Gesundheitswirtschaft, aus dem Leben gegriffen

IMG 2080Ein Mann stirbt einen plötzlichen Herztod, wird erst von Laien, dann vom Notarzt reanimiert, niemand weiß hinterher, wie lange, kommt per Hubschrauber und wird erfolgreich operiert. Partiell erfolgreich, denn wie befürchtet, wird er danach tagelang nicht wach. CT und EEG zeigen, das Hirn ist, Verzeihung, Matsch. An einem Samstag redet der Diensthabende mit den Angehörigen Klartext, klärt sie auf über Prognose, geringes Rehapotential und das für die weitere Behandlung notwendige Betreuungsverfahren. Er lässt sie eine Nacht darüber schlafen. Am nächsten Tag hat bereits ein Vormundschaftsrichter die Ehefrau wie gewünscht als Betreuerin eingesetzt, und der Arzt klärt sie über die für die zu erwartende Langzeitbeatmung notwendige Tracheotomie auf. Sie unterschreibt die Einwilligung. Bis hierher geht alles seinen gewohnten Gang.

Montags morgens spricht sich der herrschende Oberarzt gegen die Tracheotomie aus. Ein Tracheotomie-Set koste 250 Euro. Die Assistenzärzte sollen den Mann mit seinem oralen Tubus zügig an ein peripheres Haus loswerden, dort könne man das Geld ja ausgeben, wenn man wolle.

Der Patient findet angesichts der kürzlich erfolgten Herzoperation, der künstlichen Beatmung und der miserablen neurologischen Prognose nicht so recht einen Abnehmer, schließlich erklärt sich ein kleines Haus zur Übernahme bereit.

Kurz danach rechnete der Oberarzt die bisherigen Beatmungsstunden nach. Die magischen 250 Beatmungsstunden, die mit einem fünfstelligen Batzen von der Kasse vergütet werden, werden erst in der Nacht nach der geplanten Verlegung erreicht. Er lässt die Verlegung absagen.

Mittlerweile hat der tief komatöse Mann angefangen, spontan zu atmen, theoretisch in ausreichendem Umfang, um ihn vom Beatmungsgerät zu entwöhnen. Leider erbricht er immer wieder im Schwall, ohne Tubus und ohne Schutzreflexe würde er sehr bald Magensekret in die Atemwege anatmen und daran versterben.

Dennoch heißt die Order, ihn nachts nach einer bestimmten Uhrzeit, die den Ablauf der 250 Stunden markiert, zu extubieren. Das taten wir nicht, aber der Tagdienst hatte in Anwesenheit des Oberarztes keine andere Wahl. Der Patient verstarb keine 24 Stunden später.

Die Abteilung hat Geld verdient. Jemand wird den Angehörigen glaubhaft vermitteln, der Verlauf sei unabwendbar gewesen.
rosmarin - 28. Okt, 21:15

ich bin froh um jeden tag, den ich nicht in die hände betriebswirtschaftlich agierender docs falle (ich weiß, sie müssen wohl).
was du schreibst ist beängstigend und pervers.
bekommt man da nicht manchmal lust, wenn man schon vom fach ist.... ne anzeige zu machen? ist das nicht letztlich unterlassene hilfeleistung?
*frag ich mich da mal ganz blond*

nachtschwester - 29. Okt, 00:12

Schweige- und Treuepflicht sind ein mächtiger Knebel im Gesundheitswesen. Dinge nach außen tragen geht nur anonym und ohne Beweise, du darfst patientenbezogene Daten quasi überhaupt nicht vom Fleck bewegen, geschweige denn kopieren. Für solche Fälle wie den beschriebenen gibt es an größeren Häusern interne Beschwerdestellen und Ethikkomissionen, vor letzterer musste sich der hier Verantwortliche allerdings schon mehrfach verantworten, ohne Schaden zu nehmen.
albertzangerl - 28. Okt, 21:21

Krankes System

So was ist wirklich erschreckend. Ich arbeite selbst im Krankenhaus und weiß daher, dass oft Dinge ablaufen, die nicht astrein sind, aber solche Auswüchse des Kapitalismus sind wirklich das letzte!
Teilweise ist unser Gesundheitssystem wirklich krank, obwohl es noch zu den Besseren gehört :(

WilderKaiser - 28. Okt, 22:48

Habt ihr nicht ein anonymes Meldesystem für unerwünschte Abweichungen, Fehler und Zwischenfälle? Und ja natürlich, ich weiß, aber eine Überlegung wäre es doch wert. LG, WilderKaiser

nachtschwester - 28. Okt, 23:00

Haben wir, wir melden, das System schweigt zurück.
Wobei es hier um moralische Fragen geht, die bei den Qualitätsbeaufragten, die die Meldungen sichten, ohnehin an der falschen Adresse wären.
WilderKaiser - 28. Okt, 23:12

Ich verstehe die Entscheidung nicht, die Beatmung nach exakt 250 Stunden abzubrechen. Natürlich sind die Stunden, die der Patient zusätzlich beatmet wird, möglicherweise ein Verlustgeschäft (so genau weiß ich das nicht, ich bin beileibe kein Codierer, aber ich könnte bei meinen Kollegen im Medizincontrolling nachfragen), aber er hätte doch die Beatmung zumindest bis zur geplanten (oder doch abgesagten und damit komplett gestrichenen?) Verlegung in das kleinere Krankenhaus aufrechterhalten können. Wenn ich das so lese, könnte ich kotzen. Und ich weiß genau, dass sich genau das Gleiche auch in unserem Haus abspielt. "Das System schweigt zurück" - besser hätte ich es auch nicht formulieren können. Wäre man in einer Gummizelle, könnte man sich ja noch erklären, dass sich die Wände, gegen die man anrennt, so elastisch zeigen. LG, WilderKaiser
nachtschwester - 29. Okt, 00:37

