Anamnese

Montag, 5. November 2007

Das musikalische Gedächtnis

Bei mir ist es Good Bye, My Love, Good Bye . Es ankert auf Lebenszeit in meiner Amygdala und versetzt mich traumsicher auf die Rückbank des blauen Käfers oder später auf die halbe Rückbank des Alfa Spider, es ist immer schon Nachmittag, wir sind früh losgefahren, wir haben x-mal angehalten, weil meine Mutter oder ich uns übergeben mussten, bei der Hitze und den Kurven und den schlechten Straßen und dem sportlichen Fahrwerk, vor mir sitzt sie mit einem großgemusterten Seidenkopftuch, von denen sie mir im Spider auch immer eins umband, damit die Haare im Fahrtwind nicht verfitzten, ich hasste das und nahm es in ihrem Rücken ab, sobald wir losfuhren. Es versetzt mich in genau den Moment endloser Serpentinenfahrt durch ödes, karstiges Gebirge, in dem mein Vater sagte: "Wer zuerst das Meer sieht!", in dem Müdig- und Reiseübelkeit schlagartig verflogen, in dem ich den Hals streckte und gegen die blendende Sonne das Meer suchte, in dem die Ferien wirklich anfingen, und dabei schmetterte aus dem Kassettenradio Demis Roussos, mir scheint, jedes Jahr.

Mein Freund, der Baum steht in festem Zusammenhang mit der großen Küche im alten Haus, durch die abends manchmal Mäuse flitzten, was meine Mutter wahnsinnig machte, mit Kartoffelsalat und anderen Gerichten, die ich als Kind nicht mochte, die die Haushaltshilfe um die Mittagszeit trotzdem zubereitete, während im Radio bei "Sie wünschen, wir spielen" ständig Alexandra gewünscht und gespielt wurde. Mein Freund, der Baum war tot, der Leberkäse längst gegessen, der Kartoffelsalat begann, auf meinem Teller einzutrocknen, denn "du stehst nicht eher auf, bis der Teller leer ist!", er starb im frühen Morgenrot.

Dieser Text von Etosha hat mich drauf gebracht. (Demis Roussos besorgen, fürs Auto!)

Und weil wir uns draußen Temperaturen und Lichtverhältnissen annähern, die drinnen Sentimentalitäten aufkommen lassen und Kitsch erlauben, frage ich in die Runde: Welcher Schlager ist untrennbar mit welcher Situation aus deiner Kindheit verbunden, Ole? Mek? Creezy? Merlix? Rosmarin? Kitty?, wer immer?

Samstag, 14. Oktober 2006

Inspiriert...

...hier und hiervon - voilá, ein lyrisches Frühwerk:

Dir rosa Sphinx im Korallensand
gräbt mit fleckigem Silberlöffel
der Einäugige ein windiges Grab.
Tags Stein, nächtens Plastik
schlägt nur noch Elektra
müde nach den Fliegen.
So schaufle schneller, ewiger Zyklop,
schon drohen aus löchrigem Seidenstrumpf
die tausend Töchter des Danaos.
Drum besinne dich erst
dann begrabe dein Wissen:
Nicht hier in der Wüste liegt das Gold;
stets hat der Regenbogen
ein zweites Ende.

Das andere steht übrigens hier.

Freitag, 13. Oktober 2006

Stockschwerenot!

Wie diese Stöcke von Nord nach Süd und wieder nach Nord und kreuz und quer durch den Luftraum schießen....das macht die Sache mit der Flugsicherheit nicht eben besser, Frau Rabe!

� Fünf Dinge, die ich nicht habe, aber gerne hätte:
  • vier stehen hier, die gelten noch. Die liessen sich aber mit einer einzigen Erbschaft von, sagen wir, zwei Millionen abhaken, dann wäre hier Platz für weitere vier Wünsche. Wobei ich in diesem Kontext natürlich nur beerbe, wen ich zu Lebzeiten nicht kannte, wie sieht denn das sonst aus.
  • ganz alte Freunde hier in meiner Nähe
  • zwei oder drei neue Zahnkronen
  • mehr Zeit, insgesamt, meine ich. Lebenszeit. So 100 würde ich schon gern werden.
  • einen netten Karosseriebauer, der das kleine Schmuckstück entrostet, ohne mich gleich in den Ruin zu treiben.
� Fünf Dinge, die ich habe, aber lieber nicht hätte:
  • gesetzliche Krankenversicherung
  • Rückenschmerzen
  • den Ruhestörer nebenan, der erst dem Panzerknacker die Nachbarwohnung unbesehen zu völlig überhöhtem Preis weggeschnappt hat, und nun 6 Monate lang sanieren will!
  • all diese Dinge, die auf dem Dachboden akkumulieren, weil sie zum Wegwerfen zu schade sind, bei ebay nichts bringen und man am Wochenende lieber ausschläft, als sie zum Flohmarkt zu karren
  • Telekom-Anschluss + DSL-Volumentarif, blöder Zweijahresvertrag.
� Fünf Dinge, die ich nicht habe und auch nicht haben möchte:
  • Zahnweh
  • Rosenkrieg
  • mehr als zwei Millionen Euro, das wird sonst schnell unübersichtlich
  • Personalverantwortung
  • Klötze am Bein, die mich fest an einen Ort binden, und sei es ein so fabelhafter wie Hamburg
Die vierte Frage war nicht dabei, die hole ich eben von Opa:

