Von wegen Einheit



Das Baltic habe auch eine bewegte Geschichte, sagte unser Wirt auf Nachfrage nach dem verrottenden Prachtbau in erstklassiger Promenadenlage. Vor dem Krieg habe es den Juden gehört, die nutzten es als Heim für notleidende jüdische Künstler. Nach ´45 richteten die Russen ihre Kommandantur darin ein, ´72 bauten die Schweden daneben ein Meerwasserschwimmbad, das iss nu auch zu. Im Untergeschoss der Villa befanden sich Anwendungsräume für medizinische Bäder und Massagen, oben war eine Nachtbar und ein Restaurant. Nach der Wende habe die Stadt das Objekt für eine D-Mark von der Treuhand übernommen, und während man noch Konzept und Finanzierung suchte, hätten die Juden Ansprüche angemeldet. Und weil die Juden in Deutschland immer gleich kriegten, was sie wollen, damit sie nicht wieder laut schrieen, was wir ihnen alles Schlimmes angetan hätten, habe man ihnen das Baltic zurückgeben müssen. Angeblich wollten sie es der ursprünglichen Verwendung wieder zuführen, hätten sie damals getönt, mittellose Künstler gebe es ja immernoch. Aber als sie das Gebäude endlich wiederhatten, ließen sie es jahrelang vor sich hin gammeln, ohne einen Finger zu rühren, während die Stadt für Sicherung, Notheizung und Instandhaltung aufkommen musste. Und nach zehn Jahren fand man in ganz anderem Zusammenhang im Kreml Dokumente, die belegten, dass die Russen die Juden seinerzeit für das Gebäude bezahlt hätten - mit Rohstoffen, Kabeln, Geräten usw. rechtmäßig gekauft! Also sei die Rückführung ungültig gewesen, die Stadt hatte das Gebäude wieder, verrottet, zehn Jahre früher wäre man noch mit 90 Prozent von der EU gefördert worden, heute gebe es mit Glück noch 50% für eine solche Sanierung. Vielleicht nennen wir ihn einen alten Nazi, aber einer müsse doch sagen, wie´s iss, wie die Juden die Kommune jahrelang nach Strich und Faden an der Nase herumgeführt hätten und es noch täten, hätte man nicht zufällig diese Papiere gefunden!

Und während er noch über die der Stadt enstandenen Kosten und entgangene Fördergelder lamentierte, alles wegen der Juden, und die nun verfahrene Investorensituation, dachte ich darüber nach, wie diesem Hobbyhistoriker und Lokalpolitiker 40 Jahre Sozialisation in political correctness und Geschichtsaufarbeitung fehlen - genau wie den braven Bürger aus Mügeln, die nach dem Inderprügeln unbeschwert und meinungsbefreit in die Fernsehkameras verkündeten, man habe so viel für diese Stadt getan, schaunse mal, wie schön hier alles ist, nu machen sich hier die Ausländer breit und nehmen die Arbeitsplätze weg, gibt eh so wenig Arbeit, mit rechts und so habe das nichts zu tun. Alles Einzelmeinungen, natürlich. Kann man bitte trotzdem von den 17 Jahren Solizuschlag ein bisschen Geld in politische Aufklärung stecken, Herr Tiefensee, wo die Straßen doch jetzt alle neu geteert sind und die Ostwirtschaft so prima wächst? Wenigstens für die Folgegeneration?

Die Bäderarchitekturfassaden sind an der ostdeutschen Ostseeküste fast sämtlich wieder hübsch aufpoliert, der Fisch frisch, die Strände so schön, die Wälder auch, aber es ist noch längst kein behaglicher Ort, wenn man im Westen erzogen wurde.

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