Die Kluft

Ein Angehöriger eines kleinen nationalen KFOR-Kontingents fiel beim Joggen tot um, wurde primär erfolgreich reanimiert, in Prizren vom Sanitaetsdienst der Bundeswehr grundversorgt und über die Grenze zu uns geflogen. Ein halbes Dutzend einheimischer Mitarbeiter berichteten mir heute morgen ungläubig und mit strahlenden Augen, wie der Patient am Wochenende angeliefert wurde: Mit Tubus! Mit Oxylog, und in der Flasche war GENUG SAUERSTOFF! Mit Arterie! Mit ZVK! mit kompletter Dokumentation! samt CT-Befunden von Schädel und Thorax! Mit Labor! Sowas hat man hier noch nie gesehen!
Pfff, na und, normal, was dachtet ihr denn, kriegt euch wieder ein, dachte ich.
HiG - 22. Apr, 05:05

Ich erinnere mich...

Ich fing 1994 an, im Intensivbereich zu arbeiten. Da kamen nur die großen Sachen mit Arterie. Wir hatten gerade ein BGA-Gerät für die Station bekommen, andere Intensivstationen im Hause mußten noch ins Labor, um einen Astrup zu machen, wie die Alten sagten. Die neue Monitoranlage, die wir damals bekamen, und die jetzt, 2008, ausgetauscht wurde, hatte schon Sättigung integriert. Davor gab es 2 tragbare für die ganze Station. Die heutige kann auf jeder Box PiCCO, na und? Ich mache meine zentralvenöse BGA und mit der SVO2 weiß ich, lange bevor der Arzt die Arterie für den PiCCO eingebaut hat, was Ambach ist. Aber: wenn das Einsatzlazarett in Prizren so aussieht, kann man da Hoffnung haben, dass das Militär nicht nur zerstört, sondern auch aufbaut? Oder ist das nur eine Enklave?

nachtschwester - 22. Apr, 14:53

KFOR - wieso Zerstoerung? Mandat ist Friedenssicherung und Entmilitarisierung nach der Zerstoerung, schon immer. Das Lazarett ist ein Lazarett, vom Militaer fuers Militaer. Allerdings hat die Bundeswehr gelegentlich auch schon einheimische Zivilisten zu uns geflogen, nachdem sie sie dort erstversorgt hatte.

Unsere Klinik ist technisch absolut up to date, das Erstaunen galt eher der Tatsache, dass hier nach Algorithmen und Standards gehandelt wurde und der Patient ohne weitere Diagnostik sofort behandlungsfaehig war. (Wir bekommen sonst rupturierte Aortenaneurysmen oder AMIs spontan atmend mit rosa Braunuele, wenn ueberhaupt, und statt Verlegungsbericht Gekritzel auf Papierhandtuechern. Von der oertlichen Uniklinik.)
Tisha (anonym) - 22. Apr, 11:40

Ich erinnere mich auch...

... an die Geburtsstation in Prizren. Durfte dort im Sommer 2000 ein frischgeborenes eingewickeltes Mädchen durch die "Durchreiche" entgegen nehmen, nachdem wir Stunden im heissen, vollen Treppenhaus gewartet haben.

Ich hoffe, dass es auch den Patientinnen und deren BesucherInnen inzwischen etwas leichter gemacht wird, Nachrichten und Esswaren auszutauschen.

Danke für deinen fachfrauschen Bericht. Verstehe zwar nur die Hälfte, bin aber glücklich darüber, dass es auch in Prizren nun ein den westlichen Standarts entsprechendes Spital gibt.

nachtschwester - 22. Apr, 14:55

...ich war nie dort, und wie gesagt, es ist ein Lazarett, kein Spital. Inwieweit die Zivilbevoelkerung davon profitiert, weiss ich nicht.
creezy - 22. Apr, 21:33

Nun ich staune hier auch, natürlich aus der anderen Richtung gesehen. Primär erfolgreich reanimiert heißt aber dann doch, das war's sekundär?

HiG - 23. Apr, 20:17

Primär erfolgreich heisst: Überleben bis zur stationären Aufnahme

In Hinblick auf das Patientenüberleben lassen sich drei Kategorien unterscheiden:

-Überleben bis zur stationären Aufnahme (= primär erfolgreiche Reanimation)
-Überleben bis 72 h Stunden nach stationärer Aufnahme
-Überleben bis zur Entlassung aus der Klinik.

Über den Daumen kann man sagen, dass jeder 5. primär erfolgreich reanimiert wird. Jeder 10. wird lebend aus der Klinik entlassen. Von diesen wiederum sind 8 wiederhergestellt, 2 enden als Apalliker.

Das allgemein schlechte Outcome und der große Anteil an hypoxischen Hirnschäden hat dazu geführt, das seit 2006 das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung eines Minimalkreislaufes gelegt wird: drücke hart und schnell.

Deshalb, Frau creezy: Update der Reanimationskenntnisse. Mein Vater z. B. wurde aufgrund einer Hypokaliämie reanimationspflichtig, noch bei Bewusstsein bei Eintreffen des Reanimationsteams, wurde primär erfolgreich reanimiert und verstarb als Apalliker 6 Wochen nach Akutereignis in der Frührehabilitation.

Reanimation klingt gut. Als Praktiker sage ich: verdammt viel Aufwand für wenig Outcome.
nachtschwester - 24. Apr, 11:42

Nicht ganz einverstanden:
Primaerer Reanimationserfolg = Return of Spontaneous Circulation
Sekundaerer Reanimationserfolg = Patient ueberlebt die Reanimation ohne einschneidende neurologische Defekte, was sich erst einige Zeit (Tage) nach der Reanimation einschaetzen laesst.

Hinzuzufuegen waere noch, dass der Reanimationserfolg direkt mit der Arrest Time zusammenhaengt, das ist der Zeitraum zwischen Kreislaufstillstand und Beginn von Reanimationsmassnahmen. Mit jeder Minute ohne Basismassnahmen verliert der Patient 10% der Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Reanimation. Das heisst, nach zehn Minuten, in denen alle nur rumstanden und auf den Notarzt warteten, hat er keine reelle Chance mehr, noch nicht mal primaer.
WilderKaiser - 24. Apr, 11:47

Der gute, alte Oxylog mal wieder...

HiG - 24. Apr, 15:06

Im Hinblick auf das Überleben...

Frau Nachtschwester, ich denke, beides ist richtig (http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/reinicke-albrecht-2004-10-11/HTML/front.html).
Aber haben Sie schon einmal innerklinisch reanimiert, am intubierten Patienten, unter Messung des endexpiratorischen CO2 zur Beurteilung des Minimalkreislaufes? Sie glauben gar nicht, wie hart und wie schnell sie drücken müssen. Und man drückt nur 2-4 Minuten optimal, dann fällt das CO2 wieder. Dann muss man eigentlich abgelöst werden, weil man erschöpft ist. Das ganze ist oft genug nur Apollo 13 und nichts, auf das man stolz sein kann, im Hinblick auf das Überleben.

creezy (anonym) - 24. Apr, 20:06

Na, das klingt ja alles wenig erheiternd. Also lieber die versuchen die Infarkte zu vermeiden, bleibt dabei.
404 - 5. Mai, 22:09

Ok

Aber warum ist er beim Joggen umgekippt? N Steckschuß irgendwo?

nachtschwester - 6. Mai, 08:12

Nein, Infarkt. Sport ist Mord.

(Wenn man als Raucher an einem heissen Tag schon dehydriert vor dem Fruhstueck und so weiter mit den Risikofaktoren)
sokrates2005 - 15. Mai, 09:59

Einfach tot umfallen ...

ist wohl nicht.
Tut das auch weh, wenn man wieder zurückgeholt wird?

Markus (anonym) - 28. Mai, 19:33

Hallo ?

Ich hoffe, Du bist nicht auch beim Joggen umgekippt. Oder so. Jedenfalls ist es hier schon seit über einem Monat still und das beunruhigt mich ja schon ein wenig.

walhalladada - 28. Mai, 19:41

Genaugenommen tut sich eine Kluft von sechsunddreißig Tagen auf, Frau Nachtschwester...
(Ich schließe mich der 'Vermisstenanzeige' unbedingt an!)

nachtschwester - 28. Mai, 19:45

Oh, ist das schon so lange her?
Alles o.k., war bloß Schuhe kaufen.
Danke der Nachfrage! Bald mehr.
HiG (anonym) - 3. Jun, 22:12

Bilder von diesen Schuhen, bitte.

rafael (anonym) - 16. Jun, 10:56

kasachstan braucht News!!!

Hallo Nachtschwester, Kasachstan ist auch auf News aus dienem Blog angewiesen. Sonst feht hier der Bezug zu westlichen Welt ganz (mit Ausnahme der andauernden Taximusik von Modern Talking) und den jetzt überall neueröffneten StrassenKaffes mit EM-Programm!!!

Rafael aus Almaty


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pathologe - 18. Jun, 09:15
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Oh, danke, man wunderte sich schon. ;) Enjoy the real...
Etosha - 18. Jun, 09:09
Ebenfalls beruhigte und...
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Petra (anonym) - 17. Jun, 13:24
Beruhigte Grüße
Beruhigte Grüße
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rosmarin - 17. Jun, 01:00

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