Fünf Dinge, die ich habe und auch weiterhin haben möchte:
  • meine Gesundheit
  • noch eine Weile diesen Wohnort
  • Weisheitszähne, Mandeln und Blinddarm
  • meinen Garagenstellplatz. Zur Erklärung für Klein- oder Nichtstädter: es gibt innerstädtisch gar keine Garagen. Wer trotzdem eine hat, gibt sie nie wieder ab. Ich kenne jemanden, der hat sein Auto abgeschafft, aber die Garage behalten.
  • unsere armenische Putzfee Anna, die das Leben so viel angenehmer macht.
� Fünf Gerngelesene, an die das Stöckchen weiterfliegt:
  • ....allmählich müsste es doch einmal durch sein? Ich werfe es geradeaus in die Luft, wer mag, darf es gerne fangen.

Freitag, 6. Oktober 2006

Reise in die Vergangenheit

Ich bin dem Weg in den Süden mit meinem schmucken kleinen Pferdchen, das so viel in der Garage stehen muss, seit vor der Tür die Karossen des Panzerknackers parken, die nicht nur mit gewissem Langstreckenkomfort, sondern auch mit dem Luxus einer Firmentankkarte zur privaten Nutzung behaftet sind. Bei der letzten Inspektion sagte man mir angesichts des Flugrostes auf den Bremsscheiben, ich müsse mehr bremsen. Bremsen liegt mir nicht so, auch das Pferdchen mag die Sporen lieber. Die Sonne scheint, ich nehme dem Pferdchen die Mütze ab, setze mir selbst eine auf und brause durchs Land. Eigentlich bloß bis zum Elbtunnel, dann geht´s schon los mit der Bremserei. Wie konnte ich bloß vergessen, dass Freitag ist? der Freitag vor dem 3. Oktober? Wieso bin ich nicht schon morgens losgefahren? Am Ende war ich acht Stunden unterwegs statt der rekordmässigen viereinhalb oder der akzeptablen fünf.

Ich liebe es, von Norden her auf Frankfurt zuzufahren, dem Ex-Wohnort. Da zockelt man ewig langwierig zweispurig durch die Wälder, Berge, Täler, Baustellen und Staus und dann, so 60, 70 Kilometer vor Frankfurt wird die Strecke gerade, dreispurig, es geht leicht bergab und vor allem - endlich voran! Man ist erfüllt vom Gedanken, hier nähert sich die Metropole, urbane Ordnung, Zivilisation, Dynamik, Struktur! Die Klimax wird erreicht beim Anblick der Skyline. Hamburger verstehen das nicht, ich verstehe das. Nach Süden setzt sich dieses verkehrsplanerische Optimum bis zum Darmstädter Kreuz fort, nach Osten auch ein Stück, wie´s nach Westen aussieht, habe ich vergessen.

Keine Zeit diesmal, nach Frankfurt reinzufahren. Es geht noch weiter in den Süden an den Primärwohnort zum Abiturtreffen.

Die hochschulqualifizierende Einrichtung war von der elitäreren Sorte und die Nachtschwester fühlte sich gegen Ende kaum mehr zugehörig. Das fünfjährige Jahrgangstreffen war ein übles Schaulaufen, die Heirat mit Herrn/Frau von x zu y, das Jahr in Harvard, die Promotion, das Forschungsstipendium, und wer keinen Standardtanz aufs Parkett legen konnte, hatte sowieso verloren. Die Einladung zum zehnjährigen lag handgeschrieben bei meinen Eltern auf der Flurkommode, als ich mal vorbeikam, ich erkannte aus dem Augenwinkel unterbewusst und sofort das Schriftbild der ehemaligen Klassensprecherin - nach zehn Jahren ohne Kontakt! Ich ging nicht hin.

Aber nach zwanzig Jahren sollte die Phase der Selbstfindung und des Schwanzvergleichens abgeschlossen sein, dachte ich, und wollte die Leute ehrlich wiedersehen, obwohl mein Vater von seinem 50jährigen im letzten Jahr von ganz ähnlichem Imponiergehabe berichtete. Wo die doch alle längst in Rente sind!

