Fallstudien

Donnerstag, 31. Mai 2012

Das Märchen von der Heimkehr

Ich habe keine echten Probleme und sehe auch keine bei anderen. Ich gehe Menschen aus dem Weg, die Alltagsärgernisse für echte Probleme halten, aber es sind viele. Ich habe wieder eine deutsche Meldeadresse, an er ich mich auch physisch aufhalte. Mir stehen 14 Gehälter zu, Arbeits- und Urlaubszeit sind vertraglich geregelt und bald wäre ich wieder arbeitslosen- und elterngeldberechtigt. Ich trenne wieder Müll. Ich muss vorher nicht in den Container schauen, um zu vermeiden, jemanden mit Abfall zu bewerfen, der sich gerade sein Mittagessen sucht. Ich stolpere auf Fußwegen der Innenstadt nicht über schlafende Kinder. Sie klettern auch nicht an roten Ampeln auf mein Auto und bespucken es, wenn ich ihnen kein Geld gebe. Es regnet zu Hause nicht durch die Decke, das Waschbecken fällt nicht von der Wand, keine Kakerlaken laufen durch mein Wohnzimmer, keine streunenden Hunde lungern im Hausflur. Wenn mir Unrecht geschieht, kann ich jemanden verklagen. Ich kann nicht aus fadenscheinigen Gründen des Landes verwiesen werden wie letzten Winter aus Molwanien. Die Regierung treibt meinen Arbeitgeber nicht in den Ruin, wenn er sie kritisiert, wie den Boss. Ich bin vernünftig krankenversichert und muss mich nicht jedesmal wochenlang mit dem BDAE um mein Geld streiten, wenn ich beim Arzt war. Viel weniger Arbeit wird von mir verlangt und ich bin viel schneller damit fertig, weil kein slawischer Sprachstammsplitter-Muttersprachler jedes Memo, jede Email und Präsentation von mir erst Korrektur lesen muss. Der Job hier ist wie Urlaub.

Kontakte und Gespräche hatten sich nicht schnell genug zu einem Vertrag materialisiert. Ich wollte nicht in den Jemen oder nach Pakistan. Ich wurde ein bisschen nervös und mailte zwei Bewerbungen nach München, nur so, initiativ, weil da auch Berge in der Nähe sind. Bekam zwei Anrufe, fuhr zu zwei Gesprächen, lernte zwei nette Teams kennen, bekam zwei Zusagen und nahm das bessere Angebot. Es ist nur ein Spatz in der Hand, ohne internationale Komponente und wird mich in zwei Monaten anöden. Ich kann auch die Ineffizienz, Lahmarschigkeit und Ressourcenverschleuderei im deutschen Gesundheitswesen nur noch schwer ertragen. Aber zwischenmenschlich ist es sehr angenehm. Und mein Leitmotiv ist so ein vages Sehnen nach, siehe Absatz 1, geordneter bürgerlicher Existenz, nach 50seitigen deutschen Steuererklärungen und der Illusion von Sicherheit, die man unterbewusst mit diesen Dingen verknüpft. Ich verstoffwechselte verlangsamt, dass ich dafür in den bayrischen Landesdienst eintreten musste. Zum 1. April. Ja, das ist lustig.

Neben den aufgeführten guten Gründen, nach Deutschland zurückzukehren, gibt es genau so viele, die dagegen sprechen.

