Reise in die Vergangenheit
Ich bin dem Weg in den Süden mit meinem schmucken kleinen Pferdchen, das so viel in der Garage stehen muss, seit vor der Tür die Karossen des Panzerknackers parken, die nicht nur mit gewissem Langstreckenkomfort, sondern auch mit dem Luxus einer Firmentankkarte zur privaten Nutzung behaftet sind. Bei der letzten Inspektion sagte man mir angesichts des Flugrostes auf den Bremsscheiben, ich müsse mehr bremsen. Bremsen liegt mir nicht so, auch das Pferdchen mag die Sporen lieber. Die Sonne scheint, ich nehme dem Pferdchen die Mütze ab, setze mir selbst eine auf und brause durchs Land. Eigentlich bloß bis zum Elbtunnel, dann geht´s schon los mit der Bremserei. Wie konnte ich bloß vergessen, dass Freitag ist? der Freitag vor dem 3. Oktober? Wieso bin ich nicht schon morgens losgefahren? Am Ende war ich acht Stunden unterwegs statt der rekordmässigen viereinhalb oder der akzeptablen fünf.
Ich liebe es, von Norden her auf Frankfurt zuzufahren, dem Ex-Wohnort. Da zockelt man ewig langwierig zweispurig durch die Wälder, Berge, Täler, Baustellen und Staus und dann, so 60, 70 Kilometer vor Frankfurt wird die Strecke gerade, dreispurig, es geht leicht bergab und vor allem - endlich voran! Man ist erfüllt vom Gedanken, hier nähert sich die Metropole, urbane Ordnung, Zivilisation, Dynamik, Struktur! Die Klimax wird erreicht beim Anblick der Skyline. Hamburger verstehen das nicht, ich verstehe das. Nach Süden setzt sich dieses verkehrsplanerische Optimum bis zum Darmstädter Kreuz fort, nach Osten auch ein Stück, wie´s nach Westen aussieht, habe ich vergessen.
Keine Zeit diesmal, nach Frankfurt reinzufahren. Es geht noch weiter in den Süden an den Primärwohnort zum Abiturtreffen.
Die hochschulqualifizierende Einrichtung war von der elitäreren Sorte und die Nachtschwester fühlte sich gegen Ende kaum mehr zugehörig. Das fünfjährige Jahrgangstreffen war ein übles Schaulaufen, die Heirat mit Herrn/Frau von x zu y, das Jahr in Harvard, die Promotion, das Forschungsstipendium, und wer keinen Standardtanz aufs Parkett legen konnte, hatte sowieso verloren. Die Einladung zum zehnjährigen lag handgeschrieben bei meinen Eltern auf der Flurkommode, als ich mal vorbeikam, ich erkannte aus dem Augenwinkel unterbewusst und sofort das Schriftbild der ehemaligen Klassensprecherin - nach zehn Jahren ohne Kontakt! Ich ging nicht hin.
Aber nach zwanzig Jahren sollte die Phase der Selbstfindung und des Schwanzvergleichens abgeschlossen sein, dachte ich, und wollte die Leute ehrlich wiedersehen, obwohl mein Vater von seinem 50jährigen im letzten Jahr von ganz ähnlichem Imponiergehabe berichtete. Wo die doch alle längst in Rente sind!
Was soll ich sagen, es war der netteste Abend seit langem. M. kam aus Chicago, C. aus Mexico, T. aus England und K. aus New Jersey. Sieben mittlerweile pensionierte Studienräte erkannten fast alle von uns auf Anhieb. Der wunderbare Dr. G. - Salve magister!- mit schlohweissem Haar sagt, für ihn habe sich nicht viel verändert seit der Pensionierung, er unterrichte weiter am Abendgymnasium, Sie glauben ja gar nicht, wie viele Erwachsene noch Latein lernen wollen! Die alten Freunde völlig unverändert, eine ganz erstaunliche Vertrautheit, als seien wir inzwischen nur eben in den Sommerferien gewesen. Wo ich noch Sorge hatte, womöglich niemanden zu erkennen! Keiner hat sich konträr zu gegebenen Erwartungen entwickelt, niemand ist fett geworden, auch die vielfachen Mütter nicht. "Nachtschwester sieht auch aus wie immer!" Ich staune, wie fertig wir als Persönlichkeiten damals anscheinend schon waren. Viele sind in Berlin und sehen sich gelegentlich, viele Hochschullaufbahnen, spannende Werdegänge, viele überqualifizierte Vollzeitgattinnen mit vielen Kindern. Die ehemals beste Freundin hat eine schwerstbehinderte Tochter. Und mich schüchtert der alte Adel und all das Geld nicht mehr ein, was für verdammt nette Leute! Die so viel über mich wissen. "Ich hab von dich schon von da hinten gesehen, du wickelst dir immer noch so die Haarsträhnen um den Finger!" sagt J. Kommt in meine Arme, alle.