Ich weiß nicht, warum die Verlegung nicht einfach um einen Tag verschoben wurde.
Schlimm ist die Entscheidung eines einzelnen Arztes kraft seiner Position in der Hackordnung, den Patienten trotz des Aspirationsrisikos zu extubieren und seinen Tod in Kauf zu nehmen (wobei ich die tatsächliche Todesursache natürlich nicht kenne und nicht erfahren werde). Es lag keine Patientenverfügung vor und die Entscheidung wurde nicht gemeinsam mit den Angehörigen getroffen.
kittykoma - 28. Okt, 23:02

der impuls, das als unterlassene hilfeleistung zu sehen und anzeigen zu wollen ist ja im prinzip richtig.
die finanziellen erwägungen sind grauenvoll. aber mich erschüttert etwas anderes noch mehr.
wenn ich den artikel richtig gelesen habe, ist die wahrscheinlichkeit ysehr hoch, daß der mann - trotz eigenständiger atmung - ein schwerer pflegefall sein wird. trotz seines todes wird er reanimiert, operiert, beatmet, am leben erhalten. da beginnt das geschäft.
gerätemedizin bedeutet, technische entscheidungen zu fällen. da sind finanztechnische entscheidungen nicht weit.

nachtschwester - 28. Okt, 23:36

Ihn zu reanimieren und zunächst zu operieren, also Hilfe zu leisten, war notwendig und richtig, denn ob jemand durch einen Herzstillstand und eine verzögerte Reanimation einen Hirnschaden erlitten hat, und in welchem Ausmaß, lässt sich erst nach Tagen feststellen. Man kann jemanden nicht auf den bloßen Verdacht hin nicht wiederbeleben, dass er vielleicht bleibende Schäden davonträgt. Das ist häufig gar nicht der Fall, oder die Ausfälle sind so gering, dass sie eine akzeptable Lebensqualität erlauben. Bis hierher lief ethisch und medizinisch alles rund.

In diesem Fall hat sich im Nachhinein herausgestellt, die präklinische Reanimation war nicht gut, kam zu spät oder hat zu lange gedauert, dieser Mensch wird nie wieder kommunizieren, essen, gehen, denken. An diesem Punkt ging das unwürdige Geschachere los.
kittykoma - 29. Okt, 13:22

ich verstehe das schon. mir wills trotzdem nicht in den kopf. ich möchte nirgendwo als halbe leiche rumliegen sondern sterben.
aber die grenze ziwschen leben retten können und tod verlängern ist so schmal.
nachtschwester - 30. Okt, 02:09

Genau, es ist komplex und kaum entscheidbar. Definiere mal "halbe Leiche" in einer Patientenverfügung so hieb- und stichfest, dass ein Intensivmediziner damit etwas anfangen kann, was wirklich zweifelsfrei in Deinem Sinne ist. Ich habe bisher eine einzige gesehen, die im Ernstfall keinen Interpretationsspielraum ließ. Und liegt gar keine Willenserklärung vor, und haben die Ansprechpartner, die Angehörigen, sich noch nie einen Gedanken zum Thema gemacht, ist der Spielraum erst recht in jede Richtung dehnbar, je nach Interessenlage der Behandelnden.
Opa Nietzsche-wo - 29. Okt, 01:01

No comment. Aber danke für die Erinnerung an die Patientenverfügung.

wholelottalove - 29. Okt, 07:17

nur mal so am rande - oder mit einem fuß im grab

Eine Patientenverfügung kann die krankheitsbedingte Prognose eines Patienten verschlechtern. Patientenverfügungen könnten bei den behandelnden Ärzten zu einer „negativen therapeutischen Grundeinstellung" führen. Daraus könnte dann ein Selbstläufer werden, der die Prognose tatsächlich verschlechtert. Dieser Effekt ist auch als "Futility" (Aussichtslosigkeitsannahme) bekannt.
tinius - 29. Okt, 02:50

Jetzt muß mir nur noch einer verraten, wie sich bei dieser finanziellen Gemengelage das Prinzip der (humanen) Palliativmedizin durchsetzen soll, denn genau die bereitet hohe Kosten bei absehbarem (negativen) Ergebnis. :(

PeZwo - 29. Okt, 08:09

irgendwie drängt sich bei so einem "Gesundheitszustand" fast schon der Gedanke auf, ob der schnelle und schmerzlose Tod vielleicht nicht ohnehin die "bessere" Entwicklung war.

HiG (anonym) - 29. Okt, 10:18

Strukturwandel

Die Verhaltensweise des Oberarztes ist ein strukturelles Problem, das nur durch Änderung der Struktur angegangen werden kann. Ich kann jedem interessierten nur den nachstehenden Aufsatz empfehlen, der Elemente der Palliativmedizin als allgemeine Aufgabe für alle Patienten, von Anfang an, begreift. Dies muß als Teil der Kultur und Aufgabenbereich implementiert werden, dann ist die Wahrscheinlichkeit geringer, das solche Auswüchse passieren. M. E. kann man sich als Mensch nur so verhalten, wenn die Strukturen dies auch so zulassen.

Mosenthal, Anne C. MD, FACS; Murphy, Patricia A. RN, PhD, FAAN. Critical Care Medicin Volume 34(11) Suppl, November 2006, pp S399-S403.

Integrating palliative care into the surgical and trauma intensive care unit is challenging. The nature of surgical illness, practice patterns of surgeons and critical care nurses, and the culture of the intensive care unit all suggest that familiar models of palliative care do not apply in this setting. We describe a novel interdisciplinary model of palliative care in the surgical intensive care unit, which addresses communication, shared decision making, and pain and symptom management for all critically ill patients, regardless of prognosis. This communication-based model integrates new processes of care into existing surgical critical care practice so that palliative care can be provided in parallel with surgical care.

nachtschwester - 30. Okt, 03:32

Ich habe von diesen Ansätzen schon gelesen. Für meinen Berufsstand behaupte ich, wir wären dabei. Ohnehin ist die Pflege auf der Intensivstation nach "Einstellung der Therapie" bis zum Abtransport der Leiche die meiste Zeit mit Patienten und Angehörigen allein. Ich vermute also, die Ärzteschaft wäre gespalten im Hinblick auf einen so drastisch veränderten oder erweiterten Auftrag der Intensivmedizin.