Man hat Fähigkeiten und Kenntnisse erworben, die zu Hause niemand braucht. Wenn Sie, wie eine amerikanische Freundin, etwa seit Jahren für Finanzunternehmen Hilfsprojekte internationaler Organisationen in Schwellenländern zwischenfinanzieren, können Sie mit ihrem Expertenwissen zu Hause kein Geld verdienen und immer nur weiter von Abchasien in den Kosovo nach Armenien nach Usbekistan nach xy vagabundieren. Eine andere, erfahrene GUS-Expertin, ist ein halbes Jahr vor mir zurückgekehrt, schwanger von einem Münchner und mit Existenzängsten, denn Demokratieentwicklungsexperten werden in Bayern eher nicht gesucht. Wenn man im Heimatland Arbeit findet, ist die Tätigkeit ist nicht besonders besonders, denn plötzlich gibt es Tausende mit demselben Abschluss, die Ihre Arbeit genauso gut machen könnten. In Bangladesh/Eritrea/Kirgistan/Molwanien hing alles von Ihnen ab, nun sind Sie austauschbar. Was Sie von Ihren Kollegen abhebt, Ihre kulturelle Kompetenz, Ihr Improvisationstalent, Ihre Unerschütterlichkeit in Krisen, Sie kommen nämlich gerade aus einer Dauerkrise, Ihr C2-Englisch und Ihre Nischenfremdsprachen, ist zu Hause irrelevant. Deshalb verdienen Sie auch so viel weniger als vorher im Ausland, dass es weh tut. Auch wenn Ihre Stelle überhaupt nicht besetzt wäre, ginge das Schiff, aufs Ganze gesehen, kaum unter. Das Prestige und die Mission sind weg, und nebenbei bemerkt haben Sie auch keine Haushälterin und keinen Personal Trainer mehr.

Ein Land mit einer anderen Kultur und einem anderen Lebensstandard verändert Ihre Perspektive auf eigentlich alles. Das trennt Sie von den Daheimgebliebenen. Sie meinen, Sie haben spannende Geschichten zu erzählen? Kein Mensch will sie hören, am wenigsten die, die fragen, wie es da so war. Die wollen eigentlich nur Ihre Bestätigung dafür, dass die Zivilisation an den Grenzen der EU 15 oder höchstens EU 25 aufhört und erst in Nordamerika oder Australien weitergeht und man sich dazwischen, wenn überhaupt, nur im abgeschirmten Raum des Pauschaltourismus bewegen kann.

Kurz gefasst: mit der Rückkehr können Sie Ihren Lebensstandard nicht halten, wenn Sie überhaupt einen Job finden, ist er ohne globalpolitische oder humanitäre Weihen, d.h. aus Ihrer Sicht banal und überflüssig, und Ihre Erfahrungen machen Sie einsam. Für die emotionale Reaktion darauf gibt es einen Begriff, Re-Entry Shock, das ist das Gegenteil vom Kulturschock beim Auswandern, aber härter, es gibt Bücher und Ex-Expat-Selbsthilfeseiten dazu im Netz.

Aber ich komme zum dritten Mal zurück. Das erste Mal war ich 22, Studentin, unvorbereitet und habe tatsächlich sehr gelitten. Heute tappe ich nicht mehr in die Falle, mich reintegrieren zu wollen. Ich sitze nur vergnügt ein bisschen in München im Hier und Jetzt auf der Pausenbank und warte, bis es weitergeht. Am besten lebt es sich zwischen allen Stühlen.

Meine GUS-Freundin hat inzwischen ein usbekisches Aupair fürs Baby, koordiniert eine Stiftung gegen Kinderarmut und ist froh, dass sie Arbeit hat. Sie hat engagierte junge Mitarbeiter, die die Kinderarmut in München voll Hardcore finden und gar nicht ahnen, wie weltfremd und dumm sich das für ihre Chefin anhört, siehe Bild 2 und 3 unten.

Ein molwanischer Freund hat mir letzte Woche ein paar Antisentimentalitäts-Schnappschüsse aus der Metropole geschickt,

Lutenblag 1  Lutenblag 3 Lutenblag 4

Lutenblag 5 Lutenblag 6 Lutenblag 2
aber ich weiß, dass gerade die Linden anfangen zu blühen und die ganze Stadt bis Mitte, Ende Juli danach duften wird.

Dienstag, 17. Januar 2012

Das zerbrochene Mädchen

Und eben lese ich mit feuchten Augen auf Facebook bei dem Mädchen, das doch nicht gestorben ist, nur von der Taille abwärts verkrüppelt, und dessen Geschichte ich versprochen habe, Ihnen noch zu Ende zu erzählen: "Ich bin einer von den Menschen, die einfach nicht keine Zufriedenheit im Leben finden können, auch wenn das Schlimmste passiert."
Und ich weiß nicht, wo sie das hernimmt, ihre Unzerstörbarkeit, noch nie habe ich jemanden von solcher inneren Schönheit kennengelernt.

