Externe Einsätze

Sonntag, 16. Dezember 2012

Im warmen Nest bei -17 Grad

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Im Anflug auf Lutenblag dachte ich, wie ich an die 60 Mal hier gelandet bin, das erste Mal vor genau 10 Jahren. Die Landebahn war damals so kurz, dass der Pilot auf den ersten Zentimetern aufsetzte und dann vollbremste. Man stieg aufs Rollfeld hinunter, atmete den Blick über das weite Tal und die Gebirge rechts und links tief ein, und ging zu Fuß zum schäbigen Flughafengebäude. Der Boss hatte mir seinen fast 70jährigen Chauffeur geschickt, Onkelchen K. Weil Onkelchen K. sein Leben lang Regierungsangehörige gefahren hat und man ihn kannte, durfte er mir auf das Rollfeld entgegenkommen. Er hielt ein Blatt Papier hoch, auf das jemand meinen Namen gekritzelt hatte, in kyrillischen Buchstaben, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht flüssig lesen konnte. Jedenfalls fand er mich, schleuste mich beschleunigt durch die Passkontrolle und redete ununterbrochen auf mich ein. Ich verstand kein Wort. Der Boss hatte gesagt, Molwanisch, Kroatisch, Russisch - alles eins. Sprichst du eine slawische Sprache, kannst du alle, und Molwanisch, das Urslawische, sowieso. K´s Redeschwall ließ mich leider völlig ratlos.

Onkelchen K. bugsierte mich zum Parkplatz, brach einen Streit mit dem Parkwächter von Zaun, danach mit einem Mautkassierer auf der Autobahn. K war notorisch auf Kriegsfuß mit seiner Umwelt. Der Boss war in ständiger Sorge um seine Koronarien. Wir fuhren durch eine ländliche Gegend. Ich konnte die Schilder nicht lesen. Schließlich fuhren wir in eine Stadt ein, die nicht wie eine Hauptstadt aussah. Onkelchen K. fuhr über den Plastikboulevard, der so heißt, weil dort auf einem Kilometer Länge rechts und links Haushaltswaren aus Plastik verkauft werden, aus Geschäften heraus, von Ständen, vom Gehweg. Dort herrschte großes Gedränge. Menschen, Straßenhunde, Autos, Mopeds, Pferdekarren, Taxis, alles fuhr kreuz und quer, hupte, schimpfte, gestikulierte. Onkelchen K. hielt mittendrin an und stieg aus. Er müsse für seine Gattin etwas besorgen, verstand ich, und ließ mich in diesem orientalischen Gewimmel allein. Erst Jahre später habe ich den Plastikboulevard angstfrei begangen und schätzen gelernt. Muffinförmchen? Müslischüsseln? Staubsaugerfilter? Handfeger? alles da, in riesiger Auswahl, für ein paar Cent. Nachdem K einen Putzeimer gekauft hatte, brachte mich in ein Hotel an einem Flussufer und ließ mich allein. Ich textete an Herrn Nachtschwester in Hamburg: "Bin gut angekommen. Weiß nicht genau, wo."

Am nächsten Abend ging ich mit dem Boss essen. Er raste mit seinem Grand Cherokee durch die Stadt und ungebremst über Kreuzungen. Wie das hier mit der Vorfahrt sei, fragte ich angespannt? Das größere Auto hat Vorfahrt, ganz einfach, sagte der Boss.

Mittlerweile wurde der Flughafen von den Türken übernommen und ausgebaut. Letzte Woche warteten zum ersten Mal weder Onkelchen K noch der gute C. auf mich, der K nach dessen Pensionierung abgelöst hatte. C hatte mich während der Fahrt immer über die aktuelle politische und die Wetterlage gebrieft. Vor dem blitzenden und blinkenden Flughafengebäude stehen nunmehr uniforme weiße Mercedes-Taxis der nagelneuen Airport Taxi-Gesellschaft, nicht mehr das bunte Rostlaubensammelsurium wie noch vor zwei Jahren. Vor der Taxi-Reihe ein Tumult aus Fahrern und Fahrgästen. Wohin, fragte mich ein Fahrer. Zentrum, Nähe katholische Kirche, antwortete ich. Moment, sagte der Fahrer und ließ mich stehen. Ich begriff, dass sie die Fahrgäste nach Stadtteilen sortierten und unter lautem, kompliziertem, langatmigem Palaver auf möglichst wenige Taxen verteilten. Da war ich gerade 5 Minuten im Land und steckte schon wieder mitten in ihrem nervtötenden Orientbazartheater, ich will kein Taxi teilen und auf niemanden warten, jetzt fahr mich zackig einer in die Stadt, es stehen genug Taxen rum! Aber dann erinnerte ich mich, dass 20 Euro Flughafentransfer in Molwanien sehr, sehr viel Geld sind, der Flughafen von öffentlichen Verkehrsmitteln nicht angefahren wird und die Fahrer ihren Fahrgästen nur Geld sparen wollen. Ich teilte mir also einen Wagen und die Kosten mit einer Molwanierin, die tatsächlich bei M um die Ecke wohnte.

