Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft
Vor einigen Wochen wandte sich mein künftiger Arbeitgeber mit einem Gesuch an seine diplomatische Vertretung in Berlin, in welchem er darlegte, dass meine Mitarbeit in der Klinik von nationaler Bedeutung für die Ausbildung medizinischen Personals, die Qualitätsentwicklung und die Gesundheitsreform sei. Der Konsulatsbeauftragte, Herr I., antwortete, ich müsse ein persönliches Gespräch mit ihm führen und einige Formulare ausfüllen.
Ich hielt es für klug, mit Herrn I. nur Deutsch zu kommunizieren, nachdem ich bei anderen offiziellen Stellen bemerkt habe, dass dies der balkanischen Fraternisierungsneigung entgegenwirkt, dem Verhandelnden Autorität verleiht und Arbeitsprozessen beschleunigen kann.
Leider hatte Herr I. mit der deutschen Sprache Probleme, erst beim zehnten Versuch gelang es ihm, die URL korrekt zu buchstabieren, auf welcher ich die nötigen Antragsformulare finden sollte, und ich bedaure, dieses erste unterhaltsame Telefonat nicht mitgeschnitten zu haben.
In Landessprache und kyrillischer Schrift fand ich auf der genannten Website zwei Dokumente zum Thema, ein 62seitiges mit etwa 25 Fragebögen und ein 41seitiges mit weiteren Fragebögen. Beim Ausdrucken des 62seitigen ging mir das Papier aus, als ich am nächsten Tag neues gekauft hatte, ließ sich die Seite nicht mehr öffnen, drei Wochen lang. Das bereits ausgedruckte Dokument enthielt etwa zwanzig verschiedene Antragsarten auf Arbeitserlaubnis, ich schätze, das sind zwanzig mal so viele wie Antragsteller. Herr I. radebrechte am Telefon bedauernd, er könne mir erst weiterhelfen, wenn ich die Formulare ausgedruckt und ausgefüllt hätte.
Als sich die Seite vorgestern überraschend wieder öffnete, lud ich die Dokumente vor dem Drucken herunter und mailte sie der Klinik, damit das jemand durchsieht und mir sagt, welcher Antrag der richtige ist. Das sei neu, nie dagewesen, antwortete man, man könne das nicht deuten, der Anwalt des Boss werde mich kontaktieren, falls nicht, solle ich nach Berlin fahren und Herrn I. um Hilfe bitten.
Herr I. erwartete mich hinter einer verglasten Durchreiche, ein kleiner, furchiger, magenkrank wirkender Mann.
"Haben Sie Formulare?"
"Ja, viele."
Er nahm den Stapel entgegen und begann irritiert, darin zu blättern.
"Bisschen setzen!" bellte er.
Ich hätte ihm eine Flasche Schnaps mitbringen sollen, dachte ich. In der Sitzecke wartete eine Einheimische mit ihrem deutschen Mann. Aber er hat einen albanischen Namen, womöglich ist er religiös, Schnapsidee, der Schnaps. Das Paar wurde hineingebeten. Wenn er mich hinein ruft, darf ich auf keinen Fall ungeduldig oder arrogant werden. Diese Leute sind immer mit Chauffeuren, Vermietern oder Mitarbeitern von mirnverwandt. Lautes Palaver drang durch die angelehnte Tür. Der deutsche Mann wollte eine längere Aufenthaltserlaubnis, aber dort nicht arbeiten. Die Frau redete die ganze Zeit. "Bei uns bleiben die Frauen zu Hause", lachte Herr I. Zehn Minuten später redeten sie über die Großeltern der Frau, die aus demselben Dorf stammten wie ein Onkel von Herrn I., über Dorfbewohner und weitere Angehörige, bevor man sich herzlich verabschiedete.
Herr I. nahm sich noch etwas Zeit, bevor er mich zu sich rief. Er hatte meine Formulare über seinen Tisch verteilt und deutete darauf.
"Das ist grosse Problem."
