Nicht alles, was nicht glänzt, ist kein Gold

A saß auf einem alterschwachen Bürostuhl, ich stand zwischen seinen gespreizten Beinen und sah auf seinen gewaltigen Bauch hinunter. Altersfleckige, fleischige Hände fuhren zu beiden Seiten an meiner Taille hinunter und über die Hüften. Er sah über seine Brillenränder zu mir auf, sein weißer Bart vibrierte."Bin ich ein Meister oder hast du eine perfekte Figur?" - "Beides", sagte ich.
Meister A betreibt seine Werkstatt seit 45 Jahren. Möglicherweise hat er sie ebenso lange nicht aufgeräumt. Im Kundenraum sind verstaubte Stoffballen, Schnittstücke, halbfertige Sakkos, Plastiktüten mit fertigen Kleidungsstücken, die auf Abholung warten, überall verteilt. Im Hinterzimmer arbeiten drei Mitarbeitern an musealen Nähmaschinen um einen Blechtonnenofen herum, dessen Ofenrohr krumm quer durch den Raum läuft, und mehr Durcheinander. Ich hatte den Laden am Freitag nachmittag einfach betreten, ohne dass mir A jemand empfohlen hätte. Das war leichtsinnig, eine Molwanierin hätte das nie getan, aber es lag am Weg, und ich hatte die zwei Kleider, die nicht mehr richtig saßen, seit ich abgenommen habe, und eins, das noch nie richtig passte, sowieso eigentlich schon abgschrieben, nichts zu verlieren also. Schon am Montag nachmittag rief mich Meister A zur ersten Anprobe. Er musste eine Weile suchen. Meine Kleider waren komplett in ihre Einzelteile zerlegt, neu zugeschnitten, von Hand zusammengeheftet worden und passten wie angegossen. Gestern holte ich die fertigen Kleider ab, bezahlte insgesamt 22 Euro, betrachtete sie angezogen und ausgezogen - Passform, Nähte, Futter, innen, außen, nicht die kleinste Abweichung von - Perfektion.

Man tut sich mit westlichen Konsumerwartungen anfangs schwer in Lutenblag. Geschäfte sind versteckt, klein, dunkel, schäbig, unübersichtlich. Von außen ist nicht immer erkennbar, welche Waren oder Dienstleistungen innen angeboten werden. Sie können sich nicht vorstellen, dass so ein Schmuddelladen irgendetwas bietet, was Sie haben wollen könnten. Beim Eintreten werden Sie außerdem angesprochen und müssen mit dem Verkäufer REDEN. Das ist lästig. Wo man geht und steht, ständig überflüssige Interaktionen mit Fremden, wo man vielleicht bloß eine Glühbirne braucht. Sie fliegen oft nach Hause oder fahren nach Griechenland und kaufen dort alles ein, was man in Lutenblag nicht auch ohne Sozialkontakt im Supermarkt kaufen kann. Mit der Zeit ahnen Sie aber, Kommunikation ist vielleicht doch nicht so schlimm. Bei näherer Betrachtung sind molwanische Verkäufer eigentlich freundlich und sachlich und unaufdringlich und anständig. Dann bricht Ihnen in einem Schlagloch ein Absatz an einem unverzichtbaren Paar Pumps ab und Sie kommen eine Weile nicht aus dem Land. Sie folgen der Empfehlung einer molwanischen Freundin und betreten widerwillig eine dämmrige Schusterwerkstatt. Sie werden am selben Tag auf dem Handy angerufen, weil Ihre Schuhe fertig sind. Sie bezahlen drei Euro für eine tadellose Reparatur und bringen nie wieder Schuhe in Deutschland zum Schuster. Sie werden mutiger. Sie erkennen, es gibt alles zu kaufen und jede erdenkliche Dienstleistung, man muss nur Molwanier fragen, wo. Wenn Ihr Molwanier nicht weiß, wo, wird er sich gern für Sie erkundigen. Das ist für ihn mit weiterer sozialer Interaktion verbunden, der er, anders als Sie, nicht abgeneigt ist. Sie lassen sich einen Augenarzt empfehlen und eine Brille verschreiben. Sie gehen zum Optiker und suchen sich einen Rahmen aus. Sie sind noch nicht wieder zu Hause, da ruft der Optiker an, Ihre Brille ist fertig.

"Mir ist eingefallen, Freitag abend kann ich doch nicht. Die kommen um acht und montieren die Lampen." sagte meine Freundin V. "Abends um acht?" - "Wann denn sonst? Wir sind doch am Tag nie zu Hause."

"Deutsche Servicewüste" war bis dato eine hohle Worthülse, nun beginnt sie allmählich, sich zu füllen.

"Lass das doch da unten machen, ist bestimmt billiger und mit alten Autos kennen die sich aus." hatte der Herr Nachtschwester gesagt, als ich noch weit davon entfernt war, dubiose Schrauber ohne verbriefte Ausbildung in molwanischen Schrammelwerkstätten ohne TÜV-Zertifikat mit Reparaturen am Pferdchen zu betrauen. Aber mit undichtem Bremssattel war ich gezwungen, erst einer Empfehlung zu Meister D folgen, dann, nach dem Unfall, zu einem Karosseriebauer, und noch später zu einem Auspuffspezialisten. Das Pferdchen bekam im Lauf des letzten Jahres vorn und hinten komplett neue Bremsen, neuen Kühler, Stoßdämpfer vorn, Zündkabel, Wasserpumpe und Zahnriemen, Schweller geschweißt, ein gerissenes Verbindungsstück zum Auspuff getauscht, Karosserie komplett aufgearbeitet und lackiert, schnell und zuverlässig und tadellos. Wäre ich nicht in Molwanien, hätte es sich gar nicht gelohnt, das Pferdchen zu erhalten. Unvorstellbar, mich davon zu trennen! Gestern und vorgestern ließ ich zum Abschied nochmal einen Kotflügel lackieren, der inzwischen wieder verschrammt war. Das kostete 100 Euro. Dafür brachte man mich vorgestern von der 20km entfernten Werkstatt nach Hause und holte mich heute wieder ab.

Unten sehen Sie das Kundenzentrum einer Lutenblager Autowaschanlage. Nicht schön, finden Sie? Aber der Vorarbeiter hat für mich den Heizstrahler unter dem rechten Stuhl angestellt. Mein Auto wird derweil von Hand gewaschen und innen und außen geputzt.

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Gelernte Lektion: Nicht alles, was nicht glänzt, ist kein Gold.

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