Ich liebe es, von Norden her auf Frankfurt zuzufahren, dem Ex-Wohnort. Da zockelt man ewig langwierig zweispurig durch die Wälder, Berge, Täler, Baustellen und Staus und dann, so 60, 70 Kilometer vor Frankfurt wird die Strecke gerade, dreispurig, es geht leicht bergab und vor allem - endlich voran! Man ist erfüllt vom Gedanken, hier nähert sich die Metropole, urbane Ordnung, Zivilisation, Dynamik, Struktur! Die Klimax wird erreicht beim Anblick der Skyline. Hamburger verstehen das nicht, ich verstehe das. Nach Süden setzt sich dieses verkehrsplanerische Optimum bis zum Darmstädter Kreuz fort, nach Osten auch ein Stück, wie´s nach Westen aussieht, habe ich vergessen.
Keine Zeit diesmal, nach Frankfurt reinzufahren. Es geht noch weiter in den Süden an den Primärwohnort zum Abiturtreffen.
Die hochschulqualifizierende Einrichtung war von der elitäreren Sorte und die Nachtschwester fühlte sich gegen Ende kaum mehr zugehörig. Das fünfjährige Jahrgangstreffen war ein übles Schaulaufen, die Heirat mit Herrn/Frau von x zu y, das Jahr in Harvard, die Promotion, das Forschungsstipendium, und wer keinen Standardtanz aufs Parkett legen konnte, hatte sowieso verloren. Die Einladung zum zehnjährigen lag handgeschrieben bei meinen Eltern auf der Flurkommode, als ich mal vorbeikam, ich erkannte aus dem Augenwinkel unterbewusst und sofort das Schriftbild der ehemaligen Klassensprecherin - nach zehn Jahren ohne Kontakt! Ich ging nicht hin.
Aber nach zwanzig Jahren sollte die Phase der Selbstfindung und des Schwanzvergleichens abgeschlossen sein, dachte ich, und wollte die Leute ehrlich wiedersehen, obwohl mein Vater von seinem 50jährigen im letzten Jahr von ganz ähnlichem Imponiergehabe berichtete. Wo die doch alle längst in Rente sind!
Was soll ich sagen, es war der netteste Abend seit langem. M. kam aus Chicago, C. aus Mexico, T. aus England und K. aus New Jersey. Sieben mittlerweile pensionierte Studienräte erkannten fast alle von uns auf Anhieb. Der wunderbare Dr. G. - Salve magister!- mit schlohweissem Haar sagt, für ihn habe sich nicht viel verändert seit der Pensionierung, er unterrichte weiter am Abendgymnasium, Sie glauben ja gar nicht, wie viele Erwachsene noch Latein lernen wollen! Die alten Freunde völlig unverändert, eine ganz erstaunliche Vertrautheit, als seien wir inzwischen nur eben in den Sommerferien gewesen. Wo ich noch Sorge hatte, womöglich niemanden zu erkennen! Keiner hat sich konträr zu gegebenen Erwartungen entwickelt, niemand ist fett geworden, auch die vielfachen Mütter nicht. "Nachtschwester sieht auch aus wie immer!" Ich staune, wie fertig wir als Persönlichkeiten damals anscheinend schon waren. Viele sind in Berlin und sehen sich gelegentlich, viele Hochschullaufbahnen, spannende Werdegänge, viele überqualifizierte Vollzeitgattinnen mit vielen Kindern. Die ehemals beste Freundin hat eine schwerstbehinderte Tochter. Und mich schüchtert der alte Adel und all das Geld nicht mehr ein, was für verdammt nette Leute! Die so viel über mich wissen. "Ich hab von dich schon von da hinten gesehen, du wickelst dir immer noch so die Haarsträhnen um den Finger!" sagt J. Kommt in meine Arme, alle.

