Balkan-Bohéme
Am Eingang der schäbigsten aller Konzerthallen wurde ich weggerempelt. Ich wollte gerade zurückpöbeln, da sah ich das Spiralkabel aus dem Ohr des Remplers sich Richtung Hemdkragen schlängeln. Und siehe da, ihm folgte eine ungepflegt-bärtige, aknenarbige Visage. "Ist das nicht euer..." - "Präsident. Die alte Koksnase.", sagte V.
Wir hatten wie jedesmal Logenplätze umsonst. Das Land ist ein Dorf und das Beziehungsgeflecht dicht. Wir haben die Karten zum Beispiel, weil die Sängerin mit dem Boss befreundet ist, weil wir letzte Woche einen Verwandten von ihr behandelt haben, weil eine unserer Mitarbeiterinnen die Nichte ihres Mannes ist, weil V.´s Freundin eine Talkshow hat und sowieso immer Karten, weil der Boss und sein Karma selbst nicht hingehen wollten.
Die Grande Dame begeht ihren 40. Geburtstag und ihr 30. Bühnenjubiläum. Sie lässt ihr Orchester ein Instrumentalstück spielen, während sie eine ausgiebige Begrüßungsrunde dreht. Sie kennt alle Gäste in den Logen und viele in den Sitzreihen darüber. Sie umarmt und küsst die komplette erste Reihe, uns in der zweiten wirft sie Kusshände zu. Uns direkt gegenüber sitzt die andere Diva mit zweien ihrer über 50 Adoptivkinder, die auch bei der jüngsten Hochzeit des Boss gesungen hat, zu der ich nicht geladen war, weil ich im speziellen Fall nicht an Karma glaubte. Als der Star des Abends schliesslich zum Mikrofon greift, ist ihre Stimme so heiser, dass sie kaum ein Wort herausbringt. "Was hat sie gesagt?", fragt der kroatische Gastarzt zu meiner Rechten, den V. von einem Kongress mitgebracht hat. Ist mir eine Ehre, ich kann nämlich übersetzen.
Aber als sie loslegt, kann ihre Stimme über gefühlte 10 Oktaven alles. Sie singt Balladen, man schwenkt Handydisplays, nicht Feuerzeuge, sie rockt, sie groovt, sie singt alte Volksweisen, sie zittert, sie schwankt, sie fällt auf die Knie, sie weint, sie treibt mir die Tränen in die Augen - "du bist eine von uns!" lacht V., sie singt Titel a capella, die ihr aus dem Publikum zugerufen werden, sie singt ein Lied für ihren geistig behinderten einzigen Sohn, sie nimmt Kinder in den Arm, die man ungehindert auf die Bühne laufen lässt, sie nimmt Geschenke und Blumen von Zuschauern entgegen, sie macht nur einmal für fünf Minuten auf der Bühne Platz für einen Solisten mit einem komplexen traditionellen Saiteninstrument, kommt in einem anderen Kleid wieder und stimmt in seine Melodie ein, und weiter geht der grandiose Zirkus mit dieser Mutter der Nation, zweieinhalb Stunden lang, unzählige Zugaben nicht gerechnet.



Am Ende frage mich, wie es kommt, dass es bei uns nicht eine solche Diva gibt.
Wir hatten wie jedesmal Logenplätze umsonst. Das Land ist ein Dorf und das Beziehungsgeflecht dicht. Wir haben die Karten zum Beispiel, weil die Sängerin mit dem Boss befreundet ist, weil wir letzte Woche einen Verwandten von ihr behandelt haben, weil eine unserer Mitarbeiterinnen die Nichte ihres Mannes ist, weil V.´s Freundin eine Talkshow hat und sowieso immer Karten, weil der Boss und sein Karma selbst nicht hingehen wollten.
Die Grande Dame begeht ihren 40. Geburtstag und ihr 30. Bühnenjubiläum. Sie lässt ihr Orchester ein Instrumentalstück spielen, während sie eine ausgiebige Begrüßungsrunde dreht. Sie kennt alle Gäste in den Logen und viele in den Sitzreihen darüber. Sie umarmt und küsst die komplette erste Reihe, uns in der zweiten wirft sie Kusshände zu. Uns direkt gegenüber sitzt die andere Diva mit zweien ihrer über 50 Adoptivkinder, die auch bei der jüngsten Hochzeit des Boss gesungen hat, zu der ich nicht geladen war, weil ich im speziellen Fall nicht an Karma glaubte. Als der Star des Abends schliesslich zum Mikrofon greift, ist ihre Stimme so heiser, dass sie kaum ein Wort herausbringt. "Was hat sie gesagt?", fragt der kroatische Gastarzt zu meiner Rechten, den V. von einem Kongress mitgebracht hat. Ist mir eine Ehre, ich kann nämlich übersetzen.
Aber als sie loslegt, kann ihre Stimme über gefühlte 10 Oktaven alles. Sie singt Balladen, man schwenkt Handydisplays, nicht Feuerzeuge, sie rockt, sie groovt, sie singt alte Volksweisen, sie zittert, sie schwankt, sie fällt auf die Knie, sie weint, sie treibt mir die Tränen in die Augen - "du bist eine von uns!" lacht V., sie singt Titel a capella, die ihr aus dem Publikum zugerufen werden, sie singt ein Lied für ihren geistig behinderten einzigen Sohn, sie nimmt Kinder in den Arm, die man ungehindert auf die Bühne laufen lässt, sie nimmt Geschenke und Blumen von Zuschauern entgegen, sie macht nur einmal für fünf Minuten auf der Bühne Platz für einen Solisten mit einem komplexen traditionellen Saiteninstrument, kommt in einem anderen Kleid wieder und stimmt in seine Melodie ein, und weiter geht der grandiose Zirkus mit dieser Mutter der Nation, zweieinhalb Stunden lang, unzählige Zugaben nicht gerechnet.



Am Ende frage mich, wie es kommt, dass es bei uns nicht eine solche Diva gibt.