Sonntag, 13. November 2011

Innere Sicherheit (2)

Während meinem letzten Deutschlandaufenthalt vor ein paar Wochen ging gerade Ramsauers Forderung nach der Helmpflicht für Radfahrer durch die Nachrichten. Ich habe das eben kurz gegoogelt und sehe, ohne mich einzulesen, die Frage ist immer noch nicht vom Tisch. Verzeihen Sie, dass ich die Diskussion nicht im Detail verfolge. Sie ist absurd und Ausdruck zunehmender gesellschaftlicher Neurotisierung. Welche Gefahr für die Allgemeinheit geht eigentlich von Radfahrern aus, die keinen Helm tragen? Während der Staat natürlich Minderjährige zu schützen hat, kann er mündigen Bürgern nicht verbieten, sich auf dem Fahrrad Risiken auszusetzen, die im Vergleich mit anderen Alltagstätigkeiten (kochen mit Gas, Haare fönen mit Strom, nass werden im Regen) nicht signifikant häufiger zu schweren Verletzungen oder zum Tode führen.

Als konsequente Fortsetzung der Idee schlage ich Schwimmflügelpflicht beim Baden in Gewässern über 0,5 m Tiefe sowie Mützen- und Schalpflicht im Freien bei Temperaturen unter 5°C vor.

Wer sich mit evidenzbasierter Medizin oder Pflege beschäftigt, kennt die Studie von Smith und Pell (2003), die per Metanalyse untersucht, ob der Gebrauch von Fallschirmen bei Sprüngen aus großer Höhe Verletzungen verhindert. Sie kommt zu dem Schluss, dass man aus der bestehenden Datenlage keine Empfehlung zum Gebrauch von Fallschirmen ableiten könne.
Die Stoßrichtung der Studie war natürlich nicht, Fallschirme abzuschaffen, sondern die Paradigmen der EBM zu hinterfragen. Trotzdem, sehen Sie die Verbindung zu Fahrradhelmen?

Bei Hofstede ist der Grad der Unsicherheitsvermeidung und dem Bedürfnis nach institutioneller Regelung eins von sechs Vergleichskriterien von Gesellschaften miteinander. Ich halte mich in einem Land auf, das sich in allen Hofstede-Kriterien diametral von Deutschland unterscheidet. Wie die meisten Länder der Welt, übrigens.
Wir werden in westlichen Kindermädchenstaaten dazu erzogen, fremden Menschen zu misstrauen und uns stattdessen auf staatliche Institutionen zu verlassen, wenn wir Hilfe brauchen. In Ländern wie Molwanien gehen die Menschen erst dann widerwillig zur Polizei oder aufs Amt, wenn sie in ihrem Umfeld keine Hilfe finden. Dem Staat als solchem ist nicht zu trauen. Dennoch ist Molwanien ein sehr friedlicher und sicherer Ort.
Ginger in Beirut macht sich als Britin im Libanon ähnliche Gedanken in diesem lesenswerten Beitrag, den ich Ihnen sehr ans Herz lege, falls Sie in der Fahrradhelm- oder ähnlichen Fragen unentschlossen sind.

Mein Vater fuhr in den 70ern einen Alfa Spider. Das ist ein zweisitziges Cabrio und war unser einziges Auto. Es war eins der Baujahre mit einer ungepolsterten "halben" Rückbank. Ich konnte nur seitwärts darin sitzen, die Beine quer hinter den Fahrersitzen ausgestreckt. Mit 10 wurde ich zu groß dafür und mein Vater musste einen langweiligen Viersitzer kaufen. Ich habe im Mai Geburtstag und erinnere mich, wie mein Vater an einem warmen Tag meine Freundinnen nach dem Kindergeburtstag nach Hause fuhr: Verdeck offen, eine neben der anderen auf dem Verdeck/der Hutablage sitzend, die Beine im Auto, 2 auf dem Vordersitz. Natürlich fuhr er langsam. Die Leute im Ort winkten und lachten. Es gab noch Bauernhöfe im alten Ortskern, und die Bauern hielten gern mit dem Traktor an und ließen uns Kinder auf dem improvisierten Sitz auf dem Kotflügel mitfahren. 8 Kinder in einem offenen Zweisitzer zu transportieren, war nichts anderes - Spaß. Heute würde jemand die Polizei rufen.

