Mittwoch, 22. Februar 2012

Leben und Sterben in Molwanien

Susanna, Bereichsleitung Diagnostik, erzählte wieder von der deutschen Großmutter ihres Mannes. Wie ordentlich und pedantisch sie war, jedes Stück Stoff am Leib und im Haus immer akkurat gebügelt. Als sie Susanna, voll berufstätig und mit drei Kleinkindern am Rockzipfel, des öfteren im Jogginganzug beim Einkaufen sah, rief sie sie zu sich und mahnte: lass die Mädchen 10 Minuten allein spielen und richte dich anständig her! Die Leute auf der Straße sehen nicht, dass du mit den Kindern und deiner Arbeit und dem Haushalt keine Zeit für dich hast, sie sehen dich und denken, diese Schlampe hat auch noch Kinder, die armen! Susanna ging danach nie wieder ungeschminkt zum Bäcker.

Als es mit der Schwiegergroßmutter zu Ende ging, gab sie Susanna genaue Anweisungen, wie sie zur Beerdigung angezogen, frisiert und geschminkt sein wollte. Sie starb in der Kardiologie der Uniklinik, in der Susanna damals arbeitete. Weil Verstorbene in Molwanien am nächsten Tag beerdigt werden, hetzte Susanna spätabends zwischen zwei Herzkatheteruntersuchungen in den Leichenkeller, zog die Großmutter aus der Kühlschublade, wusch sie, zog sie an, frisierte und schminkte sie. Als aber am nächsten Morgen das Beerdigungsinstitut die Leiche holen wollte, war die Großmutter verschwunden. Es stellte sich heraus, dass das Beerdigungsinstitut einer anderen Familie früher am Morgen einfach die schönste Leiche mitgenommen hatte. Da Verstorbene vor der Beisetzung im offenen Sarg aufgebahrt werden, gab es derweil bei der anderen Familie in der Friedhofskapelle Nervenzusammenbrüche. Zwei falsche Leichen im falschen Sarg auf dem jeweils falschen Friedhof, die Trauergemeinde schon versammelt, mussten schnell und unauffällig ausgetauscht werden, aber das Totengräberteam erledigte das einwandfrei und ungerührt.
Wie Molwanier überhaupt immer nur in der Krise zu Hochform auflaufen, und am Ende ist wieder alles in bester Ordnung.

Dienstag, 21. Februar 2012

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

..., sagte der Boss müde lächelnd zur Begrüßung, als ich ihn heute früh um sieben aufsuchte, um mich zu verabschieden. Keine Chance, ihn am Tag zu sehen, er operiert wie in den Anfangsjahren wieder selbst 2-3 Karotiden und 4-5 Herzen am Tag. "Es gibt auch Kreuzfahrtkapitäne, die ihr Schiff verlassen." - "Ich nicht. Ich gehe als letzter." Tatsächlich habe ich mich lange, bevor das Schiff Schlagseite bekam, entschlossen, zu gehen, aber das weiß er nicht.

Ich weiß nicht, was er Falsches gesagt hat. Bei einem offensichtlich narzisstisch gestörten Premier braucht es nicht viel, um irrational überschießende, vernichtende Reaktionen zu provozieren. Vor eineinhalb Jahren waren zur Feier unseres zehnjährigen Bestehens noch Premier, Präsident und Gesundheitsminister anwesend. Danach ist irgendetwas passiert, denn im Folgejahr erschienen nur noch Oppositionspolitiker und -medien. Wir wissen von Mitarbeitern des Finanzministeriums, die vom Premier persönlich beauftragt sind, Unregelmäßigkeiten in unseren Finanzen oder IRGENDEINEN Vorwand zu finden, unsere Klinik zu schließen. Der Gesundheitsfonds erstattet seit 6 Monaten keine Behandlungskosten, erfüllt also seinen Vertrag nicht und schuldet uns Millionen. Das ist nicht neu. Wenn sie in früheren Jahren den Hahn zudrehten, lud der Boss zum Pressetermin, alle Medienvertreter kamen, berichteten über den Skandal und der Fonds zahlte zügig. Heute gibt es keine freien Medien mehr, die sich am Boss die Finger verbrennen wollten. Auch die Justiz ist nicht unabhängig. Das Ministerium hat die Miete für unsere Räumlichkeiten um den Faktor 44 erhöht. Außerdem sind die öffentlichen Häuser angewiesen, uns keine Patienten mehr zuzuweisen und halten sich daran. Es ist eine totale Blockade.

