Es ist, wie es war
Das Telefon auf meinem Schreibtisch, das niemand je anwählt, die Nation ist mobil, außer intern ganz selten jemand, der nicht ranghoch genug für ein Diensthandy ist, und die Assistentin des Boss gelegentlich, klingelte heute zu einer Uhrzeit, zu der die Assistentin üblicherweise nicht mehr arbeitet.
"Nachtschwester?" - erkältete Männerstimme. "Ja?" "Hier ist H. V. aus Zagreb." Ich starrte auf das Telefon, in Gedanken noch ganz beim Projekt, extern kennt kein Mensch diese Nummer, ich weiß sie selbst nicht auswendig, steht bloß so auf meiner Visitenkarte, ein Medizinprodukt-Osteuropa-Fritze wahrscheinlich? Ein Medica-Kontakt? Welche Firma jetzt wieder? Der Name kommt mir bekannt... DER NAME!??!! "H... V.???" "Ja." Das gibt´s nicht. Ich starrte auf die Uhr, auf mein Handy, meinen Bildschirm, woher, wieso jetzt, wieso diese Nummer, hier?! "Ich hab dich gegoogelt und bin auf eurer Webseite", sagte H. "Du siehst aus wie immer."
H hatte mich vor 20 Jahren an der Wursttheke des Ladens am Fuße des Hügels angesprochen, auf dem ich gerade mit einer Kommilitonin eine Wohnung bezogen hatte, nur so aus Neugierde, weil er mich noch nie in der Straße gesehen hatte. Er hatte einen Sprachfehler und konnte seine Rs nicht rollen. Ich hatte mir das in zwei Semestern Sprachunterricht gerade mühevoll angeeignet und hielt ihn daher zunächst für einen unbegabten Deutschen. Erst später fielen mir seine weiteren motorischen Behinderungen auf, ein Formenkreis offenbar, aber ich habe nie nachgefragt. Bei näherem Kennenlernen schien die ganze Familie irgendwie überzüchtet. Nachdem geklärt war, dass wir nebeneinander wohnten, bot er an, mich im Auto mitzunehmen, der Hügel war steil. Ich war aber damals zeitlich noch nicht weit genug von meinem Elternhaus entfernt, um zu Fremden ins Auto zu steigen, auch nicht am sonnenhellen Tag für ein paar hundert Meter bergauf, und so unterhielten wir uns durchs Fenster, während er meine Tüten im Auto neben mir herfuhr. Seine Schwester L. schreibe gerade an ihrer Diplomarbeit in Germanistik, über Gottfried Benn, ob sie mich für Korrekturen anprechen könne? Konnte und tat sie, ich liebte Benn, und H. und L. und ihr Sohn und ihre Mutter und die andere, die geheime Schwester wurden mir bald Ersatzfamilie. So viel Intellekt und Witz und Wärme auf engem Raum, viele Flaschen Rotwein sommernachts auf dem großen Balkon am Hang.
H war Ingenieur und spezialisiert auf Satellitenübertragungstechnik zu einer Zeit, als sein Land keine übertragenden Satelliten hatte. Solange schrieb er für ein Taschengeld für ausländische Fachzeitschriften. Seine Schwester L. ernährte nach dem Tod des Vaters die 5köpfige Familie alleine als Journalistin, diplomierte nebenbei in Germanistik und magistrierte kurz darauf in PR, gründete eine Agentur und zog sofort nach Kriegsende exklusiv zwei weltmarktführende Schokoriegel an Land. Sie trug Ende der 80er und Anfang der 90er unbeirrt grafische Haarschnitte, 60er Jahre Minikleider in A-Linie und Plateaupumps und ich bin sicher, das tut sie noch. Sie rauchte drei Schachteln am Tag und hatte schon mit 40 eine besorgniserregende COPD. Am Wochenende nahm sie die Mutterrolle für ihren 18jährigen Sohn und die der hilfsbereiten Tochter für ihre alternde Mutter ein, schmiss den Haushalt und bekochte alle. H rührte keinen Finger und hatte immer was am Essen zu meckern. Ich warf ihm einmal aus feministischer Solidarität mit L. ein Frühstücksei an den Kopf, aber L. fand, ihr Bruder war die Aufregung gar nicht wert. Ein anderes Mal, ich war schon zurück nach Deutschland gezogen und nur zu Besuch in Zagreb, schlief ich in einem Zimmer mit H. Er schnarchte fürchterlich und so warf ich Kissen durch den Raum in seine Richtung. Er beschwerte sich morgens bei Mutter und Schwester, ich sei wahnsinnig und hätte versucht, ihn im Schlaf zu ersticken. Die verheimlichte, weil schizophrene Schwester, lag derweil in der leeren Badewanne und rauchte Kette. Ihre Krankheit war ausgebrochen, nachdem ihr Vater der