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Frauenprobleme

Ich habe die Nase voll von dem Geflenne. Kein Tag, an dem nicht eins von diesen Rehlein bei mir nicht wenigstens ein paar Tränen verdrückt, weil ein anderes gemein zu ihm war. Gestern hat mich ein altgedienter Intensivpfleger nach fünf Monaten Mobbing in der Schlangengrube auf Knien, aber ohne Tränen um eine Rückfahrkarte auf die Intensivstation gebeten. Die Anästhesieleitung heult heute wie erwartet in meinem Büro. "Ich habe alles für ihn getan und jetzt werde ich von ihm angespuckt! Die ganze Intensivstation redet schlecht über mich!" Ich erklärte ihr noch mal regelmässiges Feedback und konstruktive Konfliktlösung und positive Arbeitsatmosphäre, die sie als Leitung zu schaffen hat, ich kann ihr nicht alle halbe Jahre einen neuen Mitarbeiter zum Fraß vorwerfen. Ich heiße auch nicht Katja oder Saalfrank und Projektverantwortung ist überhaupt alles, was ich immer wollte, bloß kein Personal.

Und dann dieses öffentliche Menstruieren. Alle Mitarbeiterinnen teilen jeden Monat hierarchieübergreifend allen Mitarbeiterinnen mit, was los ist, wie lange schon und wie stark. Menstruationsbeschwerden werden intensiv ausgelebt. "Ich brauche ärztliche Hilfe!" rief die Laborantin, warf die Arme hoch und ließ sich dramatisch auf den Boden fallen. "Ruft meine Mutter an, ich sterbe!" schrie eine Ambulanzschwester, die auf der Intensivstation hospitierte, von dem OP-Tisch im Flur, auf dem sie sich krümmte. Drei weitere Personen liefen nach Braunüle, Buscopan, Valium, Infusion, Labor, Ultraschall. Heute, bei meiner Abendrunde über die Intensivstation, winkte mir aus einem Mobilisationssessel schwach lächelnd die menstruierende IT-Chefin zu, im Kostümchen, Braunüle im Arm und mit laufender Infusion, zur Spasmolyse und "Erfrischung".

Das Deutsche Forum der Botschaft, in dessen Verteiler ich mich kürzlich habe aufnehmen lassen aus dem Verlangen nach der vermeintlichen Normalität meiner eigenen Sozialisierung heraus, es muss doch auch bohrmaschinen- und reifenwechseltaugliche Frauen geben unter all den Ausländern in der Stadt, schickt auch nur Einladungen zum Plätzchenbacken für den Weihnachtsbazar.

Danke fürs Zuhören, es geht schon wieder.
joh (Gast) - 12. Nov, 07:54

seufz

/signed. erlebe ich sowohl beruflich als auch im bekanntenkreis in aehnlichen formen. wenn du die entsprechenden, allerdings wenigstens eine spur tageslicht tauglichen weibchen gefunden haben solltest, bescheid.

als naechstes thema schlage ich chauvinistisch vor: "ist IT-knowhow bei frauen und deren gruppen verhalten antiproportional zum aeusseren erscheinungsbild?"

mit einem morgendlichen gruss und hoffend das die firmen interne gruppen menstruation nicht mit vollmond zusammen faellt,

joh.

nachtschwester - 13. Nov, 22:01

Lieber joh, als Mann setzt du dich mit solchen Kommentaren tatsächlich dem Chauvinismusverdacht aus, aber ich bin ja schon froh, wenn hier überhaupt noch einer kommentiert. ;-)
DIe IT-Chefin ist eine sehr schöne Frau. Die EDV läuft, weiter kann ich ihr KnowHow nicht beurteilen.
Etosha (Gast) - 12. Nov, 09:57

Mein Mitgefühl ist dir gewiss. :)
Ich kanns nicht leiden, wenn ich mit Weibchenschema "becirct" werde, etwas zu tun - du weißt schon, mit comicmäßig verstellter Stimme und duckmäuserischem Augenaufschlag, den man sogar am Telefon hören kann. Warum (eine bestimmte) frau es trotzdem immer wieder versucht, ist mir ein Rätsel - ich vermute aber, sie braucht einfach die verbalen Watschen, die sie danach regelmäßig ausfasst.