"Ich hatte gehofft, Sie könnten mir damit weiterhelfen."
"Das ist wegen neue Gesetz, ganz neue Gesetz. Regierung mir gesack, neue Formulare im Internet. Ich habe nix gewusst. Das sehr kompliziert. Wo ist Pass?" Ich reichte ihm meinen Pass.
"Sie sind Nachtschwester (auch im Slawischen verbreiteter Vorname)?"
"Ja."
"Nachtschwester?"
"Ja."
"Sind Sie Deutsche..." - er streckte die flache Hand aus - "oder sind Sie Deutsche?" - er schwenkte die Hand hin und her.
"Ich bin Deutsche."
"Sie sind ganze Deutsche?" - Na gut.
"Mein Großvater war Kroate."
"Aah! Sprechen Sie Kroatisch?"
"Ja, ich habe mal in Zagreb studiert."
"Können wir sprechen Kroatisch?" - Wenn´s sein muss. Bloß schnell den Namen des Boss ins Spiel bringen, bevor die Situation zu familiär wird und Restrespekt flöten geht.
Herr I. legte die Hand auf sein Herz und war wie verwandelt. "Nachtschwester, Nachtschwester, Nachtschwester!" strahlte er glücklich. "Ich war sehr nervös, mein Deutsch ist schlecht. Normalerweise habe ich nichts mit Deutschen zu tun, es kommen Türken, Albaner, Griechen, Bulgaren. Willst du Kaffee?"
"Nein danke."
"Was machen wir jetzt mit deinen Papieren? Ich will nichts falsch machen. Warum bist du nicht vor drei Monaten gekommen? Ich hätte deinen Pass kopiert, wir hätten Kaffee getrunken, ich hätte einen Antrag geschrieben, und zwei Wochen später hättest du dein Arbeitsvisum gehabt. Jetzt haben wir dieses neue Gesetz und alles ist schwierig." Er stand auf und reichte mir eine Akte. "Diesen Mann haben sie abgelehnt! Das ist sehr, sehr peinlich! Er arbeitet für, wie heißt er gleich, Konrad Adenauer, das ist ganz nah bei Angela Merkel! Kennst du Konrad Adenauer?"
"Äh, die Stiftung, ja."
"Schon zwei Jahre arbeitet dieser Mann in unserem Land, jetzt haben sie die Verlängerung abgelehnt, kannst du dir das vorstellen? Und ich muss es Konrad Adenauer sagen! Ich schäme mich für meine Regierung, ich möchte im Boden versinken!"
"Das ist wirklich sehr unangenehm. Aber ich arbeite für Dr. Boss, er ist jetzt Berater des Gesundheitsministers und mit dem Premier..."
"Ah, Dr. Boss! Vor zwei Tagen habe ich ihn im Fernsehen gesehen. Sehr guter Mann. Es wäre gut für unser Land, wenn du für uns arbeiten würdest. Aber wie willst du das Holz erklären? Erklär das dem Tisch!" Er schlug auf den Tisch. "In unseren Ministerien sitzen Köpfe aus Holz wie dieser Tisch!" Traurig schüttelte er den Kopf. "Nachtschwester, was machen wir jetzt?"
Auf der Heizung standen zwei benutzte Mokkatassen, die das Vorgängerpärchen hinterlassen hatte. Er blätterte in meinem Pass.
"Mit diesem Pass brauchst du kein Visum. Fahr hin und regle die Dinge dort. Ich will dir helfen. Wir bleiben in Kontakt. Wenn du zur Ausländerpolizei musst, rufst du mich an, ich kenne den Chef, ist auch Albaner, kein Problem. Jetzt hast du den weiten Weg aus Hamburg gemacht, und ich konnte nichts für dich tun, das tut mir leid."
Macht gar nichts, viel hatte ich nicht erwartet und gleich habe ich noch einen Termin mit Frau creezy.
"Macht nichts, schön, dass wir uns jetzt kennen.", sagte ich. Zum Abschied nahm er meine Hände.
