Externe Einsätze

Samstag, 5. September 2009

Ein Licht mehr

Ponte Vecchio

Diese Woche ist wieder ein bisschen Perspektive zurecht gerückt, oder auch ein weiterer Kronleuchter aufgegangen. Dass nämlich das von mir als katastrophal und menschenverachtend wahrgenommene Gesundheitswesen in meinem Exilland sich global betrachtet in einem soliden Mittelfeld bewegt. Ich war in Florenz , habe einen Vortrag gehalten und mit Tränen in den Augen Kollegen aus Afrika und Südostasien zugehört, die über ihre Bemühungen referieren, mit sehr begrenzten Ressourcen und viel Kreativität so etwas wie Intensivmedizin zu ermöglichen. Und die folgende Diskussion, ob man die knappen Ressourcen nicht besser in die primäre Gesundheitsversorgung stecken und das mit der Intensivmedizin ganz lassen sollte. Dagegen ist mein bisschen Osteuropa ein Streichelzoo. Und dass die Probleme, über die wir im deutschen Klinikwesen klagen und derentwegen wir uns massenweise ins Ausland braindrainen, sich, global betrachtet, ganz in der Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide befinden. Arbeitsverdichtung, Personalmangel, ärztliche Tariferhöhungen auf Rechnung der Pflege, Hauptschüler in die Pflege - aus globaler Perspektive alles Sattundzufriedengejammer. Natürlich habe ich das vorher gewusst, so verstandsmäßig. Dort habe ich es begriffen.

Trotzdem waren mehr nigerianische Teilnehmer vertreten als Deutsche, obwohl Deutschland vermutlich die größte europäische Intensivpflegepopulation besitzt, und ich frage mich wieder, woran das liegt. Englischkenntnisse? Desinteresse? Mangel an Initiative? Zwar zahlt kein deutscher Arbeitgeber seinen pflegerischen Mitarbeitern heute noch solche Spirenzchen, aber ich habe schon letztes Jahr beim EfCCNA - Kongress (2000 Teilnehmer, 9 Deutsche) über 40 Slowenen und 10 Kroaten gestaunt, die sich selbst Firmensponsoren gesucht hatten, um am Kongress teilnehmen zu können. Es ist schade, dass solche internationalen Veranstaltungen immer von Amerikanern, Briten, Skandinaviern und Australiern dominiert werden, wo wir Deutschen doch fachlich dieselbe Sprache sprechen, dieselben Protokolle befolgen, dieselben Publikationen lesen und in der Praxis mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Die Gemeinsamkeiten sind tatsächlich viel größer, als man in unserer deutschen Pflegemisere gern glaubt.

Sonntag, 17. Mai 2009

Das Unwetter

...brach gerade los, als ich schon fast zur Tür raus war zur Sommerparty der Internationalen Desperate Housewives, und nur noch mal schnell doch den anderen Lippenstift, da hörte ich plötzlich im Treppenhaus Fenster schlagen und drei Minuten später, als ich eben ins Auto stieg, brach schon die Hölle los. Äste des Baums, unter dem mein Auto eben noch parkte, brachen im Instant-Sturm herunter, der Himmel explodierte direkt über meinem Verdeck und Hagel schlug waagrecht gegen die Seitenfenster. Innerhalb von Minuten strömte reißendes Wasser wadenhoch die Straßen entlang. Die Kanalisation schafft schon an normalen Tagen Nieselregen nicht. Nicht unter Bäumen anhalten. Bäume fallen ständig um, kein Gartenbauamt kümmert sich. Besser auch nicht unter Bäumen fahren. Und mit dem Blick einmal nach oben fielen mir auch Stromleitungen auf. Und Masten. Überall wackelige Strommasten. Und überhängenden Dächern und wackelige Schornsteine. Diese ganze Stadt kann mir jeden Moment auf den Kopf fallen, sah ich plötzlich glasklar, während ich mit dem Auto eine Stunde durch die Fluten trieb und das zehn Minuten entfernte Restaurant nicht fand, weil keine Sicht. Was für ein Land.

