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Die Mission

Der Vater einer geschätzten Mitarbeiterin verstarb letzte Woche im Krankenhaus einer Stadt im Süden des Landes, dreieinhalb Stunden von hier durchs Gebirge. Sie erhielt einen Anruf, er liege im Koma, man wisse nichts Genaues. Sie nahm frei und fuhr hin. "Was sagt das CT?" fragte ich sie am Telefon. "CT gibt es nur in der Hauptstadt, wie soll ich ihn dahin bringen?" Dumm von mir. Sie haben den Kopf geröntgt und ihm einen schmutzigen Wendel in die Nase geschoben, das nannten sie Beatmungsschlauch, und ansonsten die Schultern gezuckt. Wo Ärzte die Schultern zucken, tun Pflegekräfte erst recht keinen Handschlag, sein Zimmer wurde nur morgens zur Visite von medizinischem Personal betreten. Und G., die von Beginn an in unserer Klinik geschult wurde, alles wünschenswerte Gerät und Material zur Verfügung hat, nach deutschen Standards plant und pflegt, brach völlig zusammen. Wir haben zwar ein Multislice-Spiral-CT, aber das Krankentransportsystem ist auf niedrigstem Niveau. Selbst wenn wir einen Rettungswagen organisieren und mit unserem Equipment bestücken und den Mann mit unserem eigenen Personal lebend herholen und durchs CT schieben würden, gäbe es hinterher doch keine Neurologie oder -chirurgie, die eine angemessene Behandlung übernehmen könnte.

Der Vater einer anderen Mitarbeiterin beschloss nach der Diagnose seines kleinzelligen Lungenkarzinoms, lieber schnell zu Hause zu sterben, als sich diesen Verhältnissen auszusetzen, es dauerte drei Monate, er war 54.

Als ich vor ein paar Jahren incognito die Intensivstationen der hiesigen Uniklinik besichtigte, erschreckte mich weniger das veraltete Gerät als der Dreck und die Gleichgültigkeit des Personals. Es gab Monitore neuerer Bauart und ein paar 2er Eviten, aber alle Patienten wurden IPPV-beatmet, ohne Sedierung, die Geräte alarmierten permanent: Das Personal hatte ein Sofa in die Großraum-Station gestellt, saß drauf und trank Kaffee. Patienten lagen unrasiert in schmutzigen Betten zwischen alarmierenden Geräten und Stammtischakustik vom Sofa her. Ein Teil des Teams war damit beschäftigt, eine Halsvene eines Patienten zu punktieren, der das nicht wollte. Der Arzt stand am Kopfende mit der Braunüle, zwei andere hielten Kopf und Arme des brüllenden und sich heftig wehrenden Patienten fest, ein dritter saß auf dem Patienten, eine Gruppenvergewaltigung sozusagen. Beim Verlassen dieser Intensivstation, auf welcher Besuch grundsätzlich verboten war, bemerkte ich ein Bett im Flur, die Matratze war mit Blut und Fäkalien beschmiert. "Ach das," sagte die Bekannte, die mich eingeschleust hatte, "das steht immer da."

Fehlende individuelle Verantwortung und Eigeninitiative ist ein großes Problem in allen Bereichen. Was erwartest du nach 600 Jahren Türkenherrschaft und 50 Jahren Kommunismus, sagt meine Freundin V., das dauert noch mindestens eine Generation.
rosmarin - 13. Sep, 00:43

ich glaube nicht, dass das noch eine generation dauert. es ist ein zutiefst menschliches thema, an welchem ort der welt auch immer. drum rotten wir zuerst die schreiadler aus und dann uns selbst. oder umgekehrt. ad libidum.

nachtschwester - 13. Sep, 01:52

Ich kann das nicht akzeptieren. Schreiadler und Regenwald und sibirische Tiger und der Baikalsee haben doch einen anderen Abstraktionsgrad (was ihre Vernichtung natürlich nicht rechtfertigt) als ein Mensch, der sich krank in die Obhut eines Behandlungsteams gibt und nur kleine Details unterscheiden ihn von Onkeln, Vätern, Brüdern der Behandelnden. Wieso will sich niemand zuständig fühlen, wo ist die Humanität in einem Land, in dem die Kirche eine so große Rolle spielt, von medizinischer Ethik will ich gar nicht reden, was ist über die Jahrhunderte mit diesen Menschen passiert? Es ist nicht Unwissen, dies ist das Informationszeitalter, die Regierung hat vor ein paar Jahren flächendeckend kostenlose WLAN-Hotspots übers Land verteilt. Theoretisch haben mehr Menschen Zugang zu google books als zu sauberem Trinkwasser. Niemand nutzt die neuen Möglichkeiten aus eigener Initiative, niemand tut überhaupt irgendwas Konstruktives aus eigener Initiative, und ich suche immer nach einer Erklärung und finde keine.
croco (Gast) - 13. Sep, 18:24

Wie lange hat es gedauert, bis die Deutschen nach dem 2. Weltkrieg gelernt hatten, nicht mehr obrigkeitshörig zu sein?
Wie bei vielem lohnt es sich sicher, bei den Kindern anzufangen, in der Schule Initiative zu fördern. Bei den Erwachsenen wird es sicher kaum möglich sein, geht auch so, denken sie. Sie kennen es nicht anders...

schampar (Gast) - 13. Sep, 23:28

habe schon einige Ihrer Berichte gelesen, immer haben diese mich aufgewühlt. Mit den letzten drei mache ich es mir einfach. Ich weigere mich Ihnen zu glauben, dann geht's mir gleich besser.
nachtschwester - 14. Sep, 01:39

