Wieder kein lustiger Text

Der Boss ist grau und furchig im Gesicht, von draußen durch seine Bürotür hören wir Frauen und Kinder der albanischen Familie weinen, mit der er gerade gesprochen hat, deren Oberhaupt er eben fünf Stunden lang operiert hat, für Boss-Verhältnisse eine Ewigkeit, denn er ist der Schnellste, und das dennoch in wenigen Stunden versterben wird, nachdem man ihn in der Uniklinik der Stadt mit einer akuten A-Dissektion, Klappe, RCA und LCA beteiligt, drei Tage lang unbehandelt hat liegenlassen, bevor man ihn viel zu spät mit schon wassermelonengroß dilatiertem Herzen im Schock hier ablieferte. Der Boss rauft sich die Haare und leidet, er kann keinen einzigen Toten akzeptieren, und ich denke an seine Hamburger Kollegen mit den achselzuckenden Riesenegos, die ihm weder als Chirurgen noch als Humanisten auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnten, und ganz egal, wie tief wir schon zerstritten waren, er erfüllt mich mit tränentreibender Loyalität und Sendungsbewusstsein für das, was wir hier tun. Man verzeihe mir das Pathos, ich habe einen Zyklus und bin gerade etwas emotional. Externe Trigger dafür gibt es genug.

Gestern erzählten sie mir beim Reanimationstraining, dass die paar in Geberländern lange ausrangierten Rettungswagen hier weder Defibrillatoren noch Intubations- oder Beatmungszubehör mitführen. Eine Intensivschwester setzte drauf, wie sie zwanzigjährig ihre 39jährige Mutter in der Küche auf dem Boden liegend fand, sie Mund zu Mund beatmete, bis nach einer Stunde endlich ein Rettungswagen kam - aber man hatte nur einen Fahrer geschickt, keinen Sanitäter, keinen Arzt. Und sie schleppte mit dem Fahrer zusammen die Mutter die Treppe hinunter, und als sie unten ankamen, war sie tot.

Gerade ist Biljana gegangen. Sie kommt nach ihrem Arbeitstag in einer Näherei hierher und will sich beim Putzen mit mir unterhalten. Ich zahle ihr die Hälfte dessen, was unsere Perle in Hamburg bekommt, aber hier ist das viel Geld. Mit drei Stunden pro Woche bei mir steigert sie ihr Monatseinkommen aus der Näherei um die Hälfte. Außer der Bioenergie hat sie fliegende Hitze. Daneben erzählt sie lachend sehr traurige Dinge, die diesen Text sprengen würden. Sie möchte auch bei mir essen, am liebsten mit mir zusammen, und meine Freundin, Putzfrauvermittlerin und Kulturcoach V. sagt, das gehört sich so. Also habe ich Olivenbrot von gestern aufgebacken, Gurke, Paprika und Tomaten geschnippelt, Eier mit Speck in die Pfanne gehauen, Käse, Rinderschinken, Mandeloliven und Trauben auf den Tisch gestellt. Bloß ein schnelles Abendbrot für mich, für sie ein überschwengliches Festessen, was uns beide unterschwellig beschämte.

Theatralisch oder nicht, Remington bringt es auf den Punkt. Auch ich bin zyklisch wiederkehrend sehr, sehr dankbar für den roten Pass mit dem Adler drauf, ein Riesenbündel zufällig per Geburt erworbener Privilegien. Und wer hier kommentieren will, wie sehr auch in Deutschland alles den Bach runter geht, weiß einfach nicht Bescheid.
HiG (anonym) - 23. Feb, 03:54

Kunst ist ein Erkenntnismittel, das im Kunstwerk Wahrheit als geschichtlich bestimmmt auszudrücken vermag. Dabei ist nur jene Kunst »authentisch«, die gesellschaftlich nicht affirmativ ist, sondern den Rezipienten selbstreflexiv auf das Brüchige, Fragmentarische und damit auf Zerrüttung und Sinnverlust als Charakter der Moderne aufmerksam macht. Bleiben Sie dabei.
Uns rief man in der "bleiernen Zeit" immer dann zu, wenn wir nicht in den Lobgesang des Bestehenden einstimmen wollten: "wenn es euch hier nicht gefällt, dann geht doch rüber". Im Editorial der neuen "Pflege" wird beispielsweise das Konzept des Primary Nursing als kluges Konzept, welches mit den sich verändernden Ressourcen umgehen kann, unter die Lupe genommen. Dabei zeigt sich dieser schon theoretisch ansetzende vorauseilende Gehorsam als eine Denke, der eine falsche Praxis affirmativ bestätigt und dazu führt, schon im Ansatz nicht mehr zu sehen, was an der Schöpfung mißraten ist. Die Übel woanders zeigen mir immer nur, wie brüchig und dünn das Eis ist, auf dem wir gehen, und das den Namen Zivilisation trägt.

nachtschwester - 24. Feb, 15:30

Danke für die affirmative Bestätigung!
Elder Blogman (anonym) - 24. Feb, 15:09

Nach einem Leben überwiegend im Ausland bin ich heute wieder einmal ganz bei dir.

nachtschwester - 24. Feb, 15:26

Sieh an, sogar den Altblogger konnte ich erfolgreich reanimieren! Freude in dä house!
Nashaupt - 24. Feb, 21:16

