Entfremdung (2)
Im Sommer nach dem Abitur dasselbe Unternehmen, ein anderes Werk.
Wieder ein Produkt abseits meines Erlebnishorizontes: hydraulische Motorenlager für die KFZ-Industrie.
Im Prinzip mussten zwei Hartgummihälften mit ein paar Metallstacheln luftfrei mit Glykol befüllt und per Presse untrennbar zu einem honigmelonengroßen, kugeligen Gegenstand verbunden werden. Ich stand vor einem Aquarium, gefüllt mit der grasgrünen, viskösen, klebrigen Flüssigkeit.
Zwei Eingriffslöcher oberhalb des Flüssigkeitsspiegels. Links gelangten die Gummihälften über eine Zuführschiene ins Becken. Die untere musste ich in die genau passende Vertiefung am Boden des Beckens eindrücken, dann die andere Hälfte nach oben in den Presskopf einpassen. Hände aus dem Becken nehmen, beidhändig die Knöpfe bedienen, damit die Presse herunterfuhr, die beiden Hälften im Glykolbad zusammendrückte und die Ränder untrennbar verkantete. Das fertige Lager aus der Vertiefung hebeln, wieder hineingreifen, durch die Öffnung rechts das Lager in einen Drahtkorb auswerfen, wo es automatisch abgespült wurde. Im Akkord, natürlich. Schief verkantete Lager bitte gesondert in einen Auschusskorb, die zählten nicht für den Akkord und mussten später von einem anderen Arbeiter maschinell wieder geknackt und umweltkorrekt entsorgt werden, denn Glykol ist giftig.
Am Ende des Tages das Glykol aus dem Becken ablassen und Gummireste entfernen. Die Gänge zwischen den Maschinen mit dem Schlauch sauberspritzen.
Was die Arbeit extrem erschwerte, war die Vollgummi-Schutzkleidung, im August, ohne Klimatisierung in der Halle.
Wir trugen Gummistiefel, Gummihandschuhe bis zum Oberarm, eine bodenlange Gummischürze, Kappe und Mundschutz. Über dem Becken und Abtropfkorb lief permanent ein starker, lauter, Wärme erzeugender Dampfabzug. Es half nicht viel, das Glykol, schleimig und klebrig, war überall. Wenn ich die Arme aus dem Becken hob, um die Presse zu betätigen, lief es mir von den Handschuhen in den Ärmel, unter die Achseln und unter der Kleidung den Körper hinunter. Die Dämpfe wurden eingeatmet und kondensierten überall hin, auf der Schürze, auf der unbedeckten Haut. Glykol lief mit dem Schweiss von der Stirn unter dem Mundschutz die Nasolabialfalten hinunter auf die Lippen. Abwischen ging nicht, denn die glykolgetränkten Handschuhe auszuziehen hätte Zeit gekostet, die ich für den Akkord brauchte. Also ablecken. Es schmeckte gar nicht schlecht, süß und fruchtig. Also deshalb hatte man das zwei Jahre zuvor in Weine gekippt.
Ich war die einzige Studentin in dieser Halle, und es gab auch nur eine weitere Frau. Sie war einen Kopf größer und doppelt so kräftig wie ich. Der Hitze, die klebrige Feuchtigkeit, der Akkord, die schweren Körbe, die ich selber zur Sammelstelle schleppen musste, wenn sie voll waren, setzten mir schwer zu.
Eines Mittags gab es plötzlich Geschrei aus einer hinteren Reihe. Kollegen verließen ihre Maschinen und liefen hin, immer mehr Geschrei und Gelächter. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff: ein Arbeiter hatte sich den Wasserschlauch gegriffen, mit dem sonst die Böden abgespritzt wurden, und verpasste jedem eine Dusche, den er erwischte, den Vorarbeiter eingeschlossen. Danach gab es fast jeden Tag in der größten Hitze eine Wasserschlacht.
Ein älterer, freundlicher Türke baute einige Maschinen weiter ganz ruhig die gleichen Lager zusammen wie ich. Er redete kaum. Nachdem ich meinen Akkord einmal nicht geschafft hatte, kam er jeden Nachmittag mit seinen vollen Körben an meiner Maschine vorbei und sah auf meinen Zähler. Lag ich hinten, kippte er wortlos seine Lager in meinen Korb. Ich bedankte mich verblüfft, er lächelte. Vielleicht gab es Team-Zielvorgaben, von denen ich nichts wusste, ich glaube aber, er war einfach ein sehr netter Mensch. Er sah, wie schwer ich mich tat.
Bis heute ist mir das als eine der freundlichsten Gesten in Erinnerung geblieben, die ich je von einem Fremden erfahren habe.