Was soll ich sagen, es war der netteste Abend seit langem. M. kam aus Chicago, C. aus Mexico, T. aus England und K. aus New Jersey. Sieben mittlerweile pensionierte Studienräte erkannten fast alle von uns auf Anhieb. Der wunderbare Dr. G. - Salve magister!- mit schlohweissem Haar sagt, für ihn habe sich nicht viel verändert seit der Pensionierung, er unterrichte weiter am Abendgymnasium, Sie glauben ja gar nicht, wie viele Erwachsene noch Latein lernen wollen! Die alten Freunde völlig unverändert, eine ganz erstaunliche Vertrautheit, als seien wir inzwischen nur eben in den Sommerferien gewesen. Wo ich noch Sorge hatte, womöglich niemanden zu erkennen! Keiner hat sich konträr zu gegebenen Erwartungen entwickelt, niemand ist fett geworden, auch die vielfachen Mütter nicht. "Nachtschwester sieht auch aus wie immer!" Ich staune, wie fertig wir als Persönlichkeiten damals anscheinend schon waren. Viele sind in Berlin und sehen sich gelegentlich, viele Hochschullaufbahnen, spannende Werdegänge, viele überqualifizierte Vollzeitgattinnen mit vielen Kindern. Die ehemals beste Freundin hat eine schwerstbehinderte Tochter. Und mich schüchtert der alte Adel und all das Geld nicht mehr ein, was für verdammt nette Leute! Die so viel über mich wissen. "Ich hab von dich schon von da hinten gesehen, du wickelst dir immer noch so die Haarsträhnen um den Finger!" sagt J. Kommt in meine Arme, alle.

Montag, 11. September 2006

Jahrestag

Eigentlich hatte ich am 11. September fliegen wollen, aber am 10. war ein deutlich günstigerer Flug verfügbar. Also tauschte ich den letzten Dienst vor dem Urlaub weg und flog via Chicago nach Seattle zu meiner alten Freundin U., die ich zwei Jahre nicht gesehen hatte. Den Abend verbrachten wir zu zweit mit einer Menge Geschichten und Rotwein. U. hatte Urlaub genommen und wir wollten am übernächsten Tag mit dem Auto die Küste runter nach Kalifornien, wenigstens bis San Francisco, denn U. war noch nie dort gewesen.
Nach ein paar Stunden Schlaf weckte uns morgens halb acht das Telefon. Im Halbschlaf dachte ich, das kann nur meine Mutter sein. War sie tatsächlich, und ziemlich aufgelöst. Sie redete von entführten Flugzeugen, das Pentagon brennt, Flugverbot, tausende Maschinen notgelandet.
U. und ich ließen uns mit unseren Bettdecken auf dem Flokati vor dem Fernseher nieder und sahen fassungslos zu, wie der erste Turm einstürzte. Die U. rief im Büro an. Sie arbeitete für eine Investment-Brokerage-Firma. Ihre Kollegen saßen verwirrt und ahnungslos vor schwarzen Bildschirmen. Die Wall Street war als Sofortmassnahme geschlossen worden. Zigtausende von Flugpassagieren sassen nach den Zwangslandungen tagelang auf irgendwelchen Provinzflughäfen fest – das wäre um ein Haar mir passiert. Bis heute staune ich, wie aufgrund der Zeitverschiebung meine Mutter in Deutschland eher Bescheid wusste als wir an der Westküste.
Der Anschlag kam so unerwartet und gewaltig, dass alle dachten, das kann noch nicht alles gewesen sein. Tagelang erwarteten wir weitere Schreckensmeldungen. Neben Hochhäusern seien Brücken gefährdet, hieß es. Tankwagen könnten gekidnappt und in Stadtzentren zur Explosion gebracht werden. Es gab diese totale, existenzielle Verunsicherung, eine Urangst.
Den heutigen Herrn Nachtschwester übrigens kannte ich einige Monate, nun vermittelte er per email in einer Weise Besorgnis, die unerwartet, aber nicht unwillkommen auf eine Intensivierung der Bekanntschaft hindeutete.
Dass George W. erst Tage nach den Anschlägen aus seiner undisclosed location auftauchte und vor die Kameras trat, sich uncharismatisch, wortarm und für mein Empfinden völlig situationsunangemessen äußerte, dabei dem heroischen Giuliani und der großartigen Hillary Clinton, die von Anfang an medienpräsent waren, nicht das Wasser reichen konnte, und doch bei den Amerikanern Begeisterungsstürme auslöste, beunruhigte mich weiter.
Im Prinzip saßen wir eine Woche lang vor dem Fernseher, trafen Freunde, gingen gelegentlich mal zum Sport oder hiken oder shoppen, dann aber nur in die kleinen Malls.
Was unseren Trip anging, war mir beim Gedanken an S.F. gar nicht mehr wohl, der enge Financial District, die Transamerica Pyramide als exponiertes Ziel, die Halbinsellage, die schon ohne Großkatastrophe ständig verstopften Zufahrten Golden Gate, Bay Bridge und 101 nach Süden, unvergessen, wie ich einmal um ein Haar einen Flug verpasst hätte wegen einer harmlosen Gay Parade, die schon ausgereicht hatte, um den 101 innerstädtisch komplett zu blockieren....
Schließlich fuhren wir einfach los. Gemütlich, drei Tage lang, die atemberaubende, einsame Oregon Coast hinunter. Tage im Medienvakuum, Wale von Steilküsten hinunter beobachtet und singen hören. Durch Regenwald gewandert und Seafood gegessen. Und es am Abend doch nicht abwarten können, im Motel den Fernseher anzustellen. Ein paar Tage S.F., dort war eigentlich alles wie immer, bloß der Ex war nach L.A. gezogen und die N. nach Chicago. Nichts schlimmes passierte. Dann ging es zurück in den Norden.

