Die Ratten verlassen das sinkende Schiff
..., sagte der Boss müde lächelnd zur Begrüßung, als ich ihn heute früh um sieben aufsuchte, um mich zu verabschieden. Keine Chance, ihn am Tag zu sehen, er operiert wie in den Anfangsjahren wieder selbst 2-3 Karotiden und 4-5 Herzen am Tag. "Es gibt auch Kreuzfahrtkapitäne, die ihr Schiff verlassen." - "Ich nicht. Ich gehe als letzter." Tatsächlich habe ich mich lange, bevor das Schiff Schlagseite bekam, entschlossen, zu gehen, aber das weiß er nicht.
Ich weiß nicht, was er Falsches gesagt hat. Bei einem offensichtlich narzisstisch gestörten Premier braucht es nicht viel, um irrational überschießende, vernichtende Reaktionen zu provozieren. Vor eineinhalb Jahren waren zur Feier unseres zehnjährigen Bestehens noch Premier, Präsident und Gesundheitsminister anwesend. Danach ist irgendetwas passiert, denn im Folgejahr erschienen nur noch Oppositionspolitiker und -medien. Wir wissen von Mitarbeitern des Finanzministeriums, die vom Premier persönlich beauftragt sind, Unregelmäßigkeiten in unseren Finanzen oder IRGENDEINEN Vorwand zu finden, unsere Klinik zu schließen. Der Gesundheitsfonds erstattet seit 6 Monaten keine Behandlungskosten, erfüllt also seinen Vertrag nicht und schuldet uns Millionen. Das ist nicht neu. Wenn sie in früheren Jahren den Hahn zudrehten, lud der Boss zum Pressetermin, alle Medienvertreter kamen, berichteten über den Skandal und der Fonds zahlte zügig. Heute gibt es keine freien Medien mehr, die sich am Boss die Finger verbrennen wollten. Auch die Justiz ist nicht unabhängig. Das Ministerium hat die Miete für unsere Räumlichkeiten um den Faktor 44 erhöht. Außerdem sind die öffentlichen Häuser angewiesen, uns keine Patienten mehr zuzuweisen und halten sich daran. Es ist eine totale Blockade.
"Ein Teil von mir sagt, ich hätte letztes Jahr verkaufen sollen, als die Türken da waren. Aber das wäre ein Eingeständnis von Versagen gewesen. Ich bin doch hergekommen, um etwas für mein Land zu tun. Ein Teil von mir wünscht sich, ich wäre wie du und könnte einfach gehen und grünere Weiden suchen. Aber ich kann hier nicht weg, das wäre Verrat an unseren Patienten, an meinen Prinzipien, an allem, wofür ich stehe."
In der Hauptstadt des Nachbarlands, das politisch und wirtschaftlich noch instabiler ist als Molwanien, in dessen Gesundheitswesen aber deutlich mehr EU-Geld fließt, hat ein Investor ein Herzzentrum gebaut. Es ist im Rohbau fertig. Der Boss wird es betreiben, das Gras scheint grüner. Sie rollen uns einen roten Teppich aus. Der Boss erlebt jedes Gespräch mit den Behörden positiver und konstruktiver als jemals in seinem eigenen Land. Unsere Klinik in Lutenblag muss bis zur Fertigstellung im Herbst überleben, und soll danach mit den Gewinnen aus der neuen Klinik erhalten werden, bis dieses Regime irgendwann abgewählt wird, es muss doch! Aber. Eine andere Sprache, andere Religion, andere Kultur, noch schlechter ausgebildetes Personal, nahezu Gesetzlosigkeit, und alles noch mal von vorn. Ohne mich.
In Molwanien gibt einen News-Aggregator, der die Meldungen sämtlicher Zeitungen minutenaktuell und übersichtlich spiegelt. Unterschiedliche Darstellungen derselben Ereignisse lassen sich vergleichen. Die Seite ist sehr populär, bietet aber zu viel Transparenz. Gestern kündigten acht besonders regierungsnahe Zeitungen Klage an, falls der Aggregator nicht sofort den Zugriff auf ihre Meldungen einstellt. Aber ohne diese Zeitungen bleibt zu wenig Substanz, um die Seite weiter zu betreiben. Letzte Woche wurde ein Gesetz vorgelegt, nach dem ausländische Journalisten vom Innenministerium akkreditiert werden müssen, bevor sie aus Molwanien berichten düfen.
