Sonntag, 16. Dezember 2012

Der Kürbisverkäufer

Samstag früh ging ich auf meinen Lieblingsmarkt und kaufte einen Kürbis an einem Stand, der nur Kürbisse anbot. Ich zeigte auf einen mittleren Butternutkürbis. "Gute Wahl" sagte der Kürbisfachverkäufer. Er beklopfte den Kürbis, warf ihn in die Luft, fing ihn auf, hielt ihn vors Ohr, schüttelte ihn und roch daran. "Gute Wahl, Nachbarin", bekräftigte er und legte den Kürbis auf die Waage. 2kg, 60 Cent. Ob er ihn spalten solle, damit ich mich zu Hause nicht abmühen muss? Gern, sagte ich. Er teilte den Kürbis mit einem präzisen Schlag seines Kürbisbeils sauber in zwei Hälften. Die leuchtend orangefarbenen Schnittflächen hielt er mir strahlend vors Gesicht. "Schaun Sie sich das an, Nachbarin. Was für eine Farbe, was für ein Duft!? Was für eine wunderbare Frucht! Ein Gottesgeschenk, nicht wahr? Es ist gleich halb drei, ich muss bald einpacken und nach Hause fahren. Wissen Sie, ich bin jeden Tag ein bisschen traurig, wenn ich aufhören muss, diese Schönheiten zu verkaufen."

Der Zahnarzt

Mein Empfinden für Preisgefüge hat sich in Osteuropa verändert. Ich sehe ein, dass ich für dieselbe Dienstleistung mit denselben Materialien und in derselben Qualität in Deutschland doppelt oder auch dreifach zahlen muss, weil sie in Deutschland erbracht wird und nicht in einem Schwellen- und Niedriglohnland. Aber ein Heil-und Kostenplan, der auf das Fünffache dessen aufgeblasen ist, was G in Lutenblag berechnet, ist dreist und absurd. Ich ging mehr aus Protest in Lutenblag zum Zahnarzt, nicht aus Armut. Und dann mochte G meinen Zahn gar nicht überkronen, ich musste insistieren. Er hätte lieber bloß den ausgebrochenen Teil der Füllung ordentlich geflickt, für ein Zehntel des Betrages, den die Krone kostete, statt Zahnsubstanz wegzuschleifen.

Die Zahnärzte, die ich in München aufgesucht hatte, sind auf Angstpatienten spezialisiert. Beruhigt es einen Phobiker, das auf dem Praxisschild zu lesen, oder belastet ihn das zusätzliche Etikett, das zweite Stigma? Nicht nur sind die Zähne vergammelt, man hat obendrein ein psychisches Problem, das eines Spezialisten bedarf? Und wieso braucht es dafür Spezialisten? Ich fragte G, was er mit Patienten macht, die schlimme Angst vorm Zahnarzt haben. G sagte, er setzt sich zu ihnen ins Wartezimmer, trinkt Kaffee mit ihnen, schaut mal kurz in den Mund, sie reden über Politik, Fussball, und ein bisschen über Zähne. Dann schickt er sie nach Hause. Sie kommen wieder, sie trinken Kaffee, sie lernen sich kennen. Mit einem Patienten habe er ein Dreivierteljahr lang nur geredet, bevor er sich auf den Behandlungsstuhl setzte. Wenn ängstliche Kinder das erste Mal kommen, malt er im Wartezimmer Bilder mit ihnen, und schickt sie danach nach Hause. Beim zweiten Mal nimmt er sie mit in den Behandlungsraum, setzt sie auf den Stuhl und lässt sie hoch und runter fahren. Beim dritten Mal zeigt er ihnen seine Instrumente und poliert ihnen damit die Fingernägel. Danach gebe es meistens keine Probleme mehr.

Das geht in Molwanien, weil Zeit keinen Geldwert hat. Niemand käme auf die Idee, Gesprächszeit abzurechnen. Zeit, die mit jemandem beim Kaffee oder Wein oder Schnaps im Gespräch verbracht wird, ist ein Zeichen von Respekt und Freundschaft und gegenseitiges Geschenk.

Im warmen Nest bei -17 Grad

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Im Anflug auf Lutenblag dachte ich, wie ich an die 60 Mal hier gelandet bin, das erste Mal vor genau 10 Jahren. Die Landebahn war damals so kurz, dass der Pilot auf den ersten Zentimetern aufsetzte und dann vollbremste. Man stieg aufs Rollfeld hinunter, atmete den Blick über das weite Tal und die Gebirge rechts und links tief ein, und ging zu Fuß zum schäbigen Flughafengebäude. Der Boss hatte mir seinen fast 70jährigen Chauffeur geschickt, Onkelchen K. Weil Onkelchen K. sein Leben lang Regierungsangehörige gefahren hat und man ihn kannte, durfte er mir auf das Rollfeld entgegenkommen. Er hielt ein Blatt Papier hoch, auf das jemand meinen Namen gekritzelt hatte, in kyrillischen Buchstaben, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht flüssig lesen konnte. Jedenfalls fand er mich, schleuste mich beschleunigt durch die Passkontrolle und redete ununterbrochen auf mich ein. Ich verstand kein Wort. Der Boss hatte gesagt, Molwanisch, Kroatisch, Russisch - alles eins. Sprichst du eine slawische Sprache, kannst du alle, und Molwanisch, das Urslawische, sowieso. K´s Redeschwall ließ mich leider völlig ratlos.

