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Personalsachen, heute: der Unberührbare

Der Boss raufte sich die Haare über meine Bewerberauswahl, die er in meiner Abwesenheit persönlich zum Gespräch geladen hat, ja du liebe Güte, ich hab doch selbst Postits mit drei Fragezeichen auf die Mappen gepappt, wir haben halt gerade nichts Besseres vorrätig und brauchen sofort jemanden, man kann sich doch mal unterhalten mit den Leuten. Immerhin zeigte er unerwarteten Respekt für meine Zuständigkeiten und ließ den einen Krankenpfleger, der nach dem ersten Termin mit ihm noch gesprächsbereit war, ein zweites Mal zu mir einladen.

Dass der für die zu besetzende Stelle in der Anästhesie nicht in Frage kam, zeigte der erste Blick, aber für die Peripherstation vielleicht? 12 Jahre Erfahrung an der chirurgischen Uniklinik, zwei medizinische Ausbildungen und mit Mitte 30 nochmal ein Pflegestudium angefangen, Englischkurse bis Level 8, was immer das heißt, das ist doch was. Eine Woche probearbeiten?

Nun versucht dieser Zweimeterkerl seit Montag völlig verängstigt von der ungewohnt schnelllebigen Umgebung den flinken Rehlein wenigstens physisch zu folgen, abwechselnd Verwirrung und Entgeisterung auf dem Gesicht, sagt zu seiner Mentorin Dinge wie "Aber diesen Patienten haben wir doch gestern schon gewaschen" und ist in seiner hilflosen Bemühtheit irgendwie sympathisch. Auf seine totale Planlosigkeit wären wir vorbereitet, jeder Neue, der im Land ausgebildet wurde, muss unsere eigene interne Ausbildung durchlaufen.

Dumm nur, dass ich heute von einer Mitarbeiterin, die ihn von früher kennt, erfuhr, er habe nie als Krankenpfleger gearbeitet. Er kam als Apothekenhelfer an die Uniklinik und wurde mangels Pflegeausbildung als Pflegehelfer beschäftigt. Zwar durchlief er daraufhin berufsbegleitend eine Pflegeausbildung, aber dafür interessierte sich niemand mehr. Wer unten ist, bleibt unten, ein starres Kastensystem herrscht in den staatlichen Einrichtungen. In seiner Bewerbung hatte er geschrieben, an seinem jetzigen Arbeitsplatz biete man ihm keine weiterführende Perspektive, was gemeint war, ist mir jetzt klarer.

Diese abgrundtief ungerechten Strukturen. Ich hätte ihn aus Sympathie gern eingestellt. Er hätte mich nur nicht anlügen dürfen.
Mercator (Gast) - 13. Feb, 11:29

Liebe Frau Nachtschwester

welche Alternative zur Notlüge hätte er denn gehabt? Mit den ganzen systemspezifischen Erfahrungen im Hinterkopf... Wie sieht es denn aus mit einer zweiten Chance. Oder liegt dann eine etwas zweifelhafte Ermutigung zu Fehlverhalten vor...

kameleon (Gast) - 13. Feb, 11:43

log - lüg - bieg

ja, hätte er nicht gelogen, wäre er dann überhaupt zum gespräch eingeladen worden?
ich fühle mich erinnert an die geschichte der asylbewerber, die sich allerlei situationen in ihrem interesse zurechtbiegen und dann abgelehnt werden, weil sie gelogen haben (auch wenn sie inzwischen abgeordnete des holländischen parlaments sind). hm.

nachtschwester - 13. Feb, 18:56

Eine Lüge, die die ganze bisherige Berufspraxis betrifft, ist ein sehr schlechter Anfang für ein Arbeitsverhältnis. Statt 12 Jahre Berufspraxis 0. Hätte er die Wahrheit gesagt, hätte ich ihm wahrscheinlich trotzdem eine Chance gegeben, als Berufsanfänger wie viele andere. Das konnte er natürlich nicht wissen.

So oder so, die Woche ist um, er hat sich nicht besonders engagiert oder interessiert und wurde vorhin mit den besten Wünschen verabschiedet.

Tagesdosis

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sokrates2005 - 23. Nov, 11:04
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Christine (Gast) - 22. Nov, 10:43

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