Vierzehn Jahre

Ich-im-Gras

Von allen Jungs, im ganzen Jahrgang, kam bald nach der Aufnahme aufs Gymnasium nur einer als Subjekt für Mädchenträume in Betracht. Nicht nur für meine, stellte ich bald fest. Kastanienbraune Haare, wasserhellblaue Augen, wunderschöne Hände. Er schrieb nur Einsen, spielte aber auch einen sehr körperlichen Ballsport, und von allen Instrumenten ausgerechnet Cello. Ein Elternteil war adelig, die Familie lebte in einer weißen Villa am Fluss. In meiner Vorstellung war er ein Prinz und ich sein Schicksal. Kein Anlass, mich aufzudrängen, ich hatte Zeit. Noch beinahe neun Jahre bis zum Abitur, in denen ich in aller Ruhe schöner und klüger werden konnte. Währenddessen würde ich seinen Rücken beschmachten und wenn er sich drehte, sein Profil, denn er saß immer in der ersten Reihe.

In der siebten Klasse im Schullandheim feierten wir abends Parties unter Aufsicht. Es war gar nicht so einfach, zum Stehblues an ihn ranzukommen. Der Andrang beeindruckte ihn nicht. Nie hat er mit einer geknutscht. Seinetwegen ging ich joggen, denn er tat es, und ich hoffte, ihm allein im Wald zu begegnen und in wortlosem Einverständnis, denn er sehnte sich ebenso danach, in seine Arme zu sinken. Ich habe ihn nie getroffen.

Seine Mutter färbte ihr Haar rabenschwarz, fuhr rote Porsches, trug Kostüme in derselben Farbe und dominierte die Elternabende. Er lehnte sie ab. Als sein freundlicher, ebenso begabter Bruder vor der elterlichen Villa totgefahren wurde, fing sie an zu trinken. Einmal sah ich, wie sie nach der Schule im Auto neben ihm herfuhr und ihm zurief, er solle verdammt noch man einsteigen. Er ging weiter zur Bahn. Im folgenden Jahr ging das Familienunternehmen pleite, die Eltern trennten sich, sein Vater zog weit weg.

Er stritt gerne mit Autoritätspersonen. Wenn einer seiner Sätze am Zeilenrand endete, bestand er darauf, den zugehörigen Punkt an den Anfang der nächsten Zeile zu setzen und lieferte sich endlose Prinzipienreitereien mit den Lehrern. Er focht verbissen Klausurergebnisse an, dabei ging es nie um ganze Noten, nur um einzelne Punkte. Er zerstritt sich endgültig mit seiner Mutter.

Bei alledem schrieb er unbeirrt weiter Einsen, spielte im Orchester, Theater und Ball, gewann Fotowettbewerbe, trug Wrangler, Kaschmirpullis und Burlington-Socken, und wenn er mich frontal ansah, fiel mir nichts mehr ein. Zwei dieser irritierend hellblauen Augen gleichzeitig hielt ich nicht aus. Die Tragödien in seinem Leben steigerten meine Verklärung seiner Person. Wie lässig er all dem standhielt, ein antiker Held, ein Fels, ein echter Mann! Wir waren fünfzehn.

Einige Jahre sprachen wir kaum miteinander. Das wortlose Verstehen war mein romantisches Ideal, überhaupt eines der Achziger, glaube ich. In Kinofilmen aus dieser Zeit schweigen Paare sich überwiegend an und kommunizieren oder missverstehen sich telepathisch, achten Sie mal drauf. In meinem Fall hing das Schweigen damit zusammen, dass mir das direkte Gespräch mit ihm physisch nicht möglich war. Herzrasend und erblassend verwandelte ich mich in der Nähe seiner Physis und seines messerscharfen Intellekts in eine Banalitäten stammelnde Gans, also mied ich Situationen, in denen ich mit ihm allein gewesen wäre. Wir hatten jedoch gemeinsame Freunde, die mich auf dem Laufenden hielten. Es gab kein anderes Mädchen. Wir beide warteten darauf, dass uns das Schicksal eines Tages zusammenführen würde, das stand für mich fest.