nachtschwester - 13. Nov, 22:08

Ich weiß genau, was du meinst, aber die Mädels hier sind nicht so. Es ist nicht so ein aufgesetztes Kindchengetue wie bei uns, sie sind dabei natürlich und süß und fragil. Natürlich, weil sie gelernt haben, dass sie damit gewisse Dinge erreichen, ich halte das aber nicht für Kalkül, sondern eher ... Sozialisation. Frauen gehören hier zart und verletzlich.
Etosha (Gast) - 14. Nov, 19:37

Dass die Mädels dort so sind, wollte ich damit auch nicht unterstellen - es fiel mir nur dazu ein, denn es passte gerade zu meinem Tag.
kittykoma - 12. Nov, 10:32

wenns nicht so nervig für sie wäre, ist dies eine wunderbare studie zum thema präemanzipatives frauenverhalten.
die anästhesiedrachen benehmen sich wie die matriarchinnen, die die allmacht über den häuslichen familienteil haben, die rehlein und weibchen lassen ihr gesamtes passives aggressionspotential (wenn man das mal so nennen kann) in ihr mentruationstheater fließen. sehr, sehr weiblich. so mancher hennagefärbten deutschen trutsche in lila latzhosen würde die unterlippe zittern aus weiblicher solidarität.
das problem ist, daß man das kaum mit westlichen maßstäben angehen kann, weil einen keiner versteht. ("regelmässiges Feedback und konstruktive Konfliktlösung und positive Arbeitsatmosphäre" - da könnten sie auch chinesisch reden, die frau weiß nicht, was das ist und was das bedeutet) und man auch noch weiterreichende konflikte produziert, denn dann funktionieren diese frauen in den familien nicht mehr.
in dieser gesellschaft gibt es einen sorgfältig separierten weiblichen und männlichen kosmos.
der alte drachen ist auch in der großfamilie die herrscherin. sie kuscht nur vor dem patriarchen. wenn sie eigene interessen durchsetzen will (und das will sie ständig) sagt sie "jaja" und macht ihr ding. wenn der patriarch mächtiger ist als sie, dann versucht sie, ihm ihre ideen als seine zu vermitteln. sie sind nicht der patriarch, sie sind die mächtigere matriarchin, die erstfrau vom chef.
vielleicht hilft eine mischung aus zuckerbrot und peitsche. auf jeden fall lob. für jeden gut behandelten mitarbeiter. ihre menschenkenntnis, ihren führungsstil und die organisation ihres bereiches loben. lügen nicht durchgehen lassen, sie aber nie öffentlich brüskieren, sondern hinter verschlossenen türen, und dann sehr sehr hart anfassen: was das für ein misthaufen wäre, warum sie nicht in der lage wäre, mitarbeiter zu halten. wenn die klagen über die schlechtigkeit der welt kommen, nicht zuhören, wegwischen, das sei ihr problem, wenn sie nicht in der lage sei, ein blitzsauberes team zu organisieren, in dem jeder seinen platz hat. autorität und aggressivität sind dort wichtige bestandteile der kommunikation. unsere verhandlungssprache versteht dort keiner, dann tanzen die mäuse auf dem tisch. das ist ein bißchen wie beim militär. es fühlen sich alle sehr wohl, wenn sie wissen, was ihr platz und ihre aufgabe ist und welche befehle an sie gerichtet werden können. die äußere form bestimmt dann das verhalten: sauberkeit, aufgeräumtheit, abgezirkelte handlungen. die drachen sind die unteroffiziere.
(ich denke daran, daß ich als kind bei einem mehrwöchigen krankenhausaufenthalt so einen drachen mal erlebt habe. eine uralte kirchenschwester, vor der sie alle kuschten. aber die hatte den laden und ihre mitarbeiter im griff, da wurde nicht getrödelt, da wurde nichts vergessen. als sie im urlaub war, sah das dann ganz anders aus.)
was die dramaqueens betrifft, so ist es nicht schlecht, das drama ein bißchen zu verschieben. auf heldentum. die schwester, die trotz schlafentzug und mentruationsschmerzen kämpft und hilft. also: buscopan und valium erlauben. fünf minuten ruhe ebenfalls. danach hat sie wieder an ihrem platz zu stehen und ihren job zu machen. dafür wird sie dann gelobt und als heldin behandelt.
(man denke an die krankenschwestern in kriegsromanen, die hatten auch nie ihre tage.)