Siehe hier: In einer Grundschule in Florida werden nicht nur alle Kinder von ihren Müttern abgeholt, diese müssen aus Sicherheitsgründen in einer Reihe parken und die Kinder eins nach dem anderen entgegennehmen. Das dauert jeden Tag 2 Stunden. Die Mutter einer Rodeo reitenden 8jährigen kam daher mit dem Pferd, um die Prozedur abzukürzen. Die Rektorin weigerte sich aus Sicherheitsgründen, das Mädchen der Mutter zu übergeben, ließ es von Schulbeamten nach Hause fahren und Mutter und Pferd von der Polizei vom Gelände entfernen.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Von Nähe, Distanz und Toilettenkultur

Diskretion, Distanz, Trennung von Privatem und Beruflichem sind in Molwanien abstrakte Werte. Das zeigt sich am Bankschalter, wo der Hintermann ungeniert den Überweisungsträger mitliest, daran, dass man ständig von Fremden geduzt, mit "Mädchen" oder "Nachbarin" angesprochen wird, und gipfelte kürzlich darin, dass meine Physiotherapeutin männliche molwanische Klienten, die sie für attraktiv hält, im Zeitrahmen meiner Lymphdrainagen bestellte, um mich zu vernetzen.

Das Familiarisieren des öffentlichen und des Berufslebens ist ein Merkmal kollektivistischer Kulturen und kann durchaus angenehm sein. Ich könnte meinen molwanischen Zahnarzt Tag und Nacht auf dem Handy anrufen, er würde alles stehen und liegen lassen und seine Praxis aufsperren, sollte ich je eine Plombe verlieren. Was nicht vorkommt, denn er ist der weltallerbeste Zahnarzt. Ich rief ihn einmal samstags morgens an, weil ich mit Frenchguy ohne Führer bergsteigen wollte, ausgehend von dem abgelegenen Bergdorf, aus dem mein Zahnarzt stammt, um nach Wegen zu fragen. Er sagte, am besten, wir kämen vorbei, er sei zufällig dort, man sitze auf der Terasse, es gebe Fleisch, Salat und Schnaps und Musik. Wir kannten uns erst seit 4 Keramikfüllungen.

Der wildfremde Fahrer des Abschleppwagens suchte mich nach meinem Wildunfall im Februar in finsterer Nacht mitten im unbesiedelten Gebirge fieberhaft und voller Sorge, fand mich in weniger als einer Stunde und schleppte mich dann den weiten Weg zurück nach Lutenblag statt bloß in die nächste Werkstatt, auf der Fahrt fürsorglich Trost spendend. In Lutenblag fuhr Meister D derweil völlig selbstverständlich freitags spätabends in seine Werkstatt, um dort auf mich zu warten, als wäre er mein bester Freund.

Ich wollte anfangs durchsetzen, dass das Personal den Patientenkontakt professionalisiert, Patienten siezt und auf die Kose-Präfixe Tantchen, Opa, Herzchen, Seelchen etc. vor dem Vornamen des Patienten verzichtet. Erfolglos. Schließlich sah ich ein, dass an dieser Distanzlosigkeit nur ich mich störte. Inzwischen finde ich ihren Umgang mit Patienten ganz wunderbar.

In molwanischen Cafes, Restaurants und öffentlichen Einrichtungen sind die Toiletten nicht abschließbar. Man geht eben zu zweit und einer hält von außen die Tür zu. Wenn ich mich darüber echauffiere, sagen mir Diplomatenfreundinnen, hoffentlich verschlage es mich nicht nach Zentralasien. In Kasachstan oder Aserbaidschan wäre man schon froh, wenn es Toilettentüren oder IRGENDEINEN Sichtschutz gäbe.

Die Personaltoiletten in unserer Klinik sind selbstverständlich abschließbar. Nicht alle Mitarbeiter nutzen diese Option. Es gehört zum guten Ton, vor dem Eintreten an die Toilettentür zu klopfen und auf Antwort zu warten. Ich lehne das ab, denn Anklopfen an eine besetzte Toilette zöge eine verbale Kommunikation mit einer unsichtbaren Person nach sich, die gerade uriniert oder defäziert oder einen Tampon wechselt oder Schlimmeres. Um genau das zu vermeiden, haben Toilettentüren Schlösser. Da diese Sichtweise jedoch in meiner Sozialisation in einer individualistischen Kultur wurzelt, die niemand mit mir teilt, stoße ich immer wieder unverhofft mit Mitarbeiterinnen mit heruntergelassener Hose zusammen, darunter hohe akademische Würdenträgerinnen und Respektpersonen. Sie entschuldigen sich stets bei mir, dem Eindringling, und hoffen, ich hätte mich nicht zu sehr erschreckt.

