In ehrenwerter Gesellschaft
Das lebende Klischee der osteuropäischen Prostituierten wartete vor meinem Büro, morgens halb acht. Die Leitung unserer Angiographie K. hatte sie vor Jahren selbst am einzigen staatlichen Katheterlabor eingearbeitet und erfahren, dass sie dort kürzlich entlassen worden war, die Gründe angeblich nicht bekannt. Wäre sie, im Folgenden Lola genannt, nicht eine von höchstens zehn Koronarographie-Schwestern im Land, hätten wir nicht verzweifelt und kurzfristig Ersatz für einen Ausfall gebraucht, K. war schon überstrahlt, hätte es eine Alternative gegeben, ich hätte sie trotz zweifelsfreier Qualifikation ohne Gespräch weggeschickt. Die Absätze so hoch wie der Rock lang, falsche Nägel auf den echten, synthetisches Füllmaterial in den Lippen, die Mimik botoxgelähmt und obendrauf 6mm Pancake, die Lider auf Halbmast und die Stimme kam von ganz hinten aus dem Schlafzimmer. Dagegen drei Fremdsprachen und ein Wirtschaftsstudium kurz vor dem Abschluss, und ich dachte noch, wie passt das zum Outfit, wie bezahlt sie das vom "Flyer verteilen im Supermarkt" und was hat sie bloß so früh morgens schon für Stoff eingeworfen?
Nachdem Lola einige Monate tadellos funktioniert und anfängliche Bedenken beinahe schon zerstreut hatte, suchte ich letzte Woche zufällig meinen verwahrlosten Facebook-Account auf und gab den Namen unserer Klinik ins Suchfeld ein, ohne Böses zu denken. Prompt sprang mir Lola ins Gesicht - unter echtem Namen, tief dekolletiert in halb liegender Pose auf einer Recamiere, in einer Hand einen Champagnerkelch, die andere an der Hüfte, das Kleid einen Zentimeter über Schritthöhe raffend, Vergrößerung ergab nichts drunter. Das Profil nicht einsehbar, aber ihre 130 Kontakte, davon 125 Männer aus der ganzen Welt, Schwerpunkt U.A.E, Qatar und Kuwait legen einen kommerziellen Hintergrund auf die Hand.
Für mich ist Lolas Dummheit, Klarnamen und Arbeitgeber ins Profil zu schreiben, skandalöser als das Foto, aber hier haben die Dinge eine andere Dimension. K., Lolas unmittelbare Vorgesetzte, kriegte vor Entsetzen den ganzen Tag kein Wort mehr raus. Wir befinden uns in einem Umfeld paranoider sozialer Kontrolle, in dem jedes Verhalten von Angst vor Gerede gesteuert wird. Mädchen, auch solche mit Karriere und Geld, wohnen bis zur Hochzeit bei den Eltern. Sie müssen den Ersten heiraten, der sie schwängert, weil sie nicht verhüten, weil sie unverheiratet nicht in der Nähe von Frauenarztpraxen gesehen werden wollen, weil das Schlüsse auf uneheliche Schwangerschaft oder unmoralischen Lebenswandel zuließe.
Weil die Klinik große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, müssen neue Mitarbeiter bei uns einen Verhaltenskodex unterschreiben, der sie unter anderem verpflichtet, sich auch im Privatleben nicht in einer Weise zu verhalten, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in unsere Organisation stören könnte. Der Boss nimmt seinen Kodex sehr ernst.
Was muss mich hier mit Sachen rumschlagen, was ist das Mädchen naiv, und für wie blöd hält sie mich. Nachdem ich ihr den Screenshot gezeigt und sie aufgefordert hatte, unsere Klinik aus ihrem Profil zu löschen, es sieht ja aus, als seien wir ein Escort-Service, änderte sie das Galeriebild in ein unverfängliches - aber sucht Facebook unsere Klinik, findet es immer noch Lola. Und yasni und spock etc. finden unter Lolas Namen immer noch das alte Bild auf einer Facebook-URL, die weiterhin funktioniert.
Der Boss ist not amused, Abmahnung folgt und was tu ich hier eigentlich, gerade ich.
Nachdem Lola einige Monate tadellos funktioniert und anfängliche Bedenken beinahe schon zerstreut hatte, suchte ich letzte Woche zufällig meinen verwahrlosten Facebook-Account auf und gab den Namen unserer Klinik ins Suchfeld ein, ohne Böses zu denken. Prompt sprang mir Lola ins Gesicht - unter echtem Namen, tief dekolletiert in halb liegender Pose auf einer Recamiere, in einer Hand einen Champagnerkelch, die andere an der Hüfte, das Kleid einen Zentimeter über Schritthöhe raffend, Vergrößerung ergab nichts drunter. Das Profil nicht einsehbar, aber ihre 130 Kontakte, davon 125 Männer aus der ganzen Welt, Schwerpunkt U.A.E, Qatar und Kuwait legen einen kommerziellen Hintergrund auf die Hand.
Für mich ist Lolas Dummheit, Klarnamen und Arbeitgeber ins Profil zu schreiben, skandalöser als das Foto, aber hier haben die Dinge eine andere Dimension. K., Lolas unmittelbare Vorgesetzte, kriegte vor Entsetzen den ganzen Tag kein Wort mehr raus. Wir befinden uns in einem Umfeld paranoider sozialer Kontrolle, in dem jedes Verhalten von Angst vor Gerede gesteuert wird. Mädchen, auch solche mit Karriere und Geld, wohnen bis zur Hochzeit bei den Eltern. Sie müssen den Ersten heiraten, der sie schwängert, weil sie nicht verhüten, weil sie unverheiratet nicht in der Nähe von Frauenarztpraxen gesehen werden wollen, weil das Schlüsse auf uneheliche Schwangerschaft oder unmoralischen Lebenswandel zuließe.
Weil die Klinik große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, müssen neue Mitarbeiter bei uns einen Verhaltenskodex unterschreiben, der sie unter anderem verpflichtet, sich auch im Privatleben nicht in einer Weise zu verhalten, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in unsere Organisation stören könnte. Der Boss nimmt seinen Kodex sehr ernst.
Was muss mich hier mit Sachen rumschlagen, was ist das Mädchen naiv, und für wie blöd hält sie mich. Nachdem ich ihr den Screenshot gezeigt und sie aufgefordert hatte, unsere Klinik aus ihrem Profil zu löschen, es sieht ja aus, als seien wir ein Escort-Service, änderte sie das Galeriebild in ein unverfängliches - aber sucht Facebook unsere Klinik, findet es immer noch Lola. Und yasni und spock etc. finden unter Lolas Namen immer noch das alte Bild auf einer Facebook-URL, die weiterhin funktioniert.
Der Boss ist not amused, Abmahnung folgt und was tu ich hier eigentlich, gerade ich.


Totale Gegenwart...