Während einer Klassenreise spürte ich ihn einmal kommen, als ich auf einem Tempelhügel im Gras lag und döste. Ich hörte seine Kamera klicken und tat, als hätte ich nichts bemerkt. Die Fähre zur Überfahrt nach Kreta lief wegen eines heftigen Sturmes acht Stunden zu spät aus, da war der Sturm aber noch längst nicht vorbei. Er gab mir seinen Schlafsack und ich kletterte damit im Dunkeln bei irrer Windstärke über das Schiff auf der Suche nach dem etwas älteren Backpacker, der mir am Nachmittag erzählt hatte, er wolle an Deck schlafen. Ich fand ihn auf einem kleinen, etwas windgeschützten Zwischendeck, und legte mich daneben. Im Sturm unter freiem Himmel auf dem heftig schwankenden Deck schlief ich in seinen warmen Daunen wunderbar und bedauerte morgens die jämmerlichen grünen Gesichter, die unter Deck in ihren Pullman-Sitzen todessehnsüchtig alles vollgekotzt hatten. Ihm ging es gut.

Ein stadtbekannter schwuler Kulturjournalist, klein, alt und dicklich, nahm ihn mit siebzehn in seiner Altstadtwohnung unter seine Fittiche, nachdem das Verhältnis zur alkoholkranken Mutter unerträglich geworden war. Wir kannten ihn, weil er bei unseren Theateraufführungen und Konzerten zugegen war und Kritiken schrieb. Die Frage, ob er ihn auch unter seine Bettdecke nahm, bereitete mir schlaflose Nächte.

In der Oberstufe begann er eine Beziehung zu einer geschätzten, aber wenig attraktiven Freundin von mir, die, wie ich mir einredete, nur asexuell sein konnte. Sie hatte nämlich schwaches Bindegewebe. Mit 13 hatte ich im Freibad schon Besenreiser und Cellulitis bei ihr gesehen. Trotzdem trug sie unter ihren Selbstgestrickten und Fruit-of-the-loom-T-shirts keinen BH und überliess ihr Bindegewebe dem freien Fall. Von allen Mädchen, die scharf auf ihn waren, hatte er die unscheinbare Kluge gewählt, das wertete ich, auch wenn es mir missfiel, als weiteren Hinweis auf seinen unbestechlichen Freigeist.

Pragmatisch verdrängte ich ihn vorübergehend aus dem Zentrum an den Rand meines Sehnens. Andere Mütter hatten auch Söhne, wir machten Abitur, ich ging ins Ausland.

Das Sicherheitsteam des amerikanischen Konsulats bewohnte ein weißes Haus auf einem Hügel, freitags feierten sie Gartenparties. Angehörige anderer NATO-Staaten wurden über ihre Konsulate eingeladen. Das war ein wild feiernder multinationaler Haufen. Es gab keinen Grund zur Enthaltsamkeit. Am Meer gab es zudem einen Einheimischen mit einem Boot. Daneben studierte ich. Nach drei Jahren wurde ich krank, ein Krieg zog herauf, ich bekam einen Studienplatz in der Heimatstadt.

Meine beste Freundin hatte noch Kontakt zu ihm. Sein Zivildienst war vorüber, er studierte Jura und hatte eine kleine Wohnung unterm Dach über unserer früheren Lieblingskneipe. Kürzlich war sie wieder in der Stadt gewesen und hatte sich mit ihm getroffen, er hatte sich nach mir erkundigt. Sie gab mir seine Nummer. Ich rief ihn an, das war ganz leicht und unverfänglich, ich suchte einfach Kontakt zu alten Bekannten. Außer ihm war keiner mehr in der Stadt. Wir trafen uns in besagter Kneipe, und zum ersten Mal war ich nicht bis zum Sprachverlust eingeschüchtert und hatte eine Menge zu erzählen. Als die Kneipe schloss, gingen wir nach oben.

Es dauerte einige Monate. Nachts gingen wir auf den Schlossberg und frühstückten morgens Laugenbrötchen mit Erdnussbutter und Orangenmarmelade, bis heute mag ich das. Er stellte Ananas-Strünke in Wasser und beobachtete, wie lange sie ohne Erde überlebten, Monate. Wir gingen in den Zoo, seine Lieblingstiere waren ausgerechnet Schildkröten, das hätte mir zu denken geben sollen. Wenn ich im Regen zu ihm kam, zog er mir die Schuhe aus und rieb meine Füße trocken. Er gab mir einen Abzug von dem Foto, das er in Griechenland von mir gemacht hatte, das hatte ich nicht nur nicht geträumt, er hatte es auch die ganze Zeit aufbewahrt.