Washington State ist mit seinen grandiosen Landschaften, abgesehen von den beiden Giganten Boeing und Microsoft in Seattle, eine strukturschwache Region mit hoher Arbeitslosigkeit. Nach den Anschlägen wollte niemand mehr fliegen, die Fluggesellschaften stöhnten und stornierten ihre Aufträge bei Boeing. Dort reagierte man in kürzester Zeit mit Massenentlassungen. Ein Freund der U. arbeitet für die Urban League, eine nationale afroamerikanische Organisation , die u.a. versucht, Arbeitslose durch Qualifikation in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren und Existenzgründungen durch Kreditvermittlung unterstützt. Er bekam die Folgen direkt zu spüren, noch während ich dort war. Auch investieren wollte kaum noch jemand, und so wurde U. nach meiner Abreise zunächst in eine weit entfernte Zweigstelle versetzt und bald darauf entlassen. In San Francisco hatten wir gehört, dass die Stadt wegen der Einbußen bei der Flughafensteuer in Millionenhöhe sofort soziale Projekte auf Eis gelegt hatte.
Wirtschaftliche Zusammenhänge hatten mich vorher nie interessiert, nun waren sie greifbar. Und wenn ich recht überlege, war ich vor dem 11. September eigentlich völlig unpolitisch, auch das hat sich gründlich geändert. Es hat mich übrigens nie wieder in die USA gezogen.

Samstag, 5. August 2006

Ich apportiere

Der Briefkasten klemmte heute beim Öffnen, nachdem Kollegin hellaken dieses Stöckchen reingeschoben hat.

Warum bloggst du?
Ich lese schon eine ganze Weile amerikanische Blogs und habe mir immer ein Loch in den Bauch gefreut, wenn The Girl Who mal einen Kommentar von mir gut fand. Dann ist was Dummes passiert und ich hatte plötzlich massenhaft sinnfreie Zeit.
Ich blogge, um Erlebnisse festzuhalten, um Gedanken für mich zu ordnen, um Dinge loszuwerden, für die im wahren Leben manchmal das Gegenüber fehlt, weil hier Leute ins Gespräch kommen, die sich real nie begegnet wären, weil ich hier gehalten bin, mich zu sortieren und schriftlich besser auszudrücken.
Außerdem: „nicht zu bloggen, ist auch keine Lösung“ (steht irgendwo beim Büffel)

Seit wann bloggst du?
Selber seit 147 Tagen. Blogs lesen bald zwei Jahre.

Selbstportrait:
Das geht zu weit.

Warum lesen deine Leser dein Blog?
Das wüßte ich auch gerne. Ich bin nicht sicher, ob ich es selbst lesen würde. Die Qualität schwankt heftig und ein kohärentes Konzept ist mir selbst nicht erkennbar.

Welche war die letzte Suchanfrage, über die jemand auf deine Seite kam?
Gummihandschuh ablecken.

Welcher Deiner Blogeinträge bekam zu Unrecht zu wenig Aufmerksamkeit?
Über eins meiner ersten Postings habe ich mich beim Schreiben schlappgelacht, aber keiner hat´s gelesen. Da wollte ich fast schon wieder aufhören mit dem Quatsch.
Inzwischen verstehe ich den Autoregulationsmechanismus. Was keiner kommentiert oder verlinkt, war mit hoher Wahrscheinlichkeit doch nicht so gut. Macht aber auch nichts.

