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Personalsachen, heute: Habt doch Mitleid

Krankenschwester:

Ich lese. höre und sehe ständig ständig von Ihrer zeitgemäßen Arbeit Ihre Patienten sind sehr glücklich und zufrieden. Ich arbeite seit 10 Jahren ohne Sozialversicherung. Beim letzten Auswahlverfahren wurde ich nicht angenommen, weil ich (der Direktor hat es mir gesagt) nicht in der Partei aktiv bin. Das heißt, niemand schätzt meine Arbeit und die langjährigen Bemühungen in der Einrichtung, in der ich arbeite.

Wie in Deutschland ist jedes Arbeitsverhältnis per Gesetz sozialversicherungspflichtig. Außer dem Boss hält sich kaum ein Arbeitgeber daran. Die Bewerberin arbeitet bei einem öffentlichen Arbeitgeber, einem städtischen Krankenhaus. Wie viele Angestellte kennt sie ihre Rechte nicht oder glaubt, keine Handhabe zu haben, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, kein Geld für einen Anwalt, und selbst wenn, dauern Gerichtsverfahren in der ersten Instanz bis zu 10 Jahre, finden die Verantwortlichen eine einflussreiche Bezugsperson in der Politik und bleiben ungeschoren. Das ist schlimm, leider können wir genau solche adynamen Opfercharaktere nicht gebrauchen.
Markus (Gast) - 10. Dez, 13:12

"adyname Opfercharaktere"... puh.

Ist es nicht unglaublich schwierig, in einer Gesellschaftsstruktur wie bei Dir tatsächlich Eigendynamik zu entwickeln ? Sind Deine ganzen süßen Mädchen nicht auch alle solche Menschen ? Und muß gesellschaftliche Veränderung nicht wachsen ?

Jemanden abzustempeln, weil er normales Mitglied einer Gesellschaft ist, finde ich ganz schön hart. Auf der anderen Seite kann ich gut verstehen, daß Du auch irgendwann genug hast vom ganzen Drumherum und auch den Weg des geringsten Widerstandes -- nämlich mit von sich aus dynamischen Menschen -- gehen willst. Ob das aber wiederum dynamisch ist ;-)

nachtschwester - 10. Dez, 14:07

Ich stemple nicht ab, ich frage mich, kommt jemand, der sich zehn Jahre lang mit einem unrechtmässigen Zustand tatenlos jammernd abfindet, bei uns klar? Nützt sie uns? Selbständig denken, handeln, Kritik äußern und annehmen? Will sie wirklich bei uns arbeiten, den Einarbeitungsdrill durchmachen, sich zum ersten Mal seit ihrer Ausbildung vor 10 Jahren plötzlich fortbilden, leistungsgerecht bezahlt werden, oder will sie nur auf demselben Niveau wie in der staatlichen Klinik weitermachen, d.h. viel Kaffee, Tratsch und Zigaretten, wenig Pflege, aber mit mehr Geld und Sozialversicherung?

Ich verstehe die Situation der Leute sehr gut, ich lebe ja mit ihnen. Viele hängen schuld- und hilflos in den klebrigen Geflechten aus Familienclans, Parteiverbindungen und Bestechung fest. Viele andere nicht. Warum das so ist, interessiert mich nur privat. Beim Durchsehen all dieser Eingänge geht ja nicht darum, jemanden als Person zu verurteilen, sondern darum, ob er in unsere Klinik passen könnte, ob er uns nützen kann für unsere Entwicklungspläne. Und da passen die 25jährigen mit Hochschulabschluss, Sprachen und Computerkenntnissen und Auslandspraktika, die hier frisch und positiv und voller Tatendrang ankommen, besser. Oder gerne auch jemand, der lange in einer staatlichen Einrichtung gearbeitet hat, Alter egal, wenn er sich in dieser Zeit entwickelt hat und Ambitionen erkennbar sind.
Von beiden kommen neuerdings immer mehr, da zeichnet sich ein Generationswechsel, also gesellschaftliche Veränderung, deutlich ab.
sokrates2005 - 10. Dez, 15:54

Ich weiß ...

