Agnes und Eva
Eigentlich wollte ich mich über Frau Herman gar nicht äußern. Sie bekommt ohnehin zuviel Aufmerksamkeit. Da ist sie also mit ihrem Leben unzufrieden, hat drei Ehemänner verschlissen, mit geringer reproduktiver Ausbeute, nur einem Kind, und auch der vierte Gatte kriegt keinen vernünftigen Apfelkuchen hin. Der Teigrand wird nie richtig kross, während der Boden immer schon durchweicht.
Frau Hermans Karriere war beachtlich, aber an einem Punkt der Stagnation angelangt. Grund genug, ein paar Bücher zu lesen, allen voran dieses (20 Jahre alt), vielleicht auch dieses, dieses und ganz sicher dieses, und das "neue" Gedankengut als mutigen Tabubruch in die deutsche Diskussionskultur zu werfen. Flugs besann sich Frau Herman noch auf ihren Glauben, um mit „schöpfungsgewollter Aufteilung“ zu argumentieren und entschied, nicht etwa sie selbst, sondern die deutsche Frau als solche solle sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: Stillen, sich ernähren lassen, Kuchen backen, Blumen arrangieren, Klappe halten.
Zufällig habe ich gestern, und das veranlasst mich doch zu diesem Beitrag, auf 3sat eine Reportage über eine Schweizer Bergbauernfamilie gesehen. Wie Agnes, die Bäuerin, in aller Herrgottsfrühe aufsteht, Feuer macht, erst das Vieh – Rinder und Ziegen – versorgt, dann die vier Kinder, bevor sie sich auf den zweistündigen Schulweg ins Tal machen. Katzen, Hunde, kochen, waschen, melken, Butter und Käse und Heu herstellen, mit den Jahreszeiten die Wohnhäuser wechseln, all das teilweise ohne Strom, Telefon und fließend Wasser. Die Kindererziehung sei eine ernste, schwere Aufgabe, die ihr der Herrgott gestellt habe, sagt die erstaunliche Agnes. Dafür habe er sie schliesslich mit ihrem Mann zusammengeführt. Die Aufgaben seien gleich verteilt - jeder kann alles und macht alles. Manchmal wünsche sie sich, nicht bis ins 70. Jahr so schwer arbeiten zu müssen, aber ein anderes Leben als dieses im Einklang mit der Natur wolle sie nicht. Agnes besteht darauf, dass jedes der Kinder eine Lehre macht, vor allem auch die Tochter. Denn als Erwachsene sollen sie sich freiwillig mit ganzem Herzen für dieses Leben in den Bergen entscheiden, das können sie nur, wenn sie auch eine Alternative haben. Und dann tritt diese wunderbare Frau bei Sonnenuntergang vor ihr Holzhaus hoch droben und singt einen Almsegen.
Danach habe ich versehentlich direkt in Frau Hermans Visage auf dem Ersten gezappt. Wie sie im gelben Blazer manikürt, frisiert und mit rotem Lippenstift farbharmonisch vor einer roten und einer gelben Wand steht und uns alle ins präfeministische Zeitalter zurückfaselt.
Lieber Gott, bitte schick Deine arme verirrte Tochter Eva zu Agnes auf die Alm.
Nimm ihr das Au-Pair, die Haushaltshilfe, den Gärtner, die persönliche Assistentin, die Visagistin, die Friseurin und die Stylistin, den Fitness-Coach, den Feng-Shui-Berater und das Geld.
Gib ihr vier Kinder, einen Haufen Tiere, ein altes Haus mit Holzofen, einen Brunnen vor dem Haus, einen rechtschaffenen, ungewaschenen, bärtigen Bauern als Mann und einen großen Misthaufen. Gib ihr die Aussicht auf das Pensionsminimum, das eine Bauersfrau in der Schweiz nach einem Leben harter Arbeit erhält, denn das ist es, was Eva will: ihrer schöpfungsgewollten Bestimmung als Frau ohne feministische Einflüsse nachkommen. Ihr Glaube wird ihr dabei schon helfen.