Bei der Umsetzung hätten wir aber nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein ökonomisches Dilemma. Palliativmedizin ist unrentabel, wie oben schon angemerkt, und wird besonders gefördert. Nehmen wir ein septisches Multiorganversagen, das aggressiv und maximal und teuer intensivtherapiert und diagnostisch begleitet wird. Hier sind viele kostenintensive Maßnahmen nötig, die nur knapp oder gar nicht kostendeckend von den Kassen vergütet werden. Dagegen benötigt ein Palliativpatient "nur" noch Pflege und Analgesie und Anxiolyse, alles billig, er bringt aber Geld, das muss so sein, sonst würde man gar keine Palliativbetten betreiben. Wären Palliativ- und Intensivtherapie auf einer Kostenstelle vereint, gäbe es den fatalen finanziellen Anreiz, Intensivpatienten frühzeitig zu Palliativpatienten umzuetikettieren, und wir wären ethisch gesehen keinen Schritt weiter. (So male ich mir das jedenfalls aus, ohne zu wissen, wie Palliativbehandlung tatsächlich vergütet wird.)
blue sky - 29. Okt, 13:18

So beängstigend, dass ich am liebsten nichts davon wissen würde. Was wohl keine gute Einstellung ist.

creezy (anonym) - 29. Okt, 14:51

Ich habe das gestern gelesen, war sprachlos und habe die Antwort auf morgen (heute) verschoben. Bin immer noch sprachlos.

Elsa Seefahrt (anonym) - 29. Okt, 20:59

Das ist nicht zu fassen....das kann ich kaum glauben, .....

daniel (anonym) - 30. Okt, 07:19

mord

deswegen solltest du ihn anzeigen.

HiG (anonym) - 30. Okt, 09:48

Strukturwandel die zweite - Implementierung von palliative care

Ich habe angefangen, den von mir zitierten Aufsatz zu übersetzen und stelle hier den ersten Teil zur Verfügung. Ich glaube, dass so besser sichtbar wird, worauf ich hinaus will: es geht nicht um die Umetikettierung von Patienten im Verlauf ihrer Erkrankung, sondern um die Integration palliativer Sorge in die Routine des Klinikalltages von Anfang an, für alle Patienten. Natürlich kann dies nicht nur ein bottom up, sondern muss auch ein top down Prozess sein, der von allen beteiligten Arbeitsgruppen getragen wird. Zugegeben ist dies ein Prozess, der langen Atem erfordert. Ich für meinen Teil als Praktiker habe noch nicht den Traum von einer Sache aufgegeben, von der man nur das Bewusstsein haben muss, um sie zu besitzen.

Wer Interesse hat, soll mir eine Mail schicken, er bekommt dann die Originalarbeit und die gesamte Übersetzung, wenn sie fertig ist.


Ein interdisziplinäres Modell der Palliativen Sorge im traumatologischen und chirurgischen Intensivbereich: Robert Wood Johnson Foundation Demonstration Project zur Verbesserung der Palliativen Sorge im Intensivbereich

Die Integration der Palliativen Sorge in den traumatologischen und chirurgischen Intensivbereich ist herausfordernd. Die Natur der chirurgischen Erkrankung, Verhaltensmuster von Chirurgen sowie Intensivpflegenden und die Kultur des Intensivbereiches legen nahe, das allgemein bekannte Modelle der Palliativen Sorge in dieser Umgebung nicht passen. Wir beschreiben ein neuartiges interdisziplinäres Modell der Palliativen Sorge im Chirurgischen Intensivbereich, das sich an Kommunikation, Entscheidungsfindung im Team und Symptommanagement für alle kritisch Kranken wendet, ungeachtet ihrer Prognose. Dieses kommunikationsbasierte Modell integriert neue Prozesse der Sorge in die existierende Praxis des Chirurgischen Intensivbereiches, damit die Palliative Sorge parallel zur Chirurgischen Sorge angeboten werden kann. (Crit Care Med 2006; 34[Suppl.]:S399-403)
Schlüsselbegriffe: Palliative Sorge, Chirurgischer Intensivbereich, Interdisziplinäres Modell

Was oft der „chirurgischen Kultur“ zugeordnet wird, schließt Merkmale ein, die in offener Feindschaft zur Palliativen Sorge stehen: ein technologischer Imperativ des „Heilens“ (ungeachtet des Aufwandes oder der Kosten), Messung des klinischen Erfolges durch Morbidität und Mortalität und nicht in Lebensqualität, die Wahrnehmung des Todes als Versagen, und die Assoziation der Sorge am Ende des Lebens mit „Aufgeben“(1). Nirgendwo sonst ist dies beispielhafter sichtbar als im chirurgischen und traumatologischen Intensivbereich. Die klinischen Inhalte der Sorge im traumatologischen und chirurgischen Intensivbereich verhindern überdies noch, die Aufmerksamkeit auf die Sorge am Ende des Lebens zu richten: plötzlicher Einbruch katastrophaler Erkrankung, prognostische Ungewissheit, verdichtete Zeitrahmen, junge Patienten, kaum vorausschauende Planung der Sorge, und Trauer und Entscheidungsfindung erschwert durch Gewalt und plötzlicher Erkrankung (2). Die bekannten Modelle der Palliativen Sorge, die entstanden sind aus der Erfahrung mit chronisch progressiven Erkrankungen, passen nicht zur klinischen Realität des traumatologischen und chirurgischen Intensivbereiches. Die Verbesserung der Palliativen Sorge im chirurgischen Intensivbereich erfordert ein anderes Modell, eines, das sowohl diese klinischen Realitäten als auch die Prinzipien der Palliativen Sorge einfügt in die existierenden Prozesse der Sorge des chirurgischen Alltags. Ziel dieses Demonstrationsprojektes war die Konstruktion eines tragbaren Modells, das abteilungsweite Prozesse sowie die ärztliche und pflegerische Praxis ändern würde und eben nicht nur die Erfahrung einzelner Patienten und ihrer Familien. Deshalb hatte diese Projektintervention folgende Ziele:

1. Integration der Palliativen Sorge in die allgemeine Sorge kritisch kranker chirurgischer oder verletzter Patienten.
2. Das Erreichen eines Kulturwandels, so dass Anbieter der Sorge für chirurgisch kritisch Kranke Palliative Sorge als Teil ihres klinischen Alltags wahrnehmen.
3. Entwicklung eines ausführbaren Modells der Sorge für chirurgisch kritisch Kranke, das Prinzipien und Praxis der Palliativen Sorge für alle chirurgischen Patienten umfasst, ungeachtet der Prognose.
4. Eine Verbesserung der Qualität Palliativer Sorge im chirurgischen Intensivbereich, gemessen an der Zufriedenheit der Angehörigen, Ärzte und Pflegenden.

Die folgenden Abschnitte dieses Artikels werden diese Intervention im Detail beschreiben, von den Grundprinzipien der Entwicklung bis zur Umsetzung. Weitere Berichte werden die Auswertung dieser Intervention beschreiben.

Entwurf der Intervention: Benennen der Bedürfnisse und Barrieren

Die Natur der chirurgisch kritischen Erkrankung und die Kultur des chirurgischen Intensivbereiches bringt spezifische Bedürfnisse, Konflikte und Barrieren für die Integration Palliativer Sorge mit sich. Damit eine erfolgreiche Aufnahme und Integration in die Prozesse der Intensivpflegeeinheit erfolgen kann, muss jede Intervention so entworfen werden, dass die Barrieren angesprochen werden - nicht nur welche klinischen Dienste angeboten werden, sondern wer sie anbieten wird und wann.
Die Zeitschiene einer Erkrankung im chirurgischen Intensivbereich folgt üblicherweise zwei Mustern, abhängig von der Population. Traumatische Verletzungen oder akute chirurgische Erkrankungen entwickeln sich plötzlich. Der Patient, oft jung und vorher gesund, wird ohne Vorwarnung kritisch krank. Selbst wenn der Patient eine zugrunde liegende chronische Erkrankung hat, ist die Erwartung aller, das die chirurgische Prozedur oder Prozeduren, die ihn auf den Intensivbereich gebracht hat, lebensrettend sein wird; lebensbedrohliche Komplikationen sind üblicherweise plötzlich und unerwartet. Gleichfalls oftmals kurz ist die Terminalphase: ein signifikanter Anteil der Traumatode im Intensivbereich wird durch neurologische Verletzungen oder Blutungen hervorgerufen und ereignen sich innerhalb der ersten drei Tage. Angehörige sind oft Überlebende mit erschwerter Trauer und emotionalem Distress, insbesondere wenn Gewalt oder Trauma mit der Erkrankung verbunden sind (3). Zusätzlich, da nur 5% der Patienten einer Intensivstation sich an ihrer Sorge beteiligen können, werden Angehörige ersatzweise zu Entscheidern, was ihre Trauer und Stress enorm verstärkt. Konsequenterweise sind der Verlust und die psychosozialen Bedürfnisse der Angehörigen anders als die der Angehörigen von chronisch Kranken. Diese Bedürfnisse erreichen ihre höchste Intensität zu Beginn der Erkrankung. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass, wenn diesen Bedürfnissen früh im Intensivverlauf entsprochen wird, sich die Kommunikation verbessert und Konflikte im Bereich der Entscheidungen am Ende des Lebens vermindern (4,5). Deshalb umfasst eine bedeutende Komponente erfolgreicher Palliativer Sorge frühe kommunikative und psychosoziale Unterstützung der Angehörigen.
Eine andere Gruppe von Patienten wird einen langen und anhaltenden Aufenthalt im Intensivbereich haben, mit Multiorganversagen und Sepsis. Hier gibt es eine große Ungewissheit darüber, wer sterben wird; einige werden nach einem langen Verlauf dem Tod erliegen, während andere mit ähnlichen Erkrankungsmustern sich erholen und überleben, um verlegt zu werden. Versuche, objektive Standards für die Vorhersage des outcomes im chirurgischen Intensivbereich (APACHE, MODS und TRISS) haben sich nur brauchbar für bestimmte Gruppen von Patienten gezeigt, aber nicht für den einzelnen Patienten in prospektiver Weise und sind im ganzen weniger verlässlich als subjektive ärztliche Meinung (6). Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Ärzte selten objektive klinische Daten oder Scoresysteme zur Prognoseentwicklung oder bei der Entscheidung über Fragen der Sorge am Ende des Lebens bei ihren kritisch kranken Patienten gebrauchen (7,8).
Ausgangsstudien in unserem Intensivbereich enthüllten ähnliche Muster (Tabelle 1), bei der weder die Schwere der Erkrankung noch die neurologische Verletzung voraussagend waren für do-not-resuscitate Anordnungen oder eine Änderung der Ziele der Sorge, bis das Multiorganversagen schwer genug war so dass der Tod bevorstand. Wahrscheinlich als das Ergebnis der prognostischen Ungewissheit, war aktive Palliative Sorge selten, hoch variant und arztabhängig. Die meisten Patienten starben bei Reanimationen, und nur bei 5% der Verstorbenen war vor dem Tode die Respiratortherapie eingestellt worden. Angesichts dieser prognostischen Ungewissheit besteht der einzige Weg sich guter Palliativer Sorge zu versichern darin, die Prinzipien und ihre Praxis in die Sorge aller Patienten aufzunehmen, ungeachtet der Prognose. Eine weitere Unterstützung dieser Ansicht kommt von Studien die andeuten, dass Überlebende intensiver Sorge eine langanhaltende Beeinträchtigung der Qualität des Lebens und ihrer psychosozialen Fähigkeiten haben (10). Aufmerksamkeit bei Schmerz- und Symptommanagement während des Intensivaufenthaltes vermag diese Spätfolgen zu mindern und eine Integration Palliativer Sorge für alle zu rechtfertigen, nicht nur für die Sterbenden. Deshalb muss die Aufmerksamkeit auf die Erleichterung des Leidens, Schmerz- und Symptommanagement und geteilte Entscheidungsfindung in die Routineprozesse der Sorge im Intensivbereich integriert werden, sowohl in ärztlicher als auch in pflegerischer Praxis.
Nicht zuletzt bewirkt die Natur der chirurgischen Kultur, insbesondere was die kritisch kranken und verletzten Patienten betrifft, dass Ärzte und Pflegende Palliative Sorge nicht als Teil ihrer Aufgabe begreifen. Tod kann als ein Versagen angesehen werden und Palliative Sorge lediglich als Aufgeben. Folglich wird die Kommunikation über Entscheidungen am Ende des Lebens vermieden bis ganz spät im Verlauf des Patienten. Das Gefühl der persönlichen Verantwortung für den Tod wird verstärkt durch Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen, während derer der Tod betrachtet wird um Fehler und Komplikationen zu bestimmen sowie Schuldzuweisungen zu treffen. Ein guter und friedvoller Tod wird üblicherweise nicht als positiver outcome wahrgenommen, noch wird der outcome von Lebensqualität betrachtet.. Um effektiv die Verhaltensweisen von Anbietern der Gesundheitspflege zu ändern und schließlich ihre Praxis im Bereich der Palliativen Sorge, müssen Komponenten der Sorge am Ende des Lebens Bestandteil von Peer Reviews und Morbiditäts- und Mortalitäötskonferenzen werden. Kommunikation zwischen Ärzten, Angehörigen und Pflegenden muss hervorgehoben, unterstützt und erleichtert sowie Teil der Routine in der Struktur der IPS werden. Deshalb ist die Unterstützung der Kommunikation ein Eckstein dieser Intervention. ...