künstlerisch sehr Begabten das Kunststudium verboten und sie an die Fakultät für Architektur gezwungen hatte. Die Mutter versteckte sie seit 16 Jahren in der Wohnung. L. hatte ihre Schwester einmal in Abwesenheit der Mutter zu einem Psychiater geschmuggelt, so gab es immerhin eine Diagnose, aber eine heimliche Therapie war nicht möglich. Ich fuhr ein Auto, bei dem eine Zeit lang ständig Sicherungen durchbrannten. H. maß lustlos Spannung, Widerstand, was man so misst, und fand keinen Fehler. "Was kannst du eigentlich?" fragte ich ihn. "Ich bin Elektroingenieur, kein Elektriker", sagte er. "Falls du dich jetzt nach dem Unterschied fragst: ich mache mir normalerweise die Hände nicht schmutzig.". Er brachte mich gern auf die Palme, indem er meinen Akzent nachäffte oder sich über meine Grammatikfehler totlachte. In einer Sprache mit 7 Fällen. "Lern erst mal, deinen eigenen Namen auszusprechen", fauchte ich dann, der enthält nämlich R´s, und die konnte ich besser. Zwischen all den Querelen aber war H ein kluger, guter Zuhörer und Freund. Er hatte mich sehr gern und sagte es auch. Gelegentlich fuhr er zu Bewerbungsgesprächen in Länder mit Satelliten und kaufte Geschenke für alle, auch für mich. Ich habe immer noch ein Paar Handschuhe, die er mir aus London mitgebracht hat. Später in Deutschland zog ich ständig um, H bekam den Job bei der BBC, dann wurde die Telefonnummer der Familie geändert, und ich war immer eine lausige Kontaktpflegerin, einmal hab ich´s versucht, und das kam dabei raus. In den letzten Jahren war ich zwei Mal in der Stadt, bin die alte Straße hoch gegangen und gefahren und habe mich nicht getraut, zu klingeln aus Angst, dass L. vielleicht nicht mehr lebt oder die alte Mutter mich nicht mehr kennt oder ganz fremde Menschen dort wohnen.
Mutter ist dement, sagt H. L. geht es gut, sie raucht schon lange nicht mehr. Ich muss ihr gleich sagen, dass ich dich gefunden habe! Wann kommst du her?
"Nachtschwester?" - erkältete Männerstimme. "Ja?" "Hier ist H. V. aus Zagreb." Ich starrte auf das Telefon, in Gedanken noch ganz beim Projekt, extern kennt kein Mensch diese Nummer, ich weiß sie selbst nicht auswendig, steht bloß so auf meiner Visitenkarte, ein Medizinprodukt-Osteuropa-Fritze wahrscheinlich? Ein Medica-Kontakt? Welche Firma jetzt wieder? Der Name kommt mir bekannt... DER NAME!??!! "H... V.???" "Ja." Das gibt´s nicht. Ich starrte auf die Uhr, auf mein Handy, meinen Bildschirm, woher, wieso jetzt, wieso diese Nummer, hier?! "Ich hab dich gegoogelt und bin auf eurer Webseite", sagte H. "Du siehst aus wie immer."
H hatte mich vor 20 Jahren an der Wursttheke des Ladens am Fuße des Hügels angesprochen, auf dem ich gerade mit einer Kommilitonin eine Wohnung bezogen hatte, nur so aus Neugierde, weil er mich noch nie in der Straße gesehen hatte. Er hatte einen Sprachfehler und konnte seine Rs nicht rollen. Ich hatte mir das in zwei Semestern Sprachunterricht gerade mühevoll angeeignet und hielt ihn daher zunächst für einen unbegabten Deutschen. Erst später fielen mir seine weiteren motorischen Behinderungen auf, ein Formenkreis offenbar, aber ich habe nie nachgefragt. Bei näherem Kennenlernen schien die ganze Familie irgendwie überzüchtet. Nachdem geklärt war, dass wir nebeneinander wohnten, bot er an, mich im Auto mitzunehmen, der Hügel war steil. Ich war aber damals zeitlich noch nicht weit genug von meinem Elternhaus entfernt, um zu Fremden ins Auto zu steigen, auch nicht am sonnenhellen Tag für ein paar hundert Meter bergauf, und so unterhielten wir uns durchs Fenster, während er meine Tüten im Auto neben mir herfuhr. Seine Schwester L. schreibe gerade an ihrer Diplomarbeit in Germanistik, über Gottfried Benn, ob sie mich für Korrekturen anprechen könne? Konnte und tat sie, ich liebte Benn, und H. und L. und ihr Sohn und ihre Mutter und die andere, die geheime Schwester wurden mir bald Ersatzfamilie. So viel Intellekt und Witz und Wärme auf engem Raum, viele Flaschen Rotwein sommernachts auf dem großen Balkon am Hang.