nachtschwester - 14. Nov, 00:50

Schöne Deutungen, kitty. Die Situationen hier lassen viele phantasievolle Interpretationen zu, die es doch nie ganz treffen, es ist immer noch mehr anders, als man denkt, es ist nicht nur die präemanzipatorische Phase, prägend sind auch 600 Jahre Fremdherrschaft und Unterdrückung und das Leben in einem Nicht-Rechtsstaat, in dem die Geradlinigen immer gegen die Opportunisten verlieren und sicher noch andere Einflüsse, von denen ich noch gar nichts weiß. Es gibt eine streng hierarchische Prägung, auch unter Männern, Rangordnungen und das Einhalten derselben ist sehr wichtig.

"Das schlimmste ist, dass Sie jetzt schlecht von mir denken!" schluchzen die Drachen, die bei mir wieder Rehlein sind, Mama, hab mich wieder lieb. Eine Unterwerfungsgeste, wie wenn sich ein Hund vor dem ranghöheren auf den Rücken rollt. Das Einfordern emotionaler Zuwendung, dieses Familiarisieren des Arbeitsverhältnisses ist für mich echt anstrengend. Meine kultureller Hintergrund ist individualistisch, ich muss vor allem vor meinen eigenen Masstäben bestehen, was sie über mich reden, ist mir nicht wichtig, aber die Leute hier definieren sich über die Bestätigung aus dem (familiären) Kollektiv. Ich weiß, ich sollte mehr loben.
Das Wegbeißen neuer Mitarbeiter sehe ich eher primitiv-territorial, als matriarchalisch, das liegt vielleicht daran, dass mir überall auf den Straßen streunende Hunderudel begegnen.

"regelmässiges Feedback und konstruktive Konfliktlösung und positive Arbeitsatmosphäre" sage ich natürlich anders, einfach, ich glaube gar nicht, dass es in dieser Sprache schon Entsprechungen für unseren neumodischen Pseudopsychojargon gibt. Klare Kommunikation, oh ja. Ich kann sehr scharf werden, aber nicht zu oft, ist auch nicht nötig, wegen dem Geflenne gleich wieder.
Von der Befehlskultur wollen und sind wir eigentlich schon weg. Es hat uns nicht weitergebracht. Es gab zu Beginn eine totale Obrigkeitshörigkeit, die einherging mit Abwesenheit eigener Denkleistung und Initiative. Man braucht aber in einer Akutklinik Leute, die selbständig entscheiden, handeln und verantworten können. Wir sind schon sehr weit gekommen, das wird mir klar, wenn ich in Bewerbungen aus anderen Krankenhäusern etwa lese: "Besondere Qualifikationen: ich habe stets alle Arbeiten ausgeführt, die mir aufgetragen wurden".

Es ist übrigens nur der OP, der geschlossene Raum, der noch Probleme macht und hat. Alle anderen Abteilungsleitungen nehmen neue Mitarbeiter inzwischen liebevoll unter weit geöffnete Flügel und tun alles, damit sich das neue Küken wohlfühlt, wächst und gedeiht. Auch dieses Bemuttern ist archetypisches weibliches Verhalten und nicht immer professionell, Mutterliebe macht blind und hat schon so manche verdient negative Beurteilung zum Ende der Probezeit abgewendet.