Montag, 4. Januar 2010

Kulturelle Inkompetenz

Liebe KollegInnen, da ich weiß, was Sie verdienen, was Fachliteratur kostet, und um dem Bildungsauftrag dieses Blogs nachzukommen, schenke ich Ihnen unter dem Ladentisch einen Link. (Zum Runterladen registrieren.) Ich bin dieses Wochenende auf einen aktuellen Purnell hineingefallen, um dessen Modell kultureller Kompetenz im Gesundheitswesen man nicht herumkommt, wenn man sich mit transkultureller Pflege befasst, und musste feststellen, er ist ein ergiebiger Quell böser Stereotypen und Fehlinformationen an unerwarteter Stelle. Über Menschen deutscher Herkunft ist zu lesen:

“Personal touch and displays of affection, such as hugging and kissing, vary. In families where the father plays a dominant role, little touching occurs between the father and children.”

“Pregnancy outside marriage results in overt or subtle disapproval. Because families are concerned about their reputations in the community, the presence of an unwed mother taints their reputation and may result in the family being ostracized by others. If marriage follows the pregnancy, less sanctioning occurs, but the fact that pregnancy existed before marriage creates a stigma for the woman, and sometimes for the child, that may last for the rest of their lives.
• Many middle-aged gays and lesbians may fear exposure because of the extreme discrimination homosexuals experienced in Nazi Germany. When encountering gays and lesbians who need support, a referral to one of the gay and lesbian religious groups may be helpful.”

Welcher Homosexuelle, der heute mittleren Alters ist, wurde im Dritten Reich diskriminiert, frage ich mich unter anderem. Wer hat da bloß wen wann im letzten Jahrtausend befragt? Ich staune auch über angebliche weibliche Beschneidung nicht in Afrika, nicht in Kurdistan, nein - in Bosnien!, die dort so gang und gäbe sei wie die männliche: "Explain that female circumcision is illegal in the United States.". Im türkischen Kapitel wird empfohlen, Einwanderer zunächst auf Wurmbefall zu testen. Italiener essen angeblich abends eine Knoblauchzehe, um Atemwegsinfektionen vorzubeugen, und tragen Knoblauch während Grippeepidemien zum Schutz um den Hals, dies sei common practice. Kopfschütteln. Gut, dass ich hier nur 2,7MB Festplatte investiert habe. Wenn Sie unbedingt Purnell lesen müssen, beschränken Sie sich auf das Wesentliche, der Rest ist Borat.

Dienstag, 10. November 2009

Nicht für Leser unter 16 Jahren geeignet

Drei Mitarbeiterinnen saßen gegen elf in der Küche, stippten ihre Sesamkringel in ihren Joghurt und tratschten, als etwas Großes zuerst schwer an der Regenrinne über dem Fenster aufschlug, durch die Außenwinkel ihrer Gesichtsfelder fiel, dann ein zweites Mal auf der Betonstrebe aufkam, die vor der Fassade quer verläuft, weil man sich in den 60er Jahren Erdbebensicherheit so vorgestellt hat, und ein drittes Mal drei Stockwerke tiefer hart auf den Asphalt schmetterte.

Ein Gegenstand, ein Vogel? Ein Mensch. Zertrümmert im Hof. Alle drei begannen reflexhaft, am ganzen Körper zu zittern, und hörten stundenlang nicht mehr auf. Doch wohl kein Patient von unsererer Intensivstation einen Stock drüber? Nein, er trug Straßenkleidung. Zwei gingen kotzen, die dritte rief vorher noch das Vorzimmer des Boss an, damit dessen Assistentin den Sicherheitsdienst des alten Krankenhauses alarmierte, dessen untere Stockwerke wir umgebaut haben und nutzen und aus dessen oberen Stockwerken der Mann offenbar gesprungen, gefallen oder gestoßen worden war. Als ich etwas später aus dem Fenster sah, hatte jemand ein weißes Tuch über die Leiche geworfen. Drei Stunden später war das Laken nicht mehr da. Es regnete. Regen wusch Blut aus seinem Kopf in Schlieren weit über den Asphalt. Der Sicherheitsdienst hatte die Zufahrt zum Hof mit einem Auto blockiert. Sonst war niemand zu sehen. Gegen vier sah ich noch mal nach, bevor es dunkel wurde, der Leichnam lag noch da.

