Grad hatt ers noch

Wenn ich bei Gunnar lese, wie er sich den halben Daumen abschneidet, um Jonglierbälle mit an Bord eines Flugzeuges zu nehmen, oder Namen der schönsten Frauen vergisst, oder beim Mek, was er anstellt, um ein überflüssigerweise verlorenes Handy wiederzuerlangen, wenn ich betrachte, wie der eigene Mitbewohner Käse kaufen geht, weil er die drei Sorten Käse im Kühlschrank nicht sieht, dabei immerhin unaufgefordert den Einkaufszettel mitnimmt, um mit zwei Töpfen Basilikum nach Hause zu kommen, weil Balsamico auf dem Zettel stand, wie er statt Weichspüler Wollwaschmittel in die Maschine gibt und sich dann wundert, dass sich die Wäsche irgendwie seifig anfühlt, oder wie er ein satt gefülltes Portemonnaie in eine Jackentasche steckt, von der weiss, dass sie ein Loch hat, und wie er auch bei der einzigen Begegnung, die wir je mit einem potentiell gefährlichen Wildtier hatten, einem 4 cm langen Skorpion nämlich, nicht durch Souveränität bestechen konnte, dann erstaunt mich das immer aus mehreren Gründen.

Ich staune, wie Herr Nachtschwester unbeschadet das 35. Lebensjahr erreichen konnte, bevor ich in sein Leben trat. Wie diejenigen seiner Geschlechtsvertreter, deren Intelligenz ebenfalls außer Frage steht, im Alltag dennoch, objektiv betrachtet, eigentlich gar nicht lebensfähig wären. Wie sie trotzdem nicht nur durchschnittlich 76 Jahre alt werden (wobei das Zusammenleben mit einer Frau erwiesenermaßen hilfreich ist), sondern dabei im Beruf ständig blitzschnelle, knallharte, männliche, richtige Entscheidungen über riesige Investitionsvolumina treffen und damit Einkommen erzielen, von denen effiziente Multitaskerinnen nur träumen können. Wieso ihre Apraxie sie eigentlich so liebenswert macht, wobei ich mit Apraxie medizinisch nicht ganz korrekt die Unfähigkeit meine, Wissen in einfache praktische Handlungen umzusetzen.

Die fabelhafte Global Association for Distracted People liefert neben Erklärungsansätzen: “Not everybody understands that distractedness actually reflects a high level of concentration (on something else).” - auch praktische Alltagstipps: "Put your wedding ring on the wrong finger [...]. In the course of the day, you will ask yourself what the ring is doing on the wrong finger and remember what you are trying to remember. Watch out, though, so you do not misplace the ring during the operation. That could trigger a whole new set of problems." - und besticht auch durch ihr Organigramm. Einer der Begründer hat zudem einen Ratgeber mit dem tollen Titel "Grad hatt ichs noch" verfasst. (via)

Nun könnten Männerrechtler darauf verweisen, dass die Organisation für Distracted People da ist, nicht Distracted Men, und dass sich unter den Testimonies ja auch Einträge von Frauen finden. Tut mir leid, aus meiner Sicht sind das Fälschungen. Ich kenne keine Apraktikerinnen. Tatsächlich sind Distracted People sympathische, tolerante, menschenfreundliche Männer. Sie sind stolz auf sich ("We want those who are more distracted than others to be proud. It is a wonderful characteristic") und möchten ihre wunderbare Eigenschaft dem anderen Geschlecht nicht absprechen, reine Nettigkeit.
kaltmamsell (Gast) - 26. Aug, 21:05

Apraktikerin

Bin mit einer waschechten Apraktikerin neun Jahre aufs Gymnasium gegangen. (Unter anderem warf sie ihre Brille zum Transport immer wieder einfach so in ihre völlig vermüllte Schultasche. Setzte diese am nächsten Tag halt in Stücken und verdreckt auf. Zehn Jahre nach dem Abitur traf ich sie wieder - mit Kontaktlinsen. Ich fragte sie, wie sie denn mit denen umgehe. "Genau wie mit der Brille," strahlte sie mich mit roten Kaninchenaugen an.)
Die Frau ist mittlerweile habilitierte Mathematikerin mit eigenem Lehrstuhl. Und tatsächlich auch sympathisch, tolerant und menschenfreundlich.

blue sky (Gast) - 27. Aug, 12:38

Endlich werden wir Zerstreuten rehabilitiert! Man hat uns Unzuverlässigkeit anhängen wollen oder böse Absicht, dabei wissen wir nur manchmal nicht... jetzt weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte. Egal, einzig die Tatsache, dass meine Möwe ebenso zerstreut ist wie ich, bereitet mir manchmal Sorge.

rosmarin - 27. Aug, 23:27

ich lach mich schlapp...... streckenweise dachte ich, wir teilen uns den selben mann :-)))

Ingo (Gast) - 28. Aug, 08:17

Dochdoch

ApraktierInnen gibt's durchaus. Waschmaschine anmachen, Wasser nicht aufdrehen und nicht merken. Massiv Ofen heizen und wundern wieso Plasteleitung drüber schmilzt. Elektrozahnbürste nicht 90Grad drehen sondern mit Gewalt in den Ständer pressen. Es gibt _einige_.

sokrates2005 - 28. Aug, 09:46

Einige Symptome ...