Polaris (anonym) - 31. Okt, 07:30

Insbesondere die Unikliniken sind da ziemlich erbarmungslos, wenn's um Statistiken o.ä. geht.
Als ich-vor langer Zeit- noch in der Intensivmed. gearbeitet habe, war es durchaus üblich, Patienten, die im Sterben lagen, in periphere Krankenhäuser zu verlegen.
So hatte man einen Toten weniger in der Bilanz.
Das diesem Menschen ein würdiges Sterben verwehrt wurde, spielte gar keine Rolle.

Es gibt da viele Geschichten und Beispiele, die belegen, dass dieses System inhuman ist.
Es verschleisst die Menschen auf beiden Seiten der Betten.
Wenn ich permanent grenzüberschreitend tätig sein muss, erkenne ich die letzten Tabus nicht mehr.
Habe den Zugang zum Ethos verloren.

Berichten Sie bitte weiter, Frau Nachtschwester.
So dass es auch außerhalb der Krankenhausmauern zum Thema wird.

HiG (anonym) - 31. Okt, 08:05

Wie geht das ?

Mich würde mal interessieren, wie ihr das geschafft habt, die Patienten zu turfen. Auch in der Peripherie sind die Leute nicht doof und lassen sich nicht so ohne weiteres alles andrehen. im Gegenteil, wir kriegen oft genug Patienten aus der "Peripherie", weil wir Maximalversorgung sind und Neurochirurgie, wo sich dann rausstellt, hatte schon dort weite lichtstarre Pupillen, ist eine Hirnmassenblutung usw.
Im Gegenteil, im Intensivbereich besteht ja oft auch die Tendenz, Leute zum Sterben auf die Normalstation zu turfen. Bei uns nicht. Wir trinken den Kelch aus. Nur im absoluten Notfall, wenn nicht anders Kapazitätenb geschaffen werden können, passiert so was. Es ist nicht alles schlecht.
nachtschwester - 31. Okt, 13:17

Polaris bezieht sich wohl auf die Prä-Fallpauschalen-Zeiten. Diese präfinalen Verlegungen kenne ich auch noch; aus einem Kreiskrankenhaus, das solche Patienten zum Sterben übernahm, später aus Unikliniken, die sie wegturften. Es gab ja Anfang/Mitte der 90er noch überall genug Betten, für Belegung gab es den Tagessatz, der war in der Peripherie niedriger als an den Unis, den Kassen war es also recht, den kleinen Häusern war egal, wie sie ihre Betten belegten, die Mortalitätsstatistik spielte in den Unis auch eine Rolle, und so waren mit dem Turfen alle zufrieden außer dem Pflegepersonal und den Angehörigen, die die Diskontinuität der Behandlung als inhuman ansahen.

So unwürdig fand ich dieses Sterben nach Abschiebung übrigens nicht; wir konnten in diesem Kreiskrankenhaus die Patienten und Angehörigen besser begleiten, als das in den universitären Tretmühlen möglich ist, die nun mal traditionell kurativ ausgelegt sind und erst in den letzten Jahren anfangen, sich auch ein paar palliative Gedanken zu machen. Womit wir wieder beim genannten strukturellen Problem sind.

Sie haben recht, Polaris, mit dem Verschleiß der Tabugrenzen. Früher sind sie mit den Berufsjahren allmählich verwischt, nachdem man voller Idealismus gestartet war; heute werden bei uns ärztliche Berufsanfänger mit 26 gleich in diese Verhältnisse hineinsozialisiert. Man steckt sie auf die Intensivstation, nachts und am Wochenende auf sich selbst gestellt, weil sie billig und unkritisch und "leicht führbar" sind. Sie stellen keine Fragen, höchstens medizinische, und halten diesen Job so früh in der Vita für ein Sprungbrett. Mein Alptraum, ihnen in ein paar Jahren womöglich als Patientin zu begegnen.
Polaris (anonym) - 31. Okt, 17:12

Ja, meine Erfahrungen in der Intensivmed. liegen schon einige Jährchen zurück.
Die Jahre dort prägen mein Bild jedoch bis heute.