Dein aktuelles Lieblings-Blog?
Da kann ich mich nicht auf eins festlegen. Bei Ole und Neo-Bazi halte ich täglich Visite. Lebhaften Dialog mit Etosha. Immer wieder schön: Eskorte fragile. Erst kürzlich entdeckt: Wenn das so ist. Und auch wenn sie für meinen Geschmack ganz schön nachlässt, seit sie ihren Job los ist, ich bleibe ihr treu: The Girl Who

Welches Blog hast du zuletzt gelesen?
Vorspeisenplatte, Riesenmaschine

Deine Lieblingsband?
Da nehme ich Marah, um im Kontext zu bleiben (Gitarrist = Mann von The Girl Who).

Deine Lieblingsfarbe?
Taubenblau, hab ich doch schon gesagt.

An welche vier Blogs wirfst du das Söckchen Stöckchen weiter und warum?
An jeden, der es noch nicht hatte und doch noch haben will.

Samstag, 15. Juli 2006

Nachtschwesters Wahrheiten

badeanzug-jpegtaubenblauIch will mehr Glamour, mehr Stil; für mich selbst, um mich herum, in der Kleidung, den Umgangsformen, in Wohnungen, auf den Straßen. Nicht nude, sondern taubenblau ist das neue Black der Nachtschwester. Ich trage nie flache Schuhe, außer zum Sport, Wattwanderungen, Klettertouren o.ä. Ich mag keine assymetrischen Kleidungsstücke, außer vielleicht sowas wie links. Schuhe und Taschen sind aus Leder und sonst nichts. Situationsabhängig sind textile Bestandteile (Sport) und Synthetik-Laufsohlen (Winter) zulässig. Hüfthosen sind keine Frage des Alters, sondern des Geschmacks - und des Bauches. Meiner ist o.k.
Ich wohne im Norden, kann aber jeden süddeutschen Dialekt nachmachen, außerdem sächsisch.
Ich muss mehr verdienen, damit ich wieder mehr reisen kann.
Ich reise nicht gern in Länder, deren Sprache ich nicht spreche. Ich lerne immer weiter Sprachen.
Ich helfe nicht gerne Menschen, die nicht wenigstens versucht haben, sich selbst zu helfen.
Ich habe Jahre auf ein Medizinstudium verwendet, drei davon im Ausland, es dann hingeschmissen und nie bereut.
Ich wollte, ich könnte singen.
Ich liebe Katzen, aber ich habe keine. Ich fühle mich immer noch nicht sesshaft genug.
Damals in Zagreb spielte Radio 101 jede Nacht zum Sendeschluss Harry Dean Stantons Monolog an Nastassja Kinski aus dem Film Paris-Texas, nachdem er sie endlich in der Peepshow gefunden hat. Ich kann heute noch Teile davon auswendig.
Ich komme fast immer ein bisschen zu spät, aber ich habe noch nie einen Schlüssel oder ein Portemonnaie verloren.
Im Portemonnaie trage ich eine Liste mit Kliniken, in die man mich im medizinischen Notfall keinesfalls einliefern soll, eingeschlossen die, in der ich arbeite.
Ich glaube nicht an Organtransplantation.
Ich lebe mit einem Mann zusammen, der während aller meiner Lieblingsfilme zuverlässig einschläft. Andererseits bekommt er an meiner Seite zuverlässig alle Insektenstiche ab.
Telefonmarketingfritzen, die mich zu Hause anrufen, haben keine Nettigkeiten zu erwarten. Ich hasse es auch, in Einkaufsstraßen angesprochen zu werden.
Ich wasche und poliere mein Auto gelegentlich von Hand, messe den Ölstand, kontrolliere Kühlwasser und Bremsflüssigkeit, und ich kann Reifen wechseln. Männliche Autofahrer, die mir dabei Hilfe anbieten, schicke ich zum Teufel. Hinterher, mit schwarzen Fingernägeln und schmutziger Klamotte, ärgere ich mich darüber.
Ich ärgere mich auch, wenn man mir erklärt, was ich schon weiß, weil für mich immer mitschwingt, dass der andere mich für dümmer hält als sich selbst. Das erschwert manches Gespräch mit mir.
Frauen mit haarigen Achseln/Beinen/Bikinizonen sind anders als ich, das ganze Jahr über.
Mit Frauen, deren Lebenskonzept darauf beruht, sich kommod ernähren zu lassen, kann ich nichts anfangen.
Ich habe Sinn für Gerechtigkeit. Ich begegne Anderen unvoreingenommen und mit Respekt, und betrachte lange alle Seiten, bevor ich negativ urteile. Wenn es dann mal jemand mit mir verschissendorben hat, bleibt das so.
Das gilt nicht für Frauen, deren Kommunikationsverhalten nach dem 12. Lebensjahr noch Kinderstimmchen, Wimperngeklimper und Tränen einbindet. Da höre ich gar nicht erst zu.
Ich habe nach der Pubertät nie wieder Tränen eingesetzt, um etwas zu erreichen.
Ich konnte bis in meine 20er rechts und links nicht sicher unterscheiden. Das führte zum Versagen bei Anatomie-Testaten zu den unpaaren Bauchorganen. Es besserte sich durch tägliches Autofahren mit Anfang zwanzig, aber wenn ich sehr müde bin, lese ich heute noch Uhren seitenverkehrt ab.
Infolgedessen verdient auch mein Orientierungssinn diese Bezeichnung nicht. Ich bin daran gewohnt, nicht zu wissen, wo ich bin.
Ich ekle mich vor Milchprodukten. Ich mag kein Bier. Im Krankenhaus ekelt mich nichts außer Wundmaden, herausgenommenen Glasaugen und Zahnprothesen nach dem Essen.
Ich bin für einheitliche Schulkleidung.
Irgendwann will ich diese Dinge besitzen.

