum dritten Mal zurück. Das erste Mal war ich 22, Studentin, unvorbereitet und habe tatsächlich sehr gelitten. Heute tappe ich nicht mehr in die Falle, mich reintegrieren zu wollen. Ich sitze nur vergnügt ein bisschen in München im Hier und Jetzt auf der Pausenbank und warte, bis es weitergeht. Am besten lebt es sich zwischen allen Stühlen.
Meine GUS-Freundin hat inzwischen ein usbekisches Aupair fürs Baby, koordiniert eine Stiftung gegen Kinderarmut und ist froh, dass sie Arbeit hat. Sie hat engagierte junge Mitarbeiter, die die Kinderarmut in München voll Hardcore finden und gar nicht ahnen, wie weltfremd und dumm sich das für ihre Chefin anhört, siehe Bild 2 und 3 unten.
Ein molwanischer Freund hat mir letzte Woche ein paar Antisentimentalitäts-Schnappschüsse aus der Metropole geschickt,
aber ich weiß, dass gerade die Linden anfangen zu blühen und die ganze Stadt bis Mitte, Ende Juli danach duften wird.

