Schuld
In meiner Vorstellung hat dieser 21jährige, der besoffen unterwegs mit Mamis Auto ihr Hirn zu Brei gefahren hat, ein kapitales Minus auf dem Lebenskonto. Keine vom Gericht zu verhängende Strafe kann es ausgleichen, kein temporärer Führerscheinentzug, kein "wir waren doch auch mal jung", keine verzweifelte Mutter, die sich neben passenden Worten, die sie durchaus findet, wahrscheinlich primär Gedanken um die bald mit einer Vorstrafe befleckte Vita ihres prinzipientreuen Sohnes macht. Dieses unbeschriebene Blatt, noch nichts bewiesen in seinem Leben, null Guthaben im Dienste an der Gesellschaft, nimmt der 33jährigen, die auf ihrer Intensivstation an der Rettung unzähliger Leben beteiligt war, das ihre und begreift das besondere Ungleichgewicht dieses Unfalls vermutlich gar nicht. Was sollte mit ihm geschehen? Nach der nun anstehenden Phase der Depression, Psycho- und Therapiekiste, die ihn in die Lage versetzen sollen, nach dem Trauma ein Leben wie jeder andere zu führen, möge er bitte trotzdem die besondere, altmodische Lebenspflicht wahrnehmen, Gutes zu tun. Entwicklungshilfe leisten, Sozialarbeit in den dreckigsten Slums, Minen räumen, Kriegsfotograf werden, sowas eben. Früher gingen die Leute ins Kloster, Buße tun, oder missionieren. Wann soll ich denn den Moralischen kriegen, wenn nicht hier.