"Ein Teil von mir sagt, ich hätte letztes Jahr verkaufen sollen, als die Türken da waren. Aber das wäre ein Eingeständnis von Versagen gewesen. Ich bin doch hergekommen, um etwas für mein Land zu tun. Ein Teil von mir wünscht sich, ich wäre wie du und könnte einfach gehen und grünere Weiden suchen. Aber ich kann hier nicht weg, das wäre Verrat an unseren Patienten, an meinen Prinzipien, an allem, wofür ich stehe."

In der Hauptstadt des Nachbarlands, das politisch und wirtschaftlich noch instabiler ist als Molwanien, in dessen Gesundheitswesen aber deutlich mehr EU-Geld fließt, hat ein Investor ein Herzzentrum gebaut. Es ist im Rohbau fertig. Der Boss wird es betreiben, das Gras scheint grüner. Sie rollen uns einen roten Teppich aus. Der Boss erlebt jedes Gespräch mit den Behörden positiver und konstruktiver als jemals in seinem eigenen Land. Unsere Klinik in Lutenblag muss bis zur Fertigstellung im Herbst überleben, und soll danach mit den Gewinnen aus der neuen Klinik erhalten werden, bis dieses Regime irgendwann abgewählt wird, es muss doch! Aber. Eine andere Sprache, andere Religion, andere Kultur, noch schlechter ausgebildetes Personal, nahezu Gesetzlosigkeit, und alles noch mal von vorn. Ohne mich.

In Molwanien gibt einen News-Aggregator, der die Meldungen sämtlicher Zeitungen minutenaktuell und übersichtlich spiegelt. Unterschiedliche Darstellungen derselben Ereignisse lassen sich vergleichen. Die Seite ist sehr populär, bietet aber zu viel Transparenz. Gestern kündigten acht besonders regierungsnahe Zeitungen Klage an, falls der Aggregator nicht sofort den Zugriff auf ihre Meldungen einstellt. Aber ohne diese Zeitungen bleibt zu wenig Substanz, um die Seite weiter zu betreiben. Letzte Woche wurde ein Gesetz vorgelegt, nach dem ausländische Journalisten vom Innenministerium akkreditiert werden müssen, bevor sie aus Molwanien berichten düfen.

Gauck? Freiheit? Das sollte man tief einatmen.

Dienstag, 7. Februar 2012

Das letzte Abenteuer

Eingeschneit sein, nicht in einer Skihütte, in einer HAUPTSTADT. Es schneit seit 3 Tagen ununterbrochen. Die Straße den Hügel hoch, auf dem ich wohne, war gestern schon nur zu Fuß zu bewältigen, heute ist auch die Hauptstraße unten nicht mehr befahrbar. Es gibt kein fließend Wasser mehr. Man braucht ganz schön viel Schnee, um so einen Toilettenspülkasten zu befüllen.

SchlaZi

 WoZi

Küche

Montag, 6. Februar 2012

Alles ist Politik

Gestern gelang es meiner molwanischen Freundin T, die ich ein paar Monate nicht gesehen habe, durch das anhaltende Schneetreiben auf einen Kaffee und Apfelkuchen zu mir nach Hause vorzudringen. Die Nachtschwester befindet sich nämlich mitten in der Kältewelle in Osteuropa, von der Sie vielleicht in den Nachrichten hören. Das halbe rurale Molwanien ist tatsächlich vom Verkehr, Strom- und Mobilfunknetz abgeschnitten. In der Metropole aber habe ich Strom und Heizung und Internet und zu essen und fühle mich nur damit unwohl, dass die Türen meines Autos seit Tagen an der Karosserie festgefroren und nicht zu öffnen sind, aber wohin wollte ich auch fahren, die Straßen sind nicht geräumt, zur Arbeit muss ich nicht mehr und zum Skilaufen ist es viel zu kalt.

