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Schuld

In meiner Vorstellung hat dieser 21jährige, der besoffen unterwegs mit Mamis Auto ihr Hirn zu Brei gefahren hat, ein kapitales Minus auf dem Lebenskonto. Keine vom Gericht zu verhängende Strafe kann es ausgleichen, kein temporärer Führerscheinentzug, kein "wir waren doch auch mal jung", keine verzweifelte Mutter, die sich neben passenden Worten, die sie durchaus findet, wahrscheinlich primär Gedanken um die bald mit einer Vorstrafe befleckte Vita ihres prinzipientreuen Sohnes macht. Dieses unbeschriebene Blatt, noch nichts bewiesen in seinem Leben, null Guthaben im Dienste an der Gesellschaft, nimmt der 33jährigen, die auf ihrer Intensivstation an der Rettung unzähliger Leben beteiligt war, das ihre und begreift das besondere Ungleichgewicht dieses Unfalls vermutlich gar nicht. Was sollte mit ihm geschehen? Nach der nun anstehenden Phase der Depression, Psycho- und Therapiekiste, die ihn in die Lage versetzen sollen, nach dem Trauma ein Leben wie jeder andere zu führen, möge er bitte trotzdem die besondere, altmodische Lebenspflicht wahrnehmen, Gutes zu tun. Entwicklungshilfe leisten, Sozialarbeit in den dreckigsten Slums, Minen räumen, Kriegsfotograf werden, sowas eben. Früher gingen die Leute ins Kloster, Buße tun, oder missionieren. Wann soll ich denn den Moralischen kriegen, wenn nicht hier.
madison (Gast) - 17. Jun, 11:29

Schuld

>>Therapiekiste, die ihn in die Lage versetzen sollen, nach dem Trauma ein Leben wie jeder andere zu führen,....>>

Kommt wohl auf die Persönlichkeit des Fahrers an, ob das möglich ist, und ich frage mich, ob es überhaupt das Therapieziel sein kann.

nachtschwester - 20. Jun, 03:54

Ohne davon Ahnung zu haben, ist das nicht immer das Ziel? Rehabilitieren, resozialisieren, Arbeitskraft wiederherstellen und emotional ausbalancieren, das vollwertige Mitglied der Gesellschaft? Kriminalitätsopfer beklagen doch immer, dass die Täter mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge erhalten als sie selbst.
creezy (Gast) - 17. Jun, 12:08

Mal ehrlich, warum sollte er ein Traum haben? Er war doch dank seines Alkoholpegels gar nicht an dem Unfall beteiligt?

Ich weiß, dass ich letzte Woche aufgrund zweier (für mich kritischer) Verkehrsmomente dachte: „Männer sollten erst den Führerschein machen dürfen, wenn aufgrund ihres Alters nachweislich die Testosteron-Produktion abfällt." Außerdem sollten Männer nach Erlangung ihres Führescheines grundsätzlich nur Autos mit maximal 50 PS fahren dürfen. Und führ ein Fahrzeug mit deutlich mehr PS erst mal eine sehr sehr teure Eignungsprüfung ablegen dürfen. Keine Ahnung warum ( ;-) ) aber Straßenverkehr macht mich immer wieder zu Geschlechtsrassistin … ,-(

nachtschwester - 19. Jun, 04:21

Ach, so einfach ist das leider nicht. In diesem Fall saß auf dem Beifahrersitz die Freundin des Typen. Sie fand seinen Zustand so o.k., dass sie ihn nicht nur hat fahren lassen, sondern sich noch mit ins Auto gesetzt hat.
rosmarin - 18. Jun, 01:59

scheisse das....

KleinesF - 19. Jun, 12:05

Hilft wenig, Werten hinterherzutrauern.

Bergeundmehr - 19. Jun, 19:06

Und der läuft natürlich wieder frei rum ! Da kommt garantiert die 'Psycho- und Therapiekiste' was sonst ? Irgendwas drückt sich irgendein Seelenklempner schon aus dem Schädel, damit dieser Schnösel mildernde Umstände bekommt. Ist doch immer so !
Die Sache mit der Entwicklungshilfe oder Minenräumdienst: keine so schlechte Idee, Frau Nachtschwester !

blue sky - 20. Jun, 00:24

Bergeundmehr, eine Haft vor dem Urteil gibt es nur bei Flucht- und Verdunklungsgefahr. Vor einer Haft als Strafe steht dagegen erst einmal ein ordentlicher Prozess. Ich finde das eine lobenswerte Angewohnheit unseres Rechtssystems, egal wie wütend man über eine Tat sein kann. Oder vielleicht gerade deswegen.
nachtschwester - 20. Jun, 05:05

