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Montag, 13. November 2006

Ankommen

Fliegen ist zu einer zutiefst entwürdigenden Angelegenheit verkommen.

In Socken auf einem Stuhl hinter der Sicherheitskontrolle sitzend, während eine Bedienstete meine unschuldigen Stiefel röntgt, und eine andere meinen Kosmetikbeutel durchwühlt, obwohl ich den vorgeschriebenen wiederverschliessbaren Klarsichtbeutel mit Fassungsvermögen nicht über einem Liter mit Flüssigkeiten bis maximal 100ml befüllt hatte, auch solchen, die gar nicht flüssig sind (Lippenbalsam!), aber trotzdem unter die Vorschrift fallen, und sie dabei noch nicht mal Handschuhe trägt - immerhin ist es sehr früh am Morgen, das reduziert die Menge an Unappetitlichkeiten, in denen sie ihre Finger schon gehabt haben mag - und während sie dabei etwa fünf umstehenden Passagieren intime Einblicke in alle Seitenfächer meiner Tasche gewährt, denke ich an den unwiederbringlich verlorenen Glamour, mit dem die zivile Luftfahrt in den 50ern und 60ern noch behaftet war.

Der Balkan beginnt immer schon in der Nähe der einschlägigen Abflug-Gates Richtung Südosten, heute war es E67 in Zürich. Die Louis-Vuitton-Handgepäckstücke haben sich auf dem Weg hierher längst aus dem Blickfeld verloren, wie überhaupt alles Echtlederne und Gutsitzende, Gutrasierte und - Körperhaltung. Männer mit fetten Haaren hängen breitbeinig zurückgelehnt in ihren Stühlen, Arme ruhen übereinandergeschlagen auf abdominellen Fettrollen, verschnürte Platiktüten zu ihren Füßen in Kunstleder-Mokassins. Frauen slawischer Herkunft kommen mit Plastiktaschen, Plastik-High-Heels, Kunstledermänteln und aggressivem Make-Up des Weges. Oder sie sind älter, grau gekleidet und im Gesicht, stützen verhärmt das Kinn in die Hand und den Ellenbogen auf eine Speckrolle. Ganz zu schweigen von den beige-grauen Albanerinnen-Sackgewändern unter Kopftüchern, die mit völlig ausdruckslosen Gesichtern immer stumm ihren Männern hinterherhumpeln. Die am Flughafen humpeln immer.

Jedesmal nehme ich mir vor, vom Rollfeld aus die Weite und die Berge zu fotografieren. Die Spitzen sind schon schneebedeckt. Die Sonne scheint, die Luft ist ungewöhnlich klar in diesem Talkessel. Aber wieder ist die Kamera ganz unten in der Tasche, ich fühle mich vom Flughafenpersonal beobachtet, schliesslich stehen hier auch Militärhubschrauber herum, die man nicht fotografieren darf.

K., der Chauffeur, ist nicht da. Angeblich ist er auf dem Weg hierher. Eine Dreiviertelstunde lang muss ich bei gefühlten 10 grad minus Myriaden von schmierigen Taxifahrern abwehren. K. hatte einen Infarkt unterwegs, davon bin ich überzeugt. Er regt sich immer so auf beim Fahren und ist schon an die 70. K. hat früher den Präsidenten chauffiert, und davor ist er für den Geheimdienst gefahren. Aus dieser Zeit hat er eine alte Signal-Kelle behalten, die er an Mautstationen nonchalant aus dem Seitenfenster schwingt, um ohne Gebühr durchzukommen. Klappt immer. Er ist mit der veränderten Verkehrsführung an den Flughafen-Parkflächen nicht einverstanden und kann nicht einmal am Schrankenhäuschen vorbeifahren, ohne diese Jungspunde anzuschnauzen, er parke seit über 30 Jahren da, wo jetzt abgesperrt ist, er möchte mal wissen, welcher Idiot sich das ausgedacht hat.

Er kommt, gesund und wohlbehalten. "Wie lange warst du nicht da? Ein Dreivierteljahr? Hast du aber kalte Hände! ein Depp hat mich zugeparkt vor dem Restaurant Rosa, das kennst du doch, hab ich mich aufgeregt! Du weisst, ich komme sonst nie zu spät, musst du ja dem Boss nicht aufs Brot schmieren."

Im Hotel kurz checken, ob Heizung, Warmwasser und LAN im Zimmer funktionieren, hierzulande auch mit fünf Sternen nicht selbstverständlich (positiv, in der Lobby sogar WLAN!), dann in die Klinik zur Lagebesprechung und zum großen Hallo, und heute abend in guter Gesellschaft ein halbes Schwein essen, mindestens. Melde mich wieder.

Tagesdosis

Gott hat eben keine Ahnung.
Gott hat eben keine Ahnung.
nachtschwester - 27. Dez, 21:23
Das gefällt mir:...
Das gefällt mir: auswärts essen. Und dass...
croco (Gast) - 27. Dez, 21:11
Tsssstsss, und da heißt...
Tsssstsss, und da heißt es immer geographisch...
creezy (Gast) - 27. Dez, 15:32
Sehr schöner Artikel
Ja so was passiert wirklich und prima wenn jemand das...
Turtle (Gast) - 27. Dez, 11:45
Ganz recht. Und da sich...
Ganz recht. Und da sich 100 und 120 ganz ordentlich...
nachtschwester - 26. Dez, 00:20
Das Vergnügen liegt...
Das Vergnügen liegt bei ganz mir :-)
nachtschwester - 26. Dez, 00:15
Der genaue Ort würde...
Der genaue Ort würde mich und meinen Job sehr...
nachtschwester - 26. Dez, 00:13
Das stimmt. Hat was mit...
Das stimmt. Hat was mit einer Hand, die die andere...
nachtschwester - 26. Dez, 00:09

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Zuletzt aktualisiert: 27. Dez, 21:23
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