"Wo du schon mal in Berlin bist, geh ein bisschen spazieren, Nachtschwester. Geh Schuhe kaufen", sagte er, und sein faltiges Gesicht glühte vor ehrlich empfundener Herzlichkeit.
Ich hielt es für klug, mit Herrn I. nur Deutsch zu kommunizieren, nachdem ich bei anderen offiziellen Stellen bemerkt habe, dass dies der balkanischen Fraternisierungsneigung entgegenwirkt, dem Verhandelnden Autorität verleiht und Arbeitsprozessen beschleunigen kann.
Leider hatte Herr I. mit der deutschen Sprache Probleme, erst beim zehnten Versuch gelang es ihm, die URL korrekt zu buchstabieren, auf welcher ich die nötigen Antragsformulare finden sollte, und ich bedaure, dieses erste unterhaltsame Telefonat nicht mitgeschnitten zu haben.
In Landessprache und kyrillischer Schrift fand ich auf der genannten Website zwei Dokumente zum Thema, ein 62seitiges mit etwa 25 Fragebögen und ein 41seitiges mit weiteren Fragebögen. Beim Ausdrucken des 62seitigen ging mir das Papier aus, als ich am nächsten Tag neues gekauft hatte, ließ sich die Seite nicht mehr öffnen, drei Wochen lang. Das bereits ausgedruckte Dokument enthielt etwa zwanzig verschiedene Antragsarten auf Arbeitserlaubnis, ich schätze, das sind zwanzig mal so viele wie Antragsteller. Herr I. radebrechte am Telefon bedauernd, er könne mir erst weiterhelfen, wenn ich die Formulare ausgedruckt und ausgefüllt hätte.
Als sich die Seite vorgestern überraschend wieder öffnete, lud ich die Dokumente vor dem Drucken herunter und mailte sie der Klinik, damit das jemand durchsieht und mir sagt, welcher Antrag der richtige ist. Das sei neu, nie dagewesen, antwortete man, man könne das nicht deuten, der Anwalt des Boss werde mich kontaktieren, falls nicht, solle ich nach Berlin fahren und Herrn I. um Hilfe bitten.
Herr I. erwartete mich hinter einer verglasten Durchreiche, ein kleiner, furchiger, magenkrank wirkender Mann.
"Haben Sie Formulare?"
"Ja, viele."
Er nahm den Stapel entgegen und begann irritiert, darin zu blättern.
"Bisschen setzen!" bellte er.
Ich hätte ihm eine Flasche Schnaps mitbringen sollen, dachte ich. In der Sitzecke wartete eine Einheimische mit ihrem deutschen Mann. Aber er hat einen albanischen Namen, womöglich ist er religiös, Schnapsidee, der Schnaps. Das Paar wurde hineingebeten. Wenn er mich hinein ruft, darf ich auf keinen Fall ungeduldig oder arrogant werden. Diese Leute sind immer mit Chauffeuren, Vermietern oder Mitarbeitern von mirnverwandt. Lautes Palaver drang durch die angelehnte Tür. Der deutsche Mann wollte eine längere Aufenthaltserlaubnis, aber dort nicht arbeiten. Die Frau redete die ganze Zeit. "Bei uns bleiben die Frauen zu Hause", lachte Herr I. Zehn Minuten später redeten sie über die Großeltern der Frau, die aus demselben Dorf stammten wie ein Onkel von Herrn I., über Dorfbewohner und weitere Angehörige, bevor man sich herzlich verabschiedete.
Herr I. nahm sich noch etwas Zeit, bevor er mich zu sich rief. Er hatte meine Formulare über seinen Tisch verteilt und deutete darauf.
"Das ist grosse Problem."
"Ich hatte gehofft, Sie könnten mir damit weiterhelfen."
"Das ist wegen neue Gesetz, ganz neue Gesetz. Regierung mir gesack, neue Formulare im Internet. Ich habe nix gewusst. Das sehr kompliziert. Wo ist Pass?" Ich reichte ihm meinen Pass.