Meine amerikanische Freundin M. war gerade von der Arbeit gekommen. Sie begrüßte mich flüchtig mit Küsschen, als hätten wir gestern noch zusammen Kaffee getrunken. "Ich muss zum Sport, P und G kommen gleich, du erinnerst dich? die kochen uns was."

P und G machten sich in M´s Küche zu schaffen und gaben mir viel von dem guten, lang vermissten molwanischen Merlot zu trinken.

Ich rief in G´s Praxis an. Ich brauche eine Backenzahnkrone. G´s Facebookprofil ist deaktiviert und er hat nicht auf meine SMS geantwortet. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, um meinen Zahnarzt. Aber G geht ans Telefon und freut sich ein Loch in den Bauch. Wir verabreden uns für den nächsten, Samstag, Morgen.

Sonntag, 18. März 2012

Ich vermisse

Meine Dachwohnung in dem Haus, das wie ein Turm frei am Hang steht. Den ersten Blick beim Aufwachen vom Kopfkissen direkt ins Morgenrot. Von der Sonne zum Frühaufstehen gezwungen werden. Das Haus hat keine Briefkästen, weil Oma immer zu Hause ist. Der Briefträger trinkt mit ihr Kaffee, das Haus ist das letzte auf seiner Route. Wenn Post für mich dabei war, legte sie sie oft mit Blumen aus dem Garten vor meine Tür, vor allem die Rechnungen:

Stromrechnung

Den Berg hinter dem Haus. Die Sonntagsfrühsportroutine von 8 km und immerhin 800 Höhenmetern bis zum Gipfel, von dem aus man die dreimal so hohen Molwanischen Alpen sehen kann und Molwanier trifft.

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Die Molwanischen Alpen und anderen Gebirgszüge.

Rückspiegel

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Lutenblag, die Metropole.

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Die magische Stadt am See. An den meisten Tagen ist das Licht so diffus, dass der Wasserspiegel ohne Horizont scheinbar fließend in den Himmel übergeht.

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Die Sommerwochenenden in Afitos. Das ist ein Fischerstädtchen auf dem ersten Finger der Chalkidiki. Falls Sie mal in die Gegend kommen, lege ich Ihnen diese Unterkunft uneingeschränkt ans Herz. Ebenso diese hier in Vourvourou auf dem zweiten Finger.

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Die fabelhaften Lebensmittel. Essen, das im Restaurant auf Platten in die Tischmitte serviert wird wie beim Abendessen zu Hause.

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Am meisten die molwanische Gelassenheit und Lebensklugheit, die man sich zulegt, wenn man sich täglich mit Lösungen echter Probleme herumschlägt, statt im Zustand gesättigter Grundbedürfnisse nutzlos um Befindlichkeiten zu kreisen.

Sonntag, 26. Februar 2012

Wochenende

Gestern spontan die Cabrio-Saison eröffnet und offen ins eine Stunde entfernte Skigebiet gefahren.

Auch viele Molwanier nutzten das strahlende Wetter für Familienausflüge im offenen Wagen.

Viehtransport

An Tagen wie diesen fällt es mir sehr schwer, abends Umzugskisten zu packen.