Ich rufe gar nicht "Lyncht ihn!° oder "Ab in den Irak!" oder stelle unser Rechtssystem in Frage, weil die Strafen, die es vorsieht, häufig nicht der Schuld entsprechen, die man dem Täter subjektiv aus der Zuschauerposition zuweist. Recht, Moral und Ethik messen mit verschiedenerlei Maß.
Klügere Köpfe als ich haben sich mit dem Schuldbegriff auseinandergesetzt, ich will mich gar nicht in Sozialphilosophie oder Religion oder Karma oder Dharma versuchen. Aber Schuld bedeutet im Wortsinn immer auch Verpflichtung, und neben der haftungsrelevanten, strafrechtlichen und ökonomischen habe ich die naive Vorstellung einer Gewissensschuld, die der Schuldige auf geeignete Weise abtragen sollte, aus freien Stücken.
blue sky - 21. Jun, 22:00

»...Gewissensschuld, die der Schuldige auf geeignete Weise abtragen sollte, aus freien Stücken.«

Aus freien Stücken sollen... Ich glaube, hier haben Sie das unauflösbare Dilemma gut ausgedrückt. Ich für mich halte eine selbst auferlegte Buße, so wie Sie sie beschreiben, auch zumindest für einen möglichen Weg, eine solche schwere Schuld abzutragen. Aber wenn er nicht aus freien Stücken eingeschlagen wird, ist es schon wieder keiner.

(Über den Fahrer mag ich ja eigentlich gar nicht nachdenken.)
Bergeundmehr - 20. Jun, 13:38

gut, blue sky, es kommt natürlich auch auf die Tat an und darauf, wie gemeingefährlich der Täter ist. Dass er jetzt, wo er wieder draußen ist, bishin zu seinem Prozess vor Gericht, nochmals im besoffenen Kopp jemanden kaputt fährt, wird wohl nicht passieren (hoffentlich).

Nachtschwester, ich meinte das eigentlich auch eher so wie Du. Verantwortung tragen. Fragt sich nur, ob man diesem Schnösel überhaupt mit 'Verantwortung' oder 'Verpflichtung' kommen kann....

Henriette (Gast) - 20. Jun, 20:09

Wie furchtbar! Aber nicht nur der Unfallverursacher, sondern auch die Freundin sollte sich - spätestens jetzt - mal intensiv mit den Begriffen "Verantwortung" und "Konsequenz" befassen, denn wenn er am Ende so blau war, dass er sich an nichts erinnert, dann hätte sie ja womöglich die konsummierten units Alkohol mal kurz überschlagen können, um zu dem Schluss zu kommen, dass sein Zustand eben doch ganz und gar nicht o.k. war. Dahinter muss die Bequemlichkeit des "Nachhausegefahrenwerdens" in der Hoffnung "wird schon nix passieren" schlicht zurückstehen. Wobei das nur meine subjektive Meinung sein kann, ich will hier auch nichts Falsches unterstellen. Was für ein sinnloser Unfall!

Fischer (Gast) - 21. Jun, 14:16

Netter Vergleich...

Wer will da noch sagen, jedes Leben sei gleich viel wert?

Es ist natürlich verlockend, "den Moralischen" zu kriegen, wenn der Sündenbock so schön einfach zur Hand ist und sich ein so einleuchtendes Ungleichgewicht zwischen Täter und Opfer herbeikonstruieren lässt.

Aber was ist mit den anderen Leuten, die jedes Jahr totgefahren werden? Alles Einzelfälle, alles individuelle Schuld, hat alles nichts mit Dir oder mir zu tun? Schön wär's.

Mach dir nichts vor: Gut 5000 Verkehrstote jährlich sind der Preis, den wir als Gesellschaft für Mobilität bereit sind zu zahlen. Das Blut haben wir alle an den Reifen.

Nur mal so ein Gedanke, in die wohlfeile Empörung hineingeworfen. ;)

nachtschwester - 21. Jun, 16:49

Schon recht, aber ich habe nun mal etwas gegen achselzuckende Verallgemeinerungen. Wenn Du schon Kollektivschuld ins Spiel bringst, betrachtest Du mit der "mobilen Gesellschaft" das falsche Kollektiv. Nicht jeder Autofahrer trägt Schuld an 5000 Verkehrstoten, und nicht bei jedem Unfall gibt es überhaupt ein grobes Verschulden eines Beteiligten.
Man könnte vom Kollektiv der unter Alkohol- und Drogeneinfluß oder übermüdet oder wissentlich mit technischen Defekten Fahrenden sprechen, aber das Kollektiv entbindet den Einzelnen nicht von Verantwortung. Es kann nur nützen, sich schlimme Einzelfälle genau anzusehen.
Fischer (Gast) - 22. Jun, 21:33

Der Einzelfall ist natürlich wichtig, keine Frage.
Nur dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, wenn wir nur die ganzen Leute zum Anschnallen zwängen oder keiner mehr besoffen führe, dann könnten wir Autoverkehr ganz ohne Tote und Verletzte haben.

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