Kollektives Entsetzen und tiefes Mitleid erfasste in kurzer Zeit die ganze Belegschaft, kein anderes Thema mehr den ganzen Tag. Kopfkinofilme wurden ungehemmt gedreht und abgespult, Tränen flossen, was für eine Tragödie für die Familie des unbekannten Toten im Hof, seine Kinder in der Schule, das Stigma, seine armen, alten, gebrechlichen Eltern. Daneben stand ich innerlich achselzuckend; wenn man Jahre in Großkliniken mit zweistelliger Geschosszahl zugebracht hat, weiß man, es springt immer mal einer vom Dach. Hier weiß man das sicher auch. Was haben die sich dabei gedacht, ihre Neuropsychiatrie im achten Stock einzurichten?

Viel mehr erschütterte mich die unbegreiflichen Gleichgültigkeit und Nichtzuständigkeit der Institutionen hinterher, der Krankenhausführung, der Polizei, der Gerichtsmedizin, die den zerbrochenen Körper einen halben Tag unbedeckt, ungeachtet liegen ließen. Ähnliches habe ich hier schon mal beschrieben. Und ich kann immer nicht zusammenbringen, wie die überbordende Emotionalität und Freundlichkeit und Güte der Einzelnen in der Summe ein so menschenverachtendes Kollektiv ergibt.

Dienstag, 2. Juni 2009

Regierungskanal

Ich sitze mit offenem Mund vor dem Fernsehkanal der Regierungspartei, Fascho TV, dessen ewiges Thema das Formen und Festigen einer nationalen Identität ist, die so gerne in der Antike wurzeln würde, denn seither ist nichts mehr von Bedeutung passiert, kulturell, wirtschaftlich oder sonstwie. Daran sind 500 Jahre Türkenherrschaft schuld und danach der Kommunismus, wobei, im Kommunismus war nicht alles schlecht. Das Verwurzeln in der Antike scheitert daran, das man kein Geld für Archäologie hat. Hätte man Geld, man könnte egal wo graben und fände überall Kunstschätze, die die historische Bedeutung der Nation für die Entwicklung der zivilisierten Welt einwandfrei und rechtmäßig in das Bewusstsein der Weltbevölkerung einzementieren würde. Tatsächlich hat ein verschwindend geringer Anteil der Weltbevölkerung je von dieser Republik gehört, das ist bekannt und ungerecht, bloß weil man arm ist. Die Amerikaner machen es auch nicht besser. Sie haben ihre neue Botschaftsfestung ausgerechnet auf den Hügel gebaut, den man für historisch besonders bedeutsam und kunstschatzreich hält. Die Regierung musste den Hügel hergeben, weil man arm ist und in die NATO wollte, wer weiß, wie viele Goldmasken die Amerikaner beim Baggern gefunden haben und nicht herausgeben. Man kann keinem trauen, man würde es selbst nicht anders machen, man ist arm.

Da man nun keine Beweise ausgraben kann, die Relevanz dieser Nation also verschüttet bleibt, kann man kaum anders, als sich tatenlos dem enormen kollektiven Minderwertigskomplex im Vergleich mit dem Rest der Welt anheim zu geben, mit Rumänien, weil es schon EU-Mitglied ist, mit den Türken, weil sie mit ihren Firmen ins Land kommen und Kraftwerke bauen und den Flughafen ausbauen und lauter Dinge tun, die man aus eigener Wirtschaftskraft nicht bewältigen kann, und am meisten schmerzt der unerreichbare Vergleich mit dem idyllisch verklärten Deutschland, dem Land, in dem Disziplin und Ordnung herrscht, kein Müll auf den Straßen liegt und immer alles in einer Weise funktioniert, die man sich hier gar nicht vorstellen kann.