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Donnerstag, 23. Februar 2012

Nicht alles, was nicht glänzt, ist kein Gold

A saß auf einem alterschwachen Bürostuhl, ich stand zwischen seinen gespreizten Beinen und sah auf seinen gewaltigen Bauch hinunter. Altersfleckige, fleischige Hände fuhren zu beiden Seiten an meiner Taille hinunter und über die Hüften. Er sah über seine Brillenränder zu mir auf, sein weißer Bart vibrierte."Bin ich ein Meister oder hast du eine perfekte Figur?" - "Beides", sagte ich.
Meister A betreibt seine Werkstatt seit 45 Jahren. Möglicherweise hat er sie ebenso lange nicht aufgeräumt. Im Kundenraum sind verstaubte Stoffballen, Schnittstücke, halbfertige Sakkos, Plastiktüten mit fertigen Kleidungsstücken, die auf Abholung warten, überall verteilt. Im Hinterzimmer arbeiten drei Mitarbeitern an musealen Nähmaschinen um einen Blechtonnenofen herum, dessen Ofenrohr krumm quer durch den Raum läuft, und mehr Durcheinander. Ich hatte den Laden am Freitag nachmittag einfach betreten, ohne dass mir A jemand empfohlen hätte. Das war leichtsinnig, eine Molwanierin hätte das nie getan, aber es lag am Weg, und ich hatte die zwei Kleider, die nicht mehr richtig saßen, seit ich abgenommen habe, und eins, das noch nie richtig passte, sowieso eigentlich schon abgschrieben, nichts zu verlieren also. Schon am Montag nachmittag rief mich Meister A zur ersten Anprobe. Er musste eine Weile suchen. Meine Kleider waren komplett in ihre Einzelteile zerlegt, neu zugeschnitten, von Hand zusammengeheftet worden und passten wie angegossen. Gestern holte ich die fertigen Kleider ab, bezahlte insgesamt 22 Euro, betrachtete sie angezogen und ausgezogen - Passform, Nähte, Futter, innen, außen, nicht die kleinste Abweichung von - Perfektion.

Man tut sich mit westlichen Konsumerwartungen anfangs schwer in Lutenblag. Geschäfte sind versteckt, klein, dunkel, schäbig, unübersichtlich. Von außen ist nicht immer erkennbar, welche Waren oder Dienstleistungen innen angeboten werden. Sie können sich nicht vorstellen, dass so ein Schmuddelladen irgendetwas bietet, was Sie haben wollen könnten. Beim Eintreten werden Sie außerdem angesprochen und müssen mit dem Verkäufer REDEN. Das ist lästig. Wo man geht und steht, ständig überflüssige Interaktionen mit Fremden, wo man vielleicht bloß eine Glühbirne braucht. Sie fliegen oft nach Hause oder fahren nach Griechenland und kaufen dort alles ein, was man in Lutenblag nicht auch ohne Sozialkontakt im Supermarkt kaufen kann. Mit der Zeit ahnen Sie aber, Kommunikation ist vielleicht doch nicht so schlimm. Bei näherer Betrachtung sind molwanische Verkäufer eigentlich freundlich und sachlich und unaufdringlich und anständig. Dann bricht Ihnen in einem Schlagloch ein Absatz an einem unverzichtbaren Paar Pumps ab und Sie kommen eine Weile nicht aus dem Land. Sie folgen der Empfehlung einer molwanischen Freundin und betreten widerwillig eine dämmrige Schusterwerkstatt. Sie werden am selben Tag auf dem Handy angerufen, weil Ihre Schuhe fertig sind. Sie bezahlen drei Euro für eine tadellose Reparatur und bringen nie wieder Schuhe in Deutschland zum Schuster. Sie werden mutiger. Sie erkennen, es gibt alles zu kaufen und jede erdenkliche Dienstleistung, man muss nur Molwanier fragen, wo. Wenn Ihr Molwanier nicht weiß, wo, wird er sich gern für Sie erkundigen. Das ist für ihn mit weiterer sozialer Interaktion verbunden, der er, anders als Sie, nicht abgeneigt ist. Sie lassen sich einen Augenarzt empfehlen und eine Brille verschreiben. Sie gehen zum Optiker und suchen sich einen Rahmen aus. Sie sind noch nicht wieder zu Hause, da ruft der Optiker an, Ihre Brille ist fertig.

"Mir ist eingefallen, Freitag abend kann ich doch nicht. Die kommen um acht und montieren die Lampen." sagte meine Freundin V. "Abends um acht?" - "Wann denn sonst? Wir sind doch am Tag nie zu Hause."

"Deutsche Servicewüste" war bis dato eine hohle Worthülse, nun beginnt sie allmählich, sich zu füllen.