Er verbrachte zwölf Stunden täglich an der Uni und in der Bibliothek. Er befand sich in einem Rechtsstreit mit seiner Mutter, die ihm keinen Unterhalt zahlen wollte, und mit seinem Vermieter, weil es durchs Dach regnete und schimmelte. Wir waren zweiundzwanzig. Zu seinem Vater hatte er gelegentlichen emotionslosen Kontakt. Ich hatte Geldsorgen und fand mich an der heimischen Uni nicht gut zurecht. Es fehlte Leichtigkeit, alles war kompliziert. War von Liebe die Rede? Ich erinnere mich nicht.

Zum verabredeten Zeitpunkt war er nicht zu Hause, er rief nicht an, er entschuldigte sich nicht. Was das bedeutete, war mir klar. Nach dem zweiten Mal knallte ich die Tür hinter mir zu und schrieb ihn ab, vorerst. Ein, zwei Jahre später, da hatte er sein Studium schon vorzeitig mit Prädikat beendet und wollte ins Ausland, besuchte ich ihn noch einmal zum Abschied. Wir tranken Wein, eine Frau rief aus Schottland an. Er legte einen Finger auf meine Lippen und fasste sich kurz. Sie studierte irgendeine Geisteswissenschaft, vorübergehend in Edinborough. Nachdem er aufgelegt hatte, redeten wir über die Karriereplanung und übers Kinderkriegen. Das war für den ewig Unverbindlichen mit dieser Frau eine ernsthafte Option. Zeit, vom Bett aufzustehen und zu gehen. Nach vierzehn Jahren endlich mit einem klaren Kopf in dieser Angelegenheit.

Ich habe ihn nie wieder gesehen und eigentlich auch nicht mehr an ihn gedacht, bis ich Mitte der 90er zum ersten Mal Emergency Room sah. Doug Ross, Teufel auch! Das Kinn, die Körpersprache, das Grinsen, die Coolness, von ihm geklaut! Der heutige Herr Nachtschwester freut sich, wenn ich ihm sage, neben zahlreichen charakterlichen Vorzügen habe er Ähnlichkeit mit George Clooney, so ums Kinn rum. Tatsächlich weckt dieses Kinn in mir viel ältere Assoziationen.

Gelegentlich habe ich seinen Namen gegoogelt. Er spielt ganz oben mit, das ist keine Überraschung. Zum letzten Jahrgangstreffen erschien er nicht. Zwei ehemalige Schulkameradinnen verbalisierten Enttäuschung. Jemand war ihm vormittags in der Stadt begegnet, in der er jetzt lebt. Die alten Geschichten interessierten ihn nicht, habe er gesagt. Ich glaube, heute könnte ich ihn nicht einmal mehr mögen.

(Inspired by)
Neo-Bazi (anonym) - 14. Mrz, 06:33

Ihr solltet euch unbedingt kennenlernen, ich bin sicher, ihr würdet euch gut verstehen - wie Schwestern. Aber das habe ich dir ja gestern schon gesagt ... :-)

Sehr schöne Geschichte übrigens - und tröstlich, irgendwie.

iaago - 14. Mrz, 07:51

Beim Lesen dieser wunderbar geschriebenen Liebesgeschichte kommen mir auch wieder zarte Gefühle an die Oberfläche, Gefühle im Zusammenhang mit einer Frau, mit der ich zwar nichts wirklich hatte, die ich nur kurz erleben durfte, mit der ich lange Jahre später wieder mal Kontakt aufnehmen wollte, als ich zufällig in der Gegend war, wo sie aufgewachsen war. Aber es gelang nicht. Vielleicht war es auch besser so. Aber ich habe jetzt, über 30 Jahre später immer noch liebe Gefühle für sie. lg i

Murmeltier_Phil - 14. Mrz, 09:36

Ich habe auch schon länger überlegt, einmal eine Geschichte in diesem (hier sehr schönen) Stil zu texten, da ich auch eine sehr lange Erinnerung an eine alte Liebe hege. Besser gesagt hegte. Ein Treffen vor gar nicht so langer Zeit trug aber zum Entschluss bei, sie besser nicht zu schreiben; zu groß die Desillusionierung an jenem Tag.

