Ursprüngliches

Während man in Westeuropa in zentral beheizten Wohnküchen kommod Hefestuten frühstückte und danach Ostereier suchte, habe ich letztes Wochende die allerarchaischsten Erfahrungen gemacht, die man als Großstädterin der ersten Welt nur machen kann.

Freitag nach der Arbeit drei Stunden entlang immer kurvigerer, schmalerer und schlechterer Straßen, die immer öfter erst von Gestein freigeräumt werden mussten, das rechts und links von ungesicherten Steilhängen herunterlawinte, durch immer schwärzere Dunkelheit nach ein paar Erbrechensstops im Haus der Großmutter meiner Freundin V. angekommen. In einem Geisterdorf an einem Hang auf 1200 Meter Höhe, umgeben von doppelt so hohen Bergen. Nur im Sommer kommen die Erben der früheren Bewohner noch als Sommerfrischler her.

Schloss, Sicherungen, Gas- und Wasserhahn konnten in surrealer Nachtschwärze mithilfe von leuchtenden Smartphonedisplays gefunden werden. Danach gelang es auch, die einzige Heizgelegenheit des Hauses, einen alten Küchenherd, mit Holz zu befeuern und Tee aus Kräutern zu kochen, die V.s Großmutter im Sommer selbst gesammelt hatte. Vanja Lazarova sang aus dem Laptop, irgendwas Hausgebranntes war auch da und erfüllte zusammen mit der speziellen Romantik der Szene wärmend meine Brust,

R0010345

bis ich gegen zwei unter drei Decken vor Kälte schlotternd aufwachte. Draußen pfiff Wind und heulten Hunde oder Wölfe oder Bären, und aus dem Fenster sah ich nur schwarz. Mit weiteren Socken, Pullis und Mütze wieder hingelegt.
Morgens in Erwartung heißen Kaffees auf dem Herd und warmen Wassers im Boiler mein Bett trotz ungünstiger Umgebungstemperatur verlassen, um zunächst durchs Fenster zu knipsen

R0010286

... und danach V. schlotternd und rauchend in der verqualmten Küche vorzufinden, strähnigen Haars und mit vielen Pullis ihres Mannes M. behangen, bar jeder Hauptstadteleganz, auf dem Boden um sie herum Asche, Streichhölzer, Zeitungspapier und Holz. "Ich krieg seit zwei Stunden Herd nicht an", wimmerte sie. "er raucht nur, von draußen bläst es in den Abzug. Strom haben wir auch keinen und M. ist früh in die Berge und hat kein Netz." Nach einem weiteren Zündversuch musste ich die Haustür öffnen, um das Kohlenmonoxid hinauszulassen. Vor dem Gartentürchen lag in eisigem Wind behaglich zusammengerollt ein Dorfköter und lächelte mich mitleidig an.

Wir kochten Zahnputzwasser und Kaffee mit Gas. M, der schließlich inadäquat euphorisch vom Berg zurückkam, schaffte es, den Herd anzufachen und ödete mich den Rest des Wochenendes mit Triumphbezeugungen an, das schwache Geschlecht, ohne den Mann verloren, obwohl es doch entwicklungsgeschichtlich schon immer für den Herd verantwortlich war. Na und, du hast auch keinen toten Hirsch auf den Schultern mit nach Hause gebracht, obwohl du entwicklungsgeschichtlich schon immer.... Geh doch nach Deutschland und heirate die Herman. Wenn du ein Visum kriegst, haha, und mit dem Herd kommt die auch nicht weiter.

R0010287

Der Sonntag zeigte sich freundlicher, schmolz den Schnee und ermöglichte ein Frühstück im Freien. Der Dorfköter, wir nannten ihn Buto, freute sich sehr über Käsebrot mit Mayo und begleitete uns überall hin. Ein schönes Tier, das dem unermüdlichen Einsatz zum Schutz hilfloser Großstädter gegen wilde Tiere und albanische Waffenschieber bereits sein rechtes Ohr geopfert hat.

R0010302

R0010292

Dass Buto lebt, allein, im Winter im Freien, mit glänzendem Fell und keineswegs mager, wo wir kaum in einem Haus zurechtkommen, das noch die vorletzte Generation für perfekt eingerichtet hielt, macht mich sehr nachdenklich.
HiG - 27. Mrz, 04:54

Ich erinnere mich...