Dienstag, 10. März 2009

Kaputte heile Welt

Und während weit weg daheim die alte Republik still verwelkt, wie ich eben bei Frau Modeste lese, trinke ich mit dem netten jungen Außenminister an meinem Schreibtisch Bergtee, er prognostiziert, wieviel die deutsche Linke bei der Bundestagswahl zulegen wird, strahlt, er habe kürzlich in Bruessel Cem Özdemir kennengelernt, als hätten wir nun einen gemeinsamen Freund, und er bestätigt mir in wunderbarem Deutsch, nichts zu haben, habe auch sein Gutes, man könne damit nicht spekulieren und nicht verlieren, da hatte der lachende Chauffeur ganz recht mit seiner Einschaetzung der Krise. Die Mikrobiologin, mit der ich mein Büro teile, ist seine Tante. Der Ärmste hat schlimm Grippe, bekam von Tante eine Blutentnahme und Infusiönchen "zur Erfrischung" und freut sich, mich endlich kennenzulernen, Tante spricht oft von mir, er duzt mich und zeigt mir Babyfotos auf seinem Smartphone.
Merkwürdig, dies ist oft der falscheste und genauso oft der richtigste aller denkbaren Orte. Weit weg von allem und doch viel mehr mittendrin.

Samstag, 24. Januar 2009

Alles wie immer

Die schäbige kleine Flughafenhalle um 4.30h betreten. Flug geht um 5.20h. Die Wanduhr zeigt, kurze Schrecksekunde, 6.00h. Dann erinnert, darauf bin ich schon oft reingefallen. Eingecheckt, in zwei verwirrte Briten gelaufen, die den Zugang zum Gate suchen. Das ist der Durchgang zum Gate, sage ich. Ist zu, keiner da. Die trinken noch Kaffee, die kommen schon noch, machen Sie sich mal locker, wir sind auf dem Balkan. Die Passagiere werden per Lautsprecher zum Gate gebeten. Die Passagiere werden ein zweites Mal zum Gate gebeten. Mehr verwirrte Menschen, Typ NGO-Mitarbeiter aus Industriestaaten, suchen das Gate. Das Gate ist vorhanden, aber geschlossen. Ich betrachte mir das Ganze verschlafen von einer Bank aus. Eine der vielen zusammenhanglosen Einzelmaßnahmen der letzten Jahre, die diese Halle optisch und funktional richtigen Flughäfen annähern soll, ist ein anderthalb Meter großer Bronzekopf Alexanders des Großen. Noch nicht mal eine Büste, steht er mit dem Kinn auf einen abgestoßenen grauen MDF-Klotz kniehoch aufgebockt im Weg rum. An der Wand entlang eine Batterie von 6 Geldautomaten von 6 verschiedenen Banken, daneben zwei nicht ausgepackte Versandkisten, die weitere Geldautomaten enthalten. Eine unglaublich aufgetakelte Frau, und das nicht nur in Anbetracht des Ortes und der Tageszeit, stöckelt auf schwarzen Lack-Ankleboots, 12cm, heran. Am prallen Dekolleté prangt ein Dienstausweis. Sie öffnet die Tür zum Gate und checkt die Bordkarten. Der Mann am Metalldetektor ist in ein Gespräch mit Nachbarn aus seinem Heimatort vertieft. Passagiere legen verunsichert durch den Mangel an Aufmerksamkeit ihre Laptops aufs Band und gehen durch die Schleuse. Piept es, blafft er "Stiefel aus und aufs Band!" halb über die Schulter. So ist das hier. Am Ende funktioniert doch immer alles irgendwie. Habe seit Mittwoch übrigens endlich eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, eine molwanische Greencard sozusagen. Wie es am Ende doch dazu kam, wäre auch eine Geschichte wert. Habe aber in der Zwischenzeit vergessen, wozu ich das Ding doch gleich brauchte. Es ging alles auch ohne. Diese Umgebung macht mich auf die Dauer immer öfter total tiefenentspannt. Ich schreibe das hier während eines Zwischenstopps auf so einem neumodischen westeuropäischen Flughafen mit Internetz. Bin dann gleich mal skilaufen.