Ich denke, ein Jahr würde schon reichen, aber behalt sie ruhig für immer da.
Frau Hermans Karriere war beachtlich, aber an einem Punkt der Stagnation angelangt. Grund genug, ein paar Bücher zu lesen, allen voran dieses (20 Jahre alt), vielleicht auch dieses, dieses und ganz sicher dieses, und das "neue" Gedankengut als mutigen Tabubruch in die deutsche Diskussionskultur zu werfen. Flugs besann sich Frau Herman noch auf ihren Glauben, um mit „schöpfungsgewollter Aufteilung“ zu argumentieren und entschied, nicht etwa sie selbst, sondern die deutsche Frau als solche solle sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: Stillen, sich ernähren lassen, Kuchen backen, Blumen arrangieren, Klappe halten.
Zufällig habe ich gestern, und das veranlasst mich doch zu diesem Beitrag, auf 3sat eine Reportage über eine Schweizer Bergbauernfamilie gesehen. Wie Agnes, die Bäuerin, in aller Herrgottsfrühe aufsteht, Feuer macht, erst das Vieh – Rinder und Ziegen – versorgt, dann die vier Kinder, bevor sie sich auf den zweistündigen Schulweg ins Tal machen. Katzen, Hunde, kochen, waschen, melken, Butter und Käse und Heu herstellen, mit den Jahreszeiten die Wohnhäuser wechseln, all das teilweise ohne Strom, Telefon und fließend Wasser. Die Kindererziehung sei eine ernste, schwere Aufgabe, die ihr der Herrgott gestellt habe, sagt die erstaunliche Agnes. Dafür habe er sie schliesslich mit ihrem Mann zusammengeführt. Die Aufgaben seien gleich verteilt - jeder kann alles und macht alles. Manchmal wünsche sie sich, nicht bis ins 70. Jahr so schwer arbeiten zu müssen, aber ein anderes Leben als dieses im Einklang mit der Natur wolle sie nicht. Agnes besteht darauf, dass jedes der Kinder eine Lehre macht, vor allem auch die Tochter. Denn als Erwachsene sollen sie sich freiwillig mit ganzem Herzen für dieses Leben in den Bergen entscheiden, das können sie nur, wenn sie auch eine Alternative haben. Und dann tritt diese wunderbare Frau bei Sonnenuntergang vor ihr Holzhaus hoch droben und singt einen Almsegen.
Danach habe ich versehentlich direkt in Frau Hermans Visage auf dem Ersten gezappt. Wie sie im gelben Blazer manikürt, frisiert und mit rotem Lippenstift farbharmonisch vor einer roten und einer gelben Wand steht und uns alle ins präfeministische Zeitalter zurückfaselt.
Lieber Gott, bitte schick Deine arme verirrte Tochter Eva zu Agnes auf die Alm.
Nimm ihr das Au-Pair, die Haushaltshilfe, den Gärtner, die persönliche Assistentin, die Visagistin, die Friseurin und die Stylistin, den Fitness-Coach, den Feng-Shui-Berater und das Geld.
Gib ihr vier Kinder, einen Haufen Tiere, ein altes Haus mit Holzofen, einen Brunnen vor dem Haus, einen rechtschaffenen, ungewaschenen, bärtigen Bauern als Mann und einen großen Misthaufen. Gib ihr die Aussicht auf das Pensionsminimum, das eine Bauersfrau in der Schweiz nach einem Leben harter Arbeit erhält, denn das ist es, was Eva will: ihrer schöpfungsgewollten Bestimmung als Frau ohne feministische Einflüsse nachkommen. Ihr Glaube wird ihr dabei schon helfen.
Ich denke, ein Jahr würde schon reichen, aber behalt sie ruhig für immer da.

