Mit Tinte auf Papier

Heute habe ich die alte Kiste geöffnet, zum ersten Mal seit dem drittletzten Umzug. Eigentlich wollte ich sie nur mal entstauben, ohne sie zu öffnen, weil ich schon wusste, ich werde sonst bloß sentimental. Aber dann fiel sie runter und ich musste den Inhalt einsammeln. Wie befürchtet, hielt mich das eine ganze Weile auf. Gesammelte Briefe aus dem letzten Jahrtausend.
Die englische Brieffreundin ab der 7. Klasse über Jahre! Ihr Briefpapier war rosa oder lavendelfarben und manchmal parfümiert. Wir schrieben Englisch, ihr Deutsch stieß schon bei den Umlauten an Grenzen: Bis zum Schluss adressierte sie an mich in der „Breslaüer Strabe“. Sie war nett, aber hatte nicht viel zu sagen:

Über die Verlobte ihres Bruders schrieb sie: „She´s black but I like her.“
Parallel pflegte ich einen Briefwechsel mit einer entfernten, gleichaltrigen Cousine in Kroatien, mit der ich mich mit 13 bei einem Besuch zusammen mit den Großeltern angefreundet hatte. Sie hatte mit 14 eine Charakterhandschrift, astreines Englisch, seit der 9. Klasse lernte und schrieb sie auch gleich auf Deutsch, und gar nicht schlecht. Sehr kluges Mädchen.
Sie schrieb über den Marxismus und das jugoslawische Schulsystem und wieviele Punkte sie beim Schießtraining im Rahmen der jährlichen „Verteidigungs- und Schutzübungen“, für Mittelstufenschüler erzielt hatte. Sie sei Pazifistin, aber sollte Jugoslawien in einen Krieg eintreten, könne sie sich nun verteidigen. Das war 1982.
In der Oberstufe schlief der Kontakt ein und lebte leider auch nicht wieder auf, als ich zum Studieren nach Zagreb kam. Ihr Vater arbeitete im Kultusministerium und war Kommunist, vermutlich war er dagegen.
Ein niedlicher Brief aus Teheran von einem netten persischen Kommilitonen aus dem Kroatisch-Kurs an der Uni Zagreb. Er war sehr schüchtern und schrieb erst in den Semesterferien aus sicherer Entfernung einen Liebesbrief in grotesk schlechtem Kroatisch. Damit ganz klar wird, was er meint, hat er noch ein deutsches und englisches Gedicht daruntergesetzt:

Total peinlich fand ich das damals. Ich habe ihn nie wiedergesehen, er ging nach den Ferien nach Belgrad und studierte Zahnmedizin.
Mein erster kroatischer Freund war kein Freund vieler Worte. Er schickte Ansichtskarten von der Insel, auf der er lebte, mit seiner Dienst-Telefonnummer (zu Hause hatten wir beide keins) und dem Wort „Komm!“
Oder dieses Telegramm:„Sei am Mittwoch morgen zu Hause“, bevor er mich in Zagreb überraschte.

Sehr cool. Ich habe danach nie wieder ein Telegramm bekommen.
Ein rührender, kaum leserlicher Brief von meiner damals 88jährigen und fast blinden Großmutter.

Sie starb mit 93 und hinterließ hunderte alter Briefe.
Und von der anderen, der kroatischen Großmutter:

Sie war eine einfache Frau und hat in 50 Jahren hier nie richtig Deutsch gelernt.
Erst als ich mit 22 aus Kroatien zurückkam und ihre Sprache konnte, schrieb sie mir zum ersten Mal. Einen Geburtstagsgruß, voller Fehler.
Von meiner besten Freundin und Kommilitonin zu Weihnachten (wir waren zu der Zeit im Sezierkurs):

Briefe meiner Freundin Melissa, kroatischstämmige Kanadierin aus Toronto, die ihre Semesterferien immer beim Vater in Zagreb verbrachte.
Briefe meiner kroatischen Freunde an mich nach Deutschland.
Briefe von den amerikanischen Konsulatsangehörigen, die ich in Zagreb kennengelernt habe und die danach überallhin versetzt wurden.
Zwei Briefe von einem Rob, an den ich mich überhaupt nicht erinnere.
8 Postkarten von einem amerikanischen Exfreund, der von North Carolina nach San Diego umzog und mir aus jedem Bundesstaat, durch den er fuhr, eine Karte schickte.
Geburtstags- und Weihnachtskarten. Briefe von Freundinnen von überall her.
Und vieles mehr...eine volle Kiste, und ich habe gar nicht alles aufgehoben.
Bis Ende der 90er. Dann hatte auch der letzte von uns Zugang zum Internet.
Nun ist unsere persönliche Kommunikation auf Datenträgern und in Formaten gespeichert, die in 20 Jahren vielleicht gar nicht mehr lesbar sind. So wie man keine Schallplatten mehr hören kann, weil es im Haus schon lange keinen Plattenspieler mehr gibt. Schade eigentlich.
Keine Kisten voller Briefe aus diesem Jahrtausend auf Speichern und in Kellern, in denen Enkel dem Leben der Großeltern nachspüren können. Oder Historiker.
Ich glaube, ich schreib mal wieder einen echten Brief, mit Tinte auf Papier.

