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Taxiliterat

Ich klopfe stets ans hintere Fenster auf der Beifahrerseite, um den Taxifahrer beim Zeitunglesen oder friedvollen Nasebohren oder im Schlaf nicht zu erschrecken. Schlafende wecke ich nur, wenn keine wachen da sind. Hat er mich wahrgenommen, öffne ich die Tür und frage, ob er frei ist.
Der vorhin legte sein Buch beiseite und starrte mich mit offenem Mund an. "Was sind Sie kultiviert!"
"Na ja, ich muss doch fragen. Vielleicht ist Ihr Buch ja gerade so spannend, dass Sie gar nicht fahren wollen." "Da haben Sie recht. Sie machen das richtig! Freundlichkeit reflektiert Freundlichkeit und pflanzt sich den ganzen Tag von Mensch zu Mensch fort. Genau wie Unfreundlichkeit. Bloß Unfreundlichkeit mit Freundlichkeit zu erwidern, das ist schwer! Ich versuche es jeden Tag mindestens ein oder zwei Mal.", lacht er. Sein Handy klingelt. "...ich fahr bloß kurz zum Aleksandar Palace. Mit dem Buch bin ich heute noch durch... Na das von dieser amerikanischen Professorin, wie man sein Leben in Ordnung bringt, weisst du. Die ist total bekannt in Amerika. Gestern bin ich mit diesem Ritterroman fertiggeworden, jetzt habe ich noch drei zu Hause, eins hab ich schon mal angefangen. Da geht´s um diese Auswanderer. Sie ist Britin und unglücklich verheiratet, aber er lässt sich nicht scheiden. Außerdem ist die in einen Pfarrer verliebt und flieht nach Neuseeland. Das Schiff geht aber unter und....nein, kein Stress, ich muss sie erst in fünf Tagen zurückgeben. Wir sind da, ich muss kassieren, tschüß."
"Viel Spass noch mit ihren Büchern.", sagte ich beim Aussteigen.
"Wissen Sie, bis vor neun Monaten habe ich in meinem ganzen Leben kein einziges Buch gelesen. Dann hat mich meine Frau verlassen und ich wusste nicht, was ich anfangen sollte. Soll ich Ihnen eins empfehlen? Ich habe jetzt schon neunundsiebzig gelesen, da waren richtig gute dabei!" "Danke, ich komme kaum zum Lesen." "Das sollten Sie ändern!", strahlte er und fuhr davon.
Opa (Gast) - 30. Jan, 04:49

Seitdem ich blogge, komme ich noch weniger zum Bücherlesen. Das muß sich ändern!

Und das mit der Klopferei ist eine feine Sache. Wenn du zurück bist, klopf doch mal bei Opa wieder an (Dort wartet übrigens Evelynes Buch auf dich) :-)

zonebattler - 30. Jan, 08:45

Da ist was dran...

Das eigene Bloggen, das Lesen anderer Blogs, das Online-Studieren von Zeitungen, Magazinen und sonstigen Texten raubt einem genau jene Zeit, die man früher papierblätternd mit der Lieblings-Lektüre im Sessel (oder auf dem Sofa) zubrachte. Darauf verzichten will man andererseits natürlich auch nicht mehr. Und da der Nachschub nie abreißt (eher zunimmt), bedarf es einer bewußten Willensanstrengung, sich wieder mal auf ein dickeres Buch einzulassen. Doch jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine gegen was anderes. Zumal wenn man in die Jahre kommt und einem die Zeit immer schneller davonzulaufen scheint...
nachtschwester - 30. Jan, 09:10

@ Opa: Ist fest eingeplant. Ich bringe auch ein paar Flavonoide mit, gegen die Altersflecken ;-)
sokrates2005 - 30. Jan, 23:09

Grüß dich, Opa
Hallo, Frau Nachtschwester
;-)
mq (Gast) - 30. Jan, 13:52

Für die Bücher besteht keine Gefahr, denn das Internet wird sich nie durchsetzen.

sokrates2005 - 30. Jan, 23:08

Das Internet ...

hat sich schon durchgesetzt, aber nicht gegen das Buch - warum auch ...
rosmarin (Gast) - 30. Jan, 23:08

sehr süss der herr taxifahrer. das muss pizarros sohn sein. und endlich sieht man mal, dass das verlassen sehr konstruktiv sein kann.

Opa (Gast) - 31. Jan, 08:00

Als ich damals verlassen wurde, hab ich allerdings mehr gesoffen, weniger gelesen.
nachtschwester - 31. Jan, 21:03

@ Rosi: Der liebe Herr Pizarro, wer weiss? Der Taxifahrer sah ein bisschen aus wie Ben Stiller in Royal Tenenbaums, nur nicht so gut, und mit riesiger brauner Kassenbrille.
@ Opa: stattdessen hast du hast ja ein paar Bände gelebt...
Madame Lila - 31. Jan, 08:53

Himmel, der Gute hat das Beste aus der Trennung gemacht.
Zum Glück geht es Mme Lila anders: Sie liest. Bücher. Immer und überall in Zeitlücken und vor dem Einschlafen.
Auch ohne vorangegangene Tragödie die sie dazu trieb.

Allegra - 31. Jan, 19:04

...was fuer eine wunderbare geschichte...

Phil (Gast) - 1. Feb, 11:22

Ich bin zwar kein Taxifahrer...

...aber seitdem ich wieder alleine lebe, komme ich tatsächlich wieder vermehrt zum Lesen. Trotz jener anderen lesenden Aktivitäten, wie sie hier zonebattler aufführt. Es ist letztlich eine Frage der Nutzung seiner persönlichen Verteilzeiten.

Am Strand, auf der Wiese, im Bistro, im ÖPNV, auf der Couch, im Urlaub und anderen Orten und Gelegenheiten bleibt das Laptop aus. Basta. Hier hat bei mir das Buch den klaren Vorzug und an diesen Plätzen wird sich (bei mir) das Internet auch nicht durchsetzen.

Tagesdosis

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Kulturelle Inkompetenz
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nachtschwester - 4. Jan, 03:33
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nachtschwester - 27. Dez, 21:23
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Das gefällt mir: auswärts essen. Und dass...
croco (Gast) - 27. Dez, 21:11
Tsssstsss, und da heißt...
Tsssstsss, und da heißt es immer geographisch...
creezy (Gast) - 27. Dez, 15:32
Sehr schöner Artikel
Ja so was passiert wirklich und prima wenn jemand das...
Turtle (Gast) - 27. Dez, 11:45

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