Es ist kalt.
Ich stapfte heute abend durch den Schnee Richtung Tollwood, mich noch kurz auf einen Glühwein treffen, bevor ich morgen nach Lutenblag fliege, und dachte auf dem Weg durch die Bahnunterführung, wie ich nun schon beinahe ein Dreivierteljahr in dieser Stadt festhänge, das wollte ich so nicht, die dabei unbestrittene Vorzüge hat, aber wie eng mir alles ist, die Wohnung, der Freundeskreis, der Job, seine Sinnhaftigkeit, das Gehalt, alles kleiner als vorher, und wie sich das schon auf mein Denken niederschlägt, meine Sorglosigkeit und innere Freiheit einzwängt, und dass ich etwas ändern muss, pronto. Und wie ich mich freue, in ein paar Tagen wieder mit Freunden in weißen Landrovern mit schwarzen Lettern drauf ins wilde Land zu fahren.
Vor mir hielt ein fetter schwarzer X3 auf dem Radweg. Radwege zu blockieren ist in München ganz besonders unerhört und wagemutig und mit Risiken für Leib und Fahrzeug verbunden und erregte deshalb meine Aufmerksamkeit. Eine Frau stieg aus und rutschte ein bisschen mit ihren Lederabsätzen auf dem Glatteis. Sie hatte eine Bettdecke im Arm, gelb bezogen mit Teddybären drauf und schlitterte an mir vorbei Richtung Unterführung. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Sie breitete die Decke über einen Obdachlosen aus, der dort in einem gammeligen Schlafsack lag und den ich im Vorbeigehen nicht mal bemerkt hatte.
Ich war völlig verblüfft. Diese Frau sieht, es schneit und friert, lädt die Karosse voll mit zu Hause nicht mehr benötigten Hilfsgütern und fährt durch die Stadt auf der Suche nach Bedürftigen? Wieso denke ich nicht mal an sowas? Die alte Falle, der Kreisel um sich selbst, die giftige, hohle, irrelevante, reiche, verwöhnte, verachtete Frage "bin ich glücklich", statt nach anderen zu sehen.

