Mittwoch, 7. Januar 2009

Cocooning in Zeiten der Krise



Vom Dauerweihnachten mal abgesehen erfüllte mich diesmal nach vier Wochen westeuropäischer urbaner Gegenwart die Rückkehr in die hässliche Balkankleinstadt, die die Einheimischen Metropole nennen, mit angenehmer Nostalgie. Unser Chauffeur C., der mich von Flughafen abholte, klärte mich wie immer zuerst über die Wetterlage auf und dann über die Weltpolitik. Da er früher im Fahrdienst der Regierung stand und zu manchen Ex-Ministern noch Kontakt hat, soweit diese auf freiem Fuß sind, weiß er Bescheid. Dass nämlich die Weltwirtschaftskrise von den Amerikanern angezettelt wurde, um Russland in die Knie zu zwingen, aber der Schuss ging nach hinten los, mit den Russen soll man sich nie anlegen, die sind immer stärker, das weiß jeder, bloß die Bush-Regierung nicht, das hat sie nun davon. (Interessanter Artikel über die gefühlte und reale Macht Russlands übrigens hier.)

Im übrigen habe hier kein Mensch Angst, Wirtschaftskrise sei schließlich jeden Tag, schon immer. "Was für Kredite?" lacht C. "Uns gibt doch niemand Kredite, weil keiner ein sicheres Einkommen hat!"

Am Neujahrstag fing es an, zu schneien und hat seitdem nicht aufgehört. Wie jedes Jahr vermelden die Nachrichten, in welchen die Schneefälle vorher tagelang angekündigt waren, die Gemeinden seien vom plötzlichen Wintereinbruch völlig überrascht.

Der Eindruck, dass das Land an der Weltwirtschaftskrise einfach nicht teilnimmt, verfestigt sich, wenn man bedenkt, dass das Geschäftsleben stoisch erst nach den Feiertagen und dem Wochenende, am 12.01., so richtig weitergeht und dass die wenigen devisenverkehrenden Banken zwischen Neujahr und julianischem Weihnachten gar nicht erst aufgemacht haben, nachdem vorher in der gesamten devisenführenden Welt zwischen dem katholischen Weihnachten und Neujahr nicht viel passiert ist. Das macht insgesamt fast drei Wochen Stillstand im internationalen Zahlungsverkehr, ausgerechnet jetzt.

Und wenn in den sonntags im Fernsehen übertragenen Kabinettssitzungen der Premierminister sich über die Umsetzung und die Akzeptanz der Bevölkerung einer weiteren europäischen Regulative informieren lässt, dass nämlich Plastiktüten beim Einkauf nicht mehr kostenfrei abgegeben werden dürfen, sondern von mehrfach verwendbarer Qualität sein müssen und der Kunde dafür 1 Kopeke bezahlen muss, und weiter anordnet, die Stadtverwaltung mit einem Strafverfahren zu belegen, weil die Straßen der Hauptstadt immer noch nicht von Schnee geräumt wurden, und danach wohlwollend zur Kenntnis nimmt, dass auf Initiative eines Bürgermeisters im Süden ein Guiness-Rekord im Herstellen von Kohlrouladen aufgestellt wurde (80200 in sechs Stunden von 160 Hausfrauen), stellt sich die Frage, wieso sich anderswo RegierungschefInnen mit dem Packen von Konjunkturpaketen das Hirn zermartern und das Leben schwer machen.

In meinem Plattenbauidyll bollert derweil die Heizung, fließt warmes Wasser, läuft seit Monaten fast ununterbrochen DSL, gibt es zwar gerade kein Gas aus Russland, brauch ich aber auch nicht, Essen ist im Kühlschrank und Geld auf dem Konto. Ich fühle mich zu dem Trugschluss verleitet, es gebe keine existenziellen Probleme in dieser Nation, wo sogar eine Weltwirtschaftskrise so weit weg ist.

Weiterhin Frohe Feste!

Gegrillter Octopus, in einer Kasserolle mit ofengegarten kleinen Kartoffeln mit Schale, grünen Paprikastreifen, Kräutern und Olivenöl, herrlich nach all dem Gänsebraten und Rotkohl, in einem fensterlosen Restaurant mit Fliesen bis zur Decke und einem mit Seewasseraquarien voller winkender Hummer fast zugebauten Eingang, aber der Begleiter sagte, was heißt hier nicht schön, das ist authentisch, bloß Portugiesen hier, schön kannste in Hamburg jeden Tag haben.

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Lissabon war ein sonnenglänzendes, warmes, entspanntes, fabelhaftes Refugium vor der glühweinklebrigen Weihnachtshektik vor den Feiertagen in Deutschland, die beste Idee seit langem. Leider weiß ich nichts über Portugal außer Kolumbus, Galao, Algarve, Madredeus, Fado, Salezar und Nelkenrevolution und ich verstehe die Sprache nicht. So erschloss sich auch nicht der Sinn zahlreicher Umzüge, die uns begegneten und díe augenscheinlich im Zusammenhang mit dem nahenden Weihnachtsfest standen. Bei dieser polizeibegleiteten Weihnachtsmann-Demo wurden Transparente geschwenkt und Parolen skandiert. Mehr Geld für diese selbstlose, ausgebeutete Berufsgruppe?

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Unten sehen Sie den portugiesischen Christstollen:

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Sie sind längst dabei, die Festtage mit dem alljanuärlichen Diät-und Sportprogramm ungesehen zu machen und fragen sich, was redet sie da noch? Wenn man sich aber zwischen den Jahren von West- nach tief ins orthodoxe Südosteuropa bewegt, läuft man eine Endlos-Weihnachtsschleife und geht die Jingle-Bells-Beschallung in Restaurants und Einkaufszentren nahtlos weiter. Heute und morgen ist Weihnachten nach dem julianischen Kalender, sehr weiße Weihnachten übrigens. Leider haben sich auch hier weihnachtsmarktähnliche Strukturen eingeschlichen, ganz ärmliche Buden mit Lametta und Deko-Glitzerkram Made in China.

Ein Frohes Neues Jahr allen hier Mitlesenden. Das ist aus meiner Perspektive nicht verspätet, denn das julianische Neujahrsfest kommt erst noch. Wenn ich Ihnen einen Neujahrsvorsatz aufdrängen darf, fahren Sie 2009 nach Lissabon. Ich könnte ein Hotel empfehlen.

Tagesdosis

Liebste Nachtschwester, durch...
Liebste Nachtschwester, durch beruflichen Aufenthalt...
Markus (Gast) - 4. Nov, 23:31
Ein Hoch auf glutvollen...
Ein Hoch auf glutvollen Schwung! Miss Platnum ist prima.
Au-lait - 3. Nov, 13:32
Das Hirn regelt vieles,...
Das Hirn regelt vieles, aber nicht alles. Ich wünsch...
Etosha (Gast) - 2. Nov, 17:48
Gegen Wien wäre...
Gegen Wien wäre überhaupt gar nichts einzuwenden!...
nachtschwester - 27. Okt, 20:17
Also Wien ...
ja, das wäre nett. Falls der Job nicht so toll...
sokrates2005 - 27. Okt, 19:23
Frau Nachtschwester,...
Frau Nachtschwester, ich bin mir sicher, sie werden...
nina (Gast) - 27. Okt, 16:55
In Großmutters...
Liisa und Kaltmamsell verlinken auf sie, für mich...
nachtschwester - 26. Okt, 23:28
Genial!
Genial!
chSchlesinger - 26. Okt, 23:02

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