Mittwoch, 7. Januar 2009

Cocooning in Zeiten der Krise



Vom Dauerweihnachten mal abgesehen erfüllte mich diesmal nach vier Wochen westeuropäischer urbaner Gegenwart die Rückkehr in die hässliche Balkankleinstadt, die die Einheimischen Metropole nennen, mit angenehmer Nostalgie. Unser Chauffeur C., der mich von Flughafen abholte, klärte mich wie immer zuerst über die Wetterlage auf und dann über die Weltpolitik. Da er früher im Fahrdienst der Regierung stand und zu manchen Ex-Ministern noch Kontakt hat, soweit diese auf freiem Fuß sind, weiß er Bescheid. Dass nämlich die Weltwirtschaftskrise von den Amerikanern angezettelt wurde, um Russland in die Knie zu zwingen, aber der Schuss ging nach hinten los, mit den Russen soll man sich nie anlegen, die sind immer stärker, das weiß jeder, bloß die Bush-Regierung nicht, das hat sie nun davon. (Interessanter Artikel über die gefühlte und reale Macht Russlands übrigens hier.)

Im übrigen habe hier kein Mensch Angst, Wirtschaftskrise sei schließlich jeden Tag, schon immer. "Was für Kredite?" lacht C. "Uns gibt doch niemand Kredite, weil keiner ein sicheres Einkommen hat!"

Am Neujahrstag fing es an, zu schneien und hat seitdem nicht aufgehört. Wie jedes Jahr vermelden die Nachrichten, in welchen die Schneefälle vorher tagelang angekündigt waren, die Gemeinden seien vom plötzlichen Wintereinbruch völlig überrascht.

Der Eindruck, dass das Land an der Weltwirtschaftskrise einfach nicht teilnimmt, verfestigt sich, wenn man bedenkt, dass das Geschäftsleben stoisch erst nach den Feiertagen und dem Wochenende, am 12.01., so richtig weitergeht und dass die wenigen devisenverkehrenden Banken zwischen Neujahr und julianischem Weihnachten gar nicht erst aufgemacht haben, nachdem vorher in der gesamten devisenführenden Welt zwischen dem katholischen Weihnachten und Neujahr nicht viel passiert ist. Das macht insgesamt fast drei Wochen Stillstand im internationalen Zahlungsverkehr, ausgerechnet jetzt.

Und wenn in den sonntags im Fernsehen übertragenen Kabinettssitzungen der Premierminister sich über die Umsetzung und die Akzeptanz der Bevölkerung einer weiteren europäischen Regulative informieren lässt, dass nämlich Plastiktüten beim Einkauf nicht mehr kostenfrei abgegeben werden dürfen, sondern von mehrfach verwendbarer Qualität sein müssen und der Kunde dafür 1 Kopeke bezahlen muss, und weiter anordnet, die Stadtverwaltung mit einem Strafverfahren zu belegen, weil die Straßen der Hauptstadt immer noch nicht von Schnee geräumt wurden, und danach wohlwollend zur Kenntnis nimmt, dass auf Initiative eines Bürgermeisters im Süden ein Guiness-Rekord im Herstellen von Kohlrouladen aufgestellt wurde (80200 in sechs Stunden von 160 Hausfrauen), stellt sich die Frage, wieso sich anderswo RegierungschefInnen mit dem Packen von Konjunkturpaketen das Hirn zermartern und das Leben schwer machen.

In meinem Plattenbauidyll bollert derweil die Heizung, fließt warmes Wasser, läuft seit Monaten fast ununterbrochen DSL, gibt es zwar gerade kein Gas aus Russland, brauch ich aber auch nicht, Essen ist im Kühlschrank und Geld auf dem Konto. Ich fühle mich zu dem Trugschluss verleitet, es gebe keine existenziellen Probleme in dieser Nation, wo sogar eine Weltwirtschaftskrise so weit weg ist.