:-)

und ich muss manche Dinge aufschreiben, um sie selbst zu glauben.
kittykoma - 13. Sep, 23:34

zu der zeit, in der ich noch ärztin werden wollte, las ich in einem buch über krankenpflege, daß man vor nicht allzu langer zeit davon abgekommen sei, sterbende in krankenhäusern in metallwannen zu legen, damit sie in ihren letzten stunden nichts verschmutzten.
die achtung des individuums mit seiner würde und seinem willen zu leben ist, glaube ich, auch in deutschland eine relativ neue errungenschaft.

nachtschwester - 14. Sep, 01:33

@croco und kitty: Ich weiß, dass Entwicklungen durchlaufen werden müssen, die anderswo längst stattgefunden haben. Ich habe ständig mit Fragen zu tun, die im Westen keine mehr sind. Müssen Homosexuelle psychiatrisch zwangstherapiert werden (Thema einer Talkshow im staatlichen Fernsehen vor einer Weile)? Sollen wir HIV-positive Patienten operieren? Kinderarbeit? verdienen die Roma Sozialhilfe, wo sie doch nichts taugen?
Aber anders als in den 60ern und 70ern im Westen müssen die Antworten hier nicht erst erdacht und erprobt werden, sie sind fertig und nur ein paar Mausklicks weit weg. Man könnte leicht und schnell aus Erfahrungen und Fehlern anderer Gesellschaften lernen, dieses passive Verharren in unhaltbaren Zuständen macht mich irre.

Opa (Gast) - 14. Sep, 07:52

So funktioniert es leider nur selten. Wer lernt schon aus Fehlern anderer?

Nicht selbst resignieren, niemals aufgeben - das ist alles, was du tun kannst.
kittykoma - 15. Sep, 11:25

vor langen zeiten sagte mal jemand zu mir: heirate bloß nicht, meine ehe ist nicht gut gegangen.
das ist der spannende kern der entwicklungshilfe (ich denke generell auch der pädagogik): die menschen brauchen die möglichkeit, im kopf und in der seele den fortschritt nachvollziehen zu können.
siehe die veränderungen in ostdeutschland. da verstehen ganze generationen nicht, wo sie sich jetzt befinden.
nachtschwester - 15. Sep, 13:35

Ich hoere oft, das ist die Transitionsphase, die naechste Generation wird sich darin zurechtfinden, diese Generation kommt unter die Raeder, so ist das eben. Schulterzuckende Opfertiere. MIr sind die historischen Zusammenhaenge klar und wie langwierig Transformationen ganzer Gesellschaften sind. Ab und an reisst mir aber doch einfach der Film.
Talakallea Thymon - 10. Dez, 11:27

Sich um Kranke, Verletzte oder anders hilflose Menschen zu kümmern, scheint mir ein spontaner Reflex zu sein. Das hat nichts mit Entwicklung, Forschritt oder Aufklärung zu tun. Im Gegenteil: Wieviel Verkorksung ist vonnöten, diesen spontanen Reflex zu unterdrücken?

Ich vermute ein Gruppenphänomen: Die anderen tun nix, also tue ich auch nix. Haben wir schon immer so gemacht. Da könnte ja jeder kommen. Und der Gedanke, daß man dereinst auch da liegen könnte, wo jetzt der andere in seinem Dreck dahinfault, dieser Gedanke wird schnell weggeschoben.

Es ist vielleicht so ähnlich wie in den Großstädten des Westens. Da kann einer frisch vom Laster überfahren werden, alle glotzen, keiner eilt zur Hilfe: Unterdrückung des spontanen Reflexes. In einer Bergwildnis funktioniert das nämlich wieder. Nur daß es da keine Laster gibt, versteht sich.

Diese 600 Jahre Türkenherrschaft sind eine auf dem gesamten Balkan äußerst beliebte, herrlich bequeme Entschuldigung für eigene Versäumnisse. Ich hab mal eine Weile in Griechenland gelebt. T+ürken hier, Türken da, die Türken sind schuld, nein, das könnt ihr euch in Europa überhaupt nicht vorstellen, was wir durchmachen mußten. Ich konnte es zuletzt nicht mehr hören. "Glaubst du, daß Athen eine schmutzige Stadt ist?" hat mal ein Freund jemanden gefragt, der gerade sein Bonbonpapier neben den Papierkorb auf die Straße fallen gelassen hatte. Die Antwort war: "Ja, warum?"

An solchem Verhalten sind natürlich auch die Türken schuld, klar.

Tagesdosis

Es ist, wie es war
Das Telefon auf meinem Schreibtisch, das niemand je...
nachtschwester - 17. Dez, 02:27
Zwei mit einem im Tee
Es entspricht nicht meiner Gewohnheit, mich allein...
nachtschwester - 16. Dez, 23:27
Ich kann nur mutmaßen,...
Ich kann nur mutmaßen, dass das Reiswasser kaliumreich...
nachtschwester - 16. Dez, 23:00
Sich um Kranke, Verletzte...
Sich um Kranke, Verletzte oder anders hilflose Menschen...
Talakallea Thymon - 10. Dez, 11:27
Und was hat es mit dem...
Und was hat es mit dem rätselhaften "Reiswasser"...
Talakallea Thymon - 9. Dez, 10:16
Es ist schön, dass...
Es ist schön, dass es Ihnen besser geht Frau Nachtschwester. Jetzt...
nina (Gast) - 7. Dez, 11:09
es sind immer die schönen...
es sind immer die schönen dinge, die uns passieren...
Breathless - 7. Dez, 07:32
Genau für solche...
Genau für solche Situationen wird Kaliumpermanganat...
nachtschwester - 6. Dez, 15:21

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