Unkonzentriert

Sozialabgaben auf Nacht-, Wochenend- und Feiertagszuschläge? wieso erfahre ich das erst jetzt? Als leisteten Busfahrer, Polizisten, Feuerwehrleute, medizinisches Personal nicht schon unbezahlbare Abgaben in Form von unwiederbringlich verlorener Privatlebenszeit im Dienste der Allgemeinheit, möchte ich eben moralisieren, da lese ich mit dem Augenwinkel noch den Satzschnipsel "ab einem Stundenlohn von 25 €". Ach so. Das betrifft keine der genannten Berufsgruppen, da kann ich mich ja wieder abregen, so gerecht, wie das hier zugeht.

Keine Zeit, Zeitung zu lesen oder Blogs oder gar Bücher, fernzusehen, Nachrichten im Radio zu Ende zu hören, Gedankenschnipsel zu Ende zu denken. Eine Menge Menschen sitzen dieser Tage entspannt auf ihren Sofas und müssen sich um gar nichts kümmern, nachdem sie gepflegt brunchen waren und bevor sie abends ausgehen, das weiss ich genau. Letzte Nacht das Netz nach einer vernünftigen Projektmanagement-Software durchforstet, um zu sortieren, was mir über den Kopf wächst. Habe etwas passendes gefunden, aber von alleine sortiert sich da auch nichts.

Niemand hat das Recht, mich mit Reimdichoderichfressdich-Xavier zu beschallen, bloss weil ich auf die Schnelle bei H&M eine Handvoll weißer T-Shirts kaufen will. Die Wartezeit an der Kasse hätte die Schall-Exposition schmerzhaft in die Länge gezogen, heute also keine T-Shirts. Gleich danach hätte mir bei toom schon auf dem Parkplatz auffallen sollen, dass keine Einkaufswagen in ihren Verschlägen standen. Was zum Teufel....hab ich noch was verpasst, außer Montag = Feiertag? eine Katastrophenwarnung? Kein einziges Glas Nutella mehr da! Mehrere 50 Meter-Schlangen vor 12 geöffneten Kassen. 45 Minuten gewartet, als hätte ich Zeit. Während ich hier am Laptop arbeite, war ich schon dreimal gezwungen, die Küche aufzuwischen. Ich musste die Wäsche tropfnass aufhängen weil die Waschmaschine - keine Ahnung, wieso sie voll Wasser steht. Erzählt mir nix vom Sieb, das ist frei. Keinen Kopf jetzt für bockige Haushaltsgeräte.

Verlass ist derzeit immerhin auf nächtliche grandiose Vorstellungen im Traumkino. Letzte Nacht zum Beispiel, 1910, begann die amerikanische Eisenbahngesellschaft Amtrak mit dem Bau einer Bahnlinie von Paris nach Moskau, den sie bald aus weltwirtschaftlichen Gründen unterbrach, und zwar in Abchasien. Ich gebe zu, im wachen Zustand finden sich geografische Ungenauigkeiten. Da endete die Bahnlinie nun im Nichts und lag jahrelang auf einer sanft hügeligen, golden graswogenden Steppe brach, endlos weit, am Horizont graue Berge mit Schneekappen. Großartige Panoramaeinstellungen. Ich lebte dort allein in einem einstöckigen, alten Steinhaus, das meinen Großeltern gehört hatte. Es gab einen Holzofen, alte Möbel aus ganz dunklem Holz, das Bett meiner Großmutter auf dem Dachboden war ein Kasten mit einem Strohsack, über den Wolldecken gebreitet waren. Ich war arm, aber jung und schön und kochte Suppe auf einem gußeisernen Ofen, meine Familie war irgendwelchen vergangenen bewaffneten Auseinandersetzungen zum Opfer gefallen.
Die eigentliche Handlung begann mit der Wiederaufnahme der Bauarbeiten durch die deutsche Bundesbahn. Fremde Arbeiter bezogen in der Region Quartier, im Focus ein dunkelhaariger Ingenieur, der sich ein paar hundert Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Seite der Schienentrasse ein halbverfallenes Haus wiederherrichtete. Er gehörte der verfeindeten ethnischen Gruppe an, die vor Jahren die Angehörigen der jungen Frau getötet hatte. Etwa ab hier war ich nicht mehr sie, sondern Publikum, sah zu, wie subtil und allmählich hier allen Vorbehalten zum Trotz Annäherung stattfand, Brücken geschlagen wurden und zarte Bande sich vor grandioser Kulisse spannen, großes Kino mit Happy End und überwältigendem Soundtrack. Gehe jetzt schlafen, die Fortsetzung ansehen.
acqua - 31. Dez, 01:33

"Nur

wir müssen geduldig sein..."
duckundweg

creezy@gmx.de (anonym) - 31. Dez, 15:34

Wie praktisch, spielt man im Nachtkino selber die Hauptrolle kommt man wenigstens nicht dazu Massen von Popcorn in sich hinein zu schaufeln.

Waschmaschine, ich habe mir mal eine neue gekauft, die voll Wasser stand. Das tat die neue auch: der Zulauf zwischen Schlauch und Trabs war mit den Jahren voll Seife auf einem minimales kleines Loch zugeklebt … ;-)

Markus (anonym) - 31. Dez, 19:38

"Niemand hat das Recht ..." — ich hätte es nicht passender formulieren können !

Opa (anonym) - 31. Dez, 19:47

Zum letzten Teil: es gibt ähnliches auch real. Kommt auch Deutschland drin vor:

http://neobazi.net/archives/3939

Viel Glück bei allen deinen Vorhaben im neuen Jahr.

nachtschwester - 1. Jan, 04:27

Schönes Erleben von The Source. In der gemeinsamen Fremde scheinen alte, gemeinsamen Wurzeln oft schwerer zu wiegen als jüngere Zerwürfnisse, das ist mir auch schon aufgefallen. Ich lese aber gelegentlich auch mit Gänsehaut in diesen deutschsprachigen Hassforen osteuropäischer Ethnien, ob und wieviel davon ironisch gemeint ist, wage ich nicht zu beurteilen.
rafael (anonym) - 31. Dez, 20:07

Gutes 2007

Ich wünsche dir noch einen guten Start ins 2007. Und freue mich auf weitere spannende Texte!!!

Etosha - 8. Jan, 12:09

Eine Rückführung im Traum? ;) Coole Variante! Hast du davor irgendwas geistig Verwandtes gehört oder gelesen, oder kam das einfach so aus dem Nichts?
Und war Teil 2 ebenso sehenswert? :)

Ein gutes neues Jahr wünsch ich Dir!


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Das Radio ist klasse. Alte Amischlitten gammeln nicht...
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