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Deutsch

E-Post vom Balkan: "Heute bin ich beim Boss im Vorzimmer S. begegnet. Er hat sich noch einmal für unsere Mitwirkung am Kongress bedankt und gefragt, wann Du wieder kommst. Ich soll Dir herzlichst grüßen und ich muss Dir sagen, seine Augen fangen an zu leuchten und er kriegt das Zittern, wenn er von Dir spricht."

S. ist ein junger Arzt, der den Kongress mit immerhin 250 Teilnehmern hauptverantwortlich organisiert hat und am Ende noch den ersten Preis für die beste Präsentation mitnahm. In der Lobby des Tagungshotels gab es einen einzigen unter-vier-Augen-Kontakt. Ich sah ihm gerade ins Gesicht, eineinhalb Köpfe über meinem, und sagte, "S., ich bin sauer. Gestern habe ich nichts gesagt, als wir weder Leinwand noch Beamer noch Strom im Raum hatten, bis das erste Workshop praktisch vorbei war. Aber wenn Sie auf die Uhr schauen, sehen Sie, das erste Workshop für heute hätte vor 30 Minuten beginnen sollen. Wer zum Teufel hat das Zeug wieder rausgeräumt? Wir kommen für drei Tage her, wir stehen für so viele Workshops zur Verfügung, wie Interesse besteht, Anreise und Unterkunft machen wir selber, wir haben zwei Laptops dabei, wir haben einen verdammten Film gedreht, wir kommen mit einer Wagenladung Einmalmaterial für die Teilnehmer, der Andrang ist groß, alles was Sie tun müssen, ist eine Leinwand und einen Beamer in den Raum stellen, oder im Raum zu lassen! Oder rechtzeitig Bescheid sagen, dass Sie´s nicht können , dann hätten wir das auch noch mitgebracht. Ich gehe jetzt eine Viertelstunde Kaffee trinken, und wenn ich wieder komme, will ich Leinwand und Beamer im Raum sehen, sonst machen wir heute gar nichts." Erschrocken aufgerissene Augen, er hatte ja keine Ahnung, er werde sich persönlich, sofort. Auch die Art der Konfrontation war ihm vermutlich fremd. Beim Abendessen kam er an unseren Tisch, um uns mitzuteilen, wir seien die Hauptattraktion und das Feedback der Teilnehmer ausgezeichnet. Er entschuldigte sich noch einmal. Es tue ihm leid, dass ich mit der Organisation nicht zufrieden war, wahrscheinlich liege es einfach daran, dass ich aufgrund meiner Herkunft gewohnt sei, dass die Dinge so laufen, wie sie sollen. Aha, meine nicht mentalitätsangepasste Sichtweise war also hier die Fehlerquelle. Meine beiden einheimischen Mitarbeiter hatten sich tatsächlich mir gegenüber verständnisvoll und loyal gezeigt, sich selbst aber kein bisschen aufgeregt.

Nun leuchten Augen. Sie freuen sich dort, wenn ich mich so verhalte, wie es ihrer Vorstellung des typisch Deutschen entspricht. Sie finden mich klasse, wenn ich etwas tue oder sage, was sie für besonders deutsch halten, sie stoßen sich mit dem Ellenbogen an, sie sagen "sie ist Deutsche, aber keine von den kalten Deutschen. Sie ist wie wir, aber deutsch." Sie freuen sich auch, wenn ich einheimische Redensarten verwende oder einheimische Spezialitäten bestelle, obwohl ich Deutsche bin, oder ihre Weine fabelhaft finde, obwohl ich den Riesling erfunden habe. "Ich habe schon viel von Ihnen gehört", sagte der Vater eines befreundeten Arztes. "Nur Gutes. Mein Sohn sagte, Sie sind sehr prinzipiell."

Prinzipientreu, vernunftgesteuert und evidenzbasiert, humorlos, unhöflich ehrlich, ordentlich strukturiert, verlässlich, pünktlich. (Siehe hierzu die Gliederung meiner Thesis, die ich in nur sechs Wochen schreiben muss, keine Ahnung, wo die Zeit hin ist.) Wenn ich mich des öfteren verspäte, wie es leider meine Art ist, finden sie sympathisch, dass ich so eine lockere Deutsche bin. Ich bin ungewöhnlich gut gekleidet, für eine Deutsche. Daran sind meine Kommilitoninnen schuld, dür deren modischen Auftritt während der Studienreise ich mir einiges anhören musste.

Das alles führt dazu, dass ich mich gelegentlich frage, was denn deutschtypisch sein kann bei der Diversität, die 85 Millionen mit sich bringen, oder ob die Stereotypen, die in ärmeren Ländern voller Hochachtung uns gegenüber gepflegt werden, hohle alte Klischees sind, auch wenn mir einige liegen und ich sie gern mit Leben fülle.

SPON international hat letztes Jahr vor der WM Texte zum Thema gesammelt, um ausländische Besucher auf kulturelle Besonderheiten einzustimmen. Manches ist platt, manches gar nicht so spezifisch deutsch, manches überlebenswichtig, vieles erhellend. Wer sich etwa an unangemessenen medizinischen Pseudofachbegriffen im Stil von "Kreisllaufzusammenbruch", "schwerer Schock" und "künstliches Koma" im Sprachgebrauch stört, möge das hier. lesen. Erst recht, wenn Sie sich nicht daran stören.
Etosha - 27. Jun, 08:35

Nun ja, ob 'das Zittern kriegen' wirklich ein Anzeichen von Freude ist...? :))

erdge schoss - 27. Jun, 11:51

Solange

liebes Fräulein Etosha, die Augen leuchten, darf er auch ein bisschen zittern ...

Und was, liebe Nachtschwester, ist schon typisch? Typisch ist aus Entfernung besehen,
und wenn man rankommt, sieht alles ganz anders aus ...

Ihr Erdge Schoss
nachtschwester - 27. Jun, 16:24

@ Etosha: Guter Punkt. An nackte Angst hatte ich gar nicht gedacht.
sokrates2005 - 27. Jun, 13:39

Ich mag ...

diese kulturellen Unterschiede, die zwar des öfteren nerven, aber einem doch den Horizont erweitern.
Denn manchmal muss man Fünf grade sein lassen und ein andermal darf 2+2 eben nur 4 ergeben ...

WilderKaiser - 28. Jun, 06:48

Sympathische Handschrift. Sehr strukturiert. *gg* LG, WilderKaiser

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