"Lass das doch da unten machen, ist bestimmt billiger und mit alten Autos kennen die sich aus." hatte der Herr Nachtschwester gesagt, als ich noch weit davon entfernt war, dubiose Schrauber ohne verbriefte Ausbildung in molwanischen Schrammelwerkstätten ohne TÜV-Zertifikat mit Reparaturen am Pferdchen zu betrauen. Aber mit undichtem Bremssattel war ich gezwungen, erst einer Empfehlung zu Meister D folgen, dann, nach dem Unfall, zu einem Karosseriebauer, und noch später zu einem Auspuffspezialisten. Das Pferdchen bekam im Lauf des letzten Jahres vorn und hinten komplett neue Bremsen, neuen Kühler, Stoßdämpfer vorn, Zündkabel, Wasserpumpe und Zahnriemen, Schweller geschweißt, ein gerissenes Verbindungsstück zum Auspuff getauscht, Karosserie komplett aufgearbeitet und lackiert, schnell und zuverlässig und tadellos. Wäre ich nicht in Molwanien, hätte es sich gar nicht gelohnt, das Pferdchen zu erhalten. Unvorstellbar, mich davon zu trennen! Gestern und vorgestern ließ ich zum Abschied nochmal einen Kotflügel lackieren, der inzwischen wieder verschrammt war. Das kostete 100 Euro. Dafür brachte man mich vorgestern von der 20km entfernten Werkstatt nach Hause und holte mich heute wieder ab.

Unten sehen Sie das Kundenzentrum einer Lutenblager Autowaschanlage. Nicht schön, finden Sie? Aber der Vorarbeiter hat für mich den Heizstrahler unter dem rechten Stuhl angestellt. Mein Auto wird derweil von Hand gewaschen und innen und außen geputzt.

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Gelernte Lektion: Nicht alles, was nicht glänzt, ist kein Gold.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Leben und Sterben in Molwanien

Susanna, Bereichsleitung Diagnostik, erzählte wieder von der deutschen Großmutter ihres Mannes. Wie ordentlich und pedantisch sie war, jedes Stück Stoff am Leib und im Haus immer akkurat gebügelt. Als sie Susanna, voll berufstätig und mit drei Kleinkindern am Rockzipfel, des öfteren im Jogginganzug beim Einkaufen sah, rief sie sie zu sich und mahnte: lass die Mädchen 10 Minuten allein spielen und richte dich anständig her! Die Leute auf der Straße sehen nicht, dass du mit den Kindern und deiner Arbeit und dem Haushalt keine Zeit für dich hast, sie sehen dich und denken, diese Schlampe hat auch noch Kinder, die armen! Susanna ging danach nie wieder ungeschminkt zum Bäcker.

Als es mit der Schwiegergroßmutter zu Ende ging, gab sie Susanna genaue Anweisungen, wie sie zur Beerdigung angezogen, frisiert und geschminkt sein wollte. Sie starb in der Kardiologie der Uniklinik, in der Susanna damals arbeitete. Weil Verstorbene in Molwanien am nächsten Tag beerdigt werden, hetzte Susanna spätabends zwischen zwei Herzkatheteruntersuchungen in den Leichenkeller, zog die Großmutter aus der Kühlschublade, wusch sie, zog sie an, frisierte und schminkte sie. Als aber am nächsten Morgen das Beerdigungsinstitut die Leiche holen wollte, war die Großmutter verschwunden. Es stellte sich heraus, dass das Beerdigungsinstitut einer anderen Familie früher am Morgen einfach die schönste Leiche mitgenommen hatte. Da Verstorbene vor der Beisetzung im offenen Sarg aufgebahrt werden, gab es derweil bei der anderen Familie in der Friedhofskapelle Nervenzusammenbrüche. Zwei falsche Leichen im falschen Sarg auf dem jeweils falschen Friedhof, die Trauergemeinde schon versammelt, mussten schnell und unauffällig ausgetauscht werden, aber das Totengräberteam erledigte das einwandfrei und ungerührt.
Wie Molwanier überhaupt immer nur in der Krise zu Hochform auflaufen, und am Ende ist wieder alles in bester Ordnung.