"Sie sind Nachtschwester (auch im Slawischen verbreiteter Vorname)?"
"Ja."
"Nachtschwester?"
"Ja."
"Sind Sie Deutsche..." - er streckte die flache Hand aus - "oder sind Sie Deutsche?" - er schwenkte die Hand hin und her.
"Ich bin Deutsche."
"Sie sind ganze Deutsche?" - Na gut.
"Mein Großvater war Kroate."
"Aah! Sprechen Sie Kroatisch?"
"Ja, ich habe mal in Zagreb studiert."
"Können wir sprechen Kroatisch?" - Wenn´s sein muss. Bloß schnell den Namen des Boss ins Spiel bringen, bevor die Situation zu familiär wird und Restrespekt flöten geht.
Herr I. legte die Hand auf sein Herz und war wie verwandelt. "Nachtschwester, Nachtschwester, Nachtschwester!" strahlte er glücklich. "Ich war sehr nervös, mein Deutsch ist schlecht. Normalerweise habe ich nichts mit Deutschen zu tun, es kommen Türken, Albaner, Griechen, Bulgaren. Willst du Kaffee?"
"Nein danke."
"Was machen wir jetzt mit deinen Papieren? Ich will nichts falsch machen. Warum bist du nicht vor drei Monaten gekommen? Ich hätte deinen Pass kopiert, wir hätten Kaffee getrunken, ich hätte einen Antrag geschrieben, und zwei Wochen später hättest du dein Arbeitsvisum gehabt. Jetzt haben wir dieses neue Gesetz und alles ist schwierig." Er stand auf und reichte mir eine Akte. "Diesen Mann haben sie abgelehnt! Das ist sehr, sehr peinlich! Er arbeitet für, wie heißt er gleich, Konrad Adenauer, das ist ganz nah bei Angela Merkel! Kennst du Konrad Adenauer?"
"Äh, die Stiftung, ja."
"Schon zwei Jahre arbeitet dieser Mann in unserem Land, jetzt haben sie die Verlängerung abgelehnt, kannst du dir das vorstellen? Und ich muss es Konrad Adenauer sagen! Ich schäme mich für meine Regierung, ich möchte im Boden versinken!"
"Das ist wirklich sehr unangenehm. Aber ich arbeite für Dr. Boss, er ist jetzt Berater des Gesundheitsministers und mit dem Premier..."
"Ah, Dr. Boss! Vor zwei Tagen habe ich ihn im Fernsehen gesehen. Sehr guter Mann. Es wäre gut für unser Land, wenn du für uns arbeiten würdest. Aber wie willst du das Holz erklären? Erklär das dem Tisch!" Er schlug auf den Tisch. "In unseren Ministerien sitzen Köpfe aus Holz wie dieser Tisch!" Traurig schüttelte er den Kopf. "Nachtschwester, was machen wir jetzt?"
Auf der Heizung standen zwei benutzte Mokkatassen, die das Vorgängerpärchen hinterlassen hatte. Er blätterte in meinem Pass.
"Mit diesem Pass brauchst du kein Visum. Fahr hin und regle die Dinge dort. Ich will dir helfen. Wir bleiben in Kontakt. Wenn du zur Ausländerpolizei musst, rufst du mich an, ich kenne den Chef, ist auch Albaner, kein Problem. Jetzt hast du den weiten Weg aus Hamburg gemacht, und ich konnte nichts für dich tun, das tut mir leid."
Macht gar nichts, viel hatte ich nicht erwartet und gleich habe ich noch einen Termin mit Frau creezy.
"Macht nichts, schön, dass wir uns jetzt kennen.", sagte ich. Zum Abschied nahm er meine Hände.
"Wo du schon mal in Berlin bist, geh ein bisschen spazieren, Nachtschwester. Geh Schuhe kaufen", sagte er, und sein faltiges Gesicht glühte vor ehrlich empfundener Herzlichkeit.


Das ist nicht von der Hand zu weisen!