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Samstag, 23. September 2006

Herz

Fast fünfzig Jahre war er beim Küstenschutz, das war schwere Arbeit. Jeden Tag mit der Schaufel ins Watt, heutzutage gibt es ja für alles Maschinen. Ein Häuschen hinterm Deich, Kinder, Enkel. Die Tochter ist Schäferin. Er hat nicht gewusst, dass er herzkrank ist, beim Herzdokter war er nie. Mitm Atmen, das ging schon zwei Jahre nicht mehr so gut, das stimmt, und die Beine sind auch schon eine Weile immer dick gewesen. Aber er ist nicht einer, der wegen jeder Kleinigkeit zum Dokter rennt, bloß wegen der Kreuzschmerzen ist er manchmal hin. Aber vor vier Tagen bekam er überhaupt gar keine Luft mehr, da hat ihn der Hubschrauber geholt. Nu isser ja operiert, aber ob das noch mal was werden soll mit ihm? Seine Frau hat heute Apfelkuchen gebracht mit Äpfeln aus dem Garten, aber er konnte gar nichts essen.

Die Zentralvenöse war auf 30 gefallen, die Diurese rückläufig trotz Lasix, wegen der reduzierten SvO2 hatte man eine Menge Volumen gegeben ohne Rücksicht auf Verluste, nun sitzt er aufrecht im Bett mit brodelndem Atemgeräusch, hechelt still vor sich hin und betrachtet ernst seine Elefantenbeine. Der Diensthabende, den ich ins Zimmer gescheucht habe, schreibt lustlos ein EKG und hält pro forma einen Schallkopf auf die Brust des Patienten, das hat er noch nicht oft gemacht in seinem jungen Berufsleben, aber er erkennt da ein schlagendes Herz und ist zufrieden mit sich, und röntgen lassen wir noch. Zu einem Befund führt das alles nicht, zu weiteren Maßnahmen sieht der Diensthabende keinen Anlass. Obwohl wir technisch gesehen alle, alle! Möglichkeiten hätten, gibt es kein erweitertes hämodynamisches Monitoring, keinen PA-Katheter, keinen Picco, keine weitere Diagnostik, wir ziehen nicht den Kardiologen hinzu, der nebenan Pizza isst, legen keine IABP, noch nicht mal eine arterielle Kanüle, treffen überhaupt keine Entscheidung. Später kann ich immerhin Milrinon und einen Hauch Adrenalin aushandeln, wovon der Patient tatsächlich nach kurzer Zeit profitiert und ganz gut über die Nacht kommt.

Aber am nächsten Abend läuft statt dessen Dobutamin, von den Anwesenden weiß keiner, wieso eigentlich, ich stelle es ab, denn er ist arrhythmisch und schnell, die Zentralvenöse liegt bei 25, er brodelt und hechelt, es geht ihm schlecht, Schwester, ob ich die Nacht wohl durchkomm, fragt er. Der Oberarzt hat tagsüber das teure Milrinon auslaufen lassen, ob aus akademischen oder aus Kostengründen, ist unklar. Wir verbrauchen zu viel Milrinon, hat neulich der zuständige Sachbearbeiter im Einkauf schriftlich mitgeteilt, eine freche Kompetenzüberschreitung. Der Nachtdiensthabende kratzt sich am Kopf und ringt sich durch, trotzdem erneut Milrinon und Adrenalin anzuordnen, auch wenn´s morgen ganz sicher Ärger gibt. Wieder geht es in kurzer Zeit deutlich besser, die Zentralvenöse steigt, die Niere springt wieder an, der Patient hat Luft. Allerdings nur für ein paar Stunden, dann kehrt sich der Effekt um. Wir wollen immer noch nicht herausfinden, was dieser Patient eigentlich hat! Ich kann diese Haltung nicht begreifen.

Ein No-Name-Kassenpatient, die Familie 200 Kilometer weit weg an der See, und nicht Mediziner oder Juristen, sondern Schäfer und Bahnangestellte, hat fünfzig Jahre lang Beiträge gezahlt und war so gut wie nie beim Arzt. Dafür gab es immerhin einen Hubschrauberflug und eine Herzoperation, im Anschluss daran bekommt er nun aber Intensivstation ohne Intensivmedizin. Ich frage mich nach der verborgenen Konsequenz, einer zugrundeliegenden kalkulatorischen Logik. Wie viele Tage muss ein Patient im DRG-System überleben, damit die Operation vergütet wird?

Da sitzt dieser kleine, tapfere Mann, denn im Liegen kann er nicht atmen, freundlich und gefasst, sagt leise bitte und danke und entschuldigt sich, wenn er Mineralwasser verschüttet, weil die Hände so zittern, und ich sehe klar, dass er nicht in sein Haus am Deich zurückkehren wird. Ich glaube, er weiss es auch.

Hätte doch, wer immer ihn hierher zugewiesen hat, statt dessen den Weitblick besessen, ihn im Liegestuhl auf seiner Veranda, mit Blick auf den Apfelbaum, den Deich und die Schafe, großzügig mit Morphin und einer Sauerstoffflasche zu versorgen auf seine letzten Tage. Ich hätte es ihm wirklich gewünscht.

Tagesdosis

Liebe Frau Nachtschwester, haben...
Liebe Frau Nachtschwester, haben Sie denn ein konkretes...
Christine (Gast) - 22. Nov, 10:43
Tja, wenn es so einfach...
Tja, wenn es so einfach wäre. Urlaub ist Teil...
nachtschwester - 22. Nov, 02:33
Urlaub machen
so ziemlich sofort...! Und im Urlaub mal Revue passieren...
gspusi (Gast) - 21. Nov, 20:15
ach mensch.... liebe...
ach mensch.... liebe n8schwester..... *reicht tempotaschentücher*
rosmarin - 21. Nov, 00:38
So, jetzt werde ich emotional:...
So, jetzt werde ich emotional: Fühlen Sie sich...
nina (Gast) - 20. Nov, 10:56
pause machen
sofort.
adelhaid (Gast) - 19. Nov, 12:25
Weinerlicher, unangenehm...
Am Wochenende das Pferdchen gestriegelt, gesattelt...
nachtschwester - 18. Nov, 22:29
ich habs zweimal gelesen,...
ich habs zweimal gelesen, weil ich erst dachte das...
gluecklich - 14. Nov, 01:40

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