Fascho TV soll dem Volk in seiner Identitätskrise die Moral stärken, vor einigen Monaten habe ich mich vor Lachen gekrümmt angesichts einer ärmlichen Imitation der schon in Deutschland lustigen "Du bist Deutschland"-Kampagne. Heute abend erklärt ein fetter Hobbyhistoriker und -Politologe, der bei näherem Hinsehen eine Frau ist, als Studiogast dem begeisterten Moderator, überall suchten die Völker nach ihren Wurzeln, ein internationaler Trend, ein menschliches Urbedürfnis, die Russen seien 600 n.Ch. in ihr Territorium eingewandert und fragten sich heute angstvoll, wer waren sie vorher, auch die Deutschen graben überall in ihrem Land, aber die Funde der Ärmsten reichten nie weiter zurück als gelegentlich eine römische Rüstung, nichts älteres Eigenes, bedauernswert. Aber das liege einfach daran, dass die Wiege europäischer Kultur vor der eigenen Haustür liege, im Herzland des Balkans, man wisse es und warte nur auf den Tag, an dem man es dem Rest der Welt beweisen werde. Vertrauen Sie auf unsere Partei.

Sonntag, 18. Januar 2009

Stigma

Ich kann nur vermuten, was es in diesem Land bedeutet, mit 21 unverheiratet eine Schwangerschaft festzustellen, von der vermeintlich großen Liebe sitzengelassen zu werden, die Angst, die Scham, die Eltern, die Nachbarn, die ganze Kleinstadt, die Aussicht, von keinem Mann mehr geheiratet werden zu können, den Mut. Heute erfuhr ich von der ungeahnten Mutterschaft eines meiner besten, schönsten, ehrgeizigsten Rehlein, die erste, die ich im letzten Jahr selbst eingestellt habe, die 60km mit dem Bus zur Arbeit fährt, seit heute weiß ich, warum, die außerdem zu jeder Fortbildung pünktlich erscheint, und die in drei Schichten arbeitet, obwohl sie als Mutter eines Kindes unter zwei Jahren per Gesetz vom Nachtdienst ausgenommen gewesen wäre, hätten wir davon gewusst. Sie brachte heute eine Torte mit, zum zweiten Geburtstag ihres Sohnes und zur Verblüffung aller Anwesenden.
Erst nachdem ihre Probezeit vor ein paar Wochen auslief und sie einen unbefristeten Vertrag unterschrieben hat, nachdem sie zehn Monate lang in einem netten, vertrauten Team gearbeitet hat, hatte sie heute den Mut, ihren skandalösen Status als alleinerziehende Mutter offenzulegen.

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Schweigt sie tot!

Vielleicht nicht bis ins Letzte durchgeplant, aber doch bestimmt hoffnungsvoll in Betracht gezogen. Kerner brachte es eine Quote ein, die seiner Weicheimoderation nicht zustand, Herman einen veritablen Märtyrerinnenstatusin der rechten Szene (abzulesen auch an Hunderten unterstützender Kommentare unter den entsprechenden Online-Meldungen), den sie auch nicht verdient, da sie ja jede gedankliche Nähe abstreitet, und Google News fand eben 459 Meldungen zu Herman+Kerner. Das sind genau 459 zu viel.

Das soll ihr Fernsehtod gewesen sein, glauben manche, ich nicht, es gehtgerade erst los.

Bitte diese verwirrte Frau endlich totschweigen! Kollektiv! hätten wir schon letztes Jahr machen sollen, das hätte uns Manches erspart. Ich mache den Anfang. Kein Sterbenswörtchen mehr dazu von dieser Tastatur.

(Heute mittag in ganzer Länge ertragen: klick!
Wem das noch nicht reicht: klick!)