Donnerstag, 13. Juli 2006

Entfremdung (2)

Im Sommer nach dem Abitur dasselbe Unternehmen, ein anderes Werk.
Wieder ein Produkt abseits meines Erlebnishorizontes: hydraulische Motorenlager für die KFZ-Industrie.
Im Prinzip mussten zwei Hartgummihälften mit ein paar Metallstacheln luftfrei mit Glykol befüllt und per Presse untrennbar zu einem honigmelonengroßen, kugeligen Gegenstand verbunden werden. Ich stand vor einem Aquarium, gefüllt mit der grasgrünen, viskösen, klebrigen Flüssigkeit.
Zwei Eingriffslöcher oberhalb des Flüssigkeitsspiegels. Links gelangten die Gummihälften über eine Zuführschiene ins Becken. Die untere musste ich in die genau passende Vertiefung am Boden des Beckens eindrücken, dann die andere Hälfte nach oben in den Presskopf einpassen. Hände aus dem Becken nehmen, beidhändig die Knöpfe bedienen, damit die Presse herunterfuhr, die beiden Hälften im Glykolbad zusammendrückte und die Ränder untrennbar verkantete. Das fertige Lager aus der Vertiefung hebeln, wieder hineingreifen, durch die Öffnung rechts das Lager in einen Drahtkorb auswerfen, wo es automatisch abgespült wurde. Im Akkord, natürlich. Schief verkantete Lager bitte gesondert in einen Auschusskorb, die zählten nicht für den Akkord und mussten später von einem anderen Arbeiter maschinell wieder geknackt und umweltkorrekt entsorgt werden, denn Glykol ist giftig.
Am Ende des Tages das Glykol aus dem Becken ablassen und Gummireste entfernen. Die Gänge zwischen den Maschinen mit dem Schlauch sauberspritzen.

Was die Arbeit extrem erschwerte, war die Vollgummi-Schutzkleidung, im August, ohne Klimatisierung in der Halle.
Wir trugen Gummistiefel, Gummihandschuhe bis zum Oberarm, eine bodenlange Gummischürze, Kappe und Mundschutz. Über dem Becken und Abtropfkorb lief permanent ein starker, lauter, Wärme erzeugender Dampfabzug. Es half nicht viel, das Glykol, schleimig und klebrig, war überall. Wenn ich die Arme aus dem Becken hob, um die Presse zu betätigen, lief es mir von den Handschuhen in den Ärmel, unter die Achseln und unter der Kleidung den Körper hinunter. Die Dämpfe wurden eingeatmet und kondensierten überall hin, auf der Schürze, auf der unbedeckten Haut. Glykol lief mit dem Schweiss von der Stirn unter dem Mundschutz die Nasolabialfalten hinunter auf die Lippen. Abwischen ging nicht, denn die glykolgetränkten Handschuhe auszuziehen hätte Zeit gekostet, die ich für den Akkord brauchte. Also ablecken. Es schmeckte gar nicht schlecht, süß und fruchtig. Also deshalb hatte man das zwei Jahre zuvor in Weine gekippt.

Ich war die einzige Studentin in dieser Halle, und es gab auch nur eine weitere Frau. Sie war einen Kopf größer und doppelt so kräftig wie ich. Der Hitze, die klebrige Feuchtigkeit, der Akkord, die schweren Körbe, die ich selber zur Sammelstelle schleppen musste, wenn sie voll waren, setzten mir schwer zu.

Eines Mittags gab es plötzlich Geschrei aus einer hinteren Reihe. Kollegen verließen ihre Maschinen und liefen hin, immer mehr Geschrei und Gelächter. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff: ein Arbeiter hatte sich den Wasserschlauch gegriffen, mit dem sonst die Böden abgespritzt wurden, und verpasste jedem eine Dusche, den er erwischte, den Vorarbeiter eingeschlossen. Danach gab es fast jeden Tag in der größten Hitze eine Wasserschlacht.

