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Samstag, 21. Oktober 2006

Zivilisation und niederer Instinkt

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Ein Freund erzählte beim letzten Treffen, neulich habe ihn eine Frau aus dem Wagen hinter ihm unberechtigt angehupt, und zwar mehrfach. Als sie an der nächsten roten Ampel neben ihm zu stehen kam, stieg er aus und ging um den Wagen herum zur Fahrerseite. Sie sah ihn kommen und liess die Scheibe hoch. Er machte einen Satz und schob seine Hand in den Spalt. Sie verkroch sich verschreckt in ihren Sitz, er brüllte: "Wenn du das noch einmal machst, schlag ich dir dermaßen in die Fresse, dass dir die Zähne auf den Arschbacken Klavier klimpern!" Im Auto hinter der Frau öffnete sich die Fahrertür, ein Mann war im Begriff, auszusteigen: "Schreien Sie die Frau nicht so an!" Mein Bekannter fuhr herum, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ihn und brüllte:"Und du kriegst auch gleich eine rein!" Die Situation deeskalierte durch Umspringen der Ampel auf Grün, die bedrohten Verkehrsteilnehmer konnten sich unversehrt entfernen. Bisher gab es keine Anzeige. Mein Bekannter ist schwul, das erwähne ich nur, um die klassische Geschlechterdynamik als Erklärungsversuch auszuschließen, er ist weder ungebildet noch gewaltbereit, lebt in geordneten sozialen und materiellen Verhältnissen und fragt sich, was zum Teufel da mit ihm los war.

Ich selbst habe kürzlich zum allerersten Mal einem anderen Autofahrer den Mittelfinger gezeigt und war zu weit mehr bereit. Ich war gerade aus der unübersichtlichen Kurve einer stärker befahrenen Straße in die kleine, ruhige Straße zu meinem Viertel abgebogen, da kam mir ein Wagen entgegen, Ausweichen nicht möglich. Nun sah ich nicht ein, rückwärts ohne Sicht auf die Hauptstrasse zurückzustoßen, wo doch hinter dem anderen überhaupt kein Verkehr stattfand. Er fing an zu hupen, ich hupte zurück, stellte den Motor ab und lehnte mich bequem zurück. So standen wir Nase an Nase. Halsvenen, Hupfrequenz und -intensität des Gegenübers nahmen zu. Ich erwog, ganz entspannt zu Fuß nach Hause zu gehen und einen Kaffee zu trinken, bis sich der andere überlegt hätte, Platz zu machen.
Aber auf einmal veränderte sich meine Kameraeinstellung: Plötzlich war der andere ein Anzugträger im schwarzen SUV, der mir blonden Spagettiträgertopträgerin im Cabrio demonstrieren wollte, wer hier der Boss ist. Herrn Nachtschwester im BMW würde dieses Arsch sofort vorbeilassen, schoss mir durch den Kopf. Mir wurde heiß. Am liebsten wäre ich angefahren und hätte seine Scheisskarre Stossstange an Stossstange mit Schmackes nach hinten gegen den nächsten Baum geschmettert, aber wie schon angedeutet, Masse, Kräfte und Fragilität der Fahrzeuge waren zu meinen Ungunsten verteilt.
In diesem Moment tauchte eine weitere fette Karre hinter dem SUV auf, dessen Fahrer sich dem primitiven Imponiergehabe anschloss. Nun hielt ich dem psychologischen Druck nicht mehr stand, und gab rückwürts blindlings Vollgas: Wehe, hier passiert was. Ich knall euch ab, ihr Machoarschlöcher! Nicht, dass ich ein Abknallgerät parat gehabt hätte, aber im Geiste war ich ganz Michael Douglas in Falling Down.

Ich habe schon im vorweihnachtlichen Kaufhausgedränge verblüffte Menschen angebrüllt: "Wenn mich hier noch einer anrempelt, ohne sich zu entschuldigen, schlag ich zu!"

Gelegentlich lasse ich mich an der Discounterkasse in Auseinandersetzungen verwickeln. Wenn die Frau hinter mir - meistens sind es Frauen - schon das Band vollpackt, obwohl sie an meinem Einkaufswagen sieht, dass ich noch Platz brauche. Ich weise mit betonter, eisiger Höflichkeit darauf hin. Würden Sie mir freundlicherweise erstmal Platz für meine Sachen lassen. Wenn sie klug ist, hört sie das leise Donnergrollen tief in meiner Kehle und ahnt, was ihr gleich blüht, wenn sie ihren verdammten Kloreiniger und Nescafe und Zwiebelsack nicht umgehend aus meinem Territorium entfernt. Manche machen den Fehler, etwa zu entgegnen: "Dann müssen Sie halt schneller machen!", aber darauf lauere ich schon. Dann fliegen fauchend messerscharfe Krallenhiebe durch die Luft, bis sich die andere mit eingekniffenem Schwanz blutend und winselnd zu einer anderen Kasse schleicht.

Natürlich ist das inakzeptel und unter Niveau. Ich verhalte mich normalerweise besonnen und differenziert. Ich überlege, bevor ich etwas sage. Selbstverständlich nutze ich die Feedback-Kultur und trage Konflikte auf der Sachebene aus, nachdem ich alle Seiten berücksichtigt habe. Wenn mich mal jemand ärgert, übe ich ich Kritik am Anderen in der Ich-Form, damit sie nicht als persönlicher Angriff gewertet werden kann, selbst wenn sie eigentlich so gemeint ist. Solange sich diese Interaktionen im eigenen Umfeld abspielen, mit Freunden, Bekannten, Nachbarn, Kollegen.

Aber außerhalb des Reviers, gegenüber fremden Rudelangehörigen, falle ich bei der leisesten Provokation zurück in archaische Verhaltensweisen. Das Gegenüber, das ja immer schuld hat, rechtfertigt mein Verhalten, indem es sich ebenso präzivilisatorisch aufführt.
Ich sollte mich schämen, denn wenn ich ganz ehrlich bin, verschafft es mir, so ganz unterschwellig, ein ganz kleines bisschen Befriedigung, irgendsoeinem dahergelaufenen Deppen, der meint, er könnte es mit mir aufnehmen, mal zu zeigen, wer hier kampfrhetorisch aber sowas von die Hosen anhat.

Tagesdosis

Die Sache mit der Orientierung
Gewöhnungsbedürftig auch, dass in dieser...
nachtschwester - 30. Nov, 09:42
Urlaubbbbbb!
Urlaub! So ein magisches Wort. Ich kanns kaum abwarten...
Pepe Torres (Gast) - 26. Nov, 12:40
Hatte ich schon auf die...
Hatte ich schon auf die Liste der Optionen geschrieben....
nachtschwester - 24. Nov, 22:39
Wenn es schlecht geht,...
Wenn es schlecht geht, ganz schlecht, hilft immer :...
croco (Gast) - 24. Nov, 20:27
Der Beruf ist eine solide...
Der Beruf ist eine solide gezimmerte und gesuchte Nischenqualifikation....
nachtschwester - 23. Nov, 19:44
Mein dritter Versuch...
Mein dritter Versuch hier in vier Tagen, jetzt der...
Etosha (Gast) - 23. Nov, 19:29
Was immer ...
sie alles (es ist ja nie eins) bedrückt, ich wünschen...
sokrates2005 - 23. Nov, 11:04
Liebe Frau Nachtschwester, haben...
Liebe Frau Nachtschwester, haben Sie denn ein konkretes...
Christine (Gast) - 22. Nov, 10:43

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