Diesen jungen Mediziner, die in der Tat nie die richtigen Fragen zu stellen lernen, die jagen auch mir Angst und Schrecken ein.
Ich mag es mir nicht vorstellen.

Das "Turfen" der praefinalen Patienten empfand ich persönlich als inhuman, da der Sterbeprozess keine Achtung erfuhr.
Der Weg bis hin zum Tod, das Sterben selbst also, durfte nicht stattfinden.
Dafür gibt/gab es kaum Bewusstsein.
Mittlerweile ist die Hospizbewegung keine kleine Insel mehr, sondern erfährt immer mehr Popularität und Achtung.

Ich hoffe, dass in der klinischen Medizin ebensso ein Wertewandel stattfinden wird.
Das hoffe ich wirklich sehr.
Und die Hoffnung stirbt zuletzt...... *g*

rpk - 1. Nov, 08:27

sorry, totaler laie...

...aber nach 2 jahren der aufenthalte in div. krankenhaeusern, herz-und diabetes erkrankung und vieles andere mehr, kann ich sagen, dass ungeheuer viel fuer die patienten von seiten der kassen, der aerzte und des krankenhaus-personals getan wurde und man wirklich ueberaus bemueht war. natuerlich habe ich keine ahnung zu einer kosten-nutzen rechnung, habe jedoch einige "anfechtbare" dinge, wenn auch nach diskussion, erstattet bzw.(aok) genehmigt bekommen. fazit: ich persoenlich bin mit unserem gesundheitssystem rundum zufrieden. eine ausnahme: die intensivstation der uniklinik frankfurt. nach bester operativer versorgung dort ist diese station mit das so ziemlich grausamste, was ich erlebt habe. ich will das nicht weiter ausfuehren, aber "zum glueck" bekam ich diesen msr-virus dort und die verlegung in ein anderes krankenhaus war notwendig. hier in quarantaene hatte ich die vorzuege eines erste klasse patienten.
die geschichte der nachtschwester zeigt uns eine andere, ungeheure und erschreckende perspektive. ich troeste mich damit, das ich hoffe, der mann ist erloest, falls seine gehirnschaedigungen ihn zum pflegefall gemacht haetten. die wirtschaftlichen aspekte verdanken wir einem kranken zeitgeist, der uns alles nach bwl und jura bewerten laesst....und sicher auch nicht ohne zwang fuer die aerzteschaft. hier wird das soziale denken pervertiert und ich fuerchte, es kann nur schlimmer werden. nicht die tatsaechliche lage der systeme ist schuldig, sondern das denken in der gesellschaft. auch hier wollen aktionaere befriedigt werden und man huldigt der gewinnmaximierung. im prinzip muss man solche dinge als krankhaften kapitalismus bezeichnen. ob der sich eines tages ueberlebt? ich hab da so meine zweifel.

nachtschwester - 1. Nov, 11:21

Es gibt eine Menge ausgezeichneter Einrichtungen, das bleibt so stehen.
Vergessen Sie aber nicht, dass man Ihnen als Kunden die Schokoladenseite zeigt. Sie müssen als Laie glauben, was man Ihnen erzählt. Auch das Haus, über das ich hier schreibe, hat eine Menge zufriedener Patienten. Wir bekommen tränentriefende Dankesbriefe von Angehörigen Verstorbener, die sich hervorragend betreut fühlten. Bei vielen von ihnen wissen wir hinter den Kulissen, dass eine ganze Menge schief lief.

Man hat Sie mit Ihrem MRSA übrigens bestimmt nicht aus Notwendigkeit verlegt, weil man den an der Uni Frankfurt nicht hätte behandeln können, sondern weil Sie durch die Isolation den Patientendurchlauf in ihrem Zimmer auf längere Zeit blockiert, also viel Geld gekostet hätten.
HiG (anonym) - 1. Nov, 09:58

Strukturwandel. die Dritte

Das „Turfen“ von Patienten hat es bei uns (Krankenhaus der Maximalversorgung, 1600 Betten) auch in den prä-DRG-Zeiten nicht gegeben.
Aber um den Bericht aus der Gesundheitwirtschaft noch einmal zu beleuchten:
Ich bin in meiner Pflegeausbildung mit dem Werk von Hilde Steppe (Krankenpflege im Nationalsozialismus) in Berührung gekommen. Das hat mich nachhaltig geprägt. Denn es hat im Nationalsozialismus z. B. Schwestern gegeben, die Behinderten auf Arztanordnung tödliche Dosen Luminal gaben und dabei vorher die Einstichstelle desinfizierten. Ich mache nichts, von dem ich meinem Rechtsempfinden nach nicht überzeugt bin.
Wir leben heute in einem Rechtsstaat. Und wenn der weisungsbefugte Erfüllungsgehilfe seine Arbeitsleistung nicht sach- und fachgerecht erbringt, habe ich ein Zurückbehaltungsrecht meiner Arbeitskraft. Bei mir hätte dieser Oberarzt alleine extubiert. Und die Umstände dieser Extubation wären von mir ganz sachlich im Pflegebericht beschrieben worden. Solche Leute müssen spüren, das ihr Verhalten Konsequenzen haben kann. Und wenn der pflegerische Dienst eine Kultur hat, in der ein solches Verhalten nicht geduldet und mitgetragen wird, kann ich mir vorstellen, dass sich selbst ein Oberarzt so nicht benehmen kann. Und wenn es diese Kultur nicht gibt, dann muss man daran arbeiten. Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein. Sondern dass das Leid weniger wird.
Noch eins. Zivilcourage. Ich erinnere an den Hubschrauberpiloten Hugh Thompson, der das Massaker von My Lai beendete, in dem er zu den amerikanischen Soldaten, die dabei waren, Zivilisten zu erschießen, sagte: „Hier wird nicht mehr geschossen. Oder meine Doorgunner schießen auf euch.“

nachtschwester - 1. Nov, 11:02

Ach, HiG, die Stimme der Vernunft. Ich bin kein Kind dieses Hauses; ich diskutiere, verweise auf meine Durchführungsverantwortung, ich delegiere zurück, was ich nicht vertreten kann, verweigere Assistenz, ich dokumentiere, ich melde ans Risiko- und Beschwerdemanagement und meine Vorgesetzten, ich ziehe Konsequenzen und verlasse das Haus. Das gibt das Gefühl, persönlich keine Schuld zu tragen, ändern tut es nichts. "Anderswo ist es noch schlimmer", höre ich ständig, von Stationsleitungen, Kollegen und jungen Ärzten, als wäre das ein Maßstab.
Polaris (anonym) - 1. Nov, 16:09

"Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein, sondern um das Leid zu verringern"...???

Wir sind auf der Welt um glücklich zu sein und um andere glücklich zu machen.
Alles andere wäre doch fatal.

HiG (anonym) - 1. Nov, 19:26

Preußische Tugenden, modifiziert

„Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Schuldigkeit zu tun“ (Otto von Bismarck, an Johanna, 26. Juni 1851)
Oder wie Adorno es in den “Minima Moralia“ weiter ausführt: "... Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten, und ein gerader Weg führt vom Evangelium der Lebensfreude zur Errichtung von Menschenschlachthäusern so weit hinten in Polen, daß jeder der eigenen Volksgenossen sich einreden kann, er höre die Schmerzensschreie nicht. Das ist das Schema der ungestörten Genußfähigkeit. ..."
Frau Echse (anonym) - 2. Nov, 10:06

ich arbeite auch seit jahrzehnten in krankenhäusern und das was du schreibst ist genau auch meine erfahrung, gott sei dank nie sooo drastisch weil ich nicht weiß ob ich menen job dann noch hätte denn da wäre ich sicherlich nicht ruhig geblieben.
aber letztendlich geht es schon lange nicht mehr um die menschen sondern so wie überall anders auch ums geld.
ich habe das nicht ausgehalten und bin zügig in die psychiatrie ausgewichen. da steht, noch, wenigstens etwas mehr der mensch im vordergrund.

wholelottalove - 3. Nov, 20:03

und wovon träumen sie tagsüber, frau echse?
hellaken (anonym) - 3. Nov, 00:19

Entschuldigung,

ich habe keinen Kommentar gelesen. Es würde mich zu sehr runterziehn...

Schei.. DRG´s!

Aber es sind ja nicht die DRG´s, sondern der OA, der so handelt. Ich bin froh, dass von "meinen" Oberärzten keiner so handeln würde (hoff..).

Kopp schüttel...

MarkusSorger - 3. Nov, 08:37

Hm......

Ändert eine Patientenverfügung wirklich etwas an der Behandlung in den ersten Stunden ? Eher nicht. Bis sie gefunden und gelesen ist, vergeht Zeit, in der einfach gearbeitet wird wie immer. Und dann kenne ich durchaus Fälle, in denen sie bewußt gebrochen wird. Mit welcher Begründung auch immer.

Ich selbst hatte in meinem Leben den ein oder anderen Krankenhausaufenthalt, zuletzt nach einem Sturz aus 16m (42 Brüche, zum Glück keine ernsthaften inneren Verletzungen), gehöre zu den Leuten, die nicht in Ehrfurcht erstarren, wenn sie Menschen in weiß sehen, sondern sehr kritisch alles hinterfragen und habe bisher tatsächlich zum Glück nur gute Erfahrungen gemacht. Was vielleicht auch am Status des Privatpatienten liegen mag.

Der geschilderte Fall läßt hoffen, daß der verantwortliche Oberarzt recht schnell in eine Situation kommt, in der er auf qualifizierte medizinische Betreuung angewiesen ist.

HiG (anonym) - 3. Nov, 11:58

Die Patientenverfügen als ein Instrument der Solidarität gesehen

Wir leben, wie gesagt, in einem Rechtsstaat. Um das mal von Kniechen auf Stöckchen aufzudröseln: Das Gesetz bietet keine ausdrückliche Regelung der Zusammenarbeit von Ärzten mit nicht-ärztlichem Personal an. Daher hat sich die Rechtsprechung berufen gefühlt, diese Frage zu klären. Sie hat sich darauf festgelegt, dass die medizinische Behandlung durch die Ärzte durchgeführt wird, die sich hierzu bestimmter Hilfskräfte bedienen. In der Vorstellung der Rechtsprechung sind diese unselbständig und nicht in der Lage, ohne direkte Hilfestellung des Arztes auch noch so geringfügige Behandlungen auszuführen oder Entscheidungen zu treffen.
Die Allmacht des Arztes entsteht rechtlich gesehen außerdem dadurch, das er in Situationen, in der der Wille des Patienten unklar ist, sich verschiedener Rechtsfiguren bedient: Geschäftsführung ohne Auftrag, Gefahr im Verzuge, Verpflichtung aus Garantenstellung, rechtfertigender Notstand. Ärzte rechtfertigen ihr Handeln zudem in solchen Situationen damit, das sie ja verklagt werden würden, wenn sie nicht so handeln, wie sie handeln würden.
Eine Patientenverfügung und insbesondere eine Vorsorgevollmacht (man kann das alles googeln, sich Formulare ausdrucken, lieber Leser, Du bist jetzt nur noch zehn Minuten entfernt von Deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, aus der Du jetzt austreten kannst, wenn du Dich deines eigenen Verstandes bedienst, Sapere aude!), die einen Vertreter benennt, der Entscheidungen trifft, für den Fall, das man selbst nicht entscheiden kann, stellt rechtlich gesehen ein Stück Waffengleichheit her.