Ein älterer, freundlicher Türke baute einige Maschinen weiter ganz ruhig die gleichen Lager zusammen wie ich. Er redete kaum. Nachdem ich meinen Akkord einmal nicht geschafft hatte, kam er jeden Nachmittag mit seinen vollen Körben an meiner Maschine vorbei und sah auf meinen Zähler. Lag ich hinten, kippte er wortlos seine Lager in meinen Korb. Ich bedankte mich verblüfft, er lächelte. Vielleicht gab es Team-Zielvorgaben, von denen ich nichts wusste, ich glaube aber, er war einfach ein sehr netter Mensch. Er sah, wie schwer ich mich tat.

Bis heute ist mir das als eine der freundlichsten Gesten in Erinnerung geblieben, die ich je von einem Fremden erfahren habe.

Mittwoch, 21. Juni 2006

Entfremdung

Der erste vorläufige Eintritt ins Arbeitsleben fand im Sommer vor dem Abitur statt, mit dem Rad Post austragen für den lokalen Tennisclub oder Erdbeeren ernten nicht gerechnet. Der Führerschein musste verdient werden und meine Mutter saß in einer Personalabteilung.

Der Job bestand darin, einen Monat lang Löcher in halbquadratmetergroße braune Folien zu stanzen. Zwei Tage zum Üben, dann im Akkord. Die Löcher waren vorgedruckt, auch abstrakte Linien, parallel gerade, dann ein Strang sich teilend und in verschiedene Richtungen verwindend. Die Folien waren kratzempfindlich, deshalb trugen wir flusenfreie Kittel über unserer Kleidung und weiße Baumwollhandschuhe. Ich hatte Folie für Folie unter die Stanze zu schieben, vor der ich saß, bis ein Lichtkegel von unten ein vorgedrucktes Loch erfasste. Hände zur Seite, Gummifüße senkten sich herab und feinjustierten die Markierung, die Loch werden sollte, mikrometergenau unter die Stanze. Gleichzeitig mit Rechts und Links Knöpfe drücken, wegen der Sicherheit, das Not-Aus wäre mit dem Knie zu erreichen, rumms, Loch drin, Folie weiterschieben, justieren lassen, stanzen, so zwanzig Löcher jede Folie, dann in den Ablagekorb rechts, Zähler drücken, von Hand, zur eigenen Orientierung wegen des Akkords, richtig nachgezählt wurde später von der Qualitätskontrolle. Nächste Folie von links auflegen, justieren, rumms.
Die Tage waren lang und heiß, Kittelpflicht, die Maschinen strahlten zusätzliche Hitze ab, ein Radio lief, aber die Maschinen waren viel zu laut, Unterhaltung nicht möglich. Vor sich hin stanzen, sinnlose Gedanken wälzen, und Kopfrechnen. Blick auf den Zähler, Blick auf die Uhr, wie lange noch, wie viele bisher im Schnitt, wie viele noch vor der Pause, bin gut in der Zeit, heute schaff ich mindestens zehn über den Akkord, vielleicht zwanzig.

Als Beinaheschonabiturientin war ich einerseits geistig unterfordert beim Stanzen, erkannte andererseits den Kontakt zu dieser fremden sozialen Schicht als wertvoll und versprach mir vor meinen Silberlöffel-lutschenden Schulkameraden, darunter ein Sohn des Firmeninhabers, einen Vorsprung an Lebenserfahrung. Vorsprung an Lebenserfahrung gegenüber anderen Achzehnjährigen ist durch nichts aufzuwiegen.
Die Arbeiterklasse war überraschend nett zu mir. Sie unterschieden sich weniger als erwartet von den Menschen, die ich kannte. Sie grüßten stets („Mahlzeit“), sagten „bitte“ und „danke“, und Witze, über die ich lachen konnte, wurden auch gemacht.
Es gab eine sehr nette, gleichaltrige türkische Kollegin, die schon zwei Jahre dort arbeitete, entsetzliche Vorstellung, dachte ich. Abgearbeitete, graue, freundliche ältere Frauen. Eine patente Steffi, die oft mit den Männern in der angrenzenden Werkshalle flirtete und später Vorarbeiterin wurde. Einen Kemal, der in der Mittagspause für alle Döner holen ging aus dem „Restaurant“ seines Bruders in der Nähe des Werkes. Das waren meine ersten Döner.