Donnerstag, 13. September 2007

Die Rosine im NS-Kuchen

Die berühmteste deutsche Ratgeberautorin aller Zeiten war Johanna Haarer, NSDAP-Mitglied und im Dritten Reich die staatlich empfohlene Expertin in Sachen Kinderkriegen. Liest man die von ihr verfassten Bestseller (unter anderen Die deutsche Mutter und ihre erstes Kind), macht man eine überraschende Entdeckung: Aus ihren Werken, die im höheren Auftrag der NS-Bevölkerungspolitik standen, spricht eine unverhohlene Abneigung gegen das werdende Leben: Wir lesen ihre konstanten Warnungen vor "erbkrankem" Nachwuchs, ihre Panikmache vor der Geburt ("ein Schlachtfeld"), ihre Empfehlung, das Kind vor dem Stillen erst mal ein bis zwei Tage lang nach der Entbindung hungern zu lassen, ihre Schilderung der Machtkämpfe ums Schlafen und Sauberwerden. Hat man sich durch alle abscheulichen Details der Säuglingspflege durchgearbeitet, bleibt eines hängen: Mit der Geburt eines Kindes beginnt ein existenzieller Kampf. Auf der einen Seite die deutsche Mutter - auf der anderen, ja was eigentlich? Ein großhirnloses Wesen, instinkt- und machtgesteuert. Schon an der Brust verursacht dieser emotionale Zombie Schwierigkeiten, stellt sich "trinkfaul", will nur "lutschen", und schlimmer noch, will nicht begreifen, dass er nur um 6, 10, 14, 16 und 20 Uhr zu essen bekommt. Wenn er schreit, schreibt Haarer, wird er richtig gefährlich. "Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (!). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird - und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig. (Quelle)
So sah es nämlich aus mit der Mutterrolle, die Frau Herman trotz ihrer Kenntnis von Haarers Büchern heute besingt, für arische Mütter jedenfalls, die jüdischen wurden bekanntlich samt ihrer Brut vergast. Das kann man abtun als Dinge, die im Dritten Reich "schlecht" waren und dann die "Wertschätzung" arischer Mutterschaft als "gute" Rosine aus dem faulen Kuchen herauspicken, aber nur, wenn man wirklich nicht logisch denken will.
Erziehungsziel war nach Haarer schon bei Kleinkindern die Vorbereitung auf die Unterwerfung unter die NS-Gemeinschaft beziehungsweise die Gleichschaltung im Sinne deren Ideologie.
Auch darüber kann man hinwegsehen, ebenso wie über die Tatsache, dass die 68er neben bodenlosem Werteverfall auch die dankenswerte Abkehr von Haarers "schwarzer Pädagogik" hinterlassen haben. Um sich hinterher wie schon nach dem "Eva-Prinzip" zu beklagen, dass einen keiner richtig verstehen will.
Das ist alles schon wieder viel zu viel Gewese um Hermans wirre Spinnereien. Aber als ich heute doch in dieser Angelegenheit durchs Web gezappt habe, wurde es mir beinahe übel angesichts der vielen Sympathisanten, die in Foren und Kommentaren den NDR wegen Hermans Entlassung angreifen, der "Diktatur der political correctness" gegenüber einer blonden deutschen Mutter, die doch nur ihre Meinung sagt, und dann wird für meinen Magen viel zu breit diskutiert, ob sie nicht recht hat, und was man in diesem Lande eigentlich sagen dürfen sollte.

Es hilft Frau Herman aber nicht, sich einerseits alibihaft "Laut gegen Nazis" auf die Homepage zu schreiben, wenn sie andererseits ur-naziideologisches Vokabular verwendet. Das ist einer von hundert Widersprüchen, in die sich die arme Seele inzwischen schon verwickelt hat, es gibt keinen Grund mehr, ihr auch nur zuzuhören.

Allerdings bemerkte Rochus Wolff schon vor einem Jahr richtig: Das Eva-Prinzip ist keine politische Schrift, sondern eine kleine Dosis Gedankengift im Dienste politischer Desensibilisierung, ein Blitzableiter, unter dessen Schutz Schirrmacher, Bolz und Co. weiter wirken können. Ein Ende ist nicht abzusehen....und das ist das Gefährliche an Eva Herman.

Übrigens.
P.S.
P.P.S.

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Ach Frau Nachtschwester...
Ach Frau Nachtschwester - kaum ist man ein paar Tage...
Inge (Gast) - 12. Apr, 11:31
Heldenhunde
Über die kurvige Schnellstraße, weit ab...
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Abschiedsschmerz
Liebe Nachtschwester, Angang Februar hatte ich einen...
Annelie (Gast) - 28. Mrz, 10:57
schade, dass (auch) sie...
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Etosha (Gast) - 17. Mrz, 21:15

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