Onkelchen K. bugsierte mich zum Parkplatz, brach einen Streit mit dem Parkwächter von Zaun, danach mit einem Mautkassierer auf der Autobahn. K war notorisch auf Kriegsfuß mit seiner Umwelt. Der Boss war in ständiger Sorge um seine Koronarien. Wir fuhren durch eine ländliche Gegend. Ich konnte die Schilder nicht lesen. Schließlich fuhren wir in eine Stadt ein, die nicht wie eine Hauptstadt aussah. Onkelchen K. fuhr über den Plastikboulevard, der so heißt, weil dort auf einem Kilometer Länge rechts und links Haushaltswaren aus Plastik verkauft werden, aus Geschäften heraus, von Ständen, vom Gehweg. Dort herrschte großes Gedränge. Menschen, Straßenhunde, Autos, Mopeds, Pferdekarren, Taxis, alles fuhr kreuz und quer, hupte, schimpfte, gestikulierte. Onkelchen K. hielt mittendrin an und stieg aus. Er müsse für seine Gattin etwas besorgen, verstand ich, und ließ mich in diesem orientalischen Gewimmel allein. Erst Jahre später habe ich den Plastikboulevard angstfrei begangen und schätzen gelernt. Muffinförmchen? Müslischüsseln? Staubsaugerfilter? Handfeger? alles da, in riesiger Auswahl, für ein paar Cent. Nachdem K einen Putzeimer gekauft hatte, brachte mich in ein Hotel an einem Flussufer und ließ mich allein. Ich textete an Herrn Nachtschwester in Hamburg: "Bin gut angekommen. Weiß nicht genau, wo."

Am nächsten Abend ging ich mit dem Boss essen. Er raste mit seinem Grand Cherokee durch die Stadt und ungebremst über Kreuzungen. Wie das hier mit der Vorfahrt sei, fragte ich angespannt? Das größere Auto hat Vorfahrt, ganz einfach, sagte der Boss.

Mittlerweile wurde der Flughafen von den Türken übernommen und ausgebaut. Letzte Woche warteten zum ersten Mal weder Onkelchen K noch der gute C. auf mich, der K nach dessen Pensionierung abgelöst hatte. C hatte mich während der Fahrt immer über die aktuelle politische und die Wetterlage gebrieft. Vor dem blitzenden und blinkenden Flughafengebäude stehen nunmehr uniforme weiße Mercedes-Taxis der nagelneuen Airport Taxi-Gesellschaft, nicht mehr das bunte Rostlaubensammelsurium wie noch vor zwei Jahren. Vor der Taxi-Reihe ein Tumult aus Fahrern und Fahrgästen. Wohin, fragte mich ein Fahrer. Zentrum, Nähe katholische Kirche, antwortete ich. Moment, sagte der Fahrer und ließ mich stehen. Ich begriff, dass sie die Fahrgäste nach Stadtteilen sortierten und unter lautem, kompliziertem, langatmigem Palaver auf möglichst wenige Taxen verteilten. Da war ich gerade 5 Minuten im Land und steckte schon wieder mitten in ihrem nervtötenden Orientbazartheater, ich will kein Taxi teilen und auf niemanden warten, jetzt fahr mich zackig einer in die Stadt, es stehen genug Taxen rum! Aber dann erinnerte ich mich, dass 20 Euro Flughafentransfer in Molwanien sehr, sehr viel Geld sind, der Flughafen von öffentlichen Verkehrsmitteln nicht angefahren wird und die Fahrer ihren Fahrgästen nur Geld sparen wollen. Ich teilte mir also einen Wagen und die Kosten mit einer Molwanierin, die tatsächlich bei M um die Ecke wohnte.

Meine amerikanische Freundin M. war gerade von der Arbeit gekommen. Sie begrüßte mich flüchtig mit Küsschen, als hätten wir gestern noch zusammen Kaffee getrunken. "Ich muss zum Sport, P und G kommen gleich, du erinnerst dich? die kochen uns was."

P und G machten sich in M´s Küche zu schaffen und gaben mir viel von dem guten, lang vermissten molwanischen Merlot zu trinken.

Ich rief in G´s Praxis an. Ich brauche eine Backenzahnkrone. G´s Facebookprofil ist deaktiviert und er hat nicht auf meine SMS geantwortet. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, um meinen Zahnarzt. Aber G geht ans Telefon und freut sich ein Loch in den Bauch. Wir verabreden uns für den nächsten, Samstag, Morgen.

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