Ich freundete mich mit Feli an, die als Au-pair-Mädchen in Paris vom Familienvater belästigt und von der Dame des Hauses davongejagt worden war, noch nicht mal ihre Sachen hatte sie packen können. Die hatte Lebenserfahrung! Sie studierte auch schon, Philosophie, und betrieb in den Ferien in der Fabrik ihre eigenen Sozialstudien.
Ich hatte gedacht, so war es mir von Autoritätspersonen vermittelt worden, man müsse zur Strafe in die Fabrik, wenn man vorher nichts gelernt hat.
Feli aber erklärte mir, während wir in der Mittagspause mit unseren Dönern - sie hatte immer vegetarisch - draußen in der Sonne saßen, diese Tätigkeit verdumme umgekehrt die Menschen und verhindere ihren sozialen Aufstieg. Die stupiden Wiederholungen, der Lärm, die Kopfschmerzen, die jeder normale Mensch davon bekomme, fehlende Identifikation mit dem Produkt, der fehlende geistige Austausch...zerstöre das Entwicklungspotential einer ganzen sozialen Klasse.
Ich verschwieg beschämt, dass ich keine Kopfschmerzen hatte, konnte aber bestätigen, dass ich nicht ein einziges Mal im Theater war die zwei Wochen, die ich hier arbeitete. Volkshochschule – äh nein, auch nicht.
Siehst du! sagte Feli. Ich gab zu bedenken, dass keiner der Kollegen unglücklich schien, sie verdienten nicht schlecht, sie hatten Spaß. Sie denken nur, sie sind zufrieden, sagte Feli, weil sie nichts anderes kennen. Das System hält sie dumm.

Die Lochmarkierungen und Linien auf den Folien hatten keine Bedeutung für mich, ebenso wenig der Begriff Flexible Leiterplatten. Man hatte mir zu Beginn ein fertiges Produkt gezeigt – in die Löcher, die ich stanzte, wurden später Mikrobauteile gesteckt und gelötet und das ganze noch mal eingeschweißt, aber wozu das gut war – keine Ahnung; ich besuchte ein altsprachliches Gymnasium, Wahlfächer antike Philosophie und Spanisch.
Es gab einen Grundlohn, eine Zulage für das Erreichen des Akkordes und eine Prämie für das Überschreiten des Akkordes um eine bestimmte Stückzahl.
Ich fing an, mir die Lichtdurchlässigkeit der Folien zunutze zu machen und ab und zu zwei Folien, kantengenau übereinandergelegt, zu stanzen. Nur so viel höhere Stückzahlen, wie ich sie auch durch besondere Geschicklichkeit vielleicht hätte erzielen können. Dabei war der Akkord gut zu erreichen, ich wollte einfach schlauer leichter schneller sein, und rechnete beim Stanzen gleich die Verdienststeigerung im Kopf mit aus.
Schon nach wenigen Tagen wurde ich in die Qualitätskontrolle gerufen. Auf einem Haufen lagen erhebliche Stückzahlen Ausschuss, den ich produziert hatte. Es war ein erniedrigender Moment, den ich, völlig überrascht und beschämt, mit sehr dummen Ausflüchten nicht ansatzweise retten konnte: Kann ich mir nicht erklären, vielleicht mal versehentlich zwei Folien erwischt, die kleben schon mal zusammen, oder die Optik der Maschine ist vielleicht nicht richtig eingestellt?
Augenscheinlich hatte der Lichtkegel trotz Transparenz nur die Markierung der unteren Folien erfasst, die oberen wurden gelocht, ohne richtig justiert zu sein.
Aus irgendeinem Grund wurde ich nicht gefeuert.

Grundkurs Geschichte im folgenden Schuljahr, Industrielle Revolution. Marx, Entfremdung, Taylorismus - alles schon selbst erlebt. Lebenserfahrung.

Tagesdosis

Codefreien Kaffee habe...
Codefreien Kaffee habe ich hier auch, aber keine freien...
nachtschwester - 25. Jun, 15:51
So lange ...
der Kaffee nicht koffeinfrei ist, kann man auch das...
sokrates2005 - 25. Jun, 15:35
Danke fürs Lebenszeichen....
Danke fürs Lebenszeichen. Hier gibts immer mehr...
rafael (anonym) - 18. Jun, 14:22
Fehlendes
Internet kenne ich aus Nigeria, ebenso wie langsame...
pathologe - 18. Jun, 09:15
Oh, danke, man wunderte...
Oh, danke, man wunderte sich schon. ;) Enjoy the real...
Etosha - 18. Jun, 09:09
Ebenfalls beruhigte und...
Ebenfalls beruhigte und liebe Grüße und...
Petra (anonym) - 17. Jun, 13:24
Beruhigte Grüße
Beruhigte Grüße
Opa (anonym) - 17. Jun, 07:04
ärx..... jetzt...
ärx..... jetzt bin ich schon so lang auf nachtschwesternentzug
rosmarin - 17. Jun, 01:00

Verordnungen

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