Auf gar keinen Fall werde ich den Mentruationszirkus positiv verstärken. Meine Taktik: Ich schicke sie fürsorglich, aber bestimmt nach Hause. So schlimm? Das ist nicht normal, sage ich besorgt. Du kannst doch nicht jeden Monat halbtot zusammenbrechen! Lass dich nach Hause bringen und zum Arzt, so will ich dich hier nicht mehr sehen. Nimm Krankentage." Krankentage sind bei uns begrenzt, wenn überschritten, muss Urlaub genutzt werden. So.
kittykoma - 14. Nov, 11:42

hm, ich hab mir schon gedacht, daß mein schwadronieren über etwas, was ich nicht selbst erlebt habe, bödsinn ist. familiarisierung des arbeitsverhältnisses. das trifft es. da fällt mir sofort ein, warum es in mc-donalds-filialen im osten anders zugeht in denen im westen.
das, was sie da leisten, ist enorm. wahrscheinlich ist es noch schwieriger als in afrika, weil es zunächset europäisch wirkt, aber überhaupt nicht ist.
nachtschwester - 16. Nov, 12:46

Kein Blödsinn, ich spinne die Erklärungen für meine Erlebnisse hier auch nur zusammen.
MIt dem letzten Satz hast du recht. An der Oberfläche sind wir gleich. Deshalb war mir lange nicht klar, warum viele Dinge in unserer Klinik einfach nicht funktioniert haben. Wir haben alle schon viel gelernt.
Polaris (Gast) - 16. Nov, 12:28

Und was geschieht, wenn das Rehlein in die Menopause kommt?
Wird sie dann vollautomatisch Matriarchin, oder geht sie ins Wasser?

Sie haben mein aufrichtiges Mitgefühl!

nachtschwester - 16. Nov, 12:52

Nach der Menopause bietet sich Ischias an, oder Rückenleiden, oder Wetterfühligkeit. Man kann auch die prämenstruelle Migräne mit in die Menopause nehmen.

Aber in diesen Gesellschaften gewinnen Frauen durch zunehmendes Alter, Mutterschaft und Großmutterschaft an Ansehen. Soweit ich das in unserem Mikrokosmos hier beobachten kann, hört das Gezicke dann auf.
Polaris (Gast) - 16. Nov, 22:47

Und wenn sie weder Mutter, noch Grossmutter werden, sondern einfach nur älter?
Werden sie zur Persona non grata? Oder kommt das schlichtweg nicht vor. :-)
nachtschwester - 19. Nov, 01:00

Dazu passend gestern Ärger zwischen zwei Physiotherapeutinnen. Die jüngere bat die Ältere, ihr wegen unerträglicher menstrueller Krämpfe vier Intensivpatienten abzunehmen, sie könne sich kaum noch auf den Beinen halten. Die ältere lehnte ab. Die jüngere habe zu tun, was sie als ältere und als dienstältere sage, außerdem befinde sie sich selbst im Klimakterium (mit 36) und habe es auch nicht leicht.
Die jüngere, die sich daraufhin mit letzter Kraft auf die Intensivstation geschleppt hatte, kam heute zu mir ins Büro, um sich zu beschweren, dass die ältere sie trotzdem nicht mehr grüße.
"Merkst du eigentlich, dass du jetzt weniger mit dem ganzen zwischenmenschlichen Hickhack zu tun hast? Weil ich mich damit herumschlage?" fragte ich gestern den Boss, er schenkte mir ein glückliches Lächeln.

Schampar - 20. Nov, 22:49

wie du sowas bloss aushältst. Ich bin vermögend, wenn ich etwas jünger wäre, würde ich dich sofort adoptieren und dich aus dieser Hölle rausholen. Shit, ich hab bloss schlecht geträumt.;-))
Schampar, der dein Durchhaltevermögen immer wieder bewundert grüsst dich.
nachtschwester - 20. Nov, 23:22

:-D

Ich bin doch aber freiwillig hier! Aus hundert guten rationalen Gründen, aber ich liebe wirklich diesen Job, diese Klinik, einen guten Teil der Leute, habe ein symbiotisches Verhältnis zum Boss und jeweils zwischen den Tagen auch zu den Rehlein. Wer kann das schon von sich behaupten. Und bald fällt Schnee, dann ist auch die Stadt zu ertragen.

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