In den 80zigern lebte ich mal eine Weile in Berlin. Unter anderem in einer Wohnung mit Kohleheizung. Wenn ich am Wochenende Sonntag Abend aus dem Westen kam, im Winter, hatte die Wohnung nur noch 2 Grad. Wenn ich dann Montag Morgen früh raus musste, macht ich oft den Ofen nicht mehr an, sondern legte mich angezogen mit zwei Decken ins Bett. Oft genug hatten wir kein Strom, weil mal wieder die Sicherung durch war. Viele heizten elektrisch und überlasteten das Netz des Hauses. Die Wohnung lag im zweiten Hinterhof, in der Fassade waren noch die Einschläge des zweiten Weltkrieges zu sehen. Wenn ich die Strasse betrat, an der dieses Mietshaus lag, befand ich mich auf der Prachtstrasse des Wedding, ein paar Schritte schräg nach links glitzernd Karstadt. Fuhr ich mit der U-Bahn weiter in den Wedding hinein, in Richtung Mauer, gab es ganze Häuserzüge, die so aussahen. Ich fuhr damals auch zum Duschen ins Hallenbad, weil die Wohnung nur ein unbeheiztes Aussenklo hatte, wenigstens nicht auf halber Treppe, sondern auf gleicher Höhe.
Meine Oma hatte in ihrer Küche, bis der jüngste Sohn das Haus übernahm und umbaute, einen Herd so wie auf Ihrem Foto, auf dem sie kochte. Dort lernte ich Angaben aus Rezepten wie "bei mittlerer Hitze" zu verstehen.
Vielen Dank für Ihren Erlebnisbericht. Wir sollten immer daran denken: alles um uns herum ist nicht selbstverständlich.

nachtschwester - 28. Mrz, 21:49

Die Parallelen zum Wedding sind offensichtlich, bis auf Karstadt, U-Bahn, Hallenbad und Straße.
In diesem Dorf gibt es nicht mal einen Kramladen, auch früher nicht, kein LKW kommt hierher, kein Autobus.
Sie haben so recht mit Ihrem letzten Satz.
Kommentator (anonym) - 28. Mrz, 01:14

M soll der Arroganten-Teufel holen

Öfen muss man tatsächlich ordentlich anfeuern (mit "Schmackes"), sonst zieht der Kamin nicht, und dann qualmt's. Für das ordentliche Anfeuern sorgt der Gentleman aber vor dem Verpissen, dann wird es warm, und der Abzug zieht durch, bevor andere aufstehen.

Was für ein blöder Bauer. Sorry, aber dafür habe ich keine anderen Worte. Gerade als Mann nicht.

nachtschwester - 28. Mrz, 21:51

:-)
rosmarin - 28. Mrz, 02:19

beeindruckend....
wie immer, wenn ich hier lese.
der hund - ein traum
die landschaft - ebenso - .... besonders aus der warmen stube vorm lap betrachtet
der text - kurz vor dem ergriffensein ergreift mich ein kehliges lachen über den kerl, der eva braun heiraten soll
:-)

nachtschwester - 28. Mrz, 22:14

Ich bin selber ergriffen, hätte ich mir auch alles nie träumen lassen.

Die Landschaft ist rauh und wild und ein unwahrscheinlicher Ort für eine Siedlung, die Gründer haben augenscheinlich ein Versteck vor den Türken gesucht. Die albanische Grenze verläuft in der Nähe und die Gegend gilt tatsächlich als unsicher. Das ist der Grund, warum V.s Familie kein Geld in Heizungs- oder Wasserinstallationen investiert.

Nicht bloß wegen der Waffen- und Drogenschieber: wenn sich die Griechen durchsetzen und der NATO-Beitritt scheitert und die Serben den Kosovo drangsalieren, halten die Albaner still, gibt es morgen Krieg, wird das Land geteilt, verliert man sein Eigentum? Gängige Überlegungen sind das. Unsereiner würde sich fragen, Gas, Solar oder Erdwärme, läge das Haus im Harz oder in den Alpen.

Buto ist ein fabelhafter Hund. Wir ließen ihn zu uns auf die Terasse, er war handzahm und rollte sich zu unseren Füßen zusammen als gehörte er da hin.
rosmarin - 28. Mrz, 23:28

ja.... der blick aufs leben muss sich verschieben, wenn man diese landschaften aufsucht, die menschen kennenlernt und ein völlig anderes leben...
und vermutlich verschiebt sich der blick in eine gute, geerdete richtung.
Markus (anonym) - 29. Mrz, 13:11

Die Weddingerfahrung kann ich bestätigen; wohnte auch mal dort. Triftstraße, das Dach nicht ganz dicht & Kohleofen. Aber sehr billig. Wenn ich von einer Tour wiederkam brauchte es zwei Tage, bis es halbwegs warm war in der Bude. Waschen in der Küche, Duschen im Hallenbad, einem Theater (wofür arbeitet man in der Branche) oder in einer Sauna. Man lernt, die Genüsse des Lebens ganz neu zu bewerten.

Ich glaube, das mit dem Anfeuern ist reine Routine; wenn Du das drei Mal gemacht hast, kannst Du das auch ganz locker und bist nicht auf den Kollegen angewiesen, der erfolgreiches Ofenanmachen zur Selbstbestätigung braucht.

Ich mag solche abgeschiedenen Orte ja sehr und es erinnert mich an Zeltaktionen mit den Pfadfindern im Winter als Jugendlicher. Schön mit einem Meter Schnee auf dem Zelt. Warm bleiben ist da echt das Wichtigste.

Der Hund wird schon wissen, wo es Kaninchen und ähnliche Leckereien gibt; dafür lebt er dort lange genug.