T jedenfalls hat für UN-Organisationen Projekte geleitet und bewegt sich in der Lutenblager internationalen Szene. Zuletzt hat sie eine molwanische White Ribbon Alliance gegründet und dafür EU-Förderung an Land gezogen. Die WRA befasst sich mit Mütter- und Säuglingssterblichkeit und allen Fragen, die damit zusammenhängen. In Molwanien nutzen z.B. nur 14% der Frauen im gebärfähigen Alter Verhütungsmittel, die Abtreibungsrate ist hoch, es gibt keine Geburtsvorbereitungskurse und keine Nachbetreuung, Rückbildungsgymnastik etc., und wie in allen Schwellenländern steigt die Kaiserschnittrate. Das sagt mir die Präsidentin der Hebammenvereinigung, die ich mit T vernetzte. Molwanien hat seine Schulen für die höhere Hebammenausbildung vor 20 Jahren geschlossen. Und wie überall, wo Geburten allein von Gynäkologen betreut werden, und Kaiserschnitte höher vergütet werden als vaginale Entbindungen, wird schneller und häufiger geschnitten.

Jedenfalls hat T angesichts der neo-totalitären Ereignisse im Land im Vorfeld der Neuwahlen im letzten Jahr, der Verhaftungen von Oppositionellen und Journalisten, die Arbeit mit der WRA eingestellt. Ts Tochter geht in den USA zur Schule. Das kostet Geld. Will ich mich in diesem politischen Klima ernsthaft in den Medien exponieren und die Säuglingsterblichkeit anprangern, und dass das Gesundheitsministerium nichts für Frauengesundheit tut, und dass die Hebammen aussterben und die nagelneue gynäkologische Klinik seit 1 1/2 Jahren leersteht? Finde ich am nächsten Tag noch Kooperationspartner, kann ich überhaupt noch arbeiten? fragt sie.

Die reale Brisanz einer so friedlichen Angelegenheit wie Schwangerschaftsvorsorge.

Samstag, 4. Februar 2012

Dank

Eintrag einer Patientin auf der Facebook Seite von Dr. Boss: Unser Heiliger, Sie retten Menschenleben, Sie sind unser Retter, wir danken dem Herrn, dass er einen solchen Retter für unser Volk geschaffen hat, Mögen Sie gesund und lebendig bleiben, auf ewig, denn von Ihnen hängen viele Leben ab, wir lieben und achten Sie, Engel, Beschützer und Retter jedes Menschen in dessen Brust ein Herz schlägt.

"Wie geht es deiner Mutter? Vergiss nicht, sie von mir zu grüßen! Ich werde ihr nie vergessen, dass sie für mich da war, als ich es am schwersten hatte! Sag ihr das!" sagt Dr. M jedes Mal, wenn er mir auf dem Flur begegnet. Als er an der Wirbelsäule operiert wurde, konnte ich nicht bis zum Ende seines Krankenhausaufenthaltes in Deutschland bleiben und hatte meine Mutter gebeten, ab und zu nach ihm zu sehen. Die einzige Fremdsprache, die Dr. M spricht, ist die Muttersprache meiner Mutter. Sie besuchte ihn ein paar Mal, kaufte ihm molwanische Zeitungen, dolmetschte und organisierte seinen Flughafentransfer, als er entlassen wurde.

Als ich mich Mittwoch aus der Klinik verabschiedete, bedankten sich zig Mitarbeiter unter Tränen für meine Arbeit und Integrität und Unterstützung, hielten meine Hände und ließen mich nicht los. Männer weinten. Am Anfang war ich sachlich und entschlossen und sortiert, am Ende stand ich mit ihnen im Kreis und heulte wie ein Wasserhahn.

Verklärung beiseite, es gibt in diesem Schurkenstaat eine besondere Kultur der Dankbarkeit und Vergeltung für Menschen, die Gutes tun oder sich einfach nur anständig verhalten. Schließlich ist nichts selbstverständlich. Anerkennung leicht und selbstverständlich auszusprechen, habe ich erst von den Molwaniern gelernt.

