Besser als Neapel
Das Gebäude, in dem man mich eingemietet hat, ist mein schlimmster Alptraum, achtstöckige sozialistische Zweckarchitektur aus der Zeit direkt nach dem großen Erdbeben. Wenn die Erde wieder bebt, wohnt man dann besser oben, weil es unten zuerst zusammenbricht, oder unten, weil man nicht so tief fällt, oder weil oben alles zusammenbricht und die unteren Stockwerke stehen bleiben? Knickt das Gebäude vielleicht in der Mitte ein? Diese Fragen drängen sich angesichts bröckelnden Mauerwerks innen und außen auf, aber meine Freundin V., die in diesem Viertel aufgewachsen ist, sagt, unten ist besser, weil man da schneller raus kommt, außerdem seien diese alten Gebäude ganz sicher erdbebensicher, bei den neuen, schönen, von türkischen Firmen gebauten Wohnanlagen weiss man das nicht. Ich wohne im zweiten Stock und versöhne mich zwar nicht mit der Außenfassade, aber mit der Gesamtsituation, denn für hiesige Verhältnisse handelt es sich um eine durchaus passable Wohngegend, mein Freundeskreis wohnt fast vollständig in der Nachbarschaft, es gibt einen ordentlich sortierten Supermarkt schräg gegenüber, die Wohnung ist warm und sauber, die rumänische Waschmaschine neu und funktionstüchtig, ich habe 62 Fernsehprogramme in Sprachen, die ich geografisch gar nicht einordnen kann, und bald bekomme ich DSL, alles nicht selbstverständlich. Auf schlaglöchrigen Gehwegen liegen Knochen, die die Bewohner wohlhabend genug sind, den streunenden Hunden hinzuwerfen, und die Müllcontainer, die überall offen herumstehen, quellen nicht über, dafür sorgen schon Elstern, Katzen und Romakinder, die darin wimmeln.

