Jahrestag

Eigentlich hatte ich am 11. September fliegen wollen, aber am 10. war ein deutlich günstigerer Flug verfügbar. Also tauschte ich den letzten Dienst vor dem Urlaub weg und flog via Chicago nach Seattle zu meiner alten Freundin U., die ich zwei Jahre nicht gesehen hatte. Den Abend verbrachten wir zu zweit mit einer Menge Geschichten und Rotwein. U. hatte Urlaub genommen und wir wollten am übernächsten Tag mit dem Auto die Küste runter nach Kalifornien, wenigstens bis San Francisco, denn U. war noch nie dort gewesen.
Nach ein paar Stunden Schlaf weckte uns morgens halb acht das Telefon. Im Halbschlaf dachte ich, das kann nur meine Mutter sein. War sie tatsächlich, und ziemlich aufgelöst. Sie redete von entführten Flugzeugen, das Pentagon brennt, Flugverbot, tausende Maschinen notgelandet.
U. und ich ließen uns mit unseren Bettdecken auf dem Flokati vor dem Fernseher nieder und sahen fassungslos zu, wie der erste Turm einstürzte. Die U. rief im Büro an. Sie arbeitete für eine Investment-Brokerage-Firma. Ihre Kollegen saßen verwirrt und ahnungslos vor schwarzen Bildschirmen. Die Wall Street war als Sofortmassnahme geschlossen worden. Zigtausende von Flugpassagieren sassen nach den Zwangslandungen tagelang auf irgendwelchen Provinzflughäfen fest – das wäre um ein Haar mir passiert. Bis heute staune ich, wie aufgrund der Zeitverschiebung meine Mutter in Deutschland eher Bescheid wusste als wir an der Westküste.
Der Anschlag kam so unerwartet und gewaltig, dass alle dachten, das kann noch nicht alles gewesen sein. Tagelang erwarteten wir weitere Schreckensmeldungen. Neben Hochhäusern seien Brücken gefährdet, hieß es. Tankwagen könnten gekidnappt und in Stadtzentren zur Explosion gebracht werden. Es gab diese totale, existenzielle Verunsicherung, eine Urangst.
Den heutigen Herrn Nachtschwester übrigens kannte ich einige Monate, nun vermittelte er per email in einer Weise Besorgnis, die unerwartet, aber nicht unwillkommen auf eine Intensivierung der Bekanntschaft hindeutete.
Dass George W. erst Tage nach den Anschlägen aus seiner undisclosed location auftauchte und vor die Kameras trat, sich uncharismatisch, wortarm und für mein Empfinden völlig situationsunangemessen äußerte, dabei dem heroischen Giuliani und der großartigen Hillary Clinton, die von Anfang an medienpräsent waren, nicht das Wasser reichen konnte, und doch bei den Amerikanern Begeisterungsstürme auslöste, beunruhigte mich weiter.
Im Prinzip saßen wir eine Woche lang vor dem Fernseher, trafen Freunde, gingen gelegentlich mal zum Sport oder hiken oder shoppen, dann aber nur in die kleinen Malls.
Was unseren Trip anging, war mir beim Gedanken an S.F. gar nicht mehr wohl, der enge Financial District, die Transamerica Pyramide als exponiertes Ziel, die Halbinsellage, die schon ohne Großkatastrophe ständig verstopften Zufahrten Golden Gate, Bay Bridge und 101 nach Süden, unvergessen, wie ich einmal um ein Haar einen Flug verpasst hätte wegen einer harmlosen Gay Parade, die schon ausgereicht hatte, um den 101 innerstädtisch komplett zu blockieren....
Schließlich fuhren wir einfach los. Gemütlich, drei Tage lang, die atemberaubende, einsame Oregon Coast hinunter. Tage im Medienvakuum, Wale von Steilküsten hinunter beobachtet und singen hören. Durch Regenwald gewandert und Seafood gegessen. Und es am Abend doch nicht abwarten können, im Motel den Fernseher anzustellen. Ein paar Tage S.F., dort war eigentlich alles wie immer, bloß der Ex war nach L.A. gezogen und die N. nach Chicago. Nichts schlimmes passierte. Dann ging es zurück in den Norden.

Washington State ist mit seinen grandiosen Landschaften, abgesehen von den beiden Giganten Boeing und Microsoft in Seattle, eine strukturschwache Region mit hoher Arbeitslosigkeit. Nach den Anschlägen wollte niemand mehr fliegen, die Fluggesellschaften stöhnten und stornierten ihre Aufträge bei Boeing. Dort reagierte man in kürzester Zeit mit Massenentlassungen. Ein Freund der U. arbeitet für die Urban League, eine nationale afroamerikanische Organisation , die u.a. versucht, Arbeitslose durch Qualifikation in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren und Existenzgründungen durch Kreditvermittlung unterstützt. Er bekam die Folgen direkt zu spüren, noch während ich dort war. Auch investieren wollte kaum noch jemand, und so wurde U. nach meiner Abreise zunächst in eine weit entfernte Zweigstelle versetzt und bald darauf entlassen. In San Francisco hatten wir gehört, dass die Stadt wegen der Einbußen bei der Flughafensteuer in Millionenhöhe sofort soziale Projekte auf Eis gelegt hatte.
Wirtschaftliche Zusammenhänge hatten mich vorher nie interessiert, nun waren sie greifbar. Und wenn ich recht überlege, war ich vor dem 11. September eigentlich völlig unpolitisch, auch das hat sich gründlich geändert. Es hat mich übrigens nie wieder in die USA gezogen.

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