warum ich solche Entscheidungen nicht treffen muss:
weil ich weiß, dass ich es nicht kann ...
;-)

nachtschwester - 10. Dez, 17:23

Das ist nicht so schwer, die Linie ist klar. Der Laden muss nicht nur laufen, sondern wachsen und sich dabei rechnen. Jemand mit einer passiv-statischen Vita im öffentlichen Gesundheitswesen kommt in unserer dynamischen Arbeitsumgebung eher nicht zurecht, das hat die Erfahrung gezeigt.
Die Aufgabe ist nicht, Einzelnen von zigtausend niedrig qualifizierten Bedürftigen ein gutes Einkommen zu verschaffen und dafür high potentials (Entschuldigung für diesen gräßlichen Begriff), die genauso dringend ein regelmäßiges Gehalt brauchen, keine Chance zu geben. Wir stellen Leute ein, aus deren Vita wir zu erkennen glauben, dass sie genug Grips und Ehrgeiz haben, nach ein paar Jahren im Schneeballsystem mit uns weitere Kliniken umzubauen und mehr Menschen Zugang zu vernünftiger medizinischer Versorgung zu verschaffen. Darin liegt der soziale Auftrag.
sokrates2005 - 11. Dez, 08:55

Sie haben ja recht ...

Frau Nachtschwester, einem naiven Gutmenschen wie meinereiner könnte es jedoch leicht passieren, dass er diese Ziele aus den Augen verliert, wenn er mit so herzzerreissenden Bewerbungsschreiben konfrontiert wäre.
Das Gute daran: genau deswegen sitze ich nicht in einer solchen Position und zwar durchaus aus eigenen Stücken.
Ihnen gehört jedenfalls meine Bewunderung für ihre Power, ihr Engagement und ihren klaren Blick!
nachtschwester - 11. Dez, 12:09

Ich habe noch herzzerreißendere. ;-)
Unsere Personalpolitik sollte aber gar nicht das Thema sein.
Ich poste diese Bewerbungsbruchstücke, weil sie so viel über die Menschen und ihre Realitäten hier erzählen. Für mich sind das anrührende, wahrhafte Zeitzeugnisse.
sokrates2005 - 17. Dez, 13:55

Aus meiner Erfahrung ...

mit meiner angeheirateten serbischen Verwandtschaft dürfte Mitleiderregen eine Art kultureller Reflex sein, der das Ins-Treffen-Führen von sachlichen Argumenten spontan immer wieder aus dem Feld schlägt.
nachtschwester - 17. Dez, 15:58

Das kenne ich :-)
Kulturell ist das in der Hinsicht, dass das "du bist für dein Glück selbst verantwortlich" aus unserem westlichen Individualismus im Osten noch nicht Fuß gefasst hat. Als passives Opfer der Umstände lebt es sich ja auch ganz bequem. Aber gerade weil die Welt da unten besonders gemein ist, braucht es zupackende Charaktere, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Das sind übrigens aus meiner Sicht eher junge Frauen als Männer. Neue Möglichkeiten gibt es ja, die Konjunktur wächst nicht schlecht.

Tagesdosis

Gott hat eben keine Ahnung.
Gott hat eben keine Ahnung.
nachtschwester - 27. Dez, 21:23
Das gefällt mir:...
Das gefällt mir: auswärts essen. Und dass...
croco (Gast) - 27. Dez, 21:11
Tsssstsss, und da heißt...
Tsssstsss, und da heißt es immer geographisch...
creezy (Gast) - 27. Dez, 15:32
Sehr schöner Artikel
Ja so was passiert wirklich und prima wenn jemand das...
Turtle (Gast) - 27. Dez, 11:45
Ganz recht. Und da sich...
Ganz recht. Und da sich 100 und 120 ganz ordentlich...
nachtschwester - 26. Dez, 00:20
Das Vergnügen liegt...
Das Vergnügen liegt bei ganz mir :-)
nachtschwester - 26. Dez, 00:15
Der genaue Ort würde...
Der genaue Ort würde mich und meinen Job sehr...
nachtschwester - 26. Dez, 00:13
Das stimmt. Hat was mit...
Das stimmt. Hat was mit einer Hand, die die andere...
nachtschwester - 26. Dez, 00:09

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