Samstag, 28. Januar 2012

Drei Jahre

... sind es heute. Ich denk an dich, mein Opapst. Das waren Zeiten.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Wo man singt, da lass dich nieder

Bei meinen Recherchen zur kulturellen Annäherung an die Region, in der ich mich aufhalte, stieß ich auf dieses Video aus dem Kosovo. Das Kosovo gehört zum erweiterten molwanischen Kulturkreis, wie Sie unten gleich sehen werden. Der Clip hat Längen, nach 100 Sekunden wiederholt sich die Handlung und Sie dürfen wegklicken. Beachten Sie aber vorher bitte den Picknicker, der in Sekunde 25 entspannt auf dem Rücken liegend, die Kippe lässig zwischen den Lippen, verträumt in die Luft ballert, und das Revolver-Duell - äh, Duett, ab 01.30.

Bester Kommentar dazu auf YouTube: they are just angry no girls turned up to their facebook event



Böse Menschen singen keine Lieder.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Wässerchens

Heute beging man in Molwanien Wässerchens. Molwanien hat 30 gesetzliche und kirchliche Feiertage im Jahr. Das ist bei 35% Arbeitslosigkeit nicht etwa Luxus. Eine hohe Anzahl arbeitsfreier Tage erhöht vielmehr die Menge an Arbeit, die an den verbleibenden Arbeitstagen zu leisten ist und damit die Anzahl der Arbeitsplätze.

Wässerchens ist jedenfalls der unterhaltsamste Feiertag von allen. Man begeht volksfestartig die Taufe Christi. Zuschauer versammeln sich dabei am Ufer des Gewässers, an dem ihre Gemeinde liegt - Molwanien ist reich an Bergseen - und ihr jeweils ranghöchster Priester wirft unter lithurgischem Brimborium ein Holzkreuz ins Wasser. Junge Männer schwimmen um die Wette hinterher und fischen es heraus. Etwa so, wie wenn Sie Ihrem Labrador beim Spaziergang ein Stöckchen in die Elbe werfen, aber mit bis zu tausend Labradoren, und nur einem Stöckchen.

Wir befinden uns in einem Gebirgsstaat im Januar. In der zweitgrößten Stadt wurden gestern -25 Grad gemessen. Da ist 2 oder 3 Grad kaltes Wasser schön warm. Je nach Größe des Gewässers und der anliegenden Stadt verfolgen bis zu zwanzigtausend Zuschauer das Schauspiel. Sie werden von örtlichen Gaststätten kostenlos mit heißem Schnaps versorgt, was maßgeblich zur Beliebtheit des Festes beiträgt. Im Publikum geht ein Geldtopf herum. Der Schwimmer, der das Kreuz ergattert, gewinnt das gesammelte Geld und wird ein gesegnetes Jahr haben. Das Kreuz wird danach versteigert, der Erlös geht an ein wohltätiges Projekt. Nach 40 Tagen muss der Käufer das Kreuz an die Kirche zurückgeben und erhält dafür wiederum einen besonderen Segen. Das Schöne daran ist, irgendwie gewinnen alle.

Die Veranstaltungen verliefen heute landesweit ohne Zwischenfälle, nachdem es letztes Jahr in einer südmolwanischen Stadt zu einer unchristlichen Rauferei zweier Schwimmer um das Kreuz gekommen war, die zum Beinaheertrinken eines Kontrahenten geführt hatte, ein Skandal. Der andere hatte mit dem Kreuz auf ihn eingeschlagen.

Waesserchens1

Tagesdosis

Hallo liebe Nachschwester! WO...
Hallo liebe Nachschwester! WO SIND SIE??? Bitte...
Frau Luiling (Gast) - 19. Jun, 20:57
Ach Frau Nachtschwester...
Ach Frau Nachtschwester - kaum ist man ein paar Tage...
Inge (Gast) - 12. Apr, 11:31
Heldenhunde
Über die kurvige Schnellstraße, weit ab...
nachtschwester - 28. Mrz, 20:59
Abschiedsschmerz
Liebe Nachtschwester, Angang Februar hatte ich einen...
Annelie (Gast) - 28. Mrz, 10:57
schade, dass (auch) sie...
ich hab ihre formulierungen und ihren (gerade auch...
la-mamma - 21. Mrz, 15:00
ein blog ist nichts anderes...
ein blog ist nichts anderes als eine persönliche...
bonanzaMARGOT - 21. Mrz, 11:32
Das ist ja eine fabelhafte...
Das ist ja eine fabelhafte außerordentliche Feedbackrunde...
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