H war Ingenieur und spezialisiert auf Satellitenübertragungstechnik zu einer Zeit, als sein Land keine übertragenden Satelliten hatte. Solange schrieb er für ein Taschengeld für ausländische Fachzeitschriften. Seine Schwester L. ernährte nach dem Tod des Vaters die 5köpfige Familie alleine als Journalistin, diplomierte nebenbei in Germanistik und magistrierte kurz darauf in PR, gründete eine Agentur und zog sofort nach Kriegsende exklusiv zwei weltmarktführende Schokoriegel an Land. Sie trug Ende der 80er und Anfang der 90er unbeirrt grafische Haarschnitte, 60er Jahre Minikleider in A-Linie und Plateaupumps und ich bin sicher, das tut sie noch. Sie rauchte drei Schachteln am Tag und hatte schon mit 40 eine besorgniserregende COPD. Am Wochenende nahm sie die Mutterrolle für ihren 18jährigen Sohn und die der hilfsbereiten Tochter für ihre alternde Mutter ein, schmiss den Haushalt und bekochte alle. H rührte keinen Finger und hatte immer was am Essen zu meckern. Ich warf ihm einmal aus feministischer Solidarität mit L. ein Frühstücksei an den Kopf, aber L. fand, ihr Bruder war die Aufregung gar nicht wert. Ein anderes Mal, ich war schon zurück nach Deutschland gezogen und nur zu Besuch in Zagreb, schlief ich in einem Zimmer mit H. Er schnarchte fürchterlich und so warf ich Kissen durch den Raum in seine Richtung. Er beschwerte sich morgens bei Mutter und Schwester, ich sei wahnsinnig und hätte versucht, ihn im Schlaf zu ersticken. Die verheimlichte, weil schizophrene Schwester, lag derweil in der leeren Badewanne und rauchte Kette. Ihre Krankheit war ausgebrochen, nachdem ihr Vater der künstlerisch sehr Begabten das Kunststudium verboten und sie an die Fakultät für Architektur gezwungen hatte. Die Mutter versteckte sie seit 16 Jahren in der Wohnung. L. hatte ihre Schwester einmal in Abwesenheit der Mutter zu einem Psychiater geschmuggelt, so gab es immerhin eine Diagnose, aber eine heimliche Therapie war nicht möglich. Ich fuhr ein Auto, bei dem eine Zeit lang ständig Sicherungen durchbrannten. H. maß lustlos Spannung, Widerstand, was man so misst, und fand keinen Fehler. "Was kannst du eigentlich?" fragte ich ihn. "Ich bin Elektroingenieur, kein Elektriker", sagte er. "Falls du dich jetzt nach dem Unterschied fragst: ich mache mir normalerweise die Hände nicht schmutzig.". Er brachte mich gern auf die Palme, indem er meinen Akzent nachäffte oder sich über meine Grammatikfehler totlachte. In einer Sprache mit 7 Fällen. "Lern erst mal, deinen eigenen Namen auszusprechen", fauchte ich dann, der enthält nämlich R´s, und die konnte ich besser. Zwischen all den Querelen aber war H ein kluger, guter Zuhörer und Freund. Er hatte mich sehr gern und sagte es auch. Gelegentlich fuhr er zu Bewerbungsgesprächen in Länder mit Satelliten und kaufte Geschenke für alle, auch für mich. Ich habe immer noch ein Paar Handschuhe, die er mir aus London mitgebracht hat. Später in Deutschland zog ich ständig um, H bekam den Job bei der BBC, dann wurde die Telefonnummer der Familie geändert, und ich war immer eine lausige Kontaktpflegerin, einmal hab ich´s versucht, und das kam dabei raus. In den letzten Jahren war ich zwei Mal in der Stadt, bin die alte Straße hoch gegangen und gefahren und habe mich nicht getraut, zu klingeln aus Angst, dass L. vielleicht nicht mehr lebt oder die alte Mutter mich nicht mehr kennt oder ganz fremde Menschen dort wohnen.
Mutter ist dement, sagt H. L. geht es gut, sie raucht schon lange nicht mehr. Ich muss ihr gleich sagen, dass ich dich gefunden habe! Wann kommst du her?