Dienstag, 21. Februar 2012

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

..., sagte der Boss müde lächelnd zur Begrüßung, als ich ihn heute früh um sieben aufsuchte, um mich zu verabschieden. Keine Chance, ihn am Tag zu sehen, er operiert wie in den Anfangsjahren wieder selbst 2-3 Karotiden und 4-5 Herzen am Tag. "Es gibt auch Kreuzfahrtkapitäne, die ihr Schiff verlassen." - "Ich nicht. Ich gehe als letzter." Tatsächlich habe ich mich lange, bevor das Schiff Schlagseite bekam, entschlossen, zu gehen, aber das weiß er nicht.

Ich weiß nicht, was er Falsches gesagt hat. Bei einem offensichtlich narzisstisch gestörten Premier braucht es nicht viel, um irrational überschießende, vernichtende Reaktionen zu provozieren. Vor eineinhalb Jahren waren zur Feier unseres zehnjährigen Bestehens noch Premier, Präsident und Gesundheitsminister anwesend. Danach ist irgendetwas passiert, denn im Folgejahr erschienen nur noch Oppositionspolitiker und -medien. Wir wissen von Mitarbeitern des Finanzministeriums, die vom Premier persönlich beauftragt sind, Unregelmäßigkeiten in unseren Finanzen oder IRGENDEINEN Vorwand zu finden, unsere Klinik zu schließen. Der Gesundheitsfonds erstattet seit 6 Monaten keine Behandlungskosten, erfüllt also seinen Vertrag nicht und schuldet uns Millionen. Das ist nicht neu. Wenn sie in früheren Jahren den Hahn zudrehten, lud der Boss zum Pressetermin, alle Medienvertreter kamen, berichteten über den Skandal und der Fonds zahlte zügig. Heute gibt es keine freien Medien mehr, die sich am Boss die Finger verbrennen wollten. Auch die Justiz ist nicht unabhängig. Das Ministerium hat die Miete für unsere Räumlichkeiten um den Faktor 44 erhöht. Außerdem sind die öffentlichen Häuser angewiesen, uns keine Patienten mehr zuzuweisen und halten sich daran. Es ist eine totale Blockade.

"Ein Teil von mir sagt, ich hätte letztes Jahr verkaufen sollen, als die Türken da waren. Aber das wäre ein Eingeständnis von Versagen gewesen. Ich bin doch hergekommen, um etwas für mein Land zu tun. Ein Teil von mir wünscht sich, ich wäre wie du und könnte einfach gehen und grünere Weiden suchen. Aber ich kann hier nicht weg, das wäre Verrat an unseren Patienten, an meinen Prinzipien, an allem, wofür ich stehe."

In der Hauptstadt des Nachbarlands, das politisch und wirtschaftlich noch instabiler ist als Molwanien, in dessen Gesundheitswesen aber deutlich mehr EU-Geld fließt, hat ein Investor ein Herzzentrum gebaut. Es ist im Rohbau fertig. Der Boss wird es betreiben, das Gras scheint grüner. Sie rollen uns einen roten Teppich aus. Der Boss erlebt jedes Gespräch mit den Behörden positiver und konstruktiver als jemals in seinem eigenen Land. Unsere Klinik in Lutenblag muss bis zur Fertigstellung im Herbst überleben, und soll danach mit den Gewinnen aus der neuen Klinik erhalten werden, bis dieses Regime irgendwann abgewählt wird, es muss doch! Aber. Eine andere Sprache, andere Religion, andere Kultur, noch schlechter ausgebildetes Personal, nahezu Gesetzlosigkeit, und alles noch mal von vorn. Ohne mich.

In Molwanien gibt einen News-Aggregator, der die Meldungen sämtlicher Zeitungen minutenaktuell und übersichtlich spiegelt. Unterschiedliche Darstellungen derselben Ereignisse lassen sich vergleichen. Die Seite ist sehr populär, bietet aber zu viel Transparenz. Gestern kündigten acht besonders regierungsnahe Zeitungen Klage an, falls der Aggregator nicht sofort den Zugriff auf ihre Meldungen einstellt. Aber ohne diese Zeitungen bleibt zu wenig Substanz, um die Seite weiter zu betreiben. Letzte Woche wurde ein Gesetz vorgelegt, nach dem ausländische Journalisten vom Innenministerium akkreditiert werden müssen, bevor sie aus Molwanien berichten düfen.

Gauck? Freiheit? Das sollte man tief einatmen.