Sonntag, 23. November 2008

Fest der Liebe

Ein Freund, ein Arzt albanischer Herkunft, B., heiratete seine Langzeitverlobte aus Tirana, in einem Hotel an diesem Stausee:

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Die 150 Jahre alte Nikolai-Kirche war seit dem Bau des Staudamms bis auf die Turmspitze überflutet, seit einer Weile sinkt der Pegel dramatisch. Die Leute sagen, Gottes Macht und der heilige Nikolaus verhindert, dass sie in den Fluten verschwindet. Die Mutter meiner Freundin V., die in dem Ort aufgewachsen ist, sagt, die Kraftwerksbetreiber lassen heimlich Wasser ab und verkaufen den Strom schwarz nach Albanien. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein albanischer Bisnismen hat viel Geld in die Hand genommen und ein altes sozialistisches Erholungsheim in ein New York-London-Tokio-taugliches Designhotel transformiert, wie es das Land noch nie gesehen hat, ohne Folkloreschnickschnack, mit Seeblick, offenen Kaminen und Hot Tubs auf den Zimmern, mit Spa-Center, eigener Skipiste und internationaler Cuisine.

Die Hochzeitsgesellschaft traf verspätet ein, man hatte tagsüber in Tirana gefeiert und sich dann fünf Stunden über schlechte Wege zur zweiten Veranstaltung im anderen Land begeben. Die Bräutigamseltern untadelige Gastgeber, die sich die Strapaze nicht anmerken ließen, gläubige Moslems, die die andersgläubigen Gäste mit Champagner und erlesenen Weinen versorgten. Unglaubliche Frisuren, noch dramatischere Garderoben, mehr falsche Wimpern und sichtbare BH-Träger als bei den Hochzeiten der anderen Ethnie, zu denen ich bisher geladen war.

Es war eine kleine Hochzeit mit nur 90 Gästen. Ich weiß nicht, wie sie sich vor den 400 rechtfertigen wollen, die sie nicht eingeladen haben, sorgte sich mein Tischnachbar, ebenfalls albanischer Herkunft. Die Bräutigamsmutter kam an den Tisch und erklärte, die Familie der Braut sei alt und angesehen, alles Doktoren und Professoren. Obwohl ich weiß, dass die Romantik dieser Beziehung für B. eine große Rolle spielte, hatte die Eheschließung, schon die Verlobung vor zwei Jahren, strategische Aspekte einer Firmenfusion. Der Anlass der Hochzeit zeichnete sich unter dem distalen Rand der Corsage des Brautkleids deutlich ab. Die Braut, Wirtschaftswissenschaftlerin, werde auch nach der Legalisierung ihres Zustandes noch bei ihrer Familie in Tirana bleiben, das finde ich erstaunlich. Ich verstehe so viele Dinge noch nicht.

Nach dem Essen und nach den ersten Runden Oro, in welchem sich A., der Bräutigamsvater, den ich als klugen und besonnenen älteren Herrn kennengelernt hatte, durch besondere Ausgelassenheit und Gelenkigkeit hervortat, und während ich langsam emotional wurde vom Wein und der Atmosphäre und Kultur dieser ganzen Veranstaltung, sprang A. auf die Bühne, schnappte sich die E-Gitarre, sang erst Soldier of Fortune und dann einige slawische Volkslieder, auf der Hochzeit seines albanischen Sohnes mit einer albanischen Frau, auf welcher höchstens zwei Dutzend slawische Gäste zugegen waren, die andere Ethnie, mit der man erst seit 6,7 Jahren in fragilem Frieden lebt und sich um die knappen Ressourcen im Land streitet. "Wir leben seit Jahrhunderten zusammen", sagte mein slawischer Tanzpartner. "Wir singen dieselben Melodien und tanzen dieselben Tänze." Was für Menschen, was für eine Kultur. Ich fühle mich reich.

Montag, 27. Oktober 2008

Herbst

Der Marktbesuch am Samstag macht Freude, die Sonne, die Leute anrührend freundlich, Quitten, Kürbis, Granatäpfel, trocken geröstete rote Paprika und schon gepuhlte Walnüsse, keine Aprikosen, Pflaumen und Melonen mehr.

Ich war ein bisschen mit der Kamera unterwegs, allein, weil meine weiblichen Bezugspersonen zu dieser Jahreszeit an den Wochenenden mit Großmüttern und Tanten Ajvar kochen müssen.