Wieder ein Produkt abseits meines Erlebnishorizontes: hydraulische Motorenlager für die KFZ-Industrie.
Im Prinzip mussten zwei Hartgummihälften mit ein paar Metallstacheln luftfrei mit Glykol befüllt und per Presse untrennbar zu einem honigmelonengroßen, kugeligen Gegenstand verbunden werden. Ich stand vor einem Aquarium, gefüllt mit der grasgrünen, viskösen, klebrigen Flüssigkeit.
Zwei Eingriffslöcher oberhalb des Flüssigkeitsspiegels. Links gelangten die Gummihälften über eine Zuführschiene ins Becken. Die untere musste ich in die genau passende Vertiefung am Boden des Beckens eindrücken, dann die andere Hälfte nach oben in den Presskopf einpassen. Hände aus dem Becken nehmen, beidhändig die Knöpfe bedienen, damit die Presse herunterfuhr, die beiden Hälften im Glykolbad zusammendrückte und die Ränder untrennbar verkantete. Das fertige Lager aus der Vertiefung hebeln, wieder hineingreifen, durch die Öffnung rechts das Lager in einen Drahtkorb auswerfen, wo es automatisch abgespült wurde. Im Akkord, natürlich. Schief verkantete Lager bitte gesondert in einen Auschusskorb, die zählten nicht für den Akkord und mussten später von einem anderen Arbeiter maschinell wieder geknackt und umweltkorrekt entsorgt werden, denn Glykol ist giftig.
Am Ende des Tages das Glykol aus dem Becken ablassen und Gummireste entfernen. Die Gänge zwischen den Maschinen mit dem Schlauch sauberspritzen.
Was die Arbeit extrem erschwerte, war die Vollgummi-Schutzkleidung, im August, ohne Klimatisierung in der Halle.
Wir trugen Gummistiefel, Gummihandschuhe bis zum Oberarm, eine bodenlange Gummischürze, Kappe und Mundschutz. Über dem Becken und Abtropfkorb lief permanent ein starker, lauter, Wärme erzeugender Dampfabzug. Es half nicht viel, das Glykol, schleimig und klebrig, war überall. Wenn ich die Arme aus dem Becken hob, um die Presse zu betätigen, lief es mir von den Handschuhen in den Ärmel, unter die Achseln und unter der Kleidung den Körper hinunter. Die Dämpfe wurden eingeatmet und kondensierten überall hin, auf der Schürze, auf der unbedeckten Haut. Glykol lief mit dem Schweiss von der Stirn unter dem Mundschutz die Nasolabialfalten hinunter auf die Lippen. Abwischen ging nicht, denn die glykolgetränkten Handschuhe auszuziehen hätte Zeit gekostet, die ich für den Akkord brauchte. Also ablecken. Es schmeckte gar nicht schlecht, süß und fruchtig. Also deshalb hatte man das zwei Jahre zuvor in Weine gekippt.
Ich war die einzige Studentin in dieser Halle, und es gab auch nur eine weitere Frau. Sie war einen Kopf größer und doppelt so kräftig wie ich. Der Hitze, die klebrige Feuchtigkeit, der Akkord, die schweren Körbe, die ich selber zur Sammelstelle schleppen musste, wenn sie voll waren, setzten mir schwer zu.
Eines Mittags gab es plötzlich Geschrei aus einer hinteren Reihe. Kollegen verließen ihre Maschinen und liefen hin, immer mehr Geschrei und Gelächter. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff: ein Arbeiter hatte sich den Wasserschlauch gegriffen, mit dem sonst die Böden abgespritzt wurden, und verpasste jedem eine Dusche, den er erwischte, den Vorarbeiter eingeschlossen. Danach gab es fast jeden Tag in der größten Hitze eine Wasserschlacht.
Ein älterer, freundlicher Türke baute einige Maschinen weiter ganz ruhig die gleichen Lager zusammen wie ich. Er redete kaum. Nachdem ich meinen Akkord einmal nicht geschafft hatte, kam er jeden Nachmittag mit seinen vollen Körben an meiner Maschine vorbei und sah auf meinen Zähler. Lag ich hinten, kippte er wortlos seine Lager in meinen Korb. Ich bedankte mich verblüfft, er lächelte. Vielleicht gab es Team-Zielvorgaben, von denen ich nichts wusste, ich glaube aber, er war einfach ein sehr netter Mensch. Er sah, wie schwer ich mich tat.
Bis heute ist mir das als eine der freundlichsten Gesten in Erinnerung geblieben, die ich je von einem Fremden erfahren habe.