Petra (anonym) - 31. Mrz, 13:30

Auf diesen Winter-Fotos hier sieht die Gegend etwas unwirtlich aus. Aber irgendwie auch wieder schön. Ich glaube, dass es im Sommer dort wirklich schön ist. :-)

nachtschwester - 31. Mrz, 22:48

Ich fand es auch jetzt schön. So archaisch. Hier sind noch ein paar Bilder.
Markus (anonym) - 10. Apr, 10:21

Die Bilder sehen wirklich sehr schön aus. Tolle Landschaft und sehr schöne, leicht runtergekommene Häuser.
creezy (anonym) - 31. Mrz, 21:31

Nun, ich bin hier in Berlin auch noch groß geworden in einer Wohnung mit Außentoilette ohne Bad (wir wuschen uns eben in der Küche unter dem Heizstrahler) mit Ofen selbstverständlich. Oma und Opa wohnten nebenan und bauten später einen Gasofen im Wohnzimmer ein bzw. hatten sie ein richtiges Bad mit Holzofen, da wurde dann alle paar Wochen gebadet. Die halbe Familie natürlich nacheinander im gleichen Wasser, schließlich dauerte es lange es warm zu bekommen. Das geht alles. So eng zusammengerückt sind wir als Familie später nie wieder.

Ich mache mir im Urlaub in Südfrankreich schon den Kopf nachts alleine in einem Haus schlafen zu müssen, weil die Geräusche so «komische» sind (Greifvogel fängt Maus, Maus will nicht gefangen werden.) Und wenn ich dann immer zurück kam aus dem Ort wo man direkt am Ursprung einer Quelle baden musste, was heißt, das Wasser ist sehr sehr sehr kalt – prompt kann man wieder kalt duschen ohne sich auch nur den Kopf zu machen.

Wir sind ganz schön verweichlicht und haben uns viel Überlegungskompetenz aberziehen lassen. Von Butos können wir lernen.

creezy (anonym) - 31. Mrz, 21:32

Überlebenskompetenz sollte das werden …
nachtschwester - 1. Apr, 15:18

Ich bin auch mit einer Reihe guter Vorsätze zurückgekommen. Körperliche Fitness ernster nehmen, öfter mal kalt duschen (tut gut und verbrennt nebenbei Kalorien), oder auch mal ein Huhn oder einen Fisch selber ausnehmen, Feuer machen lernen, schließlich geht die Welt, wie wir sie kennen, bald unter, wie jeder weiß. ;-)
Allegra - 1. Apr, 08:27

...hei was fuer ein schoener text und aufregende fotos...

Etosha - 1. Apr, 09:54

Immer wieder wunderbar, wie und woran du uns teilhaben lässt. :)

nachtschwester - 1. Apr, 15:14

Immer gern. Außer euch interessiert´s eh keinen ;-)
Etosha - 2. Apr, 16:42

Was los? Hast den Blues in B? ;D
Vergiss nicht - B liegt einen halben Ton höher als A!
nachtschwester - 2. Apr, 17:11

... oder 7einhalb drunter. ;-)
Gar kein Blues, ich wollte sagen, das Blog ist immer gut für Geschichten, die das reale Umfeld weniger interessieren.
Etosha - 3. Apr, 08:30

Mannnnnn, du kannst aber auch hartnäckig sein im Negativdenken! ;D
neo-bazi - 3. Apr, 16:34

Ein bißchen kenne ich das noch. Aber da war ich wirklich noch sehr jung ...

Ja, die Vanja ...


Tagesdosis

Codefreien Kaffee habe...
Codefreien Kaffee habe ich hier auch, aber keine freien...
nachtschwester - 25. Jun, 15:51
So lange ...
der Kaffee nicht koffeinfrei ist, kann man auch das...
sokrates2005 - 25. Jun, 15:35
Danke fürs Lebenszeichen....
Danke fürs Lebenszeichen. Hier gibts immer mehr...
rafael (anonym) - 18. Jun, 14:22
Fehlendes
Internet kenne ich aus Nigeria, ebenso wie langsame...
pathologe - 18. Jun, 09:15
Oh, danke, man wunderte...
Oh, danke, man wunderte sich schon. ;) Enjoy the real...
Etosha - 18. Jun, 09:09
Ebenfalls beruhigte und...
Ebenfalls beruhigte und liebe Grüße und...
Petra (anonym) - 17. Jun, 13:24
Beruhigte Grüße
Beruhigte Grüße
Opa (anonym) - 17. Jun, 07:04
ärx..... jetzt...
ärx..... jetzt bin ich schon so lang auf nachtschwesternentzug
rosmarin - 17. Jun, 01:00

Verordnungen

Allgemeinzustand

Du bist nicht angemeldet.
Counter

Status

Online seit 846 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 25. Jun, 15:53
twoday.net

Locations of visitors to this page



Suche

 

Anamnese
C2-Abusus
Ergotherapie
Externe Einsätze
Fallstudien
Häusliches Umfeld
Intensivstation
Kontraindikation
Krankheitsbilder
Kuraufenthalte
Teambesprechung
Verlorengegangene Personen
Zufallsbefunde
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren