Ente, Knödel, Wein und Tod
Ich muss Weihnachten arbeiten, etwa das 12. Mal in 15 Jahren. Seit etwa vier Jahren halte ich das nicht mehr für selbstverständlich. Letztes Jahr wurde ich über Sylvester mit Nachtdienst geplant, ungefragt, dieses Jahr wurde immerhin gelost, dabei loste ich ausgerechnet mich selbst aus der Sylvester- in die Weihnachtsdienstgruppe. In Ordnung, aber nun werde ich Heilig Abend bis 22.00h arbeiten, und am 1. Feiertag ab sechs, mit Kollegen, die ich auch an keinem anderen Tag des Jahres gebrauchen kann. Weil der Herr des Hauses zu seiner Familie fährt, die eigene weit weg lebt und weil mich Weihnachten auch depressiv macht, wenn ich nicht alleine bin, ist das die allergrößte Dienstplangemeinheit in all den Jahren. Ich brauche kein Krippenspiel oder blockflötespielende Patenkinder oder die ganze Beschenkerei und Bedankerei. Ich brauche die elementare Normalität, an Heilig Abend mit nahestehenden Personen gemeinsam essen zu können. Oder wenigstens gefragt zu werden, ob ich darauf auch verzichten würde.
Unter anderen Umständen, in anderen Häusern, kann man es sich auch auf Intensivstationen nett machen. Vorgesetzte gehen an den Feiertagen über ihre Stationen, um dem arbeitenden Fußvolk frohe Weihnachten zu wünschen, weil sich das eben so gehört. Am vorigen Arbeitsplatz war ich Teil einer festen Weihnachts-Nachtdiensttruppe von Familienfestflüchtigen. Gegen eins, wenn die Routine abgearbeitet und halbwegs Ruhe eingekehrt war, stellten wir die Tische aus dem Aufenthaltsraum zu einer langen Tafel im Flur aneinander, um beim Essen die Gerätealarme im Ohr zu behalten, deckten ein, funkten den Herz-Thorax-Dienst und Anästhesisten nach Sympathie herbei, auch von der benachbarten internistischen Intensivstation kam, wer Zeit hatte, auf ein halbes Stündchen, und tafelten fürstlich.
Alkohol im Dienst war selbstverständlich verboten, aber doch bitte nicht an Weihnachten. Einmal hatten wir keinen Korkenzieher, da durchstach ein Kollege den Korken mit einer Kanüle und zog den guten Roten stilecht mit 50ml-Spritzen ab. Am Ende vergruben wir die leeren Weinflaschen immer ganz unten im Altglascontainer.
Das Menü an meinem letzten Heiligen Abend in dieser Runde involvierte Feldsalat mit knusprigen Speckstreifen, gerösteten Walnüssen und Apfelschnitzen, zwei Enten, die ich noch nachmittags fertig gegrillt samt Rotkraut vom Feinkostladen geholt hatte, Pfanni-Knödel und hinterher alternativ gefüllte Bratäpfel oder Tiramisu. Ein frisch getrennter Kollege, der eigentlich frei hatte, verbrachte den Abend mit uns und versah einen Teil des Küchendienstes.
Allerdings war vor dem Aufbau der Tafel das Ableben eines Patienten und der Abschiedsbesuch der Angehörigen abzuwarten. Sein Tod war nicht mehr abzuwenden und ihm gestattet, die Angehörigen waren nach einem langen Tag an seinem Bett nach Hause gegangen, denn es war ein ihnen unerträglich langsames Sterben. Der Blutdruck stagnierte schon lange bei 55 systolisch und fiel nicht weiter, die Beine waren schon marmoriert, aber das EKG immernoch regelmäßig. Gerade hatten wir uns geeinigt - das dauert noch, wir essen jetzt - und die Tische auf den Flur geschleppt, da verstarb er. Wir riefen die Familie an, trugen die Tische zurück, bereiteten die Leiche vor und gleich danach das Essen. Die Angehörigen kamen, nahmen Abschied und gingen, wir holten die Tische wieder auf den Flur und deckten sie.
Aber noch während des ersten Prosecco-Anstoßens wurde unser Sommelier und Knödelkoch S. in den Trauma-OP gefunkt. Eine 19jährige Russin hatte sich aus dem 11. Stock ihres Sozialwohnungsbaus gestürzt. Neben vielen anderen Verletzungen waren Lungenarterien rupturiert, deshalb rief man S. als Thoraxchirurgen hinzu. Ich stellte die Enten nochmal warm, aber schon nach einer halben Stunde kam er achselzuckend wieder. Keine Chance, auf dem Tisch geblieben, das Mädchen. Sie war allein in der Wohnung, als sie sprang. Ich weiß noch, wie ich dachte, wie gut, dass ich hier sein kann, in dieser Umgebung, mit diesen Leuten, und wie wir später den frisch getrennten, vom Wein schwermütig gewordenen Kollegen nicht nach Hause gehen ließen, sondern ihm stattdessen das Bett im ungenutzten Oberarztzimmer machten.
Gerade als wir alle wieder beim Salat saßen, gab es Krisenalarm - Kammerflimmern. Ich ging mit reanimieren, nach einer halben Stunde erfolgloser Bemühungen brachen wir ab, da war nichts mehr zu machen. Mittlerweile war es nach zwei. S. rief die Angehörigen an. Sie wollten kommen, brauchten aber etwa ein Stunde für den Weg. Wir berieten uns, was mit den bereits im Verdorren begriffenen Enten zu tun sei, und beschlossen, den Tisch nicht noch einmal abzuräumen. Wir schoben die ganze lange Tafel nach hinten, an dem Zimmer vorbei, in dem die Verstorbene lag, und stellten zwei Paravents quer über den Flur. Zwei gingen die Leiche herrichten. Als die Angehörigen kamen, blieben wir hinter unserem Sichtschutz sitzen, aßen und tranken einfach weiter, unterhielten uns leiser und bemühten uns, nicht mit dem Geschirr zu klappern.
Morgens gegen vier konnten wir die erforderlichen Leichenscheine nicht finden, weil die neue Stationssekretärin alles umgeräumt hatte, vielleicht auch, weil keiner mehr ganz nüchtern war. Irgendwie fiel schließlich ein Pappkarton voller Leichenscheine vom Schrank. Es gibt ein Foto davon, wie ich mich auf dem Schreibtisch liegend vor Lachen krümme, während zwei Kollegen auf dem Boden Leichenscheine einsammeln.
Zuletzt habe ich mich an diese skurrile Weihnachtsnacht erinnert, als wir im Städtchen Nerja von einem Café aus eine Hochzeitsgesellschaft beobachteten, die sich auf dem Kirchenvorplatz versammelte. Gerade als Braut und Bräutigam eingetroffen waren, näherte sich von hinten eine Beerdigungsprozession und zog ebenfalls über den Platz. Mein Begleiter war erschrocken, sagte etwas von bösem Omen und schlechtem Timing. Ich fand die Situation normal und schön. Es wird geheiratet und gestorben, geboren und geschieden, getrauert und gefeiert, wie´s eben kommt.
Ich wünsche allen ein frohes Fest.
Unter anderen Umständen, in anderen Häusern, kann man es sich auch auf Intensivstationen nett machen. Vorgesetzte gehen an den Feiertagen über ihre Stationen, um dem arbeitenden Fußvolk frohe Weihnachten zu wünschen, weil sich das eben so gehört. Am vorigen Arbeitsplatz war ich Teil einer festen Weihnachts-Nachtdiensttruppe von Familienfestflüchtigen. Gegen eins, wenn die Routine abgearbeitet und halbwegs Ruhe eingekehrt war, stellten wir die Tische aus dem Aufenthaltsraum zu einer langen Tafel im Flur aneinander, um beim Essen die Gerätealarme im Ohr zu behalten, deckten ein, funkten den Herz-Thorax-Dienst und Anästhesisten nach Sympathie herbei, auch von der benachbarten internistischen Intensivstation kam, wer Zeit hatte, auf ein halbes Stündchen, und tafelten fürstlich.
Alkohol im Dienst war selbstverständlich verboten, aber doch bitte nicht an Weihnachten. Einmal hatten wir keinen Korkenzieher, da durchstach ein Kollege den Korken mit einer Kanüle und zog den guten Roten stilecht mit 50ml-Spritzen ab. Am Ende vergruben wir die leeren Weinflaschen immer ganz unten im Altglascontainer.
Das Menü an meinem letzten Heiligen Abend in dieser Runde involvierte Feldsalat mit knusprigen Speckstreifen, gerösteten Walnüssen und Apfelschnitzen, zwei Enten, die ich noch nachmittags fertig gegrillt samt Rotkraut vom Feinkostladen geholt hatte, Pfanni-Knödel und hinterher alternativ gefüllte Bratäpfel oder Tiramisu. Ein frisch getrennter Kollege, der eigentlich frei hatte, verbrachte den Abend mit uns und versah einen Teil des Küchendienstes.
Allerdings war vor dem Aufbau der Tafel das Ableben eines Patienten und der Abschiedsbesuch der Angehörigen abzuwarten. Sein Tod war nicht mehr abzuwenden und ihm gestattet, die Angehörigen waren nach einem langen Tag an seinem Bett nach Hause gegangen, denn es war ein ihnen unerträglich langsames Sterben. Der Blutdruck stagnierte schon lange bei 55 systolisch und fiel nicht weiter, die Beine waren schon marmoriert, aber das EKG immernoch regelmäßig. Gerade hatten wir uns geeinigt - das dauert noch, wir essen jetzt - und die Tische auf den Flur geschleppt, da verstarb er. Wir riefen die Familie an, trugen die Tische zurück, bereiteten die Leiche vor und gleich danach das Essen. Die Angehörigen kamen, nahmen Abschied und gingen, wir holten die Tische wieder auf den Flur und deckten sie.
Aber noch während des ersten Prosecco-Anstoßens wurde unser Sommelier und Knödelkoch S. in den Trauma-OP gefunkt. Eine 19jährige Russin hatte sich aus dem 11. Stock ihres Sozialwohnungsbaus gestürzt. Neben vielen anderen Verletzungen waren Lungenarterien rupturiert, deshalb rief man S. als Thoraxchirurgen hinzu. Ich stellte die Enten nochmal warm, aber schon nach einer halben Stunde kam er achselzuckend wieder. Keine Chance, auf dem Tisch geblieben, das Mädchen. Sie war allein in der Wohnung, als sie sprang. Ich weiß noch, wie ich dachte, wie gut, dass ich hier sein kann, in dieser Umgebung, mit diesen Leuten, und wie wir später den frisch getrennten, vom Wein schwermütig gewordenen Kollegen nicht nach Hause gehen ließen, sondern ihm stattdessen das Bett im ungenutzten Oberarztzimmer machten.
Gerade als wir alle wieder beim Salat saßen, gab es Krisenalarm - Kammerflimmern. Ich ging mit reanimieren, nach einer halben Stunde erfolgloser Bemühungen brachen wir ab, da war nichts mehr zu machen. Mittlerweile war es nach zwei. S. rief die Angehörigen an. Sie wollten kommen, brauchten aber etwa ein Stunde für den Weg. Wir berieten uns, was mit den bereits im Verdorren begriffenen Enten zu tun sei, und beschlossen, den Tisch nicht noch einmal abzuräumen. Wir schoben die ganze lange Tafel nach hinten, an dem Zimmer vorbei, in dem die Verstorbene lag, und stellten zwei Paravents quer über den Flur. Zwei gingen die Leiche herrichten. Als die Angehörigen kamen, blieben wir hinter unserem Sichtschutz sitzen, aßen und tranken einfach weiter, unterhielten uns leiser und bemühten uns, nicht mit dem Geschirr zu klappern.
Morgens gegen vier konnten wir die erforderlichen Leichenscheine nicht finden, weil die neue Stationssekretärin alles umgeräumt hatte, vielleicht auch, weil keiner mehr ganz nüchtern war. Irgendwie fiel schließlich ein Pappkarton voller Leichenscheine vom Schrank. Es gibt ein Foto davon, wie ich mich auf dem Schreibtisch liegend vor Lachen krümme, während zwei Kollegen auf dem Boden Leichenscheine einsammeln.
Zuletzt habe ich mich an diese skurrile Weihnachtsnacht erinnert, als wir im Städtchen Nerja von einem Café aus eine Hochzeitsgesellschaft beobachteten, die sich auf dem Kirchenvorplatz versammelte. Gerade als Braut und Bräutigam eingetroffen waren, näherte sich von hinten eine Beerdigungsprozession und zog ebenfalls über den Platz. Mein Begleiter war erschrocken, sagte etwas von bösem Omen und schlechtem Timing. Ich fand die Situation normal und schön. Es wird geheiratet und gestorben, geboren und geschieden, getrauert und gefeiert, wie´s eben kommt.
Ich wünsche allen ein frohes Fest.


das ist die dichteste und herzigste weihnachtsgeschichte, die mir je vor die augen gekommen ist.
schönes fest und angenehme dienste :-)
unfassbar
liebe "nachtschwester": jammern ueber dienst an "heiligabend" ist erst einmal nicht angebracht. in keinem land der erde ausser in deutschland wird er "begangen", wie es so schoen heisst. der "zweite feiertag" uebrigens auch nicht. amerikanische nurses z.b. gehen wie selbstverstaendlich am 24. und 26. dezember ihrem dienst nach; die juedischen allemal. und, wenn es sein muss, auch am 25. wir sind doch sowieso weltmeister im feiern und "brueckentage" bilden - warum also so ungnaedig? oder liegt es einfach daran, dass amerikanische s pflegeprersonal besser ausgebildet ist und mehr verdient, fast soviel wie die aerzte? gut moeglich.
dann: dass waehrend der nachtschichten in vielen krankenhaeusern alkohol konsumiert und auch gef... wird, weiss ich von einem freund, der interessante erlebnisse in seiner zeit als "arzt im praktikum" hatte. traurig, aber leider wohl wahr. warum man sich aber ausgerechnet in gegenwart sterbender und todkranker menschen die kante geben und vollfressen muss, kapiere ich irgendwie nicht. und was weihnachten mit wein, knoedeln und voellerei zu tun haben soll, habe ich sowieso noch nie verstanden. man kann nur jedem deutschen wuenschen, "ueber die feiertage" nicht ins krankenhaus zu muessen oder gar dort sterben zu wollen. dann lieber gleich suizid.
schwesterliche gruesse (wirklich frau?) aus dem ruhrgebiet http://theruhr.blogspot.com/
Sterbende und Todkranke sind unser Fachgebiet und Alltag, kein Grund, auf Nahrungsaufnahme zu verzichten. Auch wenn es Ihnen pietätlos erscheinen mag, würde sich dadurch andernfalls die Verweildauer im Beruf wie im Leben dramatisch verkürzen.
Ich lese auch heraus, Sie halten es für angebracht, sich den Wunsch nach einem geregelten Lebensrhythmus abzuschminken, wenn man sich einmal für das Gesundheitswesen entschieden hat. Ich weiß eigentlich gar nicht, wieso ich mir die Mühe mache, das zu beantworten, aber: Das Bild der Krankenschwester, das Ihnen da vorschwebt, stammt aus der Zeit, als Krankenpflege von Mönchen und Nonnen für Gotteslohn geleistet wurde und persönliche Opferbereitschaft als hohe Tugend galt. Inzwischen haben wir eine Qualifikation erworben, erbringen messbare Leistungen auf wissenschaftlicher Grundlage und nein, der Verzicht auf das, was in diesem Land, denn hier leben ich und mein soziales Umfeld zur Zeit, als normaler Lebensrhythmus gilt, wird nicht angemessen vergütet.
Was wollen Sie mir mit dem Hinweis auf die vielen Feier- und Brückentage genau sagen? Im Krankenhaus gab es die schon immer nur in der Verwaltung.