Mit sinkenden Temperaturen verkriecht sich die Armut wieder in ihre Bretterverschläge. Weniger Bettelkinder an den Straßenkreuzungen, weniger Menschen sitzen vor dem Markt am Straßenrand, um ohne Standgebühr ein paar Früchte aus ihren Gärten zu verkaufen. Die uralte Frau im schwarz, die seit April vor dem Supermarkt in meiner Straße hockt und aus Plastikeimern Blumen anbietet, erst Flieder, Narzissen, Anemonen, Rosen und nun Dahlien, hat nun eine Wolldecke über den Knien.

Nur ein Stück hinter dem Markt diese Brandruine:

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Die Mauern schíef, der Dachstuhl hängt an ein paar seidenen Fäden. Die Wohnung hinter dem Rolladen ist bewohnt, ein Vorgarten mit Tomaten und Wein gepflegt, ein Kinderfahrrad. Es ist ein langgestrecktes Gebäude, am anderen Ende befindet sich eine Tischlerwerkstatt, davor parkt ein neuerer Lieferwagen, sie wird also betrieben:

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Im Zentrum dieser europäischen Hauptstadt, die die Einheimischen Metropole nennen - in Unkenntnis echter Metropolen, mangels Geld zum Reisen oder mangels Antrieb, sich um Visa zu bemühen, die sie für die Einreise in fast jedes Land der Welt brauchen - finden sich an unbefestigten Wegen viele Behausungen, die in Deutschland nicht als Ställe durchgingen. Bröckelnde Baracken, die vor 45 Jahren als Notunterkünfte fuer Erdbebenopfer aufgestellt wurden, sind bis heute bewohnt.

Weiß jemand, was das ist:

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Es sind unklare kugelrunde Früchte von etwa 15cm Durchmesser. Sie liegen im Herbst auch auf völlig baumlosen Flächen herum, sodass sich ihre Herkunft nicht erschließt.

Im Park hat man das Wasser aus den Kanälen wieder abgelassen, nachdem die Parkaufsicht kuerzlich keinen einzigen Fisch von den 2000 finden konnte, die man im Frühjahr in die frisch gefluteten Wasserarme eingesetzt hatte. Sie sollten für biologische Reinigung sorgen, nachdem man die Kanäle im letzten Sommer wegen massiver Verschmutzung trockenlegen musste. Aber was interessieren das Volk saubere Kanaele, wenn man den leeren Kuehlschrank zu Hause leicht im Park voll angeln kann.
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Das Jahr geht zur Neige. Das Schöne ist vorhanden, aber nicht offensichtlich. Mein Arbeitspensum ist inzwischen so absurd, dass die Zeit nicht mehr reicht, danach zu suchen. Noch ein halbes Jahr, sage ich mir.

Samstag, 18. Oktober 2008

Eingemachtes

Heute früh beim Öffnen meiner Schreibtischschublade ein Glas hausgemachten Ajvar vorgefunden. Auf Nachfrage beim Reinigungsdienst bestätigte sich: R., eine graue, verhuschte Putzfrau, deren Namen ich mir nach 6 Jahren eben erst gemerkt habe, mit der ich außer "guten Morgen" auf dem Flur und "angenehme Mahlzeit" in der Küche nie ein Wort gewechselt habe, hat mir wieder Eingemachtes gebracht. Wo andere Frauen von heimlichen Verehrern Blumen bekommen, finde ich manchmal so ein Weckglas.

"Warum tut sie das? Will sie mich mit ihrem Sohn verheiraten?" fragte ich die Mikrobiologin, mit der ich mein Büro teile und die Fotos ihrer drei Töchter auf ihrem Schreibbtisch ausstellt. Eine böse Zunge, nämlich meine Freundin V., sagt, die Mikrobiologin tut das, weil sie ihre Töchter mit Ärzten aus dem Kollegium verheiraten will.