Bifocal - Trifocal

Mir geht es mit einem roten Pass mit weissem Kreuz drauf ähnlich wie Remington und Nachtschwester mit ihren allegorisch oder symbolisch verzierten Dokumenten und ich wäre auch noch mit manchem andern Pass eines modern regulierten Kollektivgebildes zwischen 10°W und 20°E, 35°-80°N zufrieden - aus den von Remington genannten Gründen. Allerdings sind es auch ausgerechnet die Bedingungen dieser Gründe des froh Sein Dürfens, welche teilweise unbestreitbare Ursache dafür sind, dass Menschen, die zwischen anderen Längen- und Breitengraden geboren sind, in eben diesen Hinsichten unseres Froh seins zeitlebens vermutlich nicht froh werden können. Und nicht nur das. Die Ursachen der Bedingungen unseres froh Seins beginnen sich in einer Weise zu verändern, die den Fortbestand der Gründe unseres froh Seins - kann man dem vielleicht "fröhnen" (nicht frönen) sagen ? - fragwürdig erscheinen lassen.
Es wäre müssig, für diese Entwicklung Schuldige zu suchen, weil, selbst wenn es möglich und zulässig wäre, welche zu finden, die zweifelsfrei die Hauptschuldigen par Excellence wären (was ein Wahn und Wunschtraum obsessiver Rechthaber und Ankläger ist), deren Aburteilung und Bestrafung rein gar Nichts an der entstandenen Situation ändern würde.
Wir müssen die Einsicht zulassen, dass alles, dessen Gedeihen und Entwicklung von einer bestimmten Konstellation von Mengen und Eigenschaften (Bedingungen) abhängt, durch sein Gedeihen und seine Entwicklung genau all das langsam und stetig verändert (aufbraucht, transformiert), was für sein Dasein und Werden Voraussetzung bildet. Das geht so lang, bis diese Konstellation plötzlich in eine solche umkippt, die dem bisherigen Gedeihen und Wachsen nicht mehr günstig ist (Veränderte Mengenverhältnisse, Dominanz veränderter Eigenschaften).
Es gibt nun aber Zeitgenossen, die von den bisherigen Bedingungen so sehr profitiert haben und immer noch profitieren zu können hoffen, dass ihnen die Einsicht in die Endlichkeit ihrer bevorzugten Situation nicht leicht fällt und die darum die Umstellungen auf zu erwartende Übergänge zu neuen Verhältnissen behindern, verzögern, vereiteln wollen, zum Schaden aller (auch ihrem eigenen), die bisher Grund gehabt haben, froh zu sein (wozu es ja bekanntlich wenig braucht).
Man kann natürlich dankbar sein dafür, dass bis jetzt noch alles gut gelaufen ist - fragen darf man sich allerdings auch, "wem" eigentlich diese Dankbarkeit gelten soll, so es eine Personifizierung günstiger Umstände geben kann. Die veränderten Bedingungen werden denjenigen veränderte Gründe bescheren, froh zu sein, die sich selber neu einzustellen bereit sein werden. Die Übergänge allerdings werden ganz schön anstrengend sein und die Nerven in bisher nicht gekanntem Masse belasten. - Schon wieder kein "lustiger" Text - aber "lebendig" - vielleicht? Denn, was ist schon dran, wenn einen das Leben verbraucht?

HiG (anonym) - 24. Feb, 23:11

Oder Verstricktheit...

Eben war ich noch am Hauptbahnhof, am Sonntag, mit dem Rennrad, immerhin, ein Pfund Kaffee, ein Toastbrot, eimal Salbei-Deo von Weleda, die neue Spex und die neue Road-Bike gekauft. Dachte erst, auch das ist ein guter Grund, den Remington vergessen hat. Als ich aber dann in der neuen Spex das Interview mit Claude Lanzmann über seinen Film "Shoah" las und später auch noch Herrn Nashaupts Text, bemerkte ich, das Sonntags einkaufen eigentlich nichts ist, auf das man stolz sein kann.
Wieder einmal kann man auch hier sich an Herrn Adorno erinnern: "... Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg. Das einzige, was sich verantworten läßt, ist, den ideologischen Mißbrauch der eigenen Existenz sich zu versagen und im übrigen privat so bescheiden, unscheinbar und unprätentiös sich zu benehmen, wie es längst nicht mehr die gute Erziehung, wohl aber die Scham darüber gebietet, daß einem in der Hölle noch die Luft zum Atmen bleibt. ..."

Tagesdosis

Sehr cooles Foto, das...
Sehr cooles Foto, das GönnDirGutes-Bild. :) Der...
Etosha (anonym) - 30. Jun, 21:34
Pendeln
Samstag Lebensraum: Sonnt ag Arbeitsumfeld.
nachtschwester - 29. Jun, 19:33
Punica-Oase...
Liebe Nachtschwester, wenn ich Sie richtig verstanden...
HiG - 26. Jun, 16:59
Puh, das hört sich...
Puh, das hört sich grusig an! Ich hätte solch...
nina (anonym) - 21. Jun, 14:20
Das war schon. Der Zoll...
Das war schon. Der Zoll lässt Transporter mit...
nachtschwester - 19. Jun, 21:26
Na Ja...
da drängt sich mir ja doch unwillkürlich...
Mercator (anonym) - 19. Jun, 20:52
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Tja, aktiver Protest kommt von der Bevölkerung...
nachtschwester - 19. Jun, 10:10
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Breathless - 19. Jun, 07:48

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