von Apraxie hat meiner Erfahrung nach (fast) jeder Mensch. Jedenfalls ist es mir unheimlich, wenn jemand nie im Sinne der oben beschriebenen Blödsinnigkeiten handelt.
Falls sie zu dieser unheimlichen Spezies gehören, liebe Frau nachtschwester (was in ihrem Beruf ja wiederum durchaus hilfreich ist), könnte ich mir vorstellen, dass sie auf Herrn nachtschwester ein wenig neidisch sind wegen dieser ihm eigenen Drolligkeiten.

blogger.de:etosha33 - 28. Aug, 10:13

Nicht umsonst gibt es das drollige Bild des verwirrten Professors.
Wirklich minderbemittelt wäre man nur dann, wenn man auch im Nachhinein die Unsinnigkeit des eigenen Handelns nicht erkennen wollte.

sillerbetrachter - 28. Aug, 11:23

ist es nicht schön, wenn das gehirn mal ausgang hat? ;-)

nachtschwester - 28. Aug, 13:30

@kaltmamsell, @ingo, @sokrates: Ihr wollt Geständnisse. Na gut, wenn ich tief in mich gehe, versuche ich ganz selten mal, mit der Fernbedienung zu rechnen oder den Fernseher mit dem Handy zu bedienen. Ich bin vor Jahren mal zwanzig Kilometer mit plattem Vorderreifen gefahren, ohne mir was dabei zu denken, und zwar zufälligerweise in die Werkstatt, zum Inspektionstermin. In einem ganz dunklen Moment habe ich eine Tüte mit Lieblingsklamotten in den Altkleidercontainer geworfen, statt sie in die Reinigung zu bringen. Erst nach einer Woche gemerkt, als die Abholung fällig gewesen wäre. Aber das tut doch hier wirklich nichts zur Sache ;-)
@bluesky: Wenden Sie sich an einen Veterinärmediziner Ihres Vertrauens, ich weiss auch keinen Rat ;-)
@etosha: D´accord! Über sich selbst lachen zu können, ist eine ganz wichtige Eigenschaft.
@sillerbetrachter: in der Fremdbeobachtung, ja. Bei mir selbst finde ich es eher beunruhigend.

sokrates2005 - 28. Aug, 14:33

Nach ...

ihrem Geständnis hat ihr Unheimlichkeitsfaktor rapide abgenommen!
nachtschwester - 28. Aug, 16:49

...aber das war doch alles vor Jahren, Herr Sokrates. Heute ist mein Denken und Handeln stets von messerscharfer Logik durchdrungen, durchstrukturiert und effizient.
sokrates2005 - 29. Aug, 10:10

Wird das jetzt ...

eine psychische Kneippkur? *g*
Schwarzmaler (Gast) - 28. Aug, 15:11

Gesund ist man, solange man schneller rennen kann als der Arzt.

Henriette (Gast) - 28. Aug, 16:04

Gestern brauchten wir Starthilfe. Und als das dann Auto mit laufendem Motor vor der Tür stand, wollte Herr S. nochmal ins Haus stürzen, um den Autoschlüssel zu holen...

nachtschwester - 28. Aug, 16:23

Wunderbar :-D
Fragen Sie ihn doch mal bei Gelegenheit, worauf er sich in diesem Moment so intensiv konzentriert hat!
blue sky - 30. Aug, 11:46

Ich stand neulich wieder vor der Haustür und wunderte mich, warum sie auch nach dem zweiten Drücken auf die Autofernbedienung nicht aufgehen wollte.
Marielsd (Gast) - 28. Aug, 17:10

ich hatte mal einen apraktiker...

...(tolles wort!), der konnte nicht mal ein Buch in Geschenkpapier einpacken...das war übel. Meine Mutter hat Briefmarken in den Kühlschrank gelegt. Gut, ich habe nur eine 1-Zimmerwohnung, da geht das Suchen schnell ;-)

Gunnar Wrobel (Gast) - 28. Aug, 20:37

Mist, da ist man mal ein Wochenende nicht da, schon hat man eine Krankheit mit faszinierendem Fachbegriff mehr. Blöderweise kann ich mich ja gar nicht richtig gegen diese Ferndiagnose wehren. Denn leider trifft auch die Einkaufs-Symptomatik messerscharf zu: Ich erinnere mich jedes Mal ganz genau daran, was ich noch dringend brauche. Nur um dann zu Hause festzustellen, dass ich mich schon letztes Mal daran erinnert habe. Ich war fast soweit in meinem Blog nachzufragen, ob jemand Nudeln gebrauchen kann...

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Und wir vermissen Sie.
Und wir vermissen Sie.
arboretum - 17. Mai, 13:36
Das mit dem Vermissen...
Das mit dem Vermissen hat ja nicht lang gedauert. Zumindest...
Markus (Gast) - 20. Mrz, 11:33
Ich schließe mich...
Ich schließe mich @Elisabeth an. Ich kann es...
Petra (Gast) - 19. Mrz, 13:16
Was für eine köstliche...
Was für eine köstliche Ansammlung ausdrucksstarker...
Elisabeth (Gast) - 19. Mrz, 11:16
Ich vermisse
Meine Dachwohnung in dem Haus, das wie ein Turm frei...
nachtschwester - 19. Mrz, 00:12
Sebastian, falls Sie...
Sebastian, falls Sie an dieser Stelle Ihren Kommentar...
nachtschwester - 5. Mrz, 11:54
Jetzt weiß ich´s....
Jetzt weiß ich´s. Es ist ein Spannungsbogen.
nachtschwester - 29. Feb, 23:51
:D
:D
nachtschwester - 29. Feb, 23:44

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