Polaris (Gast) - 31. Okt, 07:30

Insbesondere die Unikliniken sind da ziemlich erbarmungslos, wenn's um Statistiken o.ä. geht.
Als ich-vor langer Zeit- noch in der Intensivmed. gearbeitet habe, war es durchaus üblich, Patienten, die im Sterben lagen, in periphere Krankenhäuser zu verlegen.
So hatte man einen Toten weniger in der Bilanz.
Das diesem Menschen ein würdiges Sterben verwehrt wurde, spielte gar keine Rolle.

Es gibt da viele Geschichten und Beispiele, die belegen, dass dieses System inhuman ist.
Es verschleisst die Menschen auf beiden Seiten der Betten.
Wenn ich permanent grenzüberschreitend tätig sein muss, erkenne ich die letzten Tabus nicht mehr.
Habe den Zugang zum Ethos verloren.

Berichten Sie bitte weiter, Frau Nachtschwester.
So dass es auch außerhalb der Krankenhausmauern zum Thema wird.

HiG (Gast) - 31. Okt, 08:05

Wie geht das ?

Mich würde mal interessieren, wie ihr das geschafft habt, die Patienten zu turfen. Auch in der Peripherie sind die Leute nicht doof und lassen sich nicht so ohne weiteres alles andrehen. im Gegenteil, wir kriegen oft genug Patienten aus der "Peripherie", weil wir Maximalversorgung sind und Neurochirurgie, wo sich dann rausstellt, hatte schon dort weite lichtstarre Pupillen, ist eine Hirnmassenblutung usw.
Im Gegenteil, im Intensivbereich besteht ja oft auch die Tendenz, Leute zum Sterben auf die Normalstation zu turfen. Bei uns nicht. Wir trinken den Kelch aus. Nur im absoluten Notfall, wenn nicht anders Kapazitätenb geschaffen werden können, passiert so was. Es ist nicht alles schlecht.
nachtschwester - 31. Okt, 13:17

Polaris bezieht sich wohl auf die Prä-Fallpauschalen-Zeiten. Diese präfinalen Verlegungen kenne ich auch noch; aus einem Kreiskrankenhaus, das solche Patienten zum Sterben übernahm, später aus Unikliniken, die sie wegturften. Es gab ja Anfang/Mitte der 90er noch überall genug Betten, für Belegung gab es den Tagessatz, der war in der Peripherie niedriger als an den Unis, den Kassen war es also recht, den kleinen Häusern war egal, wie sie ihre Betten belegten, die Mortalitätsstatistik spielte in den Unis auch eine Rolle, und so waren mit dem Turfen alle zufrieden außer dem Pflegepersonal und den Angehörigen, die die Diskontinuität der Behandlung als inhuman ansahen.

So unwürdig fand ich dieses Sterben nach Abschiebung übrigens nicht; wir konnten in diesem Kreiskrankenhaus die Patienten und Angehörigen besser begleiten, als das in den universitären Tretmühlen möglich ist, die nun mal traditionell kurativ ausgelegt sind und erst in den letzten Jahren anfangen, sich auch ein paar palliative Gedanken zu machen. Womit wir wieder beim genannten strukturellen Problem sind.

Sie haben recht, Polaris, mit dem Verschleiß der Tabugrenzen. Früher sind sie mit den Berufsjahren allmählich verwischt, nachdem man voller Idealismus gestartet war; heute werden bei uns ärztliche Berufsanfänger mit 26 gleich in diese Verhältnisse hineinsozialisiert. Man steckt sie auf die Intensivstation, nachts und am Wochenende auf sich selbst gestellt, weil sie billig und unkritisch und "leicht führbar" sind. Sie stellen keine Fragen, höchstens medizinische, und halten diesen Job so früh in der Vita für ein Sprungbrett. Mein Alptraum, ihnen in ein paar Jahren womöglich als Patientin zu begegnen.

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Also Wien ...
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