Die Mikrobiologin setzte sich. "Vielleicht. Keine Ahnung. Sie möchte einen guten Eindruck bei dir machen, als Putzfrau ist das schwierig. Sie will sich als gute Hausfrau präsentieren, Ajvar zu kochen ist schließlich gar nicht einfach. Vielleicht will sie bloß Anerkennung, vielleicht will sie sich dir nähern, weil sie mehr Geld will. Oder weil ihr Sohn in Deutschland arbeiten will. Es gibt hundert mögliche Gründe. Wenn du anfängst, darüber nachzudenken, kommst du schnell auf tausend Gründe. Wir tun das. Wir interpretieren Tag und Nacht Sachen in nichts hinein, wir diskutieren, wir streiten uns, was jemand vielleicht mit einem Blick gemeint hat, wir regen uns auf, ein ständiger emotionaler Stress ist das und am Ende leben wir im Schnitt fünf bis sieben Jahre kürzer als ihr im Westen, das liegt alles bloß an den Emotionen. Aber du bist anders, du denkst strukturiert. Iss den Ajvar einfach."

Montag, 29. September 2008

Folklore und Betonfrisur

Sollte es Sie je in diese Stadt verschlagen, wofür ich mir keinen Grund denken kann, außer Sie arbeiten für Konrad Adenauer oder wollen der Regierung ihren winzigen, maroden Flughafen abkaufen und ausbauen, damit die EU hier landen kann, wenn es soweit ist, wenn Sie dann im Straßenbild das Augenmerk auf die äußere Erscheinung der hier lebenden Menschen richten, wird Ihnen viel Plastik in Kleidung, Schuhwerk und Accessoires auffallen, gleichzeitig aber eine hoch entwickelte Friseurkultur. Wo man hinsieht, gepflegte, frisch und akkurat geschnittene Fönfrisuren. Das Friseurwesen gehört zu den vielen auszeichneten und spottbilligen Dienstleistungen hier. Man lässt Haare waschen und fönen, wenigstens einmal die Woche, kostet vier Euro. Auch die Färbeergebnisse meiner Mitarbeiterinnen können sich unbedingt sehen lassen, sodass ich schon vor Monaten Mut zur Sprachbarriere fasste. Schließlich geht die Verständigung mit dem Friseur auch in Deutschland oft genug schief. Hier habe ich den Salon meines Vertrauens schon blond betreten, ein paar zusätzliche Strähnen verlangt und bin brünett gegangen, aber die technische Umsetzung war stets perfekt. Gestern, Sonntag, war ich zu einer Hochzeit geladen, undenkbar, ohne Frisur zu erscheinen, leider hatte der Sonntagsfriseur in der Nachbarschaft überraschend geschlossen, das trieb mich in die Stadt zu einem bisher unerprobten Salon, der, wie sich herausstellte, von Angehörigen einer ethnischen Splittergruppe betrieben wurde, die keine der beiden offiziellen Landessprachen beherrschten, nur ein 16jähriges Lehrmädchen konnte dolmetschen. Sie wusch mir die Haare und blieb demütig neben mir stehen, um dem Meister zur Hand zu gehen. Der Meister trug Oberlippenbart, Pomade, Polyester und viel Gold und kämmte mir die Haare so, wie man anderswo ein Pferd striegelt.
"Ich gehe heute abend auf eine Hochzeit und ich brauche eine Frisur -"
"Tsss!" machte der Meister, dessen Konzentration ich nicht stören sollte, erst als er fertig war mit Kämmen, bedeutete er mir mit einer Kopfbewegung, ich dürfe jetzt sprechen.
"Ich brauche eine Frisur, zusammengesteckt irgendwie, für eine Hochzeit." Die Kleine übersetzte. "Hügürüöröhüschdügüsch?" knurrte er. "Knoten oben oder unten?" fragte die Kleine. "Äh, unten." Er begann nie geahnte Fönmanöver, warf meinen Kopf derbe hin und her, toupierte und sprühte, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Menschen sammelten sich um mich herum und kommentierten das Geschehen auf meinem Kopf in weiteren unbekannten Sprachen. Ab und zu bellte er ein Kommando in den Raum, Mädchen eilten mit Utensilien herbei.

Viel später in der Nacht luxierte ich meine Schulter, um das Ergebnis zu fotografieren:

Betonfrisur2 Betonfrisur

Bemerkenswert die Nachhaltigkeit der Frisur, auf den Fotos war sie fünf Stunden schweißtreibender schnapsseliger tischtanzender blechkapellender Balkanfolklore auf dem Dorf alt, wo die dralle Braut, die in ihrem Kleid aussah wie ihre eigene Hochzeitstorte, einen Bäckereierben heiratete, die Veranstaltung ein himmelschreiender Froh- und Irrsinn, von dem Sie noch lange keine Vorstellung haben, bloß weil Sie vielleicht "Schwarze Katze weißer Kater" gesehen haben oder mal auf einer Datscha-Party waren. Die Frisur ist auch heute noch völlig unverändert und fühlt sich an, als müsste ich sie morgen mit Hammer und Meißel zerschlagen.