Opa (anonym) - 14. Mrz, 14:54

Schönen Gruß.

creezy (anonym) - 14. Mrz, 17:49

Hach ja, das ist übrigens schon etwas was ich mit zunehmenden Älterwerden vermisse, ich schwärme nicht mehr so inniglich lange köstlich vor sich hin. Ich habe auch nicht mehr diese unbedingte Zutrauen des Füreinander bestimmt sein, irgendwann einmal in diesem Leben – ich bin so pragmatisch geworden … seit meine unerfüllte Liebe einmal vor mir stand. Er ist in den gehobenen Dienst zum Finanzamt gegangen – so sah er dann auch gute zehn Jahre später schon aus …

die_ursula - 14. Mrz, 20:24

auch beim aelterwerden

kann das noch passieren...... und es ist fast noch schoener als mit 14 :)
die_ursula - 14. Mrz, 20:26

vielen dank wehrte frau nachtschwester,

es ist schoen dass sie wieder schreiben

VivaLa (anonym) - 14. Mrz, 21:48

Nicht wegsehen

Die Augen ganz tränig. Man kann nicht aufhören zu lesen.

sokrates2005 - 14. Mrz, 22:22

Ich habe ja ...

den Verdacht, dass im Leben vieler Menschen so ein Phantom der Liebe rumspukt - in meinem jedenfalls auch. ;-)

nachtschwester - 15. Mrz, 04:34

@creezy: Geht mir genauso, das Zurückwünschen ins Märchenalter hin und wieder, aber auch in deinem Fall wurde das Märchen ja nicht wahr. So kommt es überhaupt, das man dieser Phase entwächst und sich eher praktischen Fragen zuwendet.
Deshalb würde mich Ursulas Geschichte ja besonders interessieren!
@Phil: wäre nicht gerade der Verlust der langgehegten Illusion Stoff für einen Text?
@Sokrates: Das dachte ich auch, nachdem ich Frau Klugscheißers Text gelesen hatte. Erzählen Sie doch bei Gelegenheit von ihrem Phantom.
@iaago: Sie auch!
@VivaLa: Aber wer wird denn gleich....hier, nehmen Sie und schnauben Sie mal kräftig, Der Held der Geschichte ist vermutlich ein arroganter Rechthaber geworden und die Nachtschwester anderweitig untergekommen, es ist alles gut ausgegangen! ;-)

rosmarin - 16. Mrz, 15:40

"war er ein prinz und ich sein schicksal".... wunderbar. und immer wieder eigenartig, wie lange uns die menschen begleiten, die in uns das ganz große gefühl hervorgerufen haben.....

Ole (anonym) - 17. Mrz, 21:59

Geschickt schraffiert, die Ecken und Kanten liebevoll nachgezogen, die Steckenpferde zart getuscht. Ein wahrhaft tolles Porträt! Warm, süffisant, mit einem melancholischen Hauch und nicht ohne leise Spitzen.

P.S.: Dass mein wirrer Feed plötzlich mit Wulnikowski-Geschichten um sich warf, mag daran gelegen haben, dass es ja jetzt die "Label"-Funktion gibt, und ich die alten Texte ebenfalls mit dem Label versehen habe, so dass man nun auf einen Klick alle Geschichten präsentiert bekommt. Technik, die verwirrt. :)

erdge schoss - 18. Mrz, 20:50

Liebe Nachtschwester, welch tragisch schöne Romanze. An solchen Erlebnissen zerbrechen wir oder sie machen uns stark, sehend und sensitiv.

mq (anonym) - 20. Mrz, 20:16

Das wortlose Verstehen ist eines der wenigen Ideale, die ich aus den Achzigern herüberretten konnte. Großartiger Text.

Dr. Dean (anonym) - 1. Apr, 14:51

Frau Nachtschwester, ich danke Ihnen für diese Erzählung! Danke!

Tagesdosis

Das Radio ist klasse. Alte...
Das Radio ist klasse. Alte Amischlitten gammeln nicht...
nachtschwester - 9. Okt, 21:24
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...und die kleinere Wohnung tut's vielleicht auch das...
zonebattler - 8. Okt, 22:34
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Wahrscheinlich ein 1960ziger, wenn man dieser Seite...
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Das ist ein Pontiac, jedenfalls laut meiner Internet-Recherche....
WilderKaiser - 8. Okt, 00:05
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