Um das zu illustrieren:

Wir bekamen eine nette ältere Dame auf die Intensivstation. Mit Patientenverfügung. Die Dame wurde kurze Zeit später für hirntot erklärt. Wir bekamen den Auftrag, Spenderkonditionierung zu betreiben. Wenn jemand hirntot ist, versagt auch ziemlich schnell das Herz-Kreislaufsystem und man muß einiges verballern, um den Patienten bis zur Explantation zu halten. Der behandelnde Arzt hatte aber nicht einmal die Patientenverfügung gelesen, in der die Dame sich dagegen aussprach, Organspender zu werden im Ernstfalle. Das gab uns Pflegende die Chance, uns mit der alten Dame solidarisch zu erklären und harte Hinweise auf den tatsächlichen Willen des Patienten führten dann am nächsten Tag zur Einstellung der Behandlung und ermöglichten ihr den Tod, den sie sich eigentlich gewünscht hatte.

In seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung ? (Königsberg in Preußen, den 30. September 1784) spricht Kant auch von Faulheit und Feigheit, die Ursachen der selbstverschuldeten Unmündigkeit sind. Man kann aber in Umkehrung der Feigheit nicht so ohne weiteres von Tapferkeit sprechen. Im sokratischen Verfahren ist Tapferkeit das Wissen, „was zu fürchten und was zu lieben ist“. In unsolidarischem Zusammenhang mutig zu sein, kann mich ins Unglück stürzen. Der materielle Kern der Tapferkeit ist deshalb, genau wie bei der Erkenntnis, das Vertrauen.
Wenn ich als Pflegekraft also eine Patientenverfügung vorliegen habe, kann ich darauf vertrauen, mich nicht ins Unglück zu stürzen, wenn ich Arztanweisungen zuwider handle. Ich denke, dies ist ein gutes Beispiel für die Gewalt des Zusammenhangs.
HiG (anonym) - 3. Nov, 13:01

Fehlerberichtigung

Es soll natürlich heißen: Die Patientenverfügung als Instrument der Solidarität gesehen.
Vielleicht ist dies nicht ganz deutlich geworden: Wer Interesse hat an der Arbeit über Palliative Sorge, kann mich unter agtes
HiG (anonym) - 3. Nov, 13:07

Fehlerberichtigung II

Es ist wohl beim sichern was verschluckt worden.

... agtes
nachtschwester - 3. Nov, 15:57

@HiG: Sehr gut auf den Punkt gebracht!

Es gibt viele Schuldige an den Verhältnissen. Ein Teil des Problems ist auch die Weigerung der meisten Menschen, die banale Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass jeder stirbt, die wenigsten sind dabei gesund, und nicht jeder wird vorher 80. Der Ernstfall trifft sie fast immer unvorbereitet und liefert sie lämmisch ihrem blinden Vertrauen in unser Gesundheitswesen aus.

@Markus: Solange eine anderslautende Willenserklärung des Patienten nicht vorliegt, müssen zunächst alle lebenserhaltenden Maßnahmen unternommen werden. Man kann nicht auf Verdacht hin gegen das Leben eines Menschen entscheiden.
Liegt allerdings eine Verfügung vor, darf sie nicht gebrochen werden, das haben wir Frau Zypries` Engagement der letzten JAhre zu verdanken. Geschieht es doch, muss der Arzt mit rechtlicher Verfolgung rechnen, wenn auch nicht unbedingt mit Strafe. Problem ist nach meiner Erfahrung auch weniger das Sich-Hinwegsetzen über den erklärten Patientenwillen, sondern verwaschen formulierte Verfügungen, die keine klaren Kriterien oder Handlungsanweisungen für den intensivmedizinischen Ernstfall geben.

Der OA wird im Krankheitsfall die allerbeste Behandlung erhalten, da tragen alte Seilschaften. Das gilt auch für gesundheitspolitische Entscheidungsträger weiter oben - die Gewissheit, nie selbst betroffen zu sein.
HiG (anonym) - 3. Nov, 18:01

Manchmal kann sich die Angehörigkeit zu einer so genannten Elite auch in das Gegenteil verkehren. Über das Ende des Diktators Francisco Franco beispielsweise schrieb der Franco-Gegner Luis Buñuel: „Ich habe schließlich sogar Franco bemitleidet, den man monatelang unter fürchterlichen Leiden künstlich am Leben hielt.“
Wer weiß, vielleicht gerät dieser Oberarzt auch an jemanden, der es noch einmal so richtig krachen lässt: Arterenol auf 99, Dialyse mit Nabi-Beuteln und Ecmo und Rotorestbett und IABP, also das Purgatorium noch zu Lebzeiten. Wir haben immer nur Wahrscheinlichkeiten. Keine Gewißheit.
HiG (anonym) - 6. Nov, 20:45

Statistische Betrachtungsweise

Verfährt der Oberarzt in der Regel so, erkennen die Kassen dieses Verhalten, da die Beatmungstage seiner Patienten gehäuft in der Nähe von Schwellenwerten liegen. Es entsteht ein statistisch signifikantes Muster. Es gibt dann zwar keine ethische, aber vielleicht eine betriebswirtschaftliche Watsche. Nicht ganz befriedigend, aber immerhin.

nachtschwester - 6. Nov, 22:38

Haben Sie das schon mal erlebt?
Dass die Kassen bei solchen Fallzahlen und einer solchen Bandbreite von Verläufen so genau hinsehen?
HiG (anonym) - 6. Nov, 23:31

Die Kassen schauen, ja. Und gerade auch bei Beatmungstagen zieht der MDK auch stichprobenartig Krankenakten, um die Plausibilität der Abrechnung zu prüfen. Die Kassen sind natürlich Wirtschaftsbetriebe und keine philosophische Akademie. Das perfide an dem DRG-System ist ja der Anreiz, zu tricksen. Und wer das dann macht, kriegt Ärger mit dem MDK. Es gibt auch Ärzte, die das gar nicht so genau wissen wollen, mit den Schwellenwerten, um nicht in Versuchung zu kommen.

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