Verce

Donnerstag, 11. September 2008

...

Seit unserem ersten Zusammentreffen rief mich Herr I. einmal im Monat an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Mehr konnte er nicht tun, die Angelegenheit lag beim Arbeitsministerium, dann beim Außenministerium, dann wieder beim Arbeitsminiterium, dann beim Innenministerium. Sie stellten immer neue Forderungen - Bonitätsnachweis unserer Institution, mein Vermieter musste bescheinigen, dass die Mietzahlungen regelmässig eintrafen, ich sollte eine Lizenz von der nationalen Pflegekammer erwerben. Das war besonders abwegig, zwar gibt es eine Pflegekammer, aber sie vergibt keine Lizenzen. Keine Pflegekraft im Land hat eine Lizenz, und ich bin noch nicht mal als Pflegekraft tätig, weil ich inzwischen was Vernünftiges studiert habe. Schließlich verschaffte man mir die Mitgliedschaft in der Kammer und das Arbeitsministerium gab sich mit irgendeiner Bescheinigung zufrieden, sodass sich mein Freund I. vor einigen Wochen besonders freudig meldete: er habe alles geregelt, der Beschluss sei da, Arbeitvisum bis - 2013! Fast bis zur Rente! Noch nie hat jemand so lang! Wann komme ich zum Kaffee? Zweite Septemberwoche bin ich in Deutschland, sagte ich, und rief ihn sicherheitshalber vorgestern noch mal an, um mich für gestern anzukündigen. Ich hatte es eilig, hinterher ein Termin in der Charité, und dann fand Herr I. eine Stunde lang meinen Vorgang nicht. Ich brauste sauer und unverrichteter Dinge davon und kam viel zu spät zum Termin nach Mitte, aber schon zwei Stunden später rief Herr I. an, weil er meine Papiere gefunden hatte. Wieder nach Charlottenburg, eine Unterschrift, da, 2013! siehst du? Nein danke, jetzt auch keinen Kaffee mehr, gut, viel Erfolg und grüß mir die Heimat.

Während ich in Kreuzberg auf creezy wartete, las ich mir das lang ersehnte Dokument durch: Bis 2013 gültig ist nur mein Pass. Die Arbeitserlaubnis gilt vom 15.07. bis 15.11.2008. Zwischen Hysterie und echter Erheiterung stellte ich fest, Herr I., Bananenkonsul seiner Bananenrepublik ist nicht kompetent, ein Dokument von einer halben Seite durchzulesen und richtig wiederzugeben. Schön, sagte Frau creezy, dann sehn wir uns ja in zwei Monaten schon wieder.

Tagesdosis

Liebste Nachtschwester, durch...
Liebste Nachtschwester, durch beruflichen Aufenthalt...
Markus (Gast) - 4. Nov, 23:31
Ein Hoch auf glutvollen...
Ein Hoch auf glutvollen Schwung! Miss Platnum ist prima.
Au-lait - 3. Nov, 13:32
Das Hirn regelt vieles,...
Das Hirn regelt vieles, aber nicht alles. Ich wünsch...
Etosha (Gast) - 2. Nov, 17:48
Gegen Wien wäre...
Gegen Wien wäre überhaupt gar nichts einzuwenden!...
nachtschwester - 27. Okt, 20:17
Also Wien ...
ja, das wäre nett. Falls der Job nicht so toll...
sokrates2005 - 27. Okt, 19:23
Frau Nachtschwester,...
Frau Nachtschwester, ich bin mir sicher, sie werden...
nina (Gast) - 27. Okt, 16:55
In Großmutters...
Liisa und Kaltmamsell verlinken auf sie, für mich...
nachtschwester - 26. Okt, 23:28
Genial!
Genial!
chSchlesinger - 26. Okt, 23:02

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