Gauck? Freiheit? Das sollte man tief einatmen.
Ich weiß nicht, was er Falsches gesagt hat. Bei einem offensichtlich narzisstisch gestörten Premier braucht es nicht viel, um irrational überschießende, vernichtende Reaktionen zu provozieren. Vor eineinhalb Jahren waren zur Feier unseres zehnjährigen Bestehens noch Premier, Präsident und Gesundheitsminister anwesend. Danach ist irgendetwas passiert, denn im Folgejahr erschienen nur noch Oppositionspolitiker und -medien. Wir wissen von Mitarbeitern des Finanzministeriums, die vom Premier persönlich beauftragt sind, Unregelmäßigkeiten in unseren Finanzen oder IRGENDEINEN Vorwand zu finden, unsere Klinik zu schließen. Der Gesundheitsfonds erstattet seit 6 Monaten keine Behandlungskosten, erfüllt also seinen Vertrag nicht und schuldet uns Millionen. Das ist nicht neu. Wenn sie in früheren Jahren den Hahn zudrehten, lud der Boss zum Pressetermin, alle Medienvertreter kamen, berichteten über den Skandal und der Fonds zahlte zügig. Heute gibt es keine freien Medien mehr, die sich am Boss die Finger verbrennen wollten. Auch die Justiz ist nicht unabhängig. Das Ministerium hat die Miete für unsere Räumlichkeiten um den Faktor 44 erhöht. Außerdem sind die öffentlichen Häuser angewiesen, uns keine Patienten mehr zuzuweisen und halten sich daran. Es ist eine totale Blockade.
"Ein Teil von mir sagt, ich hätte letztes Jahr verkaufen sollen, als die Türken da waren. Aber das wäre ein Eingeständnis von Versagen gewesen. Ich bin doch hergekommen, um etwas für mein Land zu tun. Ein Teil von mir wünscht sich, ich wäre wie du und könnte einfach gehen und grünere Weiden suchen. Aber ich kann hier nicht weg, das wäre Verrat an unseren Patienten, an meinen Prinzipien, an allem, wofür ich stehe."
In der Hauptstadt des Nachbarlands, das politisch und wirtschaftlich noch instabiler ist als Molwanien, in dessen Gesundheitswesen aber deutlich mehr EU-Geld fließt, hat ein Investor ein Herzzentrum gebaut. Es ist im Rohbau fertig. Der Boss wird es betreiben, das Gras scheint grüner. Sie rollen uns einen roten Teppich aus. Der Boss erlebt jedes Gespräch mit den Behörden positiver und konstruktiver als jemals in seinem eigenen Land. Unsere Klinik in Lutenblag muss bis zur Fertigstellung im Herbst überleben, und soll danach mit den Gewinnen aus der neuen Klinik erhalten werden, bis dieses Regime irgendwann abgewählt wird, es muss doch! Aber. Eine andere Sprache, andere Religion, andere Kultur, noch schlechter ausgebildetes Personal, nahezu Gesetzlosigkeit, und alles noch mal von vorn. Ohne mich.
In Molwanien gibt einen News-Aggregator, der die Meldungen sämtlicher Zeitungen minutenaktuell und übersichtlich spiegelt. Unterschiedliche Darstellungen derselben Ereignisse lassen sich vergleichen. Die Seite ist sehr populär, bietet aber zu viel Transparenz. Gestern kündigten acht besonders regierungsnahe Zeitungen Klage an, falls der Aggregator nicht sofort den Zugriff auf ihre Meldungen einstellt. Aber ohne diese Zeitungen bleibt zu wenig Substanz, um die Seite weiter zu betreiben. Letzte Woche wurde ein Gesetz vorgelegt, nach dem ausländische Journalisten vom Innenministerium akkreditiert werden müssen, bevor sie aus Molwanien berichten düfen.
Gauck? Freiheit? Das sollte man tief einatmen.