Dienstag, 7. Februar 2012

Das letzte Abenteuer

Eingeschneit sein, nicht in einer Skihütte, in einer HAUPTSTADT. Es schneit seit 3 Tagen ununterbrochen. Die Straße den Hügel hoch, auf dem ich wohne, war gestern schon nur zu Fuß zu bewältigen, heute ist auch die Hauptstraße unten nicht mehr befahrbar. Es gibt kein fließend Wasser mehr. Man braucht ganz schön viel Schnee, um so einen Toilettenspülkasten zu befüllen.

SchlaZi

 WoZi

Küche

Montag, 6. Februar 2012

Alles ist Politik

Gestern gelang es meiner molwanischen Freundin T, die ich ein paar Monate nicht gesehen habe, durch das anhaltende Schneetreiben auf einen Kaffee und Apfelkuchen zu mir nach Hause vorzudringen. Die Nachtschwester befindet sich nämlich mitten in der Kältewelle in Osteuropa, von der Sie vielleicht in den Nachrichten hören. Das halbe rurale Molwanien ist tatsächlich vom Verkehr, Strom- und Mobilfunknetz abgeschnitten. In der Metropole aber habe ich Strom und Heizung und Internet und zu essen und fühle mich nur damit unwohl, dass die Türen meines Autos seit Tagen an der Karosserie festgefroren und nicht zu öffnen sind, aber wohin wollte ich auch fahren, die Straßen sind nicht geräumt, zur Arbeit muss ich nicht mehr und zum Skilaufen ist es viel zu kalt.

T jedenfalls hat für UN-Organisationen Projekte geleitet und bewegt sich in der Lutenblager internationalen Szene. Zuletzt hat sie eine molwanische White Ribbon Alliance gegründet und dafür EU-Förderung an Land gezogen. Die WRA befasst sich mit Mütter- und Säuglingssterblichkeit und allen Fragen, die damit zusammenhängen. In Molwanien nutzen z.B. nur 14% der Frauen im gebärfähigen Alter Verhütungsmittel, die Abtreibungsrate ist hoch, es gibt keine Geburtsvorbereitungskurse und keine Nachbetreuung, Rückbildungsgymnastik etc., und wie in allen Schwellenländern steigt die Kaiserschnittrate. Das sagt mir die Präsidentin der Hebammenvereinigung, die ich mit T vernetzte. Molwanien hat seine Schulen für die höhere Hebammenausbildung vor 20 Jahren geschlossen. Und wie überall, wo Geburten allein von Gynäkologen betreut werden, und Kaiserschnitte höher vergütet werden als vaginale Entbindungen, wird schneller und häufiger geschnitten.

Jedenfalls hat T angesichts der neo-totalitären Ereignisse im Land im Vorfeld der Neuwahlen im letzten Jahr, der Verhaftungen von Oppositionellen und Journalisten, die Arbeit mit der WRA eingestellt. Ts Tochter geht in den USA zur Schule. Das kostet Geld. Will ich mich in diesem politischen Klima ernsthaft in den Medien exponieren und die Säuglingsterblichkeit anprangern, und dass das Gesundheitsministerium nichts für Frauengesundheit tut, und dass die Hebammen aussterben und die nagelneue gynäkologische Klinik seit 1 1/2 Jahren leersteht? Finde ich am nächsten Tag noch Kooperationspartner, kann ich überhaupt noch arbeiten? fragt sie.

Die reale Brisanz einer so friedlichen Angelegenheit wie Schwangerschaftsvorsorge.

Samstag, 4. Februar 2012

Dank

Eintrag einer Patientin auf der Facebook Seite von Dr. Boss: Unser Heiliger, Sie retten Menschenleben, Sie sind unser Retter, wir danken dem Herrn, dass er einen solchen Retter für unser Volk geschaffen hat, Mögen Sie gesund und lebendig bleiben, auf ewig, denn von Ihnen hängen viele Leben ab, wir lieben und achten Sie, Engel, Beschützer und Retter jedes Menschen in dessen Brust ein Herz schlägt.

"Wie geht es deiner Mutter? Vergiss nicht, sie von mir zu grüßen! Ich werde ihr nie vergessen, dass sie für mich da war, als ich es am schwersten hatte! Sag ihr das!" sagt Dr. M jedes Mal, wenn er mir auf dem Flur begegnet. Als er an der Wirbelsäule operiert wurde, konnte ich nicht bis zum Ende seines Krankenhausaufenthaltes in Deutschland bleiben und hatte meine Mutter gebeten, ab und zu nach ihm zu sehen. Die einzige Fremdsprache, die Dr. M spricht, ist die Muttersprache meiner Mutter. Sie besuchte ihn ein paar Mal, kaufte ihm molwanische Zeitungen, dolmetschte und organisierte seinen Flughafentransfer, als er entlassen wurde.

Als ich mich Mittwoch aus der Klinik verabschiedete, bedankten sich zig Mitarbeiter unter Tränen für meine Arbeit und Integrität und Unterstützung, hielten meine Hände und ließen mich nicht los. Männer weinten. Am Anfang war ich sachlich und entschlossen und sortiert, am Ende stand ich mit ihnen im Kreis und heulte wie ein Wasserhahn.

Verklärung beiseite, es gibt in diesem Schurkenstaat eine besondere Kultur der Dankbarkeit und Vergeltung für Menschen, die Gutes tun oder sich einfach nur anständig verhalten. Schließlich ist nichts selbstverständlich. Anerkennung leicht und selbstverständlich auszusprechen, habe ich erst von den Molwaniern gelernt.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Wässerchens

Heute beging man in Molwanien Wässerchens. Molwanien hat 30 gesetzliche und kirchliche Feiertage im Jahr. Das ist bei 35% Arbeitslosigkeit nicht etwa Luxus. Eine hohe Anzahl arbeitsfreier Tage erhöht vielmehr die Menge an Arbeit, die an den verbleibenden Arbeitstagen zu leisten ist und damit die Anzahl der Arbeitsplätze.

Wässerchens ist jedenfalls der unterhaltsamste Feiertag von allen. Man begeht volksfestartig die Taufe Christi. Zuschauer versammeln sich dabei am Ufer des Gewässers, an dem ihre Gemeinde liegt - Molwanien ist reich an Bergseen - und ihr jeweils ranghöchster Priester wirft unter lithurgischem Brimborium ein Holzkreuz ins Wasser. Junge Männer schwimmen um die Wette hinterher und fischen es heraus. Etwa so, wie wenn Sie Ihrem Labrador beim Spaziergang ein Stöckchen in die Elbe werfen, aber mit bis zu tausend Labradoren, und nur einem Stöckchen.

Wir befinden uns in einem Gebirgsstaat im Januar. In der zweitgrößten Stadt wurden gestern -25 Grad gemessen. Da ist 2 oder 3 Grad kaltes Wasser schön warm. Je nach Größe des Gewässers und der anliegenden Stadt verfolgen bis zu zwanzigtausend Zuschauer das Schauspiel. Sie werden von örtlichen Gaststätten kostenlos mit heißem Schnaps versorgt, was maßgeblich zur Beliebtheit des Festes beiträgt. Im Publikum geht ein Geldtopf herum. Der Schwimmer, der das Kreuz ergattert, gewinnt das gesammelte Geld und wird ein gesegnetes Jahr haben. Das Kreuz wird danach versteigert, der Erlös geht an ein wohltätiges Projekt. Nach 40 Tagen muss der Käufer das Kreuz an die Kirche zurückgeben und erhält dafür wiederum einen besonderen Segen. Das Schöne daran ist, irgendwie gewinnen alle.

Die Veranstaltungen verliefen heute landesweit ohne Zwischenfälle, nachdem es letztes Jahr in einer südmolwanischen Stadt zu einer unchristlichen Rauferei zweier Schwimmer um das Kreuz gekommen war, die zum Beinaheertrinken eines Kontrahenten geführt hatte, ein Skandal. Der andere hatte mit dem Kreuz auf ihn eingeschlagen.

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Tagesdosis

Ach Frau Nachtschwester...
Ach Frau Nachtschwester - kaum ist man ein paar Tage...
Inge (Gast) - 12. Apr, 11:31
Heldenhunde
Über die kurvige Schnellstraße, weit ab...
nachtschwester - 28. Mrz, 20:59
Abschiedsschmerz
Liebe Nachtschwester, Angang Februar hatte ich einen...
Annelie (Gast) - 28. Mrz, 10:57
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ich hab ihre formulierungen und ihren (gerade auch...
la-mamma - 21. Mrz, 15:00
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bonanzaMARGOT - 21. Mrz, 11:32
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nachtschwester - 19. Mrz, 06:10
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nachtschwester - 18. Mrz, 20:34
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Etosha (Gast) - 17. Mrz, 21:15

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