Familiäres (1)
Im väterlichen Familienclan der Nachtschwester, der sich vorletztes Wochenende in einem Rhön-Kurort traf, gab es nur eine einzige Ehescheidung, seit sich der Großvater in den 30ern scheiden ließ, um die Großmutter zu heiraten. Er fiel ´45 in den letzten Kriegstagen und blieb ihr einziger Mann bis zu ihrem Tod mit 93. Seit sie keine Advents-Karpfenessen und Geburtstagsfeiern mehr ausrichtet, trifft sich die Familie einmal im Jahr einfach so.
Ein Einheimischer blieb nicht nur minutenlang stehen, um mir beim Parken zuzusehen, er folgte mir, als ich mein Gepäck ins Hotel trug, um seine Missbilligung zu verbalisieren und mich auf den korrekten Parkplatz hinter dem Haus hinzuweisen. "Mach ich später" reichte nicht, ihn loszuwerden, ich musste erst unfreundlich werden. Dieses Provinzdeutschtum bin ich nicht mehr gewohnt.
Wenn ich alle Familienmitglieder um einen Tisch sitzen sehe, zeichne ich manchmal in Gedanken Mendelsche Vererbungsschemata. Diesmal fasste ich zwei Merkmale ins Auge, Nasen und Sesshaftigkeit. Im ganzen Clan gibt es nur zwei Nasen, die großväterliche, kräftige gerade, wohlproportionierte mit tänzerischem Schwung der Nasenflügel, und die prominente, hakenförmige meiner Großmutter, hellhäutig und rotgeädert. Angeheiratete Nasen der zweiten Generation konnten sich nicht durchsetzen. Erst in der vierten Generation, bei den Urenkeln, tauchen gelegentlich andersförmige Nasen auf. Ich trage die großväterliche, sie steht mir.
Eigentlich beschäftigt mich aber die Sache mit der Sesshaftigkeit. Wäre die Neigung dazu erblich, wäre sie in der väterlichen Familie homozygot dominant und ich mutant. Man hat in den Sechzigern aus Leipzig ins Badische riebergemacht und sich seither nicht mehr bewegt, oder man ist gleich drübengeblieben. Deshalb finden die Zusammenkünfte immer in Franken statt, das ist die Mitte. Eine Kusine hat es immerhin 100 Kilometer nördlich in ein südhessisches Dorf verschlagen, ihre mittlerweile erwachsenen Kinder fühlen sich wohl in der Provinz und haben kein Bedürfnis nach Urbanität oder einfach nur einem Tapetenwechsel. Das ist mir unbegreiflich. Dass ich mich über den Hobby-Park-Blockwart ärgerte, verstanden meine Verwandten gar nicht richtig.
Meine Mutter, das angeheiratete Gastarbeiterkind der 50er, deren Familie immer wieder dorthin umzog, wo der Vater Arbeit fand, und ich, nach sieben Städten in vier Ländern, regen uns gerne gemeinsam über langzeitarbeitslose Ostverwandte auf, die es grundsätzlich ablehnen, anderswo als in Leipzig Beschäftigung zu suchen. Meine Mutter spielt mit über 60 mit dem Gedanken, das Haus in der Provinz, an dem mir als künftige Erbin ohnehin nichts liegt, zu verkaufen und in eine große Stadt zu ziehen. Vater sagt nein, wozu? - dieser pragmatische Bewegungsdrang ist ihm wesensfremd.
Die Familie meiner Mutter ist übrigens teils tot, teils unversöhnlich zerstritten. Ich selbst habe gar keine.
Ein Einheimischer blieb nicht nur minutenlang stehen, um mir beim Parken zuzusehen, er folgte mir, als ich mein Gepäck ins Hotel trug, um seine Missbilligung zu verbalisieren und mich auf den korrekten Parkplatz hinter dem Haus hinzuweisen. "Mach ich später" reichte nicht, ihn loszuwerden, ich musste erst unfreundlich werden. Dieses Provinzdeutschtum bin ich nicht mehr gewohnt.
Wenn ich alle Familienmitglieder um einen Tisch sitzen sehe, zeichne ich manchmal in Gedanken Mendelsche Vererbungsschemata. Diesmal fasste ich zwei Merkmale ins Auge, Nasen und Sesshaftigkeit. Im ganzen Clan gibt es nur zwei Nasen, die großväterliche, kräftige gerade, wohlproportionierte mit tänzerischem Schwung der Nasenflügel, und die prominente, hakenförmige meiner Großmutter, hellhäutig und rotgeädert. Angeheiratete Nasen der zweiten Generation konnten sich nicht durchsetzen. Erst in der vierten Generation, bei den Urenkeln, tauchen gelegentlich andersförmige Nasen auf. Ich trage die großväterliche, sie steht mir.
Eigentlich beschäftigt mich aber die Sache mit der Sesshaftigkeit. Wäre die Neigung dazu erblich, wäre sie in der väterlichen Familie homozygot dominant und ich mutant. Man hat in den Sechzigern aus Leipzig ins Badische riebergemacht und sich seither nicht mehr bewegt, oder man ist gleich drübengeblieben. Deshalb finden die Zusammenkünfte immer in Franken statt, das ist die Mitte. Eine Kusine hat es immerhin 100 Kilometer nördlich in ein südhessisches Dorf verschlagen, ihre mittlerweile erwachsenen Kinder fühlen sich wohl in der Provinz und haben kein Bedürfnis nach Urbanität oder einfach nur einem Tapetenwechsel. Das ist mir unbegreiflich. Dass ich mich über den Hobby-Park-Blockwart ärgerte, verstanden meine Verwandten gar nicht richtig.
Meine Mutter, das angeheiratete Gastarbeiterkind der 50er, deren Familie immer wieder dorthin umzog, wo der Vater Arbeit fand, und ich, nach sieben Städten in vier Ländern, regen uns gerne gemeinsam über langzeitarbeitslose Ostverwandte auf, die es grundsätzlich ablehnen, anderswo als in Leipzig Beschäftigung zu suchen. Meine Mutter spielt mit über 60 mit dem Gedanken, das Haus in der Provinz, an dem mir als künftige Erbin ohnehin nichts liegt, zu verkaufen und in eine große Stadt zu ziehen. Vater sagt nein, wozu? - dieser pragmatische Bewegungsdrang ist ihm wesensfremd.
Die Familie meiner Mutter ist übrigens teils tot, teils unversöhnlich zerstritten. Ich selbst habe gar keine.

