Vorgezeichnet

Die Intensivschwesterchen hier, grazil und zerbrechlich wie Kätzchen, mit ihren dunklen Pferdeschwänzen und großen Augen, intelligent und wohlerzogen und bescheiden und freundlich und fleißig, und bevor sie mich anprechen, wenn sie mich ansprechen, immer eine Entschuldigung dafür, dass sie mich ansprechen, stellen nie ärztliche Anordnungen in Frage, egal, wie absurd, nennen ihre Patienten Onkelchen und Tantchen und duzen sie, da kann ich professionelle Distanz predigen, so viel ich will und gebe es schon auf, denn sie sind so süß dabei. Sie wohnen in ihren Kinderzimmern bis zur Hochzeit, dann ziehen sie zu den Schwiegereltern ins Kinderzimmer des Mannes, und wenn sich eine verlobt, muss ich schon Ersatz planen, denn die Schwangerschaft folgt immer pünktlich. Dann sind sie 22. Und wenn eine mit 25 nicht unter der Haube ist, stürzt die Verwandschaft in tiefe Sorge. Sie haben Väter und Onkel und Männer, die sich um alles kümmern - den Reifenwechsel, den Handyvertrag, den Urlaub buchen. Sie sind so fremd.
rosmarin - 19. Apr, 01:15

jetzt mal ehrlich.... ist es nicht wunderbar und herzenshaft, die patienten onkelchen und tantchen zu nennen?
und professionelle distanz hin oder her.... irgendwie nehmen wir doch allen etwas herzblut ab und lassen eigenes dabei...

nachtschwester - 19. Apr, 01:48

...es ist erstmal unprofessionell und distanzlos, das Verhältnis zu familiarisieren, für meine Begriffe, kulturelle Prägung, Berufsverständnis, Pflegetheorien etc. Aber ihnen jeden Tag dabei zuzusehen, ist tatsächlich herzenshaft. Und Patienten, sofern sie sprechen können, stören sich nicht dran und sind selbst übergriffig. Ich muss noch viele Kompromisse finden, um die Mädels in ihrem Beruf zu professionalisieren wie im Westen, aber ganz anders als im Westen.
Etosha - 19. Apr, 10:11

Da sieht man erst, wie gut die Emanzipation funktioniert hat. Vor 50 Jahren war's hier auch nicht anders.

Tina (anonym) - 19. Apr, 11:18

Wie putzig die sind! Und wie wundervoll problemlos deren Leben wirkt. Nicht selbst denken zu müssen find ich prima, vielleicht auch nicht selbst denken zu wollen dagegen problematisch.
Das Leben klingt so traumwandlerisch sicher, die Kätzchen scheinen so unendlich pflegeleicht?
Was, wenn ein solches Schnurrmäuschen den Mann nicht findet, der sie aus dem Elternhaus übernimmt?
Eine seltsame Spezies ist das, irgendwo zwischen beneidens- und liebenswert und gruselig.

Find ich. :-)

nachtschwester - 19. Apr, 15:09

Genau so ist es.
Leider liegt Nicht-denken-müssen gleich neben Nicht-denken-dürfen. Erst mit Mutterschaft und zunehmendem Alter darf die Frau allmählich den Mund aufmachen. Die, die das schon vor der Ehe tun, finden kaum einen Mann. Deshalb sind sie bis dahin hübsch und sauber und ordentlich und machen es allen recht und werden dafür mit viel Liebe und Bestätigung von der Familie belohnt. Wer keinen Mann findet, muss bei den Eltern bleiben, denn die Mieten sind unerschwinglich für ein Gehalt. Auch für zwei Gehälter, deshalb wohnen auch Ehepaare bei Eltern oder Verwandten.
creezy - 19. Apr, 19:56

Hm, ich verstehe dieses ihnen Fremd sein. Aber zu der Ansprache – ist das nicht vielleicht ein kultureller Habitus der dortzulande womöglich gerne gesehen ist (beim Patienten)? Mich erinnert das tschechische Märchenfilme, da hieß doch auch jeder ältere Mann «Väterchen» und ward geduzt?

nachtschwester - 19. Apr, 22:18

Klar, darum geht es ja. Was in Märchenfilmen und Dostojevski-Romanen und sicher auch im täglichen Leben nett ist, knallt in einer High-Tech-medizinischen EInrichtung, die sich in jeder Hinsicht am Westen orientiert, erst mal hart auf den Professionalitätsanspruch.
HiG - 20. Apr, 10:04

Clash of cultures...

Ich arbeite z. B. auch mit Nanda-Pflegediagnosen, die man gut zu Pflegeplanungen umformulieren kann. Die Nanda-Pflegediagnose "Vermindertes intrakranielles Anpassungsvermögen" ist fast eine exemplarische Beschreibung des minimal handling-Konzeptes bei neurologisch/neurochirurgischen Patienten. Aber bei vielen Pflegediagnosen muß man den anglo-amerikanisch kulturellen Hintergrund berücksichtigen und sich fragen, wie man das auf europäische Verhältnisse übertragen kann. Das gleiche Problem werden Sie dort auch haben. Ich stelle mir ihre Arbeit als sehr schwer vor. Zum einen wird natürlich die Arbeit im Krankenhaus durch die vorherrschenden Rollenmuster bestimmt, zum anderen läuft man Gefahr, kulturimperialistisch aufzutreten. Agnes Karll auf dem Balkan.

nachtschwester - 21. Apr, 22:35

Nun stellen Sie sich vor, ich wollte dort mit NANDA anfangen. Ich lasse es und versuche eher, ENP passend zu machen. Das wird dadurch erschwert dass es keine relevante Ausbildung gibt und auch keine landessprachliche Literatur, der Sprachraum ist zu klein, ich schreibe alles selber. Die neue Hochschule lockt mit ETCS und angeblicher internationaler Anerkennung, kassiert dafür hohe Studiengebühren und die Studentinnen müssen ihren Dozenten deren grottenschlechte Bücher abkaufen, in welchen Literatur nicht nach 1985 zitiert wird. Da steht z.B. drin, man verhüte Dekubiti, indem man Patienten vor dem Schlafengehen mit Alkohol einreibt und danach pudert. Die korrekte Lage einer Magensonde kontrolliere man, indem man einen Spiegel vor das offene Ende hält. Hach, ich kann Ihnen sagen. Jedenfalls, NANDA, das unpassendste System, wird gelehrt, ICNP, ACENDIO, ENP etc. sind nicht bekannt.

So schwer ist das aber alles gar nicht, schließlich tun und glauben die Kätzchen, was man ihnen sagt. Diskutieren oder Neinsagen lernen sie frühestens in der nächsten Generation.
404 - 21. Apr, 18:33

Sie sind verloren.

nachtschwester - 21. Apr, 21:41

Sie sind behütet. Sie wären verloren, bei uns.
404 - 22. Apr, 18:41

Auch

Aber sie sind in gewisser Weise verloren, weil sie so behütet sind. Und wenn das irgendwann einmal nicht mehr funktioniert, wird ihnen klar, dass sie verloren ... waren.
HiG - 22. Apr, 04:43

Agnes Karll und Liliane Juchli

In der Krankenpflegeschule, in der ich gelernt habe (da, wo ich mit dem Werk von Hilde Steppe in Berührung gekommen bin, Sie erinnern sich), zeigte mir die Schulleiterin die ersten Ausgaben von Juchlis Krankenpflege, die mich von der 5. bis 7. Ausgabe begleitet hat. Diese ersten Ausgaben waren Typoskripte, mit der Schreibmaschine geschrieben. Aber, wie die Leiterin sagte, es gab nichts anderes. Die Alternative wäre Kohlhammers Lehrbuch der Krankenpflege gewesen. Und auch Juchli war in einem gewissen Sinne noch semiprofessionell. Ich unterrichte in der Fachweiterbildung, da schreibe ich Texte auch selbst. Aber ein wenig wie Zeitmaschine ist das schon, was Sie da machen, nicht?